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Donnerstag, 22. Oktober 2015

Picknick at The Boulevard - Neulich in Casablanca



Casablanca? Da bringen die Synapsen oft nicht viel mehr als Assoziationen zu Humphrey Bogart und Ingrid Bergman zustande. Was aber heutzutage dort los ist, dass diese Stadt nicht nur die größte des Landes, sondern auch das wirtschaftliche und kulturelle Zentrum Marokkos ist, das haben seltsamerweise nicht allzu viele auf dem Schirm.

Denn Touristen verirren sich gar nicht so viele dorthin, obwohl die Stadt eine ähnlich lebendige Atmosphäre wie viele Metropolen in Südeuropa hat – und mittlerweile eben auch eine vielfältige, subkulturelle Szene, in deren Mittelpunkt das Kulturnetzwerk EAC L’Boulevard steht. Dazu gehört auch das gleichnamige Open-Air-Festival auf dem seit 15 Jahren marokkanische neben international bekannten Bands (SEPULTURA und NAPALM DEATH waren auch schon mal dabei) am Start sind. Aber wie funktioniert ein Rockfestival eigentlich in einer von Islam geprägten Monarchie, die als eines der wenigen Länder der Region die letzten Jahre recht stabil überstanden hat? Höchste Zeit also, sich das geballte Musikprogramm im dicken C mal genauer anzuschauen.

Wer sich 15 Jahre lang nicht davon abbringen lässt, ein Projekt voran zu treiben, hat entweder einen ausgeprägten Knall oder viel Hingabe für seine Sache. Sowas kennen und schätzen wir ja im Hause Renfield besonders und deshalb war ich besonders neugierig, das L’BOULEVARD-Festival mal genauer unter die Lupe zu nehmen. Inklusive Rahmenprogramm erstreckt sich das Festival mittlerweile über 10 Tage. Die ersten sechs Tage gehören größtenteils dem Nachwuchswettbewerb Tremplin, dessen Gewinner unterschiedlicher Stile dann an den letzten vier Tagen nochmal beim eigentlichen Festival auftreten dürfen.

Drei Mal war ich bisher in Marokko, und jedes Mal war ich ausschließlich in Casablanca. Zu einer Einladung zu einem der größten Festivals des Landes sage ich also nicht Nein. Gegen zehn Uhr abends schlage Ich an einem warmen Mittwochabend im September am Flughafen in Casablanca auf. Nach kurzer hektischer Suche finde ich mit Adir den richtigen Mann, der mich ins Hotel bringen soll. Auf der Fahrt über die leere Autobahn entpuppt er sich als überzeugter Fan des VfL Bochum und so quatschen wir entspannt über marokkanische Spieler beim VfL und über die Musik, die da gerade aus dem Radio läuft.

Adir lässt es sich nicht nehmen, während der Fahrt auf der dreispurigen Straße im Handschuhfach zu kramen, um die CD-Hülle zu suchen. Weil die sich so schnell nicht finden lässt, hält er mal eben auf der rechten Spur, macht den Warnblinker an und sucht genauer. Mitten auf der Autobahn. Kann man auch mal machen.

Das Hotel, in dem ich einquartiert werde, liegt so zentral, wie es besser kaum geht. Beste Lage heißt das wohl, direkt gegenüber der Medina, an der vielbefahrendsten Kreuzung der Innenstadt erhebt sich eine sehr schmucke weißgetünchte edel wirkende Fassade. Von innen versprüht es einen charmanten Charme wie das Etablissement in „Shining“. Abgewetzte Teppiche, leicht muffiger Geruch, Putz bröckelt von den Wänden, der zweite Stock ist komplett abgesperrt. Geil. Der lange dunkle Flur im dritten Stock wird nur von zwei kahlen Glühbirnen erhellt, und am Ende von einer überdimensionalen Spiegelwand beherrscht, auf der ich manchmal Schatten hin und her huschen sehe. Ich hoffe, es ist die Putzfrau.

Ankommen, auch auf dem Festival, ist nicht ganz so einfach. Schon das Festivalgelände zu finden, stellt mich vor Herausforderungen. Eigentlich ist es ja ganz leicht: Einfach in die einzige Straßenbahn der Stadt und bis zur angegebenen Haltestelle. Wenn es in einer Stadt nur eine Straßenbahn gibt, und man weiß, in welche Richtung man muss, sollte verfahren eigentlich ausgeschlossen sein. Ich schaffe es trotzdem, da die Bahn irgendwann aus mir unerklärlichen Gründen einen Abzweig nimmt. So fahre ich erst tief bis in wenig besiedelte Außenbezirke Casablancas, um dort festzustellen, dass ich komplett falsch bin. Dabei findet das Boulevard-Festival nicht irgendwo auf einer kleinen Wiese statt, sondern im Stade COC, dem Stadion des Sportclubs Olympique Casablanca.

Da das Open-Air mittlerweile in einem Fußballstadion residiert, lässt schon ein bisschen auf die Größe dieser Veranstaltung schließen. Der Einlass wird von Polizei und Miliz geregelt, die das recht junge Publikum durch zwei Gassen aus Absperrgittern leitet. Vielleicht liegt es an meinem grauer werdenden Bart, aber als ich mich in die Masse einreihen will, winkt mich ein Polizist zu sich und lässt mich auf einer dritten komplett freien Bahn ins Stadion. Gefilzt werde ich zwar nicht, muss aber den Schraubdeckel meiner Wasserflasche abgeben. Die Flasche selber allerdings nicht.

Bei Eintritt ins Stadion wird mir eine Sache klar, die ich so bisher noch gar nicht bedacht hatte: Das komplette Boulevardfestival kostet keinen Eintritt. Bei einer Veranstaltung dieser Größenordnung hatte ich eigentlich damit gerechnet, an irgendeiner Kasse Geld lassen zu müssen, Künstler wie ASIAN DUB FOUNDATION, LOUDBLAST, GNAWA DIFFUSION oder DJ Vadim müssen ja schließlich irgendwie bezahlt werden, ebenso die Acts, die aus Frankreich, Spanien, Dänemark oder dem Senegal kommen. Mit INWI, der drittgrößten Telekommunikationsgesellschaft Marokkos, hat das Festival allerdings einen sehr zahlungskräftigen Sponsoren an der Hand. Dazu kommen weitere Firmen und Kultureinrichtungen, mit denen man zusammenarbeitet, wie das Institut Francaise, das British Council oder das Goetheinstitut. Auch von seitens des marokkanischen Königs könnte Geld kommen, schließlich hat das EAC vor einigen Jahren in schwierigen Zeiten schon mal eine großzügige finanzielle Unterstützung vom Königshaus erhalten.

Der erste Festivaltag steht ganz im Zeichen von HipHop. Erster Eindruck vom Publikum: Das ist hier eine Sache für junge männliche Marokkaner. Frauen sind an diesem warmen Spätnachmittag fast keine zu sehen. Mit den Gigs der Lokalhelden SHAYFEEN und SA3ERMAN erlebe ich mein erstes HipHop-Konzert auf afrikanischem Boden. Während beide von der einheimischen Crowd angemessen gefeiert werden, schlendere Ich etwas ziellos rum und schaue mir dieses Spektakel neugierig aus der Distanz an. Kurz darauf stehen ALO WALA aus Dänemark auf der Bühne, ein echter erster Höhepunkt, was nicht nur an der sehr charismatischen Sängerin Shivani Ahlowalia liegt. Die Mische aus Hip Hop, Electro, Dancehall und Crunk bringt sogar den etwas fremdelnden Festivalbesucher aus Berlin zum Tanzen. Mit „Little Lotto“ haben sie mindestens einen einprägsamen Hit am Start, was die wie die jungen Hunde zappelnden Casablancanesen genauso sehen.

Letzter Gast auf der Boulevardbühne am HipHop-Donnerstag ist Yassii Bey. Nie gehört? Kennt man aber doch, denn früher nannte sich dieser Mann Mos Def. Ich habe eigentlich nicht viel Ahnung von HipHop, aber Mos Def sagt sogar mir was. Hip Hop scheint in Casablanca recht groß zu sein, denn kaum steht Yassii auf der Bühne, wird er furios abgefeiert. Und das obwohl er entweder in eine Coladose, einen Akkuschrauber oder ein knallrotes Elvis-Mikro singt. Das ist nicht so genau zu erkennen. Klar erkennbar ist allerdings, dass dem Herrn im Laufe der Jahre seiner langjährigen Karriere die Energie nicht abhandengekommen ist. Munter hüpft er über die Bühne, rappt mit Hilfe der Beats und Samples seines DJs, der sich ganz galant im Hintergrund hält, ganz flüssig seine Hits runter. Die Meute liebt’s und kann so manches sogar mitsingen. Mitsprechen. Wie auch immer. Sauber abgeliefert, Yassii.

Ein Pluspunkt des Boulevards ist definitiv, dass die Veranstalter das Tagesprogramm nicht bis zum Anschlag mit Bands vollgeknallt haben, sondern den Zeitplan recht entspannt gestalten. Vier, höchstens sechs Bands/Acts sind pro Tag angesetzt. Das kommt meiner eh nicht sehr ausgeprägten Aufmerksamkeitspanne sehr entgegen und man ist auch nicht gleich nach zwei Festivaltagen total zermürbt. Was auch sehr Anti-Zermürbend wirkt, ist die Tatsache, dass auf dem Festivalgelände kein Alkohol ausgeschenkt wurde. Ist in islamischen Ländern im öffentlichen Raum eh nicht so angesagt, bei einem Open-Air-Festival wie diesem fällt mir aber die Abwesenheit von torkelnden Druffis oder wild überall hin ausscheidenden Alko-Zombies doch eklatant auf. Gefällt mir eigentlich ganz gut. Wie das wohl wäre, hierzulande ein komplett Alk-freies Festival abzuziehen? Wahrscheinlich ein komplettes Desaster.

Recht früh tauche ich am zweiten Tag beim Boulevard auf, um endlich mal die bekannten Gesichter vom EAC Boulevard-Kulturzentrum zu treffen. Vorher bekomme ich noch das Set von Gee Bayss aus dem Senegal mit, der einen recht geilen Mix aus alten Afro-Beat-Hits zusammenmischt. Kein Wunder, macht er ja auch schon seit 1993 und ist seitdem auch als Mitglied von PEE FROIS unterwegs, einer der bekanntesten senegalesischen Hip-Hop-Crews. Im Zelt der Freunde vom Festivalradio des Boulevard abhängend, läuft der zweiten Act des Tages, ACID ARAB etwas an mir vorbei.
Da war freudiges Wiedersehen mit allen Freunden vom Boulevard doch wichtiger als die etwas nervige Mische aus Kirmes-Techno und Flicker-Electro. Festivalradio geht übrigens in diesem Fall so: Alle Konzerte werden live im Web-Radio übertragen und in den Umbaupausen finden sich immer 3-4 Moderatoren am großen gemeinsamen Tisch zusammen und interviewen jeden Gast, der vorher noch auf der Bühne gestanden hat. Dabei werden Unmengen von Red Bull getrunken, ein bisschen gekifft oder auch hübsche Aschenbecher aus den eben geleerten Red-Bull-Dosen gebastelt.

Danach ASIAN DUB FOUNDATION. Die verbinde ich immer spontan mit den Zeiten, in denen es beim VISIONS noch eine Tape-Beilage gab. Lange her das alles und deshalb bin ich ehrlich überrascht zu sehen, dass die noch am Start sind und immer noch eine sehr energiegeladene Show abliefern können. Interessant auch, dass sie sehr nach, nunja, elektronischer Musik klingen, nach Drum’n‘Bass, nach Dub Step, nach Dancehall, aber all das live mit einer kompletten Bandbesetzung sehr souverän hinkriegen. Davon ab kriegt man einen Querflöten-Spieler, der gleichzeitig auch noch Beatboxen kann, eben nicht in jeder 08/15-Rockkapelle zu sehen.

Auch wenn man das denken könnte, waren ADF nicht der Headliner des Abends. Als sich die Nacht über das Stadion senkt, betritt mit Hamid El Kasri, einer der bekannteste Gnawa-Musiker des Landes, die Bühne und wird aufs Unglaublichste abgefeiert. Gnawamusik gehört zu Marokko wie das Couscous am Freitag.

Ursprünglich handelt es sich dabei um die Musik des gleichnamigen Volksstammes der Gnawa. Gnawa ist der marokkanische Begriff für die Nachfahren der schwarzafrikanischen Sklaven in Marokko. Auch Angehörige des in Westafrika beheimateten Stammes der Hausa wurden in Marokko so bezeichnet. Das Wort leitet sich ursprünglich von dem Wort für die Bewohner der früheren Hausa-Hauptstadt Kano, den Kanawa, ab. Musikalisch war Gnawa anfangs etwas gewöhnungsbedürftig für meine mit Rockmusik zugekleisterten Ohren. Die Rhythmen sind ebenso ungewöhnlich wie die Instrumentierung. Charakteristisch für Gnawamusik ist der Einsatz der Gimbri, einer dreisaitigen, ziemlich tiefen Laute, die aus einem Holzkorpus und Saiten aus Schafsdarm besteht, und großen schweren Kastagnetten aus Metal, den Qaraqib.

Lässt man sich allerdings länger darauf ein, stellt sich eine ähnliche Stimmung, wie bei ganz ursprünglichen Bluesaufnahmen oder alten Reggae-Tracks ein. Das ist alles reduziert, sehr repetitiv, hat aber dadurch einen fast schon meditativen Charakter. Da ist es dann wenig erstaunlich, dass Gnawasessions teilweise die ganze Nacht dauern können. Hamid El-Kasri hat Gnawa vielleicht nicht revolutioniert, aber er hat es soundmäßig so aufgepimpt, dass es auch auf einer großen Bühne funktioniert. Ergänzend zu Gimbri und Qaraquib und einem sechs-köpfigen Chor kommen live gleich zwei Schlagzeuge, E-Bass, Gitarre und ein Bläsersatz dazu. So kann man mit Gnawa schnell mal ein ganzes Stadion beschallen und ganze Familien, Frauen, Männer, Kleinkinder und aufmüpfige Teenager dazu bringen, komplett abzutanzen.



Samstag ist Metaltag beim Boulevard. Den Anfang machen IMPULSE aus Rabat mit recht gefälligem Alternative/Psychedelic-Rock, der als Aufwärmübung für die kommenden Lärm gar nicht schlecht daherkommt. Interessant ist dabei, dass IMPULSE die einzige Band des Festivals sind, bei der eine Gitarristin auf der Bühne steht. Die lokalen Helden HINDERMINDS und VISCIOUS VISIONS werden beim Publikum ohne Ende abgefeiert, inklusive Mosh und Pogopit. So recht vom Hocker hauen sie mich allerdings live nicht. Vielleicht sind es auch eher Bands für einen kleineren Club, VISCIOUS VISIONS haben zumindest auf Platte ein paar gute Songs am Start.

Interessant beim Pogomob vor der Bühne ist, dass die Security sich beim Durchgreifen anscheinend was von der FIFA abgeschaut hat. Passt ja, schließlich sind wir ja in einem Fußballstadion. Wenn sich einer im Publikum beim Abtanzen das Shirt vom Leib reißt, ist ganz fix die Sicherheit da und begleitet ihn, tja, wohin? Erstmal raus. Soviel bekomme ich mit. Ob man dann nach einer Fünf-Minutensperre wieder rein darf? Oder ist man dann für den Rest des Abends gesperrt? Größere Revolten oder Aufstände gegen die Staatsgewalt gibt es aufgrund dieses Eingreifens aber interessanterweise nie. Vielleicht auch eine Folge, dass hier kein Alkohol im Spiel ist.

Dritte Band des Abends sind die Spanier ANGELUS APATRIDA, die ich in meinem Kleinhirn unter dem Namen ANGELUS ASPARAGUS abspeichere. Metalbands so, scheint es Gesetz zu sein, müssen auf einem Festival immer ein bisschen lauter als die vorherige Combo sein. Der Speed/Thrash-Stiefel aus der Slayer/Metallica/Pantera-Schule von diesen Spargelengeln ist schon höllisch laut, die darauffolgenden LOUDBLAST, die einen eher Deathmetal-lastigen Sound fahren, legen aber noch eine Schippe drauf. Meine Ohren fiepen wie kleine ängstliche Mäuse und so ziehe ich mich erschöpft ins gemütlich erscheinende Pressezelt zurück. Irgendwann sind LOUDBLAST fertig, Stille folgt und kein DJ legt mehr auf. Gut so.

Auf dem Heimweg erwarte ich nicht mehr viel, werde aber noch von den schon erwähnten IMPULSE aufgegabelt, die mich noch mit in einen kleine Bar unweit meines Hotels schleppen, in der zwei DJs fröhlich simple Elektromusik auflegen. Zwei Bier, etwas Whiskey-Cola später ist es zwei Uhr und der Laden macht zu. Reicht auch.

Der letzte Boulevard-Tag ist vom Line-Up her wieder um einiges bunter gemischter. Mit Khansa Bathma steht eine marokkanische Rockröhre auf der Bühne, allerdings viel unpeinlicher als Doro Pesch oder Konsorten. Bin ich anfangs noch etwas unbeeindruckt von dem Hardrock der dazugehörigen Band, bekommt das Ganze im Laufe des Sets doch mehr Schwung und Originalität, besonders dann, wenn Khansa zeigt, dass sie an den richtigen Stellen auch sehr eindrucksvoll schreien kann.

DJ Vadim sorgt mit seinem Balkan-Beat-Dub-Funk-Set für die bis dahin ausgelassenste Stimmung des Tages. Beim Interview später im Radio-Zelt wirkt er dann mit seiner Riesen-Brille und der Basecap mit dem hochgeklappten Schirm wie ein sympathischer Nerd, der sich auf dem Weg vom Plattenladen mal eben auf eine Festival-Bühne verirrt hat.

Die Straße von Gibraltar ist an ihrer engsten Stelle 14 Kilometer breit. 14 KM macht da als Name für ein kontinentübergeifendes Kooperations-Projekt von drei marokkanischen und drei spanischen Musikern auf alle Fälle schon Sinn. Musikalsich treffen sich dabei HipHop, Funk und Reggae und werden sehr souverän miteinander gemischt und vom Publikum bestens angenommen. Nur verstanden habe ich mal wieder keine einzige Zeile.

Der allerletzte Slot bleibt natürlich dem absoluten Highlight vorbehalten – und das sind GNAWA DIFFUSION aus Grenoble. Hatte Hamid El Kasri zwei Tage vorher eine eher traditionelle Gnawa-Version abgeliefert, gehen GNAWA DIFFUSION einen Weg, der sich schon bei vielen anderen Bands als besonders interessant erwiesen hat: Die Kreuzung zweier vorher so nicht verbundener Stile. Ursprünglicher Gnawasound wird hier mit Reggae und Dancehall gekreuzt und was dabei raus kommt, ist ein sehr cooler Crossover. Gegründet hat Sänger Amazigh Kateb, der auch die Gimbri spielt, schon 1992. Bis 2007 wurden acht Platten veröffentlicht, die auch in Europa auf viel Beachtung gestoßen sind. Danach war fürs erste Schluss, allerdings fand man 2012 wieder zusammen.



Von der Idee fühlte ich mich ein wenig an diversen Kooperationen erinnernd, die Fermin Muguruza zuweilen auf die Beine stellt, nur halt eben ohne Punkrock-Faktor dabei. Live sind GNAWA DIFFUSION jedenfalls eine großartige Band, die lustigerweise auch ein paar beinharte Casablanca-Punks in ihren Ramones/Misfits-Kutten zum Tanzen bringt. Und dann? Dann ist es vorbei, das ganze Festival. Draußen herrscht wieder Stille in einer warmen Septembernacht. Nur im Radiozelt wird noch lange Zeit bei Red Bull und Kif mit Amazigh Kateb über GNAWA DIFFUSION geredet. Das Stadion leert sich, die Crew macht sich langsam an den Abbau. Und ich? Mache mich, das Lied von Grizzly Adams pfeifend, angesichts des frühen Flugs am nächsten Morgen ganz brav zeitig auf den Weg ins Hotel.

www.boulevard.ma

Gary Flanell

Dienstag, 13. Oktober 2015

Happiness in every style

Eines meiner großen Probleme ist meine Unpünktlichkeit. Wer den Herrn Flanell kennt, weiß, dass er 1.) zeitlich festgelegte Termine hasst wie die Pest und 2.) es durchaus mal schaffen kann, zwei Stunden zu spät zu kommen (wobei dann die Frage ist, zu was er dann überhaupt noch zu spät kommt) und demnach folglich Theaterbesuche eher doof findet, weil man da immer so superpünktlich sein muss, denn sonst kommt man nicht mehr rein. Und eigentlich geht der Herr Flanell ja ganz gern ins Theater.

Wenn es um das Renfield geht, passt das mit der Pünktlichkeit seltsamerweise ganz gut. Drucktermine werden immer brav eingehalten, auch unter der Inkaufnahme von diversen Nachtschichten fürs Layout. Dann geht's auf einmal.
Manchmal sind wir beim Renfield sogar richtig fix und so richtig richtig right in Time. Dann kriegen wir es auch mal hin, eine Rezension zu einem aktuellen Album auf dem Blog zu posten. Heute zum Beispiel sind wir gar nicht so schlecht dabei.

Denn nur schlappe 11 Tage nach dem offiziellen Release des neuen Albums von Nicole Willis & The Soul Investigators dreht sich diese Platte im CD-Players des Renfield-HQ als gäbe es keine anderen Scheiben zu hören. Liegt vielleicht auch daran, dass man Soulbands aus Finnland hierzulande eher selten auf dem Schirm hat. Dabei gibt es die Soul Investigators schon seit 20 Jahren. Und wer seine Band zwei Jahrzehnte lang am laufen hält, der kann so schlecht gar nicht sein. Schon gar nicht in Finnland, wo es schon seit je her eine recht aktive Musikszene gibt. Wenn auch eine, die man eher mit harten Gitarren jeglicher Coleur oder Tango verbindet.

Aber warum sollte es in Finnland KEINE gute Soulband geben? Interessanter ist eher die Tatsache, dass die S.I. mit Nicole Willis eine US-amerikanische, aber in Helsinki lebende Sängerin am Start haben, die für so einen Sound nicht passender sein könnte, weil sie schon solo diverse Platten veröffentlicht hat. Und dazu jede Menge Erfahrung aus Kollaborationen mit anderen Bands und Künstlern mitbringt.Ob das jetzt die Elektronik-Hanseln Leftfield, Jimi Tenor oder gar Curtis Mayfield himself waren. Mit dem sie in den 90ern noch eine Duett von "Let's do it again" aufgenommen hat.
Dass es ihr Song "Keep reachin again" auf die Spotify-Playlist von Barack Obama während des letzten US-Präsidentenwahlkampfs geschafft hat, passiert bestimmt auch nicht, weil der US-Präsident großer Fan von dilettantischem Rumgestümper wäre.
Man merkt also: Hier hat sich jede Menge geballte Erfahrung in Sachen 60/70ies Soul/Funk zusammengefunden.

Total retro also alles? Fast. Denn auch wenn sich Nicole Willis & The Soul Investigators stark an den Sounds und Arrangements alter Motown/Stax-Platten orientieren, klingt es doch gar nicht abgekupfert.
Hier werden glücklicherweise nicht irgendwelche Coverversionen aus dem Funk Brothers-Fundus zum hundertsten Mal stumpf nachgedudelt, sondern das Faible für 60ies-Soul mit eigenen Songideen kombiniert. Überwiegend darf es dann eher groovig als treibend sein, allzu straighte Uptempo-Songs finden sich hier nicht. Soul wird hier eher im Sinne von Marvin Gaye,dem oben erwähnten Curtis Mayfield oder den Supremes definiert, als im Sinne überdrehter Northern-Soul-Stomper.
Die Investigators agieren dabei wie eine gut eingespielte Big Band, der auch jegliche Kauzigkeit abgeht, die man bei finnischen Bands zuweilen findet.

Dass es zwischendurch bei einem Instrumental wie "Bad Viberations" ziemlich funky wird und sich auch der Flötist der band mal so richtig austoben darf, wird auch die harte technikbegeisterte Muckerfraktion zufriedenstellen. Doch nie wird der Sinn fürs Wesentliche - den Song und nicht das introvertierte Rumjammen einzelner Musiker - aus den Augen verloren.

Nicole Willis hat sicher ihren Anteil daran, dass man sich nicht in endlosen Instrumentalstücken verliert und "Happiness in every style" somit ein sehr rundes Soulalbum geworden ist.Eins, dass seine Referenzen zwar im guten alten Soul hat, aber dennoch knackig und nicht wirklich verstaubt rüberkommt.
c Kann man sich auf alle Fälle an einem dunklen Abend im Herbst mit seiner Liebsten respektive seinem Liebsten anhören, während man simultan dazu eine Flasche Rotwein leert (und sie nicht mit Vitamintabletten veredelt, wie ich es heute in der Bahn beobachten konnte) und sich langsam gegenseitig Klamotten vom Körper schält.

Gary Flanell

Mittwoch, 7. Oktober 2015

Peel-Day is Pi-Day



Zufall, was ist schon Zufall? Dass der diesjährige Peel-Day auf den achten Oktober fällt? Kein Zufall, denn seit 10 Jahren ist der zweite Donnerstag im Oktober immer als John-Peel-Day bekannt. Der war wohl einer der einflussreichsten DJs und Popmusikexperten und wäre er nicht 2004 beim Urlaub in Peru an einem Herzinfarkt gestorben, würde er all seinen Jüngern wahrscheinlich immer noch zeigen, wo es langgeht auf dem Feld der interessanten Pop-Musik.

Unter Radiomachern auf der ganzen Welt ist John Peel natürlich der absolute Nestor. Deshalb ist es eben KEIN Zufall, dass der 20. Geburtstag des Freien Berliner Radios Pi-Radio am diesjährigen Peel-Day gefeiert wird.
Pi und Peel - das passt nicht nur lautmalerisch zusammen.
Was Peel in seinen Sendungen gespielt hat, war nicht immer massentauglich, aber hochinteressant. Ähnliches gilt auch für den Freien Sender aus Berlin. Als Freies Radio ist Pi ein Sammelplatz für die ungewöhnlichen Sounds und Sendeformate. Dabei sind die Sendungen im Programm von Pi, das auf der UKW-Frequenz 88,4 Mittwochs und Donnerstags von 19 Uhr Abends bis morgens um 5 zu hören.

"SubCult - Klänge jenseits des Hauptstroms" ist die Sendung, die ich seit einigen Jahren gemeinsam mit der Kollegin Niki Matita jeden zweiten Donnerstag abend von 20.30-21.30 über den Pi-Sender jage. Wir passen da ganz gut hin, finde ich. Zwar wissen wir nie genau, wer und wieviele Leute sich unsere Sternstunden der Rundfunkunterhaltung anhören, die wir da aus dem kleinen Souterrain-Studio in der Lottumsstraße in die Welt schicken, aber ab und an gibt es doch wohlwollende Reaktionen.
Und schaut man sich die gesamten Hörerzahlen von 88,4 an, die die für die Frequenz verantwortliche Medienanstalt Berlin-Brandenburg rausgibt, ist festzustellen, dass da draußen gar nicht wenige Menschen regelmäßig die Sendungen auf der unkommerziellen Frequenz dieser Stadt einschalten.

Klingt also, als wäre alles Sahne im kleinen Dorf der sich gegen die Übermacht des Formatradios stemmenden Radiopiraten. Ist aber nicht so. Denn die Situation könnte noch besser sein. Während in anderen Städten wie Freiburg (Radio Dreyeckland), Marburg (Radio Unerhört) oder Halle (Radio Corax) freie Radios mit Rund-Um-Die-Uhr-Vollfrequenzen gefördert werden, teilen sich auf der 88,4er-Frequenz derzeit 13 Gruppen die Sendezeit der Woche. Man muss kein großer Rechenkünstler sein, um zu sehen, dass da für jede Gruppe nur ein kleiner Teil an Sendezeit zur Verfügung steht.

Die Förderung eines nichtkommerziellen Lokalfunks gehört seit der Gründung vor 20 Jahren zum Programm von Pi-Radio. Das beinhaltet ganz konkret eine Grundfinanzierung sowie ein angemessener Zugang zu den Rundfunkfrequenzen. Im Mediengesetz Berlin-Brandenburgs ist bisher keine Regelung zur Förderung freier Radios vorgesehen.

Nun ist Freies Radio nicht einfach eine Plattform von Freaks, die endlich mal ihre Platten in den Äther dudeln dürfen, sondern durch die Vielfalt der Sendungen und Formate ein wichtiges Organ, um die Mitsprache und Meinungsäußerung von Bürgern zu fördern. Dazu veranstaltet Pi-Radio schon seit Jahren Workshops, Veranstaltungen und Kampagnen, um die Situation des Freien Radios in Berlin zu verbessern.

Man müsste schon einen ziemlich langen Atem haben, um als normaler Mensch ohne große Medienausbildung und -Netzwerk bzw. ohne redaktionelle, kommerzielle oder formale Vorgaben eine Sendung auf Sendern wie 104,6 RTL, Radio Eins oder Jam.FM realisieren zu können. Im Freien Radio ist dies durchaus recht einfach möglich. Soll heißen: Dort kann eigentlich jede/r Radio machen.

Die konkreten Forderungen der Freien Radios in Berlin werden auf der eigens dafür eingerichteten Homepage medienstaatsvertrag.org ausführlich dargelegt.
Wenn am 8. Oktober der 10. Peel-day und der 20. Geburtstag von Pi-Radio gefeiert wird, gibt es ab 20 Uhr live aus dem Funkhaus in der Lottumstraße jede Menge Sonder-Sendungen von den Radiomachern auf Pi-Radio. Die Berliner Runde ist am Start mit einem Rückblick auf 20 Jahre Pi-Radio dabei, Niki Matita gibt ab 21.15 gemeinsam mit Joe Le Taxi eine SubCult-Sondersendung zum Besten.

Weil Radio immer noch ganz gut mit Musik funktioniert , werden am Pi-Geburtstag auch jede Menge Live-Musiker aus dem Pi-Radio-Kosmos zu Gast sein. In der Subcult-Show sind das beispielsweise Lukas Lonski und Laura Leiner, bei Ahnes Liedermachershow um 20 Uhr wird es Singer/Songwriterin Jana Berwig sein und ab 23 Uhr gibt's noch die Liveübertragung eiens Gigs der HC-Industrial-Soundmaler Herr Blum. Allein über diese Zusammenstellung wäre John Peel hocherfreut gewesen.

Das wäre es also im wesentlichen. Tage, an denen man im Oktober das Haus nicht verlassen will, gibt es im Oktober viele. Gründe dafür eher wenige. Morgen abend das Radio oder den Rechner einzuschalten und dem bunten Geburtstagsabend von Pi-Radio zu folgen, ist definitiv einer der besten.

Gary Flanell

P.S.: Die nächste reguläre SubCult-Show gibt es am 15.10. von 20.30 - 21.30 Uhr mit Timbob Kegler. Gast im Studio wird der unvergleichliche Sedlmeir sein, der den ein oder anderen Song seines neuen Albums "Melodien sind sein Leben" vorstellen wird.

Mittwoch, 30. September 2015

I agree with everything of Lee Hazelwood

Letztes Wochenende habe ich einem sehr guten Konzert beigewohnt. Zwei der drei Bands, die da in meinem Lieblingsschnapsloch gespielt haben, kamen aus Australien. MIDNIGHT SCAVENGERS und FRAUD BAND, beide aus Melbourne, haben mit den Berliner Noise-Rock-after-Punk-Rockern DEAD SENTRIES einen ziemlich stimmigen und abwechslungsreichen Abend gestaltet.
Also Australien: Toll.

Ich war noch nie in Australien. Hat sich nie so ergeben. Für jemanden, der noch nie in Australien war, kenne ich allerdings recht viele Bands von da unten. Das sollte man nicht als selbstverständlich hinnehmen. Ich war ja auch noch nie in Kasachstan. Oder in der Mongolei. Aber mongolische oder kasachische Bands kenne ich viel weniger als australische. Nun muss ich aber sagen, dass australische Pop/Rockbands im Laufe der Jahrzehnte hierzulande immer präsenter waren als welche aus Kasachstan. Oder der Mongolei. INXS und Midnight Oil kennt jeder. Das mongolische Pendant zu INXS ist mir bisher noch nicht untergekommen. Und das kasachische zu Midnight Oil eben auch nicht. Davon abgesehen fallen mir spontan elf australische Bands, die sehr gut sind. Hard-Ons. Dirty Three. The Saints. The Trilobites. TISM. Nick Cave and the Bad Seeds. Pisschrist. Cosmic Psychos. The Living End. Snake Oil Charmers. Jet. Ok, ja, wir nehmen auch noch AC/DC dazu. Also zwölf.


Und eben die eine Band, um die es im Folgenden geht. THE BEASTS OF BOURBON. Beste Blues-Punk-Swamp-Rock-Combo überhaupt. Warum wird es im Folgenden um THE BEASTS OF BOURBON gehen?

Als mir nämlich gewahr wurde, dass ich am letzten Samstag ein Konzert mit zwei australischen Bands veranstalten würde, musste ich an jenes BoB-Interview denken, das in Renfield Nr. 19 erschienen ist. Lange her, in der Tat.
Aber zu schön, um es als Datei auf irgendeiner Festplatte dahinrotten zu lassen.
Nach mehrmaligem Lesen und aus der Distanz von ungefähr sieben Jahren muss ich sagen: Da hätten wir einiges anders machen können. Aber andererseits wäre es dann wohl nicht so lustig geworden. So rau belassen und nur zart von schlappen elf Seiten Skript auf sechs im Heft redigiert bekommt dieses Gespräch im Rückblick einen wunderbaren Hörspielcharakter. Vielleicht machen wir das nochmal.

Außerdem sind der Herr Nals und ich auch ein bisschen stolz drauf, das letzte Interview mit den BEASTS OF BOURBON geführt zu haben, bevor sie sich erst mal aufgelöst haben. So steht’s zumindest im englischsprachigen Wikipedia-Artikel. Haben uns natürlich auch mal gefragt, ob unsere damalige unkonventionelle Interviewführung ihren Anteil daran hatte. Aber ehrlich, damit haben wir absolut nichts zu tun. Total unverständlich, wie man sich nach DIESEM Interview als australische Rocklegende auflösen kann. Das folgende Intro gehörte zum Originalabdruck in Renfield Nr. 19. Zur besseren Darstellung der Interviewsituation lassen wir es einfach drin. Wenn alle durcheinandergequatscht haben, wurde das mit - kenntlich gemacht


Irgendwann, als wir den U-Bahnhof am Platz der Luftbrücke verlassen und am Flughafen Tempelhof entlang schleichen, beginnt diese kleine Diskussion. Darüber, was wir eigentlich machen, wenn Tex Perkins nicht da ist. Wir sind sehr gut vorbereitet, Herr Nals um einiges besser als ich, schließlich ist er der Experte für die Beasts of Bourbon und kennt alle ihre Platten. Kennt sie nicht nur, sondern wurde maßgeblich von ihnen musikalisch sozialisiert. Ich bin da ja eher der BoB-Laie, kann aber mittlerweile auf ihre Version von Psycho (im Original von Leon Payne) und einige andere Knaller von ihnen nicht mehr verzichten.

Als wir auf die Frage kommen, was wir machen, wenn Tex P. beim Interview nicht zugegen sein wird, sind wir etwas von Ratlosigkeit befallen. Nicht, dass wir den vier anderen nicht zutrauen würden, ein gutes Interview abzugeben, aber die Fragen sind eigentlich auf eine Interviewsituation mit Mr. Perkins zugeschnitten.
Natürlich kommt es so, wie wir kurz zuvor gedacht haben – alle Beasts sitzen für uns im hinteren Teil des Tourbusses bereit – bis auf Tex Perkins. Der ist irgendwo anders. Vielleicht was essen oder eine rauchen. Oder er hängt vielleicht mit Toody und Fred von DEAD MOON, ich meine, den PIERCED ARROWS rum, die heute Abend ja auch spielen. Vielleicht hat er einfach schon zu viele Interviews gegeben und nimmt sich die Freiheit, mal eins auszulassen. Nehmen wir uns also die verbleibenden vier vor. Die sehen etwas verknautscht aus. Ähnlich verknautscht ist auch ihr australischer Akzent, aber was anderes würde auch gar nicht passen.

Spencer Jones (SJ): Is this a cigarette lighter?
Herr Nals (HerrN) That’s the recorder. This is your last gig of your European tour because you cancelled Oslo. Why?
Charlie Owen (CO): It’s a bit hard. There was meant to be a gig between here and there and ... in Copenhagen ... in Gothenburg ... it didn’t get confirmed and the hack was to get enough money for the bus to get there and back.
SJ: We risk loosing money if we go to Oslo. And it’s a shame because Carl, the promoter, is a good friend of ours.
HerrN: You played in Mallorca also which is usually a fun place in summer where many German tourists that are very infamous for not behaving well ...
SJ: The English go there and do the same fuckin’ thing.
Gary (G): And the Germans and the English always fight for the best place at the pool with their towels...
SJ: I know! And there were five Australians there and did exactly the same thing and did downgrade the opinion of their country. If the English can insult everybody here and the Germans can insult everybody here the WE can insult everybody here! But they liked us, we were on their local TV show ...

HerrN: So it was not an unusual gig somehow?
SJ: It seemed like that when we arrived, but now it’s just like another. It could have been anywhere in Spain. There are some good Bands in Spain too, you know? There’s a lot of Rock’n’Roll going on there all the time.
HerrN: Why did you cancel your last European tour in autumn 2007? We were awaiting you in Vienna but you didn’t come.
CO: It was not quite organized properly. So we said: you organize it properly and we’ll come back and they sorted it out for us and so we came back. Well, we got the coach. We’re still recovering from that ... from that loss of income.
SJ: Why didn’t we go? There was no money in it.

HerrN: Am I mistaken or is there in Australia a very strong tradition to like the slide-playing guitar?
SJ: No, I think the Americans have a very strong tradition to like the slide-playing. We don’t have it anymore. Every fuckin’ man and his dog plays fuckin’ slide. When we were playin’ slide guitar in 1993 nobody was playin’ slide guitar except some Americans. Now everybody. Two-piece, one-piece, one-man-band, two-piece ...
HerrN: Rose Tattoo had it from the very beginning also.
CO:Yeah, sure. That’s Peter Wells. That’s a different ... Peter Wells is dead. As we all will be ...

HerrN: Lee Hazelwood made a great song with a guy, with Bela B., who is very famous in Germany. It is about the point, that the first song of the day, you hear isn’t always the best one. Do you agree with that?
CO: I agree with everything of Lee Hazelwood.

HerrN: Maybe, we’re gettin’ a little bit closer to that. f it wasn’t for the music would you have survived the 80s and if yes how?
- Aaah, yes, I’d say I would have gone back to architecture.
- Hang on. Maybe no. Did music save us?
- No ... music fucked us up in the 80’s.

HerrN: If you say life is about winning and maybe even a bit more about losing what do you think about the Olympic motto that participating is everything? The question of life: Is participating everything?
CO: Oh, the Olympic connection again. I feel qualified to answer that. I represented Australia in the Olympic marathon. Carrying the flame along the Thessalonici beach. It’s on youtube. I was actually running with a little girl in a wheelchair who was holding the torch. Anyway. What was the question again?
Tony Pola (TP): Oh christ, don’t ask me! I think so; I think that’s true. You should participate in everything.
- No, win!
- Participate!
- Win!
- In order to win you have to participate.
SJ: Charlie is a total winner. Me and Tony we are participants.

HerrN: What do you think Tex is?
SJ: Tex is a very successful artist in Australia.
- So we hate him!
- What was the question?

HerrN: You played at the Sidney Rock For Rights Festival against the Industrial Relations laws of the former government.
TP: No, I refused to do that!
SJ: They’re gone now. We got rid of them. This fuckin Nazi fuckin government is gone. Well, there’s a lot of people in Australia that disagreed with them and fuckin’ got rid of them.
TP: These guys were workin’ all of their lives.
CO: I never worked a fuckin day of my fuckin life.
SJ: Your job is curator of [...] gallery.
CO: Aah! That’s not workin’. That’s standin’ around and pointin’ ... It was about worker’s rights. And we got that government that stripped all these rights and pay and sick benefits and blablablabla. And the right to .... without raise. So there was a big concert in Quicker Ground with a bunch of bands. A union kinda political movement thing.
HerrN: Like Thatcher did in the 80’s ... Once you were asked why there is a new Beasts Of Bourbon-album after nine something years now and Tex answered: “Because we are a curse!” But if that’s so: Who sent you? Who do you aim at with that curse and are you cursed yourself?

CO: The curse affects us; it’s not aimed at the outside world ... that’s about the collective we’re in.
SJ: I don’t think we’re cursed. I know some of us are jinxed.
CO: Sometimes it feels like that. It cannot be spoken about it while you’re here [?], you know.

HerrN: If music was a garden, what kind of vegetable or fruit would the Beasts Of Bourbon be?
- Potatoes.
- Parsley.
- Death lily.
- All the major food groups are represented in the Beasts Of Bourbon.
HerrN: So one is the potato, one is the cucumber ... is that what you’re saying’?
G.: So, you’re some kinda salad?!
- No.
- Something like that.
G.: You’re the Beasts Of Salad?
TP: A fruity salad. You can’t disappoint Irish stew radishes and say that’s my favorite.
- We appreciate everything that has gone down in the garden.
- No, not everything.
- Ask that question again.
- See if you can get a different answer.

HerrN: What was the last good record that you found?
TP: The 500 meters backstroke at the 2000 Olympics ... oh, record! I think the Burlingtons [?] latest album is my favorite.
CO: They supported the Beasts, OK. This all got a Beasts connection. The last one I enjoyed was Kim Salmon and Ron Peno’s new record.
SJ: Fiery Furnaces, Amy Winehouse...
Brian Hooper (BH): Boris Sujdovics is my latest acquisition. The ex-bass-player of the Beasts has a solo record.

HerrN: You played in Vienna a couple of days ago. How was it?
CO: Fantastic. The best! They love us in Vienna. I think, they think we’re Austrian but...
BH: Vienna has always been the same, it has always been strong for us.
SJ: We have friends there.
G.: Did you play with the Pierced Arrows?
- No, a Viennese band.
- Wolfgangfinger ... Rewolfinger
- cooky [?] stuff.
SJ: They covered one of our songs on their record “The Hate Inside”.

HerrN: There is a very famous German Rock-musician, Udo Lindenberg...
G.: Do you actually know German Rock-musicians?
BoB: Some. Blixa Bargeld, Alex Hacke. Nena. Scorpions. "Dai Toten Hosen". Absturzende Brieftauben. Can. Kastrierte Philosophen.
G.: Udo Lindenberg is a quite old guy and he’s wearing always the same hat, for years…
SJ: Now, this is my advice. You must get rid of the hat every couple of years. Very important thing. Anyway, what’s the question?
HerrN: The question is; I’m citing Udo Lindberg who said: “All those young folks in their grey suits that seem to be test-lying in the coffin already during their lifetime you gotta oppose them with Rock’n’Roll.” Can you relate to that? BH: I understand what he’s sayin’ but I don’t think it’s one way or the other. I think that some people who test-drive for the grave play Rock’n’Roll too.

G.: In my opinion, he is referring to all the Emo-kids ...
TP: That’s Rock’n’Roll. It’s all fuckin’ Rock’n’Roll.
HerrN: You think so? I think, he’s talking about bank clerks ...
SJ: Just see, Pierced Arrows, they are 60 now...
BH: Rock’n’Roll has been around for nearly 60 years now. Of course there’s gonna be old Rock’n’Rollers.
- Next!

G.: I just know some old Australian Punk bands. Can you tell me if they still exist? What about Bored? Are they still around?
SJ: Kind of. They are actually doing a gig soon with the original line-up, except maybe Buzz won’t do it but I think they’re gonna try and make that happen. Dave Thomas’s band just recently broke up so he’s not doin’ shit, he’s painting. John Nolan, the original guitarist from the Bored is playing in my group at the moment. Well, it is not like Bored. It’s songs but he makes them sound great.
G.: Do you know this record with the 24 versions of Stairway to heaven? There is this one version of Rolf Harris. Do you know if he is still alive?
BH: I was born where he was born. I lived down the river. He’s in London. He’s from Perth where these two guys are from. He used to swim outside my parent’s house in the river.
SJ: In the 60s. But he’s an old man. I mean real old. Older than this. That album was a marketing idea somebody gave to him that he made a lot of money out of. A well-known speed-painter. In three minutes he can paint something really good.
G.: So he makes a lot of pictures a day.
HerrN: At least he got cool working’ hours. If you make one picture a day you work for three minutes and then you take the rest of the day off.
G.: And a picture a day keeps the doctor away...
CO: Did you guys smoke the joint or did we?

HerrN: Usually you would ask bands about their future plans. But I sense that this is a bit difficult with the Beasts of Bourbon. Is it possible to ask the Beasts Of Bourbon about their future plans or is it just like when you’re in the mood or when you’re in the same town...
SJ: What we’re planning is like getting home tomorrow. That’s our latest plan. We’re working on it as we speak.
CO: The Beasts just seem to slumber for a while, then wake up again. You know, when all the wounds have healed up and all the scars have settled down and the rashes have gone away ...
BH: I heard Tex describe it once as getting your old car out of the garage for a Sunday drive. I like that one.
HerrN: So which car would that be?
SJ: 55 DeSoto. Chrome shark’s teeth on the front
- ... a smashed up one.
- 63 Chrysler Royal.

HerrN: The last song of your current album is a “Thank You”-song. You’re thanking somebody for many things and right now almost after the tour, do you have the feeling that you have to thank somebody?
TP: Not at all.
SJ: That song is ironic. Irony. Brian, you’re very good explaining irony.

HerrN: It was kind of irritating on the homepage about the annoncement of the gig. Your name was the third one. I think everybody knows that Dead Moon somehow retired. That’s what you could read on the homepage. Nobody knows the name Pierced Arrows. So, you are the headliners today, right?
SJ: A lot of people don’t know about the Pierced Arrows. People who are Dead Moon-fans don’t know it. The guy was saying that if it was Dead Moon advertised there would probably be 800 people there. But no one knows they exist and they’ve started again from scratch.
- We still have our brand name a little bit of dignity. Not much, just enough.
G.: I wonder if they will only play Dead Moon-songs.
SJ: No, they play a lot of different things. They played this version of Neil Young’s “Mr. Soul” which I didn’t recognize till right near the end. Perhaps they do maybe “54/ 40 or Fight” in the encore. Maybe two or three. It’s good to see them again. Those fabulous 60-year-old husband and wife. They’re a great jewel.

Text: Gary Flanell, Hr. Nals

Mittwoch, 16. September 2015

Gitarre, Stein, Punk

Freddy Fudd Pucker

Für einen echten Freddie Fuddpucker braucht man etwas Tequila, ein bißchen O-Saft, einen Schuss Galliano-Likör und zur Abrundung ein Scheibchen Orange. Das weiß jeder Nachwuchscocktail-Schüttler. Die Zutaten für die gleichnamige One-Man-band sind etwas andere: Gitarre, Banjo, ein Bass-Drum-Pedal, ein alter Koffer und ein Stein. Wichtigste Ingredienz für den gelungenen Akustik-Punkrockabend ist aber ein in Berlin ansässiger Neuseeländer. Von dem handelt dieser Text und erschienen ist er ursprünglich in Renfield No. 29.

Die allererste Präsentation der Kurzgeschichtensammlung „Stuntman unter Wasser“ von Gary Flanell war eine Premiere in zweierlei Hinsicht. Denn zum ersten Mal wurde ich bei einer Lesung musikalisch von FREDDY FUDD PUCKER begleitet. Das passte sehr gut, denn für ein Punkrock-affines Publikum, wie man es bei einer Lesung in einer Kreuzberger Bar wie dem FRANKEN erwarten darf, ist FFP die perfekte musikalische Unterstützung.
Mit spürbarem Punkspirit (soll heißen: Ordentlich schnell gespielt und selten mehr als drei Akkorde) prescht FFP durch sein Set, begleitet von den kräftigen Schlägen des Bassdrum-Pedals auf den alten Koffer, den er vor sich aufgebaut hat. Live verbindet Tom also zwei Elemente: Einerseits das mittlerweile schon weit verbreitete Akustik-Punkrock-Ding mit hörbaren Folk-Elementen, wie es Chuck Ragan oder Frank Turner schon seit Jahren zelebrieren und zum anderen den Charme einer echten, kernigen One-Man-Band. Letzteres allerdings ohne komplett im Trash zu versinken, wie man es von vielen dieser Acts kennt.

September 2014: Der Landwehrkanal im Sonnenschein ist eine angenehme Kulisse für ein Interview mit Tom, dem Mann hinter FREDDY FUDD PUCKER. Auf einer Bank sitzend, plätschert vor uns der Kanal samt Ausflugsbooten dahin und hinter uns klickern die Kugeln der Boulespieler im Kies. Es gibt unangenehmere Orte in Berlin, an denen man sich zum Gespräch treffen kann. Überhaupt Berlin. Menschen aus allen möglichen Ländern trifft man hier alle Nase lang, Neuseeländer sind aber eher selten darunter. Warum, frage ich mich da als Geburtswestfale mit Blick auf die triste Kulisse der eigenen Herkunft, sollte man dieses kleine niedliche Land überhaupt verlassen. Neuseeland mag ein sehr schönes Land sein, pflichtet Tom bei, ist aber was das kulturelle Angebot und die Möglichkeiten zum Touren angeht, doch recht limitiert. Australien kommt als nächstgelegene Alternative für ihn auch nicht in Frage, auch wenn sich da gut Geld verdienen ist, das politische Klima aber recht fragwürdig ist – man denke nur kurz an die Aktionen, die die australische Regierung gegen illegale Flüchtlinge fährt. So hat es Tom, nach kurzen Aufenthalten in Melbourne und in den USA, nach Berlin verschlagen. Mittlerweile immerhin seit 18 Monaten. Warum gerade hierhin, erklärt sich für ihn, auch mit Blick auf andere Teile Deutschlands, recht leicht: „Ich glaube, der Rest von Deutschland sieht Berlin immer ein bisschen als Schande, als wäre es eine Stadt der Sünde. Politisch und wirtschaftlich ist Deutschland recht konservativ, und dann gibt es da Berlin, das sehr multikulturell geprägt ist. Natürlich ist es sowas wie die Sin City, es gibt hier ja unglaublich viele Betrunkene. Aber das ist natürlich das, was so eine Stadt cool macht.“

Klar ist aber auch, dass es ein bisschen mehr braucht, als bloß nach Berlin zu ziehen und zu hoffen, die so ersehnte Coolness sich von alleine durch den Wohnungswechsel einstellt. Auch das sieht Tom ähnlich: “Du kannst nicht einfach hier her kommen und glauben, dass in Berlin leben nur cool ist. Du musst schon Teil davon werden und dich einbringen. Jeder trägt eine Menge Probleme mit sich herum. Ich denke, Kreativität an sich ist es, diesen Scheiß in etwas Schönes oder Konstruktives umzuwandeln. Viele Leute kommen ja in genau diese Städte, wo die Menschen schon coole Dinge tun, aber du musst was Cooles aus deinen eigenen Sachen machen.“


Seltsamerweise ist FFP live gar nicht so häufig in Berliner Clubs anzutreffen, vielmehr stellt sich der Eindruck ein, dass Tom die Stadt eher als Rückzugsraum sieht. “Letztes Jahr habe ich ungefähr 100 Gigs gespielt, in den Staaten, in Europa, Belgien, Schweiz, Deutschland, Österreich. Berlin ist für mich eher der Ort, um andere Dinge zu tun, andere Projekte zu verfolgen oder über meine Erfahrungen hier zu schreiben. Wahrscheinlich könnte ich hier jeden Tag irgendwo ein FFP-Konzert spielen, aber dann könnte ich ja gar nicht zu anderen Konzerten gehen. Ich weiß, dass ich mir da etwas widerspreche, was das Einbringen in diese Stadt angeht, aber ich liebe es auch, kleine Städte auf Tour zu sehen.“

Und so stehen dann nicht selten Metropolen wie Künzelsau oder Kaufbeuren auf dem Tourplan. Klar ist auch: Touren ist anstrengend, egal in welches Kaff es einen dabei verschlägt. Bleibt die Frage, warum sich der Mann das als Solo-Kunstwerk überhaupt antut. „Klar ist das anstrengend“ weiß Tom, „die Fahrerei, das Booking, Auftritt, die Unterhaltungen danach, aber das ist genau, was mich am Laufen hält. Du kannst das nicht für immer machen, aber wenn eine Tour dann vorbei ist, ist man am nächsten Tag erst mal ziemlich depressiv“.

Freizeitkoller hieß das früher, wenn man als Kid nach drei Wochen Jugendfreizeit mit einer Bande anderer Kids wieder zurück nach Hause in den drögen Alltag musste. Auf die FFP-Touren bezogen, hat auch der Berliner Alltag nicht immer solche Höhepunkte parat, wie zum Beispiel den Opener für die Skatepunkhelden von SNFU zu geben. Ein ziemlich besonderes Ereignis für Tom: „Das ist schon eine ziemlich verrückte Sache, mit deinen musikalischen Helden zu spielen. Nicht so sehr, weil man hinterher für die Vita sagen kann “Ich habe mal mit SNFU gespielt“, sondern, weil es so nett ist, diese Typen zu treffen. Und die sind nun mal einfach nett. Das ist wohl der Grund, warum sie das so lange machen. Klar, hat die Besetzung oft gewechselt, aber Chi Pig, der ist wirklich ein Individualist und hat mit 50 Jahren noch sehr viel Energie.“

Seltsamerweise funktioniert die Kombination aus dem Akustikgitarren-Einzelkämpfer und größeren Punkrockbands sehr gut. Größe ist hier allerdings eher auf die Zahl der Band Mitglieder zu beziehen und nicht auf den Bekanntheitsgrad. Sowieso zieht es Tom vor, kleinere Punkrockshows zu spielen und wenn nur die P.A. groß genug ist, hat auch ein Fredd-Fudd-Pucker-Set genug Energie, damit die Sache funktioniert. Und auch das Publikum ist meist zufrieden, wenn statt der erwarteten Vorband ein einziger Typ Leben in die Bude bringt „Ich glaube, für 1-2 Songs fragen sich alle, was ich da überhaupt mache. Aber danach gibt es normalerweise immer eine ganz gute Reaktion, weil die Leute eben nicht einfach eine Band sehen wollen, die das gleiche wie SNFU macht, aber nicht so gut. Da ist es dann eine große Überraschung, mich alleine auf der Bühne zu sehen. Und es passt auch deshalb, weil es auch Punkrock ist. Laut und schnell“.

Wobei man, allein von der Instrumentierung – Akustikgitarre, Banjo und Drumkoffer, FFP schnell mal in die Folk/Countrykiste stecken könnte. Die Verbindung zwischen diesen Stilen ist aber offensichtlich da. Das merken mittlerweile immer mehr Punkrocker, die sich mal unverstärkt mit ihren Songs auf die Bühne trauen. Auch Tom sieht da durchaus Parallelen „Vielleicht haben manche Leute eine sehr begrenzte Sicht auf Punkrock. Aber die Idee ist ja eigentlich, das du etwas machst, was du wirklich aus dir heraus machen musst. Du kannst es nicht nicht tun. Und es ist nicht so, dass ich hoffe, dass FFP größer und größer wird. Ich kann es einfach nicht lassen. Und das ist das Ding mit Punkrock. Du musst es einfach tun, egal wie es ausgeht. Bands, die nicht so drauf sind, halten nicht lange durch“.

Guter Punkt. Oft genug scheinen junge Bands einen zu großen Ehrgeiz an den Tag zu legen und stürzen sich mit der Erwartung in die Punkrockwelt, dass sie in zwei Jahren die richtig dicken Shows spielen. Wenn das dann nicht so ist, ist recht bald Schicht mit der Band. Das Verständnis von Punk sollte also ein ganz anderes sein. Was auch Tom so sieht: „Du musst es halt mögen, diese kleinen Scheißtouren in den winzigen Clubs zu machen. Ich mochte große Clubs noch nie. Wenn mehr als 200 Leute kommen, dann muss es schon was richtig gutes sein. Ich komme klar damit, NEUROSIS mit 500 anderen zu sehen, aber ich würde es natürlich lieben, wenn es nur 50 wären.“

Auch wenn Tom FFP nun schon seit Jahren in der kleinstmöglichen Besetzung betreibt, hat er die Idee, das Projekt mal auf die Größe einer „richtigen“ Band auszuweiten nie so ganz aus dem Kopf bekommen. „Dran gedacht habe ich schon viele Male, hab’s dann aber nie getan“ gibt er offen zu, „Vor Jahren habe ich mal Aufnahmen gemacht, bei denen ein paar Freunde Bass und Drums gespielt haben. Danach war ich noch drei Jahre mit meiner Ex-Freundin unterwegs, die Akkordeon gespielt hat. Aber so ein richtiges Band-Ding wollte ich schon immer mal haben“.

Das richtige „Band-Ding“ entwickelt sich nun möglicherweise abseits von FFP. Mehr aus einer Partylaune heraus haben sich in den letzten Monaten die LOVEBURGERS gegründet, bei denen Tom ab und an auch spielt. Ein Projekt mit Leuten aus Berlin und Braunschweig, das live einfache, aber stimmungsvolle Punkrocksongs hinzaubert.

Hört man sich die mittlerweile acht Alben auf der Bandcamp-Seite von FREDDY FUDD PUCKER an, gibt zumindest die “Albatross”-CD ungefähr eine Vorstellung davon, wie das wäre, wenn FFP eine „normale“, mehrköpfige Band wäre. Die Aufnahmen hat Tom mit seinem Bruder und einem Freund noch in Neuseeland gemacht und wäre das die normale Besetzung, hätte diese Band durchaus ihre Berechtigung mit einem Sound, der an Bands auf NO IDEA oder GUNNER Records erinnert. Das eigentlich Schöne an den Songs von FFP ist aber ihre Vielfalt. Klar finden sich da wunderbare Folk-Punkperlen, andererseits aber auch überraschende Stücke, die ganz ruhig sind, etwas experimentell wirken oder auch nur von einem Piano begleitet werden.


Verschiedene Dinge und Instrumente auszuprobieren hat für Tom sowieso eine sehr lange Tradition. „Ein bisschen vermisse ich das schon. Als ich angefangen habe, Musik zu machen, habe ich im Wohnzimmer meiner Eltern gespielt. Wir hatten da so ein kleines Studio, sehr einfaches Set Up und da habe ich schon immer mit verschiedenen Sachen rumexperimentiert. Mittlerweile ist das FFP-Songwriting zwar um einiges besser, aber dafür es ist schwerer, mal wieder zu experimentieren, wenn ich Songs schreibe, die ich auch live spielen will.“

Bei all den Experimenten, die er schon früher veranstaltet hat, wurde er beim Musikmachen schon sehr früh gefördert. „Mein Vater ist Musiker und meine Eltern haben mich darin schon immer sehr unterstützt. Als Kind musste ich Klavier spielen. Ich hab’s gehasst. Aber jetzt bi n ich sehr froh, dass ich das machen musste, weil dadurch die Liebe zur Musik schon sehr früh da war. Mit zehn oder so habe ich dann mit dem Klavier aufgehört. Als ich dann Nirvana gehört habe, habe ich Gitarre spielen gelernt und Songs wie „Come as you are“ oder „Smells like teen Spirit“ draufgeschafft.“

Neben gutem Songwriting und ausgiebigen Touren, wird für eine Band, egal ob ein der zehn Leute mitspielen, auch das Artwork der Platten immer wichtiger. Im Fall von FFP lassen sich die guten Covermotive der bisherigen Releases zwar auch im Internet besichtigen, richtig beeindruckend ist zumindest die aktuelle CD, wenn man sie samt Beiheft in den Händen hält.
Die CD steckt nämlich nicht einfach in einer lahmen Hülle, sondern ist Teil eines Comic-Zines, für das Tom ganz D.I.Y.-mäßig alle Lyrics mit Comics und Zeichnungen versehen hat. Deshalb haben wir die Gunst der Stunde gleich mal genutzt und haben auch das Cover dieser Renfield-Ausgabe von Tom gestalten lassen.

Es zeigt sich also, dass FFP nicht einfach bei der Musik aufhört, die Kunst der Verpackung gehört auch dazu, wie Tom erläutert. „Natürlich geht es bei FFP in erster Linie um Musik. Aber ich zeichne auch und schreibe auch Gedichte. Der Grund, warum es dieses Zine gibt, ist einfach, weil CDs an sich scheiße sind. Niemand will eine verdammte CD. Ich habe im Moment kein Geld für eine Vinylplatte, aber ich finde, man muss die CD zu etwas Speziellem für die Leute machen. Dann ist es mehr als einfach nur die blöde CD, also muss man ihnen was dazugeben, das speziell ist, etwas, das man sonst nicht bekommt. Das finde ich wichtig. Sachen an Leute zu verkaufen ist mir immer etwas peinlich. Eigentlich ist es mir sehr unangenehm, dass Leute mir Geld geben. Ich hasse Geld. Und CDs sind ja nur Plastik. Als ich mit Musik aufgewachsen bin, habe ich schon immer auch das Artwork einer Platte geliebt. Ich habe „In Utero“ von Nirvana gehört, mir dabei das Artwork angeschaut und fand das großartig. Sehr verrückt und verdreht. Man ist total eingefangen, wenn man eine Platte hört und sich die Grafiken dazu anschaut.“

Bald ist eine halbe Stunde entspannte Plauderei vorbei, das Bier ausgetrunken, und Tom muss zur Arbeit ins RAMONES-Museum. Zeit, um letzte Dinge zu klären. Zum Beispiel, was es mit dem Stein auf sich hat, den er bei jedem Konzert besorgt und danach im Laden hinterlässt.

“Das ist eigentlich ein Ritual, das natürlich seinen Grund hat. Der Stein ist dazu da, den Koffer zu beschweren, wenn ich darauf Bassdrum spiele. Das Lustige ist allerdings, dass ich auf Tour nie ein und denselben Stein dafür mit in den Van packe. Hab ich noch nie gemacht. Ich suche mir vor Ort immer einen neuen Stein. Eine halbe Stunde vorm Soundcheck gehe ich immer raus, nehme einen Drink und schaue mich nach Steinen um. Ich denke schon, dass das ein Ritual ist. In Berlin ist das recht einfach, hier liegen ja überall Steine rum. Aber wenn du in einer recht sauberen Stadt bist, ist das nicht so leicht.“

Freddy Fudd Pucker zum Anhören.

Gary Flanell

Dienstag, 8. September 2015

EINE BEÄNGSTIGENDE PERSPEKTIVE...

ABER HERRLICH!

Steve Gunn Man könnte sagen, der Junge hat einen Lauf. Die Kritiken überschlagen sich von Norden nach Süden, die Plattenfirmen prügeln sich um ihn, die Tour mit Wilco steht, letztes Jahr wurden bereits die großen Hallen mit den Freunden von War On Drugs besucht. Und was macht Steve Gunn?

Er spielt und spielt und spielt Gitarre. Was er halt immer gemacht hat. Nach unzähligen Veröffentlichungen als Solokünstler, Kollaborateur und Bandmitglied, nach Experimenten mit Drone, indischen Ragas, nach halbstündigen Instrumentalstücken in der Tradition von John Fahey und Konsorten kam dann 2013 die erste Veröffentlichung im Bandgewand und als Sänger mit dem Album „Time Off“.

Manchmal noch etwas zaghaft und auch noch sehr dem amerikanischen Folk zugewandt. Jetzt mit „Way out Weather“ hat Steve Gunn endgültig seine eigene musikalische Sprache gefunden. Über locker gesponnene Arrangements wandern die Songs durch den Hörer, die Sonne reißt nach dem Regen die Wolkendecke auf, der Himmel ist weit und ein Auto mit ein paar Freunden fährt Richtung Süden. Der Mann scheint seinen Frieden mit sich gemacht zu haben. Unter dieser musikalisch harmonischen Decke behandelt Gunn textlich allerdings zum Teil weniger erfreuliche Dinge. Dass der Mann aus Philadelphia sich das alles in Brooklyn ausgedacht hat, wo er mittlerweile lebt, ist erstaunlich, klingt es doch eher nach weiter Landschaft und dichten Wäldern als nach hohen Häusern.

Somit hat Steve Gunn jetzt das beste beider Welten, kann auf dem neuen Label „Matador“ als Sänger und Bandleader seine Songs veröffentlichen und ansonsten weiterhin seinen Kollaborationen und seiner Vorliebe für instrumentale Gitarrenmusik frönen, zum Beispiel mit dem grandiosen Gunn/Trucsinski Duo. Also einfach wie immer den ganzen Tag Musik machen. Zwischen all dem hatte ich Gelegenheit ein kleines Gespräch mit Steve Gunn zu führen.


Text: Till Kober

Till: Meiner Meinung nach hast du mit „way out weather“ eine starke Veränderung zu deiner früheren Arbeit vollzogen, auch zu „Time Off“. Ich finde es sehr seltsam, dass du immer noch mit John Fahey verglichen wirst, zum Beispiel „Milly´s Garden“ klingt ja eher wie einer der besten Songs den „the Go-Betweens“ nie geschrieben haben. Mit all den Melodien und Hooklines hat das Album einen starken Pop-Appeal. Was sind deine Pop Einflüsse?

Steve Gunn: Stimmt, ich finde es ebenfalls sehr schräg immer noch mit Fahey verglichen zu werden. Seine Musik und seine Art zu spielen hatten natürlich einen sehr grossen Einfluss auf mich, aber ich denke ich habe mich von diesem doch sehr speziellen Sound entfernt. Einige Leute kennen sicherlich diesen Einfluss, aber meine letzte Platte als Beispiel dafür zu nehmen, das macht sicher keinen Sinn. Sehr lustig, daß du die Go Betweens erwähnst, ich bin grosser Fan.
Vor ungefähr 15 Jahren habe ich sie sehr viel gehört und immer gedacht „was für ein grossartiges Songwriting“. Ich war auch ein grosser Fan von The Smiths als ich aufwuchs und bin bis heute sehr beeindruckt von Johnny Marrs´Gitarren-Arrangements auf den Alben. Und, obwohl ich immer eher so der Stones-Typ gewesen bin, habe ich mir The Beatles jetzt doch mal genau angehört, auf der letzten Tour gingen wir durch eine richtige Beatles-Phase. Es hat etwas gedauert, aber jetzt bin ich Fan.

T.: Dein Gitarrenspiel steht jetzt nicht mehr so im Vordergrund, es verschmilzt im Arrangement und der Song steht im Mittelpunkt. Wie war dein Prozess ein so guter Songwriter zu werden? Hast du den Focus mehr auf deinen Gesang gelegt?
S.G.: Ja, Gesang war ein wichtiger Focus für mich in den letzten Jahren. Ich wollte auch diese Art des schüchternen Gesangs endgültig ablegen. Ich habe weniger an komplizierten Gitarren-Arrangements gearbeitet, sondern versucht etwas Einfaches zu finden, was zum Gesang passte. Ich habe mehr Zeit in Songwriting investiert. Beides, Gesang und Songs schreiben, das war etwas Neues für mich.



T.: Townes van Zandt sagte immer, die Lieder kämen einfach zu ihm, er müsse sie nur greifen, selbst in seinen Träumen. Gerade wurde Lyle Lovett in einem Interview gefragt ob er an neuen Songs arbeitet und er hat geantwortet: “Ja, ich lasse die Türen und Fenster auf.“ Ist es für dich auch so leicht oder musst du richtig hart arbeiten?

S.G.: Naja, manche Lieder kommen einfach, andere nicht. Für mich ist es wichtiger einen Fokus zu haben und dann kommen die Ideen, hoffentlich. Es ist viel Arbeit, in den Zustand zu kommen, wo alles fließen kann.

T.: Stimmt, dieser Zustand ist wichtig, wenn man aber am Tag acht Stunden im Call Center arbeitet, ist das gar nicht so einfach.
S.G.: Das ist wahr, ich habe das jahrelang so gemacht! Im Moment habe ich etwas freie Zeit nach all den Touren, es ist das erste Mal das ich mich allein auf die Musik konzentriere. Eine etwas beängstigende Aussicht, aber wundervoll.

T.: Alles was ihr auf dem Album macht klingt sehr leicht, als wäre es einfach zu spielen, was es selbstverständlich nicht ist. Wie wichtig war deine Band für den Sound? Sicherlich hätte man die Magie am Anfang von „Wildwood“ mit einem anderen Schlagzeuger nicht so leicht erzeugen können...wie lange spielst du schon mit ihnen?

S.G.: Der Sound war für uns der wichtigste Aspekt bei diesen Aufnahmen. Wir haben sehr hart gearbeitet um den richtigen Klang zu haben und das richtige Gefühl zu erzeugen. Der Schlagzeuger bei den Aufnahmen ist John Truscinski, mit ihm spiele ich schon fast 10 Jahre. Wir haben auf jeden Fall ein großes musikalisches Verständnis und ein Gefühl für den Song. Wir haben die Arrangements sehr offen gehalten, das hört man ja auch wie ich glaube.

T.: Ich hatte übrigens zunächst Schwierigkeiten deine Musik nach New York zu verorten und beides zusammen zu bringen. Ich glaube, man kann in der Musik immer auch die Landschaft hören in der sie entstanden ist.
S.G.: Das bemerke ich auch in sehr viel Musik die ich höre, Landschaft und Umgebung haben sicherlich einen großen Einfluss auf Musik. Ich denke, Musik kann aber auch ihre eigene Landschaft erschaffen. Bei mir ist es definitiv eine Mixtur aus derzeitiger Umgebung und Dingen die mir durch den Kopf gehen.

T.: „Old Strange“ ist für und über Jack Rose. Was für ein Verhältnis hattet ihr?
S.G.: Jack war ein Freund und jemand, zu dem ich aufgeschaut habe. In Philadelphia haben wir uns viel gesehen und ich habe miterlebt wie er immer und immer besser wurde, ein Meister seiner Art. Er war eine riesige Inspiration und: er hat eine Menge unterstützende Dinge zu mir gesagt...was mir enorm viel bedeutet.

T.: Live spielst du mittlerweile auch viel elektrische Gitarre, ich finde, Fingerpicking und elektrische Gitarre sollte doch wieder mehr in Mode kommen, Clarence White bei den Byrds fällt mir dabei ein. Wer sind deine favorisierten E-Gitarren Spieler?
S.G.: Django Reinhardt, Jimi Hendrix, Loren Conners, Eddie Hazel, Tom Carter T.: Du scheinst recht bewandert in der Musikgeschichte. Bist du ein Plattensammler/Nerd? Welche Musik hörst du im Augenblick?

S.G.: In diesem Augenblick höre ich „Stuntman“ von Edgar Froese, der ja Tangerine Dream gegründet hat. Ansonsten: The Hired Hand Soundtrack - Bruce Langhorne - Alexis Zoumbas: A Lament for Epirus 1926-1928 - Native North America: Aboriginal Folk, Rock and Country 1966-1985 - Bob Dylan & the Band Basement Tapes ReIssue -Bill Withers Wilburn Burchette - Yin & Yang

T.: Oh, Alexis Zoumbas und Wilburn Burchette, zwei tolle Platten, anscheinend sind wir beide ziemliche Nerds...

„Way Out Weather“ von Steve Gunn ist bei Paradise of Bachelors erschienen.

Mittwoch, 2. September 2015

Der mit dem Licht spielt



Zugegeben, Pencil Quincy ist einer, den man auf der Bühne nicht so ganz schnell wahrnimmt. Eher so der etwas ruhige Typ im Hintergrund, ohne den aber vieles nicht laufen würde. Bei der Diamond Road Show findet man ihn am Bühnenrand, wo er zu zu Digger Barnes Country-Songs der eine wunderbare Licht- und Bildershow hinzaubert. Dazu ist auch noch für das Artwork der Barnes-Platten verantwortlich und hat auch für das Bei Roy/Bei Ruth in Neukölln einige Konzertplakate gestaltet. Bei ALTE SAU unterstützt er Jens Rachut am Schlagzeug und davon ab findet man ihn in vielen Projekten, auch wenn er dank der satten Zahl von Pseudonymen, nicht immer leicht auszumachen ist. Alles gute Gründe, um Mr. Quincy mal ein paar Fragen zu seinem Schaffen zu stellen.

Gary: Hallo Pencil, die Diamond Road Show von dir und Digger Barnes gibt‘s jetzt schon seit 9 Jahren, Würdest du sagen, dass ihr einen bestimmten Rhythmus entwickelt habt? Dass ihr sagt, im Herbst gehen wir auf Tour und vorher machen wir ein neues Programm?
Pencil Quincy: Es gibt immer so Phasen, wo wir ein bisschen mehr machen und dann ein bisschen weniger, wenn wir beide noch in anderen Projekten zu tu haben. Es gibt so was wie einen 2-Jahres-Rhythmus. Die letzten 6 Jahre war es so, dass Digger immer in etwa im Abstand von zwei Jahren drei Platten rausgebracht hat. Das hat sich dann immer angeboten, die Platten zu betouren. Das war dann oft im Herbst. wir haben aber nicht so einen strengen Masterplan, weil wir beide ja auch noch Theaterprojekte machen. Und ich habe noch eine Band und dann muss man immer wieder neu planen, wie es dann so passt.

G.: Wie seid ihr auf die Idee gekommen, gemeinsam so ein Projekt von bewegten Bildern und Musik zu machen?
P.: Wir haben früher zusammen in Bands gespielt. Da habe ich Schlagzeug gespielt, eher so Krustenkram. Ich hab dann parallel so einem Kunstprojekt mit Itty Minchesta angefangen, die später das BEI ROY in Berlin ins Leben gerufen hat. Das Projekt heißt ATOMBUSENTRANSPORTE. Da habe ich dann einmal so was Ähnliches wie diese Magic Machine gehabt. Das hat Digger gesehen. Das war in der Zeit, wo er angefangen hat, solo so Singer/Songwriterzeug zu machen. Er fand das gut und ich habe gleichzeitig auch gemerkt, dass das gut zu so einer ruhigen Musik passt, weil man das mit der Art, wie ich Bilder produziere, ganz gemütlich machen kann. Dann haben wir angefangen was zu machen, weil wir auch wieder zusammen unterwegs sein wollten. Wir haben beide eine Vorliebe für Roadmovies und haben dann die Diamond Roadshow entwickelt.

G.: Glaubst du, dass viele Leute die Bilder der Diamond Roadshow gar nicht als zwei gleichwertige Teile sehen, sondern die Magic Machine Show als nette Lichtshow eines Digger-Barnes-Gigs?
P.: Es gibt da unterschiedliche Vorlieben beim Publikum. Es gibt Leute, die kommen wegen Digger Barnes und der Atmosphäre. Einige kriegen auch gar nicht mit, dass ich die Projektionen live und per Hand mache. Es kommen auch öfters Leute nach der Show und wundern sich und fragen, was ich da am Rand so mache und denken das ist so ein Flash-Film oder so was. Das ist die eine Fraktion. Dann gibt es die Leute, die eher kommen, weil sie sich für die Bilder interessieren, weil sie davon schon mal gehört haben. Ich glaube schon, dass Digger Barnes etwas mehr im Vordergrund steht. Darauf ist es mit ihm als Frontfigur ja auch angelegt. Manchmal ist es ein bisschen schwierig, es so anzukündigen, ob es ein Digger-Barnes-Solokonzert ist oder ob es sich um die Diamond Roadshow handelt. Wir versuchen das schon immer so zu sagen.


G.: Jetzt kann man sich natürlich fragen, warum du das denn alles nicht mit dem Computer machst? Was gefällt dir denn an dieser handgemachten Lichtshow mit Filmprojektor, Figuren und Plattenspieler am besten?
P.: Ich habe nicht generell was gegen Computer, aber gerade live finde ich das nicht so reizvoll. Weil ich auch aus so Bandzusammenhängen komme, mag ich live gern ein Instrument spielen, deswegen mach ich das so gern. Bevor der Film richtig da war, gab es so prä-kinematografische Shows, Da gab es so verschiedene Entwicklungsstufen und das ist sehr interessant für mich. Der ganze Weg von der Camera Obscura und der Laterna Magica bis hin zum Kino und Fernsehen. Die Laterna Magica war ja das erste Projektionsgerät, ähnlich wie ein Diaprojektor. Da haben die Leute schon schnell angefangen, ganz einfache Animationen zu machen. Da war schon das Bedürfnis da, dass sich das Bild bewegt. Dass es durch die Veränderung des Lichts lebendig wird. Das sind Sachen, die mich sehr interessieren. Das ist ja dann auch verlorengegangen. Es kamen dann Filmkameras und Projektoren und dann brauchte man live nicht mehr so zaubern. Es ist aber etwas anderes, was dann da rauskommt. Was man benutzt, hat ja schon Einfluss darauf, wie es am Ende aussieht. Oder welche Entscheidungen man trifft.

G.: Ist der Ablauf bei der Diamond Road Show immer derselbe oder improvisiert du auch mal?
P.: Es gibt so grobe Richtlinien, zu welchem Song ich welche Landschaften und Bilder ich aufmache. Aber ich habe relativ große Freiheiten, wie ich das dann beleuchte und in welchem Rhythmus sich was ändert. Das ist bei jeder Show schon immer so ein bisschen anders. Wenn man ein Instrument und einen Song spielt, dann hat man ja im Prinzip auch ein bisschen Freiraum, den Song mal so und an einem anderen mal so zu spielen. So ähnlich ist das eigentlich auch. Ich könnte mir jetzt nicht vorstellen, die Filme vorzuproduzieren, weil das vom Timing mit Digger schwierig wäre. Für mich ist es schon der Reiz, dass ich was mit den Händen mache, Lampen benutze, kleine Tricks machen kann. Ich finde es auch angenehm, dass es mich auf eine gewisse Art auch limitiert und ich versuche, in dem Rahmen alles Mögliche rauszuholen.

G.: Ich bin bisher nur auf von Lesereisen gewesen, war aber schon nach ein paar Tagen ziemlich erschöpft. Hast du einen Tipp, wie man das 1-2 Wochen durchsteht ohne hinterher total fertig zu sein?
P.: Es kommt immer drauf an, wie viel man sich zumuten will. Ich finde es aber sehr angenehm auf Tour zu sein, weil ich sonst in meinem Alltag sehr spontan reagieren muss, was ich mache, wegen Selbstständigkeit und so. Auf Tour ich immer ganz entspannt, weil dann klar ist: Der ist jetzt zwei Wochen auf Tour, wir haben jeden Tag einen Auftritt, vielleicht mal einen Off-Day, aber im Prinzip weiß ich jeden Tag genau, was passiert. Ich fahre dahin, dann baue ich auf, dann gibt es Soundcheck, irgendwann gibt’s was essen, dann spielen wir, dann schnack ich mit Leuten oder treffe alte Bekannte und am nächsten Tag geht es wieder von vorne los. Ich finde, das ist ein sehr entspannter Zustand.

G.: Warst du eigentlich schon mal in den USA und hast so einen richtigen Roadtrip gemacht?
P.: Ich war einmal in Kalifornien mit Itty Minchesta. Da hatte ich mit einem Electro-Trash-Punk-Projekt ein paar Auftritte. Das hat mir sehr gut gefallen. Mit Digger Barnes hat das noch nicht geklappt. Es gibt zwar immer so Connections, aber man muss sich ja auch leisten können, da zu touren. Das ist ja weniger kuschelig, als in Deutschland, wie ich gehört habe. Die paar Konzerte, die ich da gespielt habe, waren supernett. Aber das war nicht so, dass man das damit hätte finanzieren können.

G.: Was ist eigentlich Atombusentransporte?
P.: Atombusentransporte haben Itty Minchesta und ich 1999 gegründet. Am Anfang war das auch so eine Roadshownummer. Itty hatte sich einen LKW gekauft, in dem sie auch gewohnt hat, und den haben wir dann Atombusentransporte getauft. Wir sagen immer, das ist ein Forschungsprojekt, weil wir immer ganz viel ausprobieren. Am Anfang sind wir direkt auf Tour gegangen und hatten eine kleine Punkband. Mit der haben wir wirklich peinliche Punklieder zum Thema Sex gecovert. Wir hatten eine Videokabine, wo wir alternative Sexfilme gezeigt haben. Das war 1999, da hatten wir so ein großes Interesse an der Auseinandersetzung mit Genderfragen. Aus dieser ersten Tour sind dann andere Projekte entstanden. Das alles hat immer dieses Label Atombusentransporte. Dann hatten wir verschiedene Bands. In den letzten Jahren haben wir eher so Lecture-Performances gemacht. Da hat Itty dann gelesen und ich habe Bühnenbilder gebaut. Für mich ist das immer eine gute Gelegenheit, Sachen auszuprobieren. Es geht auch viel mehr darum, sich thematisch mit Sachen zu beschäftigen.

G.: Pencil Quincy, Dr. Legasto, Raoul Doré - Ich finde es ganz interessant, dass du gern Pseudonyme benutzt. Warum eigentlich so viele?
P.: Ich brauchte immer einen neuen Namen für das jeweilige Projekt. Gerade bei den Atombusentransportenm hab ich immer Masken und Kostüme benutzt. Es ging auch mal darum die Autorenschaft zu verwischen und das Spiel damit die eigene Identität zu wechseln. Das hat sich dann so eingespielt, dass ich verschiedene Namen habe. Mich nervt das manchmal selber manchmal mittlerweile, weil es schwierig ist, das zu unterscheiden: Wie heiße ich denn jetzt bei dem Projekt? Pencil Quincy ist auf jeden Fall sehr verbunden mit der Digger-Barnes-Geschichte. Und mit Leuten die einen Schnauzer tragen. Wobei ich selber keinen habe. Aber diese Schnauzernummer hat sich so ergeben.

G.: Wenn du in verschiedenen musikalischen Projekten unterwegs bist – ist es wichtiger, mit wem du Musik macht oder was das für Musik ist...?
P.: Das ging schon immer dahin, mit wem ich Musik machen will. Ich bin jetzt nicht auf eine Art von Musik eingeschossen. Wenn Ich allerdings Schlagzeug spiele, dann möchte ich gern was Punkrockmäßiges machen. Aber wenn ich an Projekten beteiligt bin, wo es um irgendeine Form von Auftritten geht, mit Projektionen oder bei Theaterprojekten, dann bin ich recht offen. Ich habe auch Bock, mich in Welten von anderen Leuten hineinzubegeben und mich auch in andere Themen reinzudenken. Ich versuche die Sprache der jeweiligen Leute zu verstehen. Deshalb habe ich immer verschiedene Projekte.

G.: Auf deiner Homepage findet sich die Info: Pencil Quincy ist beeinflusst von Otto Dix, Joe Coleman und David Lynch. Warum gerade diese drei?
P.: Fangen wir mal mit Otto Dix an. Für den habe ich mich begeistert, seit ich seine Bilder gesehen habe. Auch George Grosz finde ich super. Diese etwas bösartigen, karikaturhaften, schmuddeligen Sachen der 20er- und 30erJahre. Ich finde, dass das ein guter Weg ist, Hässlichkeit auszustellen, aber mit so einer gewissen charmanten Art. Das ist ja nicht menschenfeindlich, es hat ja oft trotzdem was Freundliches. Vielleicht weil es witzig und oft auch melancholisch ist. Joe Coleman kommt aus New York und steht in der Tradition von George Grosz. Der malt ganz feinteilige Bilder mit Weltuntergangszeug drauf. Ich würde den in der Lowbrow-Ecke verorten. Der hat das alles auch ganz performativ verpackt, kommt eher aus so einer Rock’n‘Roll-Ecke. Für das, was ich mit Pencil Quincy mache, ist der schon ein Einfluss.

G.: Und David Lynch? Warst du großer Twin-Peaks-Fan?
P.: Ja, Ich fand das schon gut. Es ist aber noch gar nicht so lange her, dass ich Twin Peaks geguckt habe. Den ersten Film, den ich von Lynch gesehen habe, war WILD AT HEART. Das war eine der wenigen VHS-Kassetten, die wir zuhause hatten. Den hab ich echt häufig gesehen, der hat mich ziemlich beeindruckt. Twin Peaks habe ich so bockig ignoriert, weil das alle geguckt haben. Das habe ich dann später geguckt und fand das ziemlich gut.

G.: Pencil, vielen Dank für das Interview!

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Gary Flanell