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Donnerstag, 23. April 2026
*D*F*R* vs. *D*G*G*, Pt. III: SB-Kassen
Die Flüche und Segen der modernen Welt sind vielfältig. Das lässt sich nur aus der Perspektive des grau werdenden Blogbetreibers sagen. Früher war von moderner Welt keien Rede, weil es keine Distanz zwischen Altem, Neuen und Noch-zu Werdenden gab. Mensch war immer mitten drin und was neu war, das war immer geil. Nun ist es anders. Es gibt einen kritisch-distanzierten Blick auf die Neuerungen, mit denen du es zu tun bekommst, ohne dass du nach deren Einführung gefragt wurdest.
Gut zu sehen ist dies beim Verkaufsabschluß im Supermarkt. Kann mensch heute alles ohne jeglichen Angestelltenkontakt machen.Ist das gut? Ist das schlecht? Und was genau wie und so? Nun, es gibt zwei Menschen, die dazu eine dezidierte Meinung vertreten.
Deshalb Blog frei für die nächste D*F*R vs. D*G*G-Runde auf dem Renfield-Blog zum Für und Wider von SB-Kassen im Supermarkt: Im Ring: Fabio La Delia und Dirk Bernemann. Die schöne Zeichnung stammt von Bernard Fruithagel.
*D*F*R*: Pro SB-Kassen von Fabio La Delia
Nahezu revolutionär erschien die flächendeckende Einführung der Selbstbedienungskasse – kurz SB-Kasse – in deutschen Supermärkten vor einigen Jahren. Schluss mit den langen Schlangen. Schluss mit dem endlosen Warten auf die Rentnerin, die ihr Geld aus dem Geldbeutel kramt, als sei man Teil einer archäologischen Ausgrabung, bei der jeder Cent als ein seltenes Fundstück sorgfältig begutachtet werden muss, so als gäbe es palettenweise Zeit im Sonderangebot. Schluss mit dem Kassenschlager: "Susanneee, kommst du ma' an die 4, wir haben wieder 'ne Retoure".
Der Vorgang an der SB-Kasse ist denkbar einfach: an die Kasse stellen, Produkt über den Scanner ziehen, ein Piepen, EC-Karte hinhalten, fertig! Kein Streit mehr um den letzten Warentrenner auf dem Kassenband. Niemand mehr, der einem an der Kassenschlange schlechten Atem in den Nacken haucht. Kein Smalltalk mit den anderen Anstehenden. Gerade für sozial scheue Menschen ist die SB-Kasse eine komfortable Erleichterung beim Einkauf.
Doch das allerbeste: Die Macht über die Kasse und damit auch über die Waren wird der Kundschaft überlassen. Der alte Spruch "Der Kunde ist König" wird hier endlich zu Ende gedacht. Der Kunde wird zum Mitarbeiter des Supermarktes. Das, wofür zuvor bezahltes Personal gebraucht wurde, wird nun der Kundschaft überlassen. Das ist eine Menge Verantwortung.
Und Verantwortung gehört belohnt. Wer also an der SB-Kasse einen kleinen inneren Lohnausgleich verspürt, der ist keineswegs kriminell, sondern lediglich konsequent. Wer Kassiererinnen die Arbeit wegnimmt und diese auf seine Kundschaft auslagert, muss damit rechnen, dass sich diese ihren Stundenlohn auch eigenhändig auszahlt. Darum heißt es doch SELBST-Bedienung: selbst scannen, selbst wiegen, selbst einpacken, selbst Lohn auszahlen in Form eines uneingescannten Snickers oder einer Bioware, die auf dem Kassenbildschirm plötzlich eine wundersame Preisanpassung erfährt. Piep.
Genau hier beginnt die allgemeine Empörung, die ich nicht verstehen kann. Betrogen werden nicht einmal Menschen, sondern namenlose Maschinen von namhaften Großkonzernen. Früher, da hatte man bei Obst und Gemüse beschissen und den Plastikbeutel beim Abwiegen mit dem kleinen Finger leicht angehoben. Heute gibt’s ja kaum mehr Plastikbeutel aus Umweltschutzgründen. Für die gewiefte Kundschaft hat sich alsbald eine neue Gelegenheit für die aktive Umverteilung des Kapitals aufgetan... Jetzt könnte man mir billige Kapitalismuskritik vorwerfen. Fair enough. Aber so einfach ist es eben doch nicht.
Es geht nicht ausschließlich um den eigenen finanziellen Vorteil, sondern auch um einen kleinen Ausbruch aus dem sonst so durchgetakteten Alltag. Ein kleiner Nervenkitzel nach dem Feierabend zwischen Einkaufszettel und Sonderangeboten. Ein kleines Abenteuer, von dem wir niemandem erzählen werden.
Man muss schon zugeben: Supermarktkonzerne, die nach all dem immer noch auf unsere Ehrlichkeit hoffen, sind schlichtweg naiv. Wer Personal einspart und gleichzeitig auf den Anstand der Kundschaft setzt, darf sich über kleine Grenzüberschreitungen nicht wundern. Neben Bananen und Kiwis werden nun mal auch Ehrlichkeit und Anstand in kleinen Portionen an der Kasse vorbeigeschmuggelt. Der eigentliche Widerspruch zeigt sich ohnehin ganz woanders. Auf der einen Seite wird der Kundschaft Vertrauen geschenkt und auf der anderen Seite wird dieses Vertrauen sofort wieder einkassiert.
Überall hängen Kameras, Sicherheitsvorkehrungen gegen Diebstahl werden hochgefahren und am Ausgang wartet schon der nächste Kontrollblick. Den Supermarkt verlassen darf nur, wer einen gültigen Kassenbon vorzeigen kann, dazu kommen Mitarbeitende, die den Selbstbedienungskassenbereich überwachen und Security-Mitarbeiter, die Eingänge bewachen, als würde man keinen Supermarkt, sondern den Louvre betreten. Inzwischen nimmt die Überwachung der Selbstbedienungskasse bizarre Züge an. Mindestens ein Supermarktmitarbeiter und zwei Security-Leute, welche die SB-Kassen überwachen und zusätzlich ein Ladendetektiv, der durch die Gänge schlendert. Mehr Überwachung, mehr Sicherheitspersonal, mehr Ausgaben. Was hat der Supermarkt am Ende wirklich gespart? Man traut der hart arbeitenden Bevölkerung an deutschen Selbstbedienungskassen einfach nicht mehr.
Inzwischen ist ziemlich klar, dass der große Siegeszug der Selbstbedienungskasse an deutschen Supermärkten ausgeblieben ist. Dieses Modell ist an der Realität gescheitert. In einzelnen Filialen werden SB-Kassen heimlich zurückgebaut. Na schönen Dank, muss ich jetzt eine Plastikbeutel-Petition starten, um wieder im Supermarkt bescheißen zu können?
Das haben wir nun also davon. Die ehrlichste Erfindung des Kapitalismus… eine Kasse, die ihre Kundschaft arbeiten lässt, ihr misstraut und am Ende ganz überrascht darüber ist, wenn die Sache mit der Selbstbedienung ein wenig zu wörtlich genommen wird. Wo Gelegenheiten entstehen, werden sie auch genutzt. Es heißt nicht umsonst "Gelegenheit macht aus Delikatessen Dosengemüse". Der Handel wollte Effizienz. Bekommen hat er ein Katz-und-Maus-Spiel mit Scanner, Schranke und mehr Security. Was am Ende wirklich gespart wurde, weiß vermutlich nicht einmal Susanne von Kasse 4.
Ach, und bitte unterschreiben Sie hier für meine Plastikbeutel-Petition.
Danke!
*D*G*G*: Betrug an der Selbstbedienungskasse von Dirk Bernemann
Die Selbstbedienungskasse ist ein faszinierendes Symbol unserer Zeit. Sie steht da, geschniegelt in Glas und Plastik, fast wie ein übermotivierter Praktikant, der alles kann, außer zu kontrollieren, ob du gerade die Bio-Avocado als Zwiebel deklarierst. Oder statt 2 kleinen Wasserflaschen nur eine abrechnest. Und genau hier beginnt das leise moralische Abenteuer des modernen Menschen.
Denn seien wir ehrlich: Wer hat nicht schon einmal diesen kurzen, flackernden Gedanken gehabt? Diesen winzigen Moment zwischen „Ich bin ein aufrechter, gottesfürchtiger, gesetzestreuer Bürger“ und „Ach komm, eine Brezel ist ja fast ein Brötchen“. Es ist dieser Moment, in dem der innere Engel noch seine Flügel sortiert, während der innere Teufel bereits die Produktnummer für „Gurke, einzeln“ bestätigt. Und das, obwohl eindeutig eine Mango vor dir liegt, die nur ein wenig teurer ist. Aber grün ist grün, könntest du denken und gibst dir selbst grünes Licht für diesen unsachlichen Betrug an den ehrlichen Menschen, die diese ehrlich Lidl-Filiale verteidigen und erhalten. Du dumme Sau.
Ich weiß, die Versuchung ist subtil. Niemand schaut dir über die Schulter, keine Kassiererin hebt skeptisch ihre gezupften Augenbrauen, kein genervtes Räuspern aus der Warteschlange hinter dir. Nur du, der Scanner und dieser beruhigende Auftrag, der „Bitte legen Sie den Artikel in die Ablage“ sagt, als würde sie dir auch jede moralische Last abnehmen. Ein Freifahrtschein für kleine Schummeleien? Besser nicht. Wir sollten dem Satan des möglichen Betrugs nicht das Feld überlassen, wo wir es verhindern könnten.
Denn so unscheinbar dieser Moment wirkt, so groß ist seine Bedeutung. An der Selbstscannerkasse entscheidet sich, ob wir diese upgefuckte Art von Gesellschaft sind, die auch dann ehrlich bleibt, wenn niemand hinschaut. Oder ob wir uns kollektiv darauf einigen, dass eine Paprika schon irgendwie als Kartoffel durchgeht, wenn man nur fest genug daran glaubt.
Natürlich kann man leichtfertig argumentieren: „Das ist doch nur ein großer Konzern, die merken das gar nicht.“ Das mag stimmen, ungefähr so, wie es stimmt, dass ein einzelner Tropfen Wasser im Ozean nicht auffällt. Aber wenn alle anfangen zu tropfen, trocknen wir so den Ozean der Ehrlichkeit aus. Und das hat auch für uns und andere Konsequenzen: Preise steigen, Kontrollen werden strenger, und plötzlich steht da doch wieder jemand neben dir, nur diesmal nicht mehr freundlich lächelnd, sondern mit einem Tablet und einem Blick, der sagt: „Wir wissen beide, dass das keine Zwiebel ist.“ Und du so mit halbem Herzen und voller Unterzeugung: „Ich habe mich vertan, woher soll ich wissen, dass das 7 Fertigpizzen sind?“ Am Ende müssen dich deine weinenden Erben im Gefängnis besuchen und fragen dich: „Papa, war es das wert?“ Und du denkst an gestern, als das mit der Seife passiert ist und in deinem Gesicht spielen sich Dramen ab und du sagst so ruhig es geht: „Es sind nur noch 7 Jahre, 3 Monate und 9 Tage, Uli.“ Warum dein Sohn in diesem Beispiel Uli heißt, soll dich gleichermaßen nachdenklich machen, sensibilisieren und eine Warnung sein.
Ironischerweise ist das System der Selbstbedienungskassen ja auf Vertrauen aufgebaut. Der Supermarkt glaubt so fest an das Gute im Menschen wie die Katholische Kirche. Eine gewagte These, wenn man bedenkt, wie viele Leute gleichzeitig versuchen, kernlose rote Trauben, die nicht im Angebot sind, als Karotten zu deklarieren. Und doch funktioniert es erstaunlich oft. Die meisten scannen brav, zahlen ehrlich und gehen mit einem Gefühl hinaus, das irgendwo zwischen „Ich habe eingekauft“ und „Ich habe heute die Zivilisation gerettet“ liegen könnte.
Es geht nicht um die paar Cent. Es geht um die Entscheidung, sich selbst ernst zu nehmen. Wer an der Selbstbedienungskasse ehrlich bleibt, obwohl es so einfach wäre, es nicht zu sein, beweist eine Form von Integrität, die im Alltag selten so klar sichtbar wird. Es ist ein stiller Sieg, unspektakulär, aber bemerkenswert. Betrügen ist auch einfach anstrengend. Man muss sich merken, was man falsch eingegeben hat, hoffen, dass keine Stichprobe kommt, und dabei möglichst unschuldig schauen. Ein logistischer Aufwand, der in keinem Verhältnis zu dem Gewinn steht, der sich oft im Bereich eines Kaugummis bewegt. Ehrlichkeit hingegen ist herrlich unkompliziert: scannen, zahlen, gehen. Glücklich sein. Und schaut beim Verlassen der Supermarktfiliale bitte auch in die oft jammervollen Augen des Securitybediensteten. Er ist am Ende der Endabrechnung oft der Leidtragende. Er hat hungernde Kinder daheim, denen du mit deiner beschissenen Centfuchserei das Essen aus den bereits geöffneten Klageschnäbeln ziehst.
Am Ende ist die Selbstbedienungskasse vielleicht weniger ein technisches Gerät als vielmehr ein kleiner Charaktertest. Kein großer, kein weltbewegender – aber einer, der uns zeigt, wer wir sind, wenn uns niemand beobachtet. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum wir ihn ernst nehmen sollten.
Also, beim nächsten Einkauf: Eine Mango ist eine Mango ist eine Mango. Die Brezel muss sich nicht als Brötchen verkleiden, und die Trauben haben es verdient, als solche erkannt zu werden. Nicht, weil der Supermarkt es verlangt. Sondern weil wir es uns selbst schuldig sind, auch in den kleinen Dingen stabil zu bleiben. Und ganz ehrlich: Es fühlt sich auch einfach besser an, durch seine eigene Finanzkraft wieder einen Tag überstanden zu haben.
Donnerstag, 2. April 2026
D*F*R vs. D*G*G Pt. II
WORTSPIELE IN PLATTENTITELN
Wir einnern uns: Vor einiger Zeit wurde die neue, unglaublich kreative Kolumne D*F*R vs. D*G*G hier auf dem Blog vorgestellt.
Es ist das gute alte Pro&Contra-Spielchen. In der ersten Episode haben sich Dirk Bernemann und HC Roth dem an Relevanz nicht zu überbioetenden Thema "Skifliegen im Dunkeln" gewidmet.
Nun steht der nächste Disput an und dazu hat ING FERNO ein Fanal für die Vorteile von Wortspielen in Plattentiteln gewidmet. Was dagegen spricht? Erfahrt ihr bald an dieser Stelle.
Es gibt übrigens eine tolle Liste von Themen, die darauf warten, durch den Diskurs-Wolf gereht zu werden. Die finden sich HIER.
Nun aber alle Aufmerksamkeit für ING FERNO zum Thema...
„Wortwitze in Plattentiteln“
Bei der Frage „genial-kreative Wortspiele oder langweilige 08/15-Floskeln als Albumname“ stehe ich unverrückbar auf der Seite der ersteren.
Werfen wir einen Blick auf die unsäglichen wortwitzlosen Plattentitel, die uns Punk-, Pop- und Rock-Artists zu unserem Leidwesen kredenzt haben und wir werden schnell der schwersten Sünden gewahr, die man Musikinteressierten antun kann.
Sünde 1: Zahlen als Plattentitel.
Wie einfallslos muss man sein, seinem neuesten Werk eine Zahl als Namen zu geben? Der kreative Prozess beschränkt sich dabei zumeist auf die Darstellung der Zahl, dabei kann man zwischen römischen (sehr beliebt) und arabischen Zahlen, einer Strichliste oder dem ausgeschriebenen Zahlwort wählen. Wow! Zumeist gibt die Zahl an, um das wievielte Album der Band es sich handelt, was die Hörer sicher fesselt. „Oha, ich werde jetzt Songs aus dem 3. Album der Künstler anhören, bei dem kreativen Titel werden die Lieder mit Sicherheit auch nur vor Ideen strotzen“, ist eine sehr unwahrscheinliche Äußerung, trotzdem haben u.a. Billy Talent, Dritte Wahl, Adele und Ben Racken sich für eine solche Benamsung entschieden.
Sünde 2: Farben als Plattentitel.
Die Beatles haben es getan, Weezer hat es getan, Hammerhead haben es getan, viele andere auch. White Album, Blue Album, Green Album, Black, Red, Yellow, Purple Album… Nicht besonders begeisternd, wenn ihr mich fragt. Die einzigen Ausnahmen, die ich tolerieren kann, sind entweder hässliche Spartenfarben wie z.B. ein Ocker Album - das würde ich mir unvoreingenommen anhören - und wenn der Albumtitel konterkariert wird, wie es bei Das Rote Album von Ernte77 der Fall ist, das komplett in grün erstrahlt.
Sünde 3: s/t.
Schreibt doch gleich „Uns ist kein Titel eingefallen“. Außer einem Gähnen wird bei solch einem Albumtitel bei mir nichts stimuliert. „Wir sind Platzhalter und spielen den Song Platzhalter vom Album Platzhalter. Super, dass ihr auf der Platzhalter-Tour dabei seid.“ Geht’s noch uninspirierter? Sowieso ist es kritisch zu betrachten, wenn ein Liedtitel auch als Albumname dient. Die Erwartungen an den Song werden immens, mitunter unerfüllbar, was die gefühlte Qualität des Langspielers mindert. Man stelle sich vor, das titelgebende Lied Leben verboten von Toxoplasma wäre kein Superhit, ein Schatten läge über dem gesamten Tonträger.
Wie es besser geht, zeigen uns einige wohlklingende Musterbeispiele, allen voran das Album Eigenuran der Kölner Formation CHEFDENKER.
Ein Wortspiel, das mich nach Jahren noch erfreut und ein Schmunzeln auf mein Gesicht zaubert. Ein so getauftes Album kann nur gut sein und tatsächlich ist es ihr bestes Werk, da kann es wirklich keine zwei Meinungen geben. Noch besser wäre es nur, wenn zusätzlich das Cover ästhetisch ansprechend gestaltet wäre, wie es beim Release Rhabarbershop von Ing Ferno (also mir selber) in Perfektion gelungen ist.
Selbst, wenn man das Wortspiel unlustig oder blöd findet oder es einfach nicht versteht, kalt lässt es einen nicht, es weckt Emotionen, man lacht darüber, man bekommt Aggressionen, man fremdschämt sich oder verliebt sich in den Urheber. Alles Gefühle, die eine Zahl, eine Farbe oder ein Lied- als Albumtitel niemals erzeugen wird.
Ein weiteres, glänzendes Exempel aus der jüngeren Vergangenheit ist die Platte Die Kernseife der Medaille der Hamburger Combo DAS PACK.
Der Rezipient merkt sofort, dass da ein kreativer Geist am Werk war, der Konventionen bricht, mit Erwartungen spielt und mit Sprache umgehen kann. Es ist davon auszugehen, dass auch musikalisch keine Langeweile aufkommen wird. Ein Extralob gibt es von mir, wenn der Titel nicht nur eine nette, aber oberflächliche Wortspielerei ist, sondern Interpretationsspielräume öffnet und Ambiguitäten erzeugt, wie es dem ohnehin als Wortakrobat bekannten Alligatoah mit dem Albumtitel Triebwerke in Vollendung gelingt.
Wie meine Ausführungen belegen, ist ein Wortspiel als Plattentitel jedem anderen Plattentitel vorzuziehen. Gerade in der heutigen, deprimierenden Zeit setzen sie ein Zeichen für Optimismus und gegen die Trostlosigkeit sowie Langeweile der Gegenwart.
Ing Ferno
Donnerstag, 5. Februar 2026
*D*F*R* vs. *D*G*G*, Pt. I: Skifliegen im Dunkeln
*D*F*R* vs. *D*G*G*
Dieses Kürzel steht - in Ermangelung geeigneter Vokale - für DAFÜR und DAGEGEN.
Pro&Con, Schwipp&Schwapp, Auf&Nieder, Hüh (oder Hü?) &Hott, Geil&Schrott.
Das ist die neue Streiten-aber-Lieb-Sein-Kolumne auf dem Renfieldblog und vom Prinzip her ist es bekannt:
Ein brandheißes (!) und extrem polarisierendes (!) Thema wird von zwei Fachmenschen jeweils Pro und Contra-mäßig bearbeitet. Die Liste der vorliegenden Themen wurde letzte Woche schon gepostet, alle, die dies hier lesen, sind eingeladen, sich zu beteiligen.
Schickt einfach eine Mail an renfield-fanzine@hotmail.de, alles andere klärt sich dann, ihr scheiß Punks.
Und nun Ring frei für die erste Runde! In Berlin und Graz hauen sie sich wegen eines Themas derzeit die tiefgefrorenen Köpfe ein, das schon viele Familien auseinander dividiert hat:
SKIFLIEGEN IM DUNKELN.
Nicht zu verwechseln mit Schiefliegen im Dunkeln. Das kommt später.
In der Berliner Ecke haben wir den bohemian Skiflug-Experten Dirk Bernemann, in der Contra-Ecke die grazile Grazer Alpinsportlegende HC Roth.
Viel Spaß!
*D*F*R*
Skispringen im völligen Dunkeln, stand noch nie zur Debatte, aber ich fordere hiermit die Erhebung dieser momentan noch nerdigen Randsportart als olympische Disziplin.
In Ermangelung an Flutlicht, ohne technische Hilfsmittel, allein mit der Schanze und der Nacht, natürlich sehe ich ein, das fordert unser heutiges Verständnis von Sport heraus. In einer Zeit, in der Wettkämpfe immer stärker kontrolliert, ausgeleuchtet und optimiert werden, stellt dieses Konzept eine bewusste Reduktion dar. Es fragt danach, was sportliche Leistung im Kern ausmacht. Ich verfolge ja seit jeher die These: Der Mensch ist ein Konkurrenztier bis in den Tod.
Skispringen war von jeher ein Sport, der den Menschen in ein direktes Verhältnis zur Natur setzt. Wetterverhältnisse, Wind und Höhe gehören untrennbar dazu. Die Dunkelheit ist dabei kein künstliches Hindernis, sondern ein natürlicher Zustand. Wer im Dunkeln springt, begegnet dem Sport in seiner ursprünglichsten Form. Keine visuelle Sicherheit, dafür lediglich das Vertrauen in die eigene Technik, die eigene Kompetenz und in jahrelanges Training, sowie dem geschulten Körpergefühl.
Gerade der Verzicht auf die Sicht verschiebt den Fokus. Bewegung, Balance und Timing entstehen nicht mehr aus Kontrolle durch das Auge, sondern aus innerer Wahrnehmung und Erfahrung. Dies zwingt den Sportler zur höchsten Konzentration und zur außergewöhnlichen Körperbeherrschung. Gleichzeitig schafft die Dunkelheit eine radikale Gleichheit. Alle Athleten springen unter exakt denselben Bedingungen, ohne Wahrnehmungsvorteile oder technische Unterstützung.
Was natürlich nicht vergessen werden darf, ist der inklusive Aspekt dieser Sportart. Menschen mit Erblindungen und Sehschwächen sind auch hier automatisch konkurrenzfähig. Denken wir bitte kurz an Michael Edwards, bekannt unter seinem Springernamen Eddie, the Eagle, ein britischer Skispringer, der stets wegen seines Brillenkassengestells Diskriminierung erfahren hat. Derlei Dinge würden fürderhin nie wieder vorkommen.
Zudem rückt die mentale Stärke der Springer stärker in den Mittelpunkt. Sportliche Leistung bedeutet nicht nur physische Fähigkeiten, sondern auch die Fähigkeit, mit Unsicherheit, ja auch Todesangst, umzugehen. Der Sprung ins Dunkel erfordert Mut, Selbstvertrauen und innere Ruhe. Damit wird Skispringen zu einer Grenzerfahrung, in der mentale und körperliche Leistung untrennbar miteinander verbunden sind.
Skispringen im Dunkeln setzt ein bewusstes Zeichen gegen die fortschreitende Technisierung des Sports. Es erinnert daran, dass Leistung nicht zwangsläufig von Messbarkeit und Kontrolle abhängt. Der Sprung wird zum Ausdruck von Können und Vertrauen, reduziert auf das Wesentliche. Wer das überlebt, ist automatisch ein Gewinner.
Dirk Bernemann
*D*G*G*
Jetzt also auch noch im Dunkeln Schifliegen. Warum das denn plötzlich? TikTok-Trend? YouTube-Hype? Irgend so ein neumodischer schneller, härter, lauter-Wahnsinn auf jeden Fall. Als würde es nicht reichen mit über 100 km/h von einem 70 Meter hohen Turm auf eine Schanze zuzurasen, um dann 250 Meter weit durch die Lüfte zu segeln. Nein, es muss jetzt auch noch im Dunkeln passieren. Aber dazu gibt es von mir ein klares NEIN.
Dabei geht es mir jetzt aber nicht primär um den Sicherheitsaspekt. Denn seien wir uns ehrlich, wenn du mit über 100 km/h von einem 70 Meter hohen Turm auf eine Schanze zurast, um dann 250 Meter weit durch die Lüfte zu segeln, begibst du dich doch sowieso in Lebensgefahr. Da sitzt Gevatter Tod mit seiner Sense ohnehin immer in der Drohne, die hinter dir herfliegt, um möglichst fette Bildaufnahmen zu liefern. Deswegen kannst du das meinetwegen auch gleich im Dunkeln machen.
Aber ich als Fan, als Zuschauer, sei es live im Stadion, sei es zuhause auf der Couch vor dem Fernseher, ich will etwas geliefert bekommen. Ich will Action, ich will Bilder und ich will Farbe. Das Live-Erlebnis in der Schiflug-Arena Hintergrunzenstein kannst du knicken, weil du ja nichts siehst und jaja, für das Fernseherlebnis gibt es natürlich Nachtsichtkameras, dies das. Bei Big Brother und Love Island funktioniert das ja auch, denken sich jetzt manche. Für das Schäferstündchen von Marc-Robin und Michelle-Joelle mag das vielleicht ausreichen, wenn man die nur unscharf und grüngepixelt sieht. Meine Kobayaschis, Krafts und Prevces aber will ich scharf und in Farbe.
Und dann ist da natürlich das Erlebnis für die schifliegende Person selbst. Was ist denn der Anreiz für diejenigen, die sich hier Tag für Tag bei unwirtlichen Wetterverhältnissen für ein Taschengeld hohe Schanzen hinabstürzen? Der Nervenkitzel alleine ist es nicht. Nein, es geht auch um Fame und Anerkennung und Jubel.
Wie geil muss es sein, mit 130 km/h durch den Himmel von Planica zu fliegen, während dir unten in der Arena 30.000 begeisterte Fans zujubeln. Und ja, die willst du sehen. Vielleicht nicht ihre Gesichter, aber ihre Köpfe, die ganze euphorische Menschenmasse. Es reicht dir nicht sie nur zu hören. Ein Hörspiel ist kein MX4D-Kinoerlebnis. Du gehst ja auch nicht zum Dinner in the Dark und lässt im Schlafzimmer gerne das Licht an, oder?
Wenn Schifliegen, dann richtig. Mit Sicht, mit Licht, mit Farbe.
H.C. Roth
Dienstag, 4. April 2023
Die Hölle
Ich weiß jetzt wie die Hölle aussieht:
Es ist ein Einkaufszentrum, so ein riesiges wie der Alexa in Berlin am Alexanderplatz.
Oder heißt es ‚das Alexa’? Oder – naheliegenderweise –‚die Alexa’? Also, die Alexa an einem Samstag, das müsste der Hölle ziemlich ähnlich sehen. Da überkommen die dafür empfänglichen Besucher grundsätzliche Fragen der Menschheit – und bleiben doch vollkommen unbeantwortbar:
Woher kommen wir eigentlich?
Wohin gehen wir?
Wer hat das alles so eingerichtet?
Wie sind wir hier hineingeraten?
Wieso kommen wir nicht mehr heraus?
Wieso ist hier plötzlich die Voltairestraße?
Hat das alles einen Sinn?
Wieso gibt es überhaupt einen Starbucks und nicht vielmehr nichts?
Sartre hat in "Die geschlossene Gesellschaft" geschrieben: »Die Hölle, das sind die anderen.« Jetzt weiß ich, was er gemeint hat. Es sind vor allem diejenigen anderen, die ihre Kleidung hektoliterweise kaufen und in mehreren Papiertüten hinter sich herschleifen. Das ist kein Einkaufszentrum. Korrekterweise muss es ‚Shopping Mall’ genannt werden. Denn kaufen tut man Notwendiges.
Shoppen dagegen ist eine religiöse, eine ganzheitliche Erfahrung, die Gaffen, Unnötiges erstehen (das eine Woche später auf Ebay landet) und teuer Aufgetautes aus der System-Gastronomie Herunterwürgen umfasst. Die vollständige Abwesenheit von Sinn empfinden die Buddhisten als Befreiung und nennen sie Nirwana.
Als unumkehrbar Okzidentaler bedeutet sie für mich nur die Hölle. Wissen alle hier Anwesenden, all die Katholiken, Protestanten und Muslime, dass sie gerade religiös querpudern? Werden sie nicht dereinst gerade deshalb in die Hölle kommen – also in ihre Hölle?
Und warum müssen Atheisten wie ich durch die Hölle auf Erden, wenn sie nicht an die Hölle im Untergeschoß des Himmels glauben? Die anderen können sich hier wenigsten vorbereiten; die haben wenigstens was davon; die kommen dann unten an und sagen: »Ach sooo! Wie in der Alexa ist das hier. Vielleicht kann ich jetzt endlich meine Sammelkarte vervollständigen und kriege den zehnten Peitschenhieb gratis.«
Aber wir?
»Der Herr schaut noch?«
Nein, der Herr hört leider auch noch. Nämlich diesen Electro-R ’n’ B-Angriffskrieg gegen jeglichen musikalischen Geschmack, der dennoch zur Konsens-Musik erklärt worden ist. Das soll die Musik sein, die allen gefällt? Und in der U-Bahn-Station nebenan wird Klassik über die Lautsprecher gespielt, um die Säufer zu vertreiben.
Bach soll die Menschen abstoßen – und dieses Disco-Geblubber sie anziehen. Warum, zur Hölle, ist mir das unbegreiflich?
Aber es sind ja zehn Schuhgeschäfte in dieses Einkaufszentrum gepresst und ich brauche Schuhe, dringend, gegen die Knieschmerzen, die langsam unerträglich werden. Nach dem zehnten Paar, das ich im dritten Schuhgeschäft probiert habe, will ich der sechsten Verkäuferin eine Verdienst-Medaille verleihen, weil sie diese Umgebung erträgt mitsamt der Muzak, all den Jugendlichen ohne vernünftige Freizeitbeschäftigung, den Erwachsenen im Schnäppchenrausch – und mitsamt mir, der sich noch immer nicht für das knieschonendste Paar entscheiden kann.
Aber wie soll man auch die weichen Sohlen überhaupt wahrnehmen können, wenn die Musik im Fahrstuhl Richtung Untergeschoß am ganzen Körper Krämpfe verursacht stärker als die eines Epileptikers? Easy listening is a heavy duty.
Nach zwei Stunden versuche ich fluchtartig, irgendwie einen Ausgang zu finden, weil mittlerweile der Knieschmerz vom Ohrenschmerz und vom Weltschmerz überdeckt wird.
Aber die Sache hat einen Pferdefuß: In weiser Voraussicht haben die Architekten keine Balkone oder Terrassen an der Shopping Mall angebracht, weil es naheliegend wäre, sich von dort direkt hinunterzustürzen – entweder um der Qual durch einen Suizid ein sofortiges Ende zu bereiten oder weil man schlicht den Ausgang nicht findet.
Raus hier, völlig egal, ob aus dem Leben oder nur aus der Mall! Nachdem mir der Selbstmord verwehrt geblieben, jedoch endlich der Ausgang gefunden ist, bleibt mir nur eine Lösung: Ich kaufe mir fünf Pilsator, setze mich auf die Bank zu den Säufern und höre mit ihnen Bach. Dabei ist mir dann vollkommen egal, ob von Johann Sebastian, Carl Philipp Emanuel oder David Josef. Und Alkohol lindert bekanntlich selbst höllische Knieschmerzen.
Herr Nals
Die Hölle als Einkaufszentrum? Einkaufszentren als gescheiterte Höllen?
Gibt es unter retailhellunderground
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