Dieses Blog durchsuchen

Posts mit dem Label Folk werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Folk werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 8. März 2017

Schön, wenn (junge) Menschen Musik machen Pt. V

Greg Graffin - Millport

Es gibt da dieses seltsame Internetphänomen, bei dem irgendwelche Witzbolde Justin-Bieber-Songs um 800% verlangsamen und das so Erschaffene dann bei Youtube hochladen. Warum es gerade 800% sein müssen, bleibt unklar. Ist es irgendein Code, ein seltsamer Insider-Witz oder macht allein die absurde Vorstellung dieser Verlangsamung den Gag aus? Ich weiß es nicht. Beziehungsweise war ich mit wichtigerem beschäftigt, als das jetzt wirklich mal zu recherchieren. Justin Bieber hört sich in Super-mega-Monsi-Monster-Slo-Motion überraschend gut an. Natürlich ist vom Original eigentlich gar nichts mehr zu verstehen, der Song löst sich fast in Langsamkeit auf und verwandelt sich in irgendwas sehr seltsam sphärisches, das gut zum Vorglühen für ein SunnO)))-Konzert passen würde.

Als hier auf meinem Rechner also derart zum ersten Mal überhaupt was von Justin Bieber lief und mir diese Sache mit der Verlangsamung sehr gut gefiel, dachte ich an das neue Greg Graffin-Album. Es wäre natürlich ein eher lahmer Joke, wenn man annehmen würde, dass der gute Greg darauf irgendetwas auffahren könnte, was wie eine 800% langsamere Version von BAD RELIGION klingen würde.
Obwohl... so schlecht wäre der Witz nicht. Es wäre ehrlich gesagt ziemlich überraschend. Aber das mit der Überraschung ist bei Greg Graffin so eine Sache.
(Fun Fact am Rande: Wenn Greg nicht gerade als Evolutionsprofessor arbeitet, ist er doch wirklich Sänger der über jede Kritik erhabenen Melodycore-Urzeitechsen BAD RELIGION. Verrückt, ich weiß, aber so steht es geschrieben. Nicht nur hier.)



Alle neun bis zehn Jahre scheint der Turnus zu sein, den Graffin für ein Solowerk braucht. 1997 erschien "American Lesion", 2006 dann "Cold als Clay" und jetzt, es sind auch schon wieder elf Jahre ins Land gegangen, das dritte, "Millport". Es ist dabei kein großes Geheimnis mehr, dass er auf diesen Soloplatten seiner Leidenschaft für alten, sehr alten Country und Folk freien Lauf lässt. In dieser Hinsicht ist Millport (übrigens eine winzige Stadt auf einer winzigen Insel in Schottland. Und wahrscheinlich auch der Name von 20 winzigen Käffern in den USA, wo man noch glaubt, dass Donald Trump Amerika wieder groß machen wird. Noch so ein Fun Fact. Vielleicht auch einfach Fake News.)

Kennt man Graffins frühere Platten, ist Millport eigentlich genauso überraschend wie alle Bad Religion-Alben nach AGAINST THE GRAIN: Nämlich gar nicht. Es gibt viel Country und Folk, manchmal gemischt mit sehr mainstreamtauglicher Rockmusik. Den Überraschungseffekt dämpft auch die Tatsache, dass man Graffins typische Gesangsmelodien, (genau die, die er auch auf all den B.R.-Platten drauf hat) auch hier findet, nur eben mit reduzierter Instrumentierung.

Wenn so ein gestandener Punkrocker eine Countryplatte raushaut, sollte man nicht erwarten, dass dabei automatisch ein etwas alternativ klingendes Americana-Album rauskommt.
Eher das Gegenteil ist der Fall und das ist vielleicht das Problem, dass ich mit "Millport" habe: Die meisten Songs sind so glatt und unauffällig, dass sie sicher auch ihren Platz auf einem Mainstream-Country-Sender zwischen Nashville und ehm, Nashville finden können. Mit "Backroads on my mind" und "Shotgun" sind gleich zwei unglaublich glatt gespülte Countryrock-Songs dabei, die noch nicht mal zum ironischen Doch-gut-Finden taugen.



Selbst die erste Single-Auskopplung "Lincoln's Funeral train" ist so ein pathetischer AOR-Schieber, den nicht mal Mike Ness auf seinen Countryplatten gewagt hätte. Die Banjo-Stomper "Sawmill" und "Echo on the hill" könnten sich auch die DropkickMcKenzies in den Hafenstädten dieser Welt ausgedacht haben. Genau die Musik, mit der man mich aus jeder Kneipe treiben kann.

Etwas unerwartetes gibt es dann doch noch: Dass der Evolutionswissenschaftler Griffin bei "Time of need" mal ganz tief in die Gospelkiste greift, mit fetten Backgroundchören und ganz viel Pathos, überrascht dann doch. Bevor zuviel Schmalz die Festplatte runterläuft, schiebt er zum Glück mit "Making time" eine lockere Country-Popnummer nach, die mit E-Gitarren und fetter produzierten Schlagzeug auch in einem Bad-Religion-Set gar nicht auffallen würde.

Aber das sind zwei Stücke, die ganz ok sind. Insgesamt, vom Schaukelstuhl auf der Veranda betrachtet, wenn man also alle 10 Songs zusammen nimmt, ist Millport leider nicht die Platte, dass ich empfehlen würde, würde mich jemand bei einem Barbeque nach einem herausragenden Countryalbum von einem bekannten Punkrocker fragen. Dazu ist sie zu nett und zu unauffällig. Ein wenig zu beiläufig. Was mir fehlt, ist eine latent desperate Stimmung. Oder ein ätzender Punk-typischer Humor. Und was das betrifft, geht eigentlich nichts über Jello Biafras "Prairie Home Invasion"-Kollabo mit Mojo Nixon. Und das Ding ist schon 23 Jahre alt, herrje.

L wie Low Brow ist irgendwie anders auf der 26-teiligen Renfield-Rezensionsskala.

Gary Flanell

Greg Graffin - Millport
erscheint am 10. März 2017 auf ANTI- Records.

Mittwoch, 16. September 2015

Gitarre, Stein, Punk

Freddy Fudd Pucker

Für einen echten Freddie Fuddpucker braucht man etwas Tequila, ein bißchen O-Saft, einen Schuss Galliano-Likör und zur Abrundung ein Scheibchen Orange. Das weiß jeder Nachwuchscocktail-Schüttler. Die Zutaten für die gleichnamige One-Man-band sind etwas andere: Gitarre, Banjo, ein Bass-Drum-Pedal, ein alter Koffer und ein Stein. Wichtigste Ingredienz für den gelungenen Akustik-Punkrockabend ist aber ein in Berlin ansässiger Neuseeländer. Von dem handelt dieser Text und erschienen ist er ursprünglich in Renfield No. 29.

Die allererste Präsentation der Kurzgeschichtensammlung „Stuntman unter Wasser“ von Gary Flanell war eine Premiere in zweierlei Hinsicht. Denn zum ersten Mal wurde ich bei einer Lesung musikalisch von FREDDY FUDD PUCKER begleitet. Das passte sehr gut, denn für ein Punkrock-affines Publikum, wie man es bei einer Lesung in einer Kreuzberger Bar wie dem FRANKEN erwarten darf, ist FFP die perfekte musikalische Unterstützung.
Mit spürbarem Punkspirit (soll heißen: Ordentlich schnell gespielt und selten mehr als drei Akkorde) prescht FFP durch sein Set, begleitet von den kräftigen Schlägen des Bassdrum-Pedals auf den alten Koffer, den er vor sich aufgebaut hat. Live verbindet Tom also zwei Elemente: Einerseits das mittlerweile schon weit verbreitete Akustik-Punkrock-Ding mit hörbaren Folk-Elementen, wie es Chuck Ragan oder Frank Turner schon seit Jahren zelebrieren und zum anderen den Charme einer echten, kernigen One-Man-Band. Letzteres allerdings ohne komplett im Trash zu versinken, wie man es von vielen dieser Acts kennt.

September 2014: Der Landwehrkanal im Sonnenschein ist eine angenehme Kulisse für ein Interview mit Tom, dem Mann hinter FREDDY FUDD PUCKER. Auf einer Bank sitzend, plätschert vor uns der Kanal samt Ausflugsbooten dahin und hinter uns klickern die Kugeln der Boulespieler im Kies. Es gibt unangenehmere Orte in Berlin, an denen man sich zum Gespräch treffen kann. Überhaupt Berlin. Menschen aus allen möglichen Ländern trifft man hier alle Nase lang, Neuseeländer sind aber eher selten darunter. Warum, frage ich mich da als Geburtswestfale mit Blick auf die triste Kulisse der eigenen Herkunft, sollte man dieses kleine niedliche Land überhaupt verlassen. Neuseeland mag ein sehr schönes Land sein, pflichtet Tom bei, ist aber was das kulturelle Angebot und die Möglichkeiten zum Touren angeht, doch recht limitiert. Australien kommt als nächstgelegene Alternative für ihn auch nicht in Frage, auch wenn sich da gut Geld verdienen ist, das politische Klima aber recht fragwürdig ist – man denke nur kurz an die Aktionen, die die australische Regierung gegen illegale Flüchtlinge fährt. So hat es Tom, nach kurzen Aufenthalten in Melbourne und in den USA, nach Berlin verschlagen. Mittlerweile immerhin seit 18 Monaten. Warum gerade hierhin, erklärt sich für ihn, auch mit Blick auf andere Teile Deutschlands, recht leicht: „Ich glaube, der Rest von Deutschland sieht Berlin immer ein bisschen als Schande, als wäre es eine Stadt der Sünde. Politisch und wirtschaftlich ist Deutschland recht konservativ, und dann gibt es da Berlin, das sehr multikulturell geprägt ist. Natürlich ist es sowas wie die Sin City, es gibt hier ja unglaublich viele Betrunkene. Aber das ist natürlich das, was so eine Stadt cool macht.“

Klar ist aber auch, dass es ein bisschen mehr braucht, als bloß nach Berlin zu ziehen und zu hoffen, die so ersehnte Coolness sich von alleine durch den Wohnungswechsel einstellt. Auch das sieht Tom ähnlich: “Du kannst nicht einfach hier her kommen und glauben, dass in Berlin leben nur cool ist. Du musst schon Teil davon werden und dich einbringen. Jeder trägt eine Menge Probleme mit sich herum. Ich denke, Kreativität an sich ist es, diesen Scheiß in etwas Schönes oder Konstruktives umzuwandeln. Viele Leute kommen ja in genau diese Städte, wo die Menschen schon coole Dinge tun, aber du musst was Cooles aus deinen eigenen Sachen machen.“


Seltsamerweise ist FFP live gar nicht so häufig in Berliner Clubs anzutreffen, vielmehr stellt sich der Eindruck ein, dass Tom die Stadt eher als Rückzugsraum sieht. “Letztes Jahr habe ich ungefähr 100 Gigs gespielt, in den Staaten, in Europa, Belgien, Schweiz, Deutschland, Österreich. Berlin ist für mich eher der Ort, um andere Dinge zu tun, andere Projekte zu verfolgen oder über meine Erfahrungen hier zu schreiben. Wahrscheinlich könnte ich hier jeden Tag irgendwo ein FFP-Konzert spielen, aber dann könnte ich ja gar nicht zu anderen Konzerten gehen. Ich weiß, dass ich mir da etwas widerspreche, was das Einbringen in diese Stadt angeht, aber ich liebe es auch, kleine Städte auf Tour zu sehen.“

Und so stehen dann nicht selten Metropolen wie Künzelsau oder Kaufbeuren auf dem Tourplan. Klar ist auch: Touren ist anstrengend, egal in welches Kaff es einen dabei verschlägt. Bleibt die Frage, warum sich der Mann das als Solo-Kunstwerk überhaupt antut. „Klar ist das anstrengend“ weiß Tom, „die Fahrerei, das Booking, Auftritt, die Unterhaltungen danach, aber das ist genau, was mich am Laufen hält. Du kannst das nicht für immer machen, aber wenn eine Tour dann vorbei ist, ist man am nächsten Tag erst mal ziemlich depressiv“.

Freizeitkoller hieß das früher, wenn man als Kid nach drei Wochen Jugendfreizeit mit einer Bande anderer Kids wieder zurück nach Hause in den drögen Alltag musste. Auf die FFP-Touren bezogen, hat auch der Berliner Alltag nicht immer solche Höhepunkte parat, wie zum Beispiel den Opener für die Skatepunkhelden von SNFU zu geben. Ein ziemlich besonderes Ereignis für Tom: „Das ist schon eine ziemlich verrückte Sache, mit deinen musikalischen Helden zu spielen. Nicht so sehr, weil man hinterher für die Vita sagen kann “Ich habe mal mit SNFU gespielt“, sondern, weil es so nett ist, diese Typen zu treffen. Und die sind nun mal einfach nett. Das ist wohl der Grund, warum sie das so lange machen. Klar, hat die Besetzung oft gewechselt, aber Chi Pig, der ist wirklich ein Individualist und hat mit 50 Jahren noch sehr viel Energie.“

Seltsamerweise funktioniert die Kombination aus dem Akustikgitarren-Einzelkämpfer und größeren Punkrockbands sehr gut. Größe ist hier allerdings eher auf die Zahl der Band Mitglieder zu beziehen und nicht auf den Bekanntheitsgrad. Sowieso zieht es Tom vor, kleinere Punkrockshows zu spielen und wenn nur die P.A. groß genug ist, hat auch ein Fredd-Fudd-Pucker-Set genug Energie, damit die Sache funktioniert. Und auch das Publikum ist meist zufrieden, wenn statt der erwarteten Vorband ein einziger Typ Leben in die Bude bringt „Ich glaube, für 1-2 Songs fragen sich alle, was ich da überhaupt mache. Aber danach gibt es normalerweise immer eine ganz gute Reaktion, weil die Leute eben nicht einfach eine Band sehen wollen, die das gleiche wie SNFU macht, aber nicht so gut. Da ist es dann eine große Überraschung, mich alleine auf der Bühne zu sehen. Und es passt auch deshalb, weil es auch Punkrock ist. Laut und schnell“.

Wobei man, allein von der Instrumentierung – Akustikgitarre, Banjo und Drumkoffer, FFP schnell mal in die Folk/Countrykiste stecken könnte. Die Verbindung zwischen diesen Stilen ist aber offensichtlich da. Das merken mittlerweile immer mehr Punkrocker, die sich mal unverstärkt mit ihren Songs auf die Bühne trauen. Auch Tom sieht da durchaus Parallelen „Vielleicht haben manche Leute eine sehr begrenzte Sicht auf Punkrock. Aber die Idee ist ja eigentlich, das du etwas machst, was du wirklich aus dir heraus machen musst. Du kannst es nicht nicht tun. Und es ist nicht so, dass ich hoffe, dass FFP größer und größer wird. Ich kann es einfach nicht lassen. Und das ist das Ding mit Punkrock. Du musst es einfach tun, egal wie es ausgeht. Bands, die nicht so drauf sind, halten nicht lange durch“.

Guter Punkt. Oft genug scheinen junge Bands einen zu großen Ehrgeiz an den Tag zu legen und stürzen sich mit der Erwartung in die Punkrockwelt, dass sie in zwei Jahren die richtig dicken Shows spielen. Wenn das dann nicht so ist, ist recht bald Schicht mit der Band. Das Verständnis von Punk sollte also ein ganz anderes sein. Was auch Tom so sieht: „Du musst es halt mögen, diese kleinen Scheißtouren in den winzigen Clubs zu machen. Ich mochte große Clubs noch nie. Wenn mehr als 200 Leute kommen, dann muss es schon was richtig gutes sein. Ich komme klar damit, NEUROSIS mit 500 anderen zu sehen, aber ich würde es natürlich lieben, wenn es nur 50 wären.“

Auch wenn Tom FFP nun schon seit Jahren in der kleinstmöglichen Besetzung betreibt, hat er die Idee, das Projekt mal auf die Größe einer „richtigen“ Band auszuweiten nie so ganz aus dem Kopf bekommen. „Dran gedacht habe ich schon viele Male, hab’s dann aber nie getan“ gibt er offen zu, „Vor Jahren habe ich mal Aufnahmen gemacht, bei denen ein paar Freunde Bass und Drums gespielt haben. Danach war ich noch drei Jahre mit meiner Ex-Freundin unterwegs, die Akkordeon gespielt hat. Aber so ein richtiges Band-Ding wollte ich schon immer mal haben“.

Das richtige „Band-Ding“ entwickelt sich nun möglicherweise abseits von FFP. Mehr aus einer Partylaune heraus haben sich in den letzten Monaten die LOVEBURGERS gegründet, bei denen Tom ab und an auch spielt. Ein Projekt mit Leuten aus Berlin und Braunschweig, das live einfache, aber stimmungsvolle Punkrocksongs hinzaubert.

Hört man sich die mittlerweile acht Alben auf der Bandcamp-Seite von FREDDY FUDD PUCKER an, gibt zumindest die “Albatross”-CD ungefähr eine Vorstellung davon, wie das wäre, wenn FFP eine „normale“, mehrköpfige Band wäre. Die Aufnahmen hat Tom mit seinem Bruder und einem Freund noch in Neuseeland gemacht und wäre das die normale Besetzung, hätte diese Band durchaus ihre Berechtigung mit einem Sound, der an Bands auf NO IDEA oder GUNNER Records erinnert. Das eigentlich Schöne an den Songs von FFP ist aber ihre Vielfalt. Klar finden sich da wunderbare Folk-Punkperlen, andererseits aber auch überraschende Stücke, die ganz ruhig sind, etwas experimentell wirken oder auch nur von einem Piano begleitet werden.


Verschiedene Dinge und Instrumente auszuprobieren hat für Tom sowieso eine sehr lange Tradition. „Ein bisschen vermisse ich das schon. Als ich angefangen habe, Musik zu machen, habe ich im Wohnzimmer meiner Eltern gespielt. Wir hatten da so ein kleines Studio, sehr einfaches Set Up und da habe ich schon immer mit verschiedenen Sachen rumexperimentiert. Mittlerweile ist das FFP-Songwriting zwar um einiges besser, aber dafür es ist schwerer, mal wieder zu experimentieren, wenn ich Songs schreibe, die ich auch live spielen will.“

Bei all den Experimenten, die er schon früher veranstaltet hat, wurde er beim Musikmachen schon sehr früh gefördert. „Mein Vater ist Musiker und meine Eltern haben mich darin schon immer sehr unterstützt. Als Kind musste ich Klavier spielen. Ich hab’s gehasst. Aber jetzt bi n ich sehr froh, dass ich das machen musste, weil dadurch die Liebe zur Musik schon sehr früh da war. Mit zehn oder so habe ich dann mit dem Klavier aufgehört. Als ich dann Nirvana gehört habe, habe ich Gitarre spielen gelernt und Songs wie „Come as you are“ oder „Smells like teen Spirit“ draufgeschafft.“

Neben gutem Songwriting und ausgiebigen Touren, wird für eine Band, egal ob ein der zehn Leute mitspielen, auch das Artwork der Platten immer wichtiger. Im Fall von FFP lassen sich die guten Covermotive der bisherigen Releases zwar auch im Internet besichtigen, richtig beeindruckend ist zumindest die aktuelle CD, wenn man sie samt Beiheft in den Händen hält.
Die CD steckt nämlich nicht einfach in einer lahmen Hülle, sondern ist Teil eines Comic-Zines, für das Tom ganz D.I.Y.-mäßig alle Lyrics mit Comics und Zeichnungen versehen hat. Deshalb haben wir die Gunst der Stunde gleich mal genutzt und haben auch das Cover dieser Renfield-Ausgabe von Tom gestalten lassen.

Es zeigt sich also, dass FFP nicht einfach bei der Musik aufhört, die Kunst der Verpackung gehört auch dazu, wie Tom erläutert. „Natürlich geht es bei FFP in erster Linie um Musik. Aber ich zeichne auch und schreibe auch Gedichte. Der Grund, warum es dieses Zine gibt, ist einfach, weil CDs an sich scheiße sind. Niemand will eine verdammte CD. Ich habe im Moment kein Geld für eine Vinylplatte, aber ich finde, man muss die CD zu etwas Speziellem für die Leute machen. Dann ist es mehr als einfach nur die blöde CD, also muss man ihnen was dazugeben, das speziell ist, etwas, das man sonst nicht bekommt. Das finde ich wichtig. Sachen an Leute zu verkaufen ist mir immer etwas peinlich. Eigentlich ist es mir sehr unangenehm, dass Leute mir Geld geben. Ich hasse Geld. Und CDs sind ja nur Plastik. Als ich mit Musik aufgewachsen bin, habe ich schon immer auch das Artwork einer Platte geliebt. Ich habe „In Utero“ von Nirvana gehört, mir dabei das Artwork angeschaut und fand das großartig. Sehr verrückt und verdreht. Man ist total eingefangen, wenn man eine Platte hört und sich die Grafiken dazu anschaut.“

Bald ist eine halbe Stunde entspannte Plauderei vorbei, das Bier ausgetrunken, und Tom muss zur Arbeit ins RAMONES-Museum. Zeit, um letzte Dinge zu klären. Zum Beispiel, was es mit dem Stein auf sich hat, den er bei jedem Konzert besorgt und danach im Laden hinterlässt.

“Das ist eigentlich ein Ritual, das natürlich seinen Grund hat. Der Stein ist dazu da, den Koffer zu beschweren, wenn ich darauf Bassdrum spiele. Das Lustige ist allerdings, dass ich auf Tour nie ein und denselben Stein dafür mit in den Van packe. Hab ich noch nie gemacht. Ich suche mir vor Ort immer einen neuen Stein. Eine halbe Stunde vorm Soundcheck gehe ich immer raus, nehme einen Drink und schaue mich nach Steinen um. Ich denke schon, dass das ein Ritual ist. In Berlin ist das recht einfach, hier liegen ja überall Steine rum. Aber wenn du in einer recht sauberen Stadt bist, ist das nicht so leicht.“

Freddy Fudd Pucker zum Anhören.

Gary Flanell

Dienstag, 8. September 2015

EINE BEÄNGSTIGENDE PERSPEKTIVE...

ABER HERRLICH!

Steve Gunn Man könnte sagen, der Junge hat einen Lauf. Die Kritiken überschlagen sich von Norden nach Süden, die Plattenfirmen prügeln sich um ihn, die Tour mit Wilco steht, letztes Jahr wurden bereits die großen Hallen mit den Freunden von War On Drugs besucht. Und was macht Steve Gunn?

Er spielt und spielt und spielt Gitarre. Was er halt immer gemacht hat. Nach unzähligen Veröffentlichungen als Solokünstler, Kollaborateur und Bandmitglied, nach Experimenten mit Drone, indischen Ragas, nach halbstündigen Instrumentalstücken in der Tradition von John Fahey und Konsorten kam dann 2013 die erste Veröffentlichung im Bandgewand und als Sänger mit dem Album „Time Off“.

Manchmal noch etwas zaghaft und auch noch sehr dem amerikanischen Folk zugewandt. Jetzt mit „Way out Weather“ hat Steve Gunn endgültig seine eigene musikalische Sprache gefunden. Über locker gesponnene Arrangements wandern die Songs durch den Hörer, die Sonne reißt nach dem Regen die Wolkendecke auf, der Himmel ist weit und ein Auto mit ein paar Freunden fährt Richtung Süden. Der Mann scheint seinen Frieden mit sich gemacht zu haben. Unter dieser musikalisch harmonischen Decke behandelt Gunn textlich allerdings zum Teil weniger erfreuliche Dinge. Dass der Mann aus Philadelphia sich das alles in Brooklyn ausgedacht hat, wo er mittlerweile lebt, ist erstaunlich, klingt es doch eher nach weiter Landschaft und dichten Wäldern als nach hohen Häusern.

Somit hat Steve Gunn jetzt das beste beider Welten, kann auf dem neuen Label „Matador“ als Sänger und Bandleader seine Songs veröffentlichen und ansonsten weiterhin seinen Kollaborationen und seiner Vorliebe für instrumentale Gitarrenmusik frönen, zum Beispiel mit dem grandiosen Gunn/Trucsinski Duo. Also einfach wie immer den ganzen Tag Musik machen. Zwischen all dem hatte ich Gelegenheit ein kleines Gespräch mit Steve Gunn zu führen.


Text: Till Kober

Till: Meiner Meinung nach hast du mit „way out weather“ eine starke Veränderung zu deiner früheren Arbeit vollzogen, auch zu „Time Off“. Ich finde es sehr seltsam, dass du immer noch mit John Fahey verglichen wirst, zum Beispiel „Milly´s Garden“ klingt ja eher wie einer der besten Songs den „the Go-Betweens“ nie geschrieben haben. Mit all den Melodien und Hooklines hat das Album einen starken Pop-Appeal. Was sind deine Pop Einflüsse?

Steve Gunn: Stimmt, ich finde es ebenfalls sehr schräg immer noch mit Fahey verglichen zu werden. Seine Musik und seine Art zu spielen hatten natürlich einen sehr grossen Einfluss auf mich, aber ich denke ich habe mich von diesem doch sehr speziellen Sound entfernt. Einige Leute kennen sicherlich diesen Einfluss, aber meine letzte Platte als Beispiel dafür zu nehmen, das macht sicher keinen Sinn. Sehr lustig, daß du die Go Betweens erwähnst, ich bin grosser Fan.
Vor ungefähr 15 Jahren habe ich sie sehr viel gehört und immer gedacht „was für ein grossartiges Songwriting“. Ich war auch ein grosser Fan von The Smiths als ich aufwuchs und bin bis heute sehr beeindruckt von Johnny Marrs´Gitarren-Arrangements auf den Alben. Und, obwohl ich immer eher so der Stones-Typ gewesen bin, habe ich mir The Beatles jetzt doch mal genau angehört, auf der letzten Tour gingen wir durch eine richtige Beatles-Phase. Es hat etwas gedauert, aber jetzt bin ich Fan.

T.: Dein Gitarrenspiel steht jetzt nicht mehr so im Vordergrund, es verschmilzt im Arrangement und der Song steht im Mittelpunkt. Wie war dein Prozess ein so guter Songwriter zu werden? Hast du den Focus mehr auf deinen Gesang gelegt?
S.G.: Ja, Gesang war ein wichtiger Focus für mich in den letzten Jahren. Ich wollte auch diese Art des schüchternen Gesangs endgültig ablegen. Ich habe weniger an komplizierten Gitarren-Arrangements gearbeitet, sondern versucht etwas Einfaches zu finden, was zum Gesang passte. Ich habe mehr Zeit in Songwriting investiert. Beides, Gesang und Songs schreiben, das war etwas Neues für mich.



T.: Townes van Zandt sagte immer, die Lieder kämen einfach zu ihm, er müsse sie nur greifen, selbst in seinen Träumen. Gerade wurde Lyle Lovett in einem Interview gefragt ob er an neuen Songs arbeitet und er hat geantwortet: “Ja, ich lasse die Türen und Fenster auf.“ Ist es für dich auch so leicht oder musst du richtig hart arbeiten?

S.G.: Naja, manche Lieder kommen einfach, andere nicht. Für mich ist es wichtiger einen Fokus zu haben und dann kommen die Ideen, hoffentlich. Es ist viel Arbeit, in den Zustand zu kommen, wo alles fließen kann.

T.: Stimmt, dieser Zustand ist wichtig, wenn man aber am Tag acht Stunden im Call Center arbeitet, ist das gar nicht so einfach.
S.G.: Das ist wahr, ich habe das jahrelang so gemacht! Im Moment habe ich etwas freie Zeit nach all den Touren, es ist das erste Mal das ich mich allein auf die Musik konzentriere. Eine etwas beängstigende Aussicht, aber wundervoll.

T.: Alles was ihr auf dem Album macht klingt sehr leicht, als wäre es einfach zu spielen, was es selbstverständlich nicht ist. Wie wichtig war deine Band für den Sound? Sicherlich hätte man die Magie am Anfang von „Wildwood“ mit einem anderen Schlagzeuger nicht so leicht erzeugen können...wie lange spielst du schon mit ihnen?

S.G.: Der Sound war für uns der wichtigste Aspekt bei diesen Aufnahmen. Wir haben sehr hart gearbeitet um den richtigen Klang zu haben und das richtige Gefühl zu erzeugen. Der Schlagzeuger bei den Aufnahmen ist John Truscinski, mit ihm spiele ich schon fast 10 Jahre. Wir haben auf jeden Fall ein großes musikalisches Verständnis und ein Gefühl für den Song. Wir haben die Arrangements sehr offen gehalten, das hört man ja auch wie ich glaube.

T.: Ich hatte übrigens zunächst Schwierigkeiten deine Musik nach New York zu verorten und beides zusammen zu bringen. Ich glaube, man kann in der Musik immer auch die Landschaft hören in der sie entstanden ist.
S.G.: Das bemerke ich auch in sehr viel Musik die ich höre, Landschaft und Umgebung haben sicherlich einen großen Einfluss auf Musik. Ich denke, Musik kann aber auch ihre eigene Landschaft erschaffen. Bei mir ist es definitiv eine Mixtur aus derzeitiger Umgebung und Dingen die mir durch den Kopf gehen.

T.: „Old Strange“ ist für und über Jack Rose. Was für ein Verhältnis hattet ihr?
S.G.: Jack war ein Freund und jemand, zu dem ich aufgeschaut habe. In Philadelphia haben wir uns viel gesehen und ich habe miterlebt wie er immer und immer besser wurde, ein Meister seiner Art. Er war eine riesige Inspiration und: er hat eine Menge unterstützende Dinge zu mir gesagt...was mir enorm viel bedeutet.

T.: Live spielst du mittlerweile auch viel elektrische Gitarre, ich finde, Fingerpicking und elektrische Gitarre sollte doch wieder mehr in Mode kommen, Clarence White bei den Byrds fällt mir dabei ein. Wer sind deine favorisierten E-Gitarren Spieler?
S.G.: Django Reinhardt, Jimi Hendrix, Loren Conners, Eddie Hazel, Tom Carter T.: Du scheinst recht bewandert in der Musikgeschichte. Bist du ein Plattensammler/Nerd? Welche Musik hörst du im Augenblick?

S.G.: In diesem Augenblick höre ich „Stuntman“ von Edgar Froese, der ja Tangerine Dream gegründet hat. Ansonsten: The Hired Hand Soundtrack - Bruce Langhorne - Alexis Zoumbas: A Lament for Epirus 1926-1928 - Native North America: Aboriginal Folk, Rock and Country 1966-1985 - Bob Dylan & the Band Basement Tapes ReIssue -Bill Withers Wilburn Burchette - Yin & Yang

T.: Oh, Alexis Zoumbas und Wilburn Burchette, zwei tolle Platten, anscheinend sind wir beide ziemliche Nerds...

„Way Out Weather“ von Steve Gunn ist bei Paradise of Bachelors erschienen.

Freitag, 5. September 2014

Weite, Wildnis, Whitman

Sean Rowe – Madman
Für den dauergestressten Großstädter eignet sich einer wie Sean Rowe schon sehr gut als Projektionsfläche für verborgene “Zurück zur Natur“-Sehnsüchte und Landflucht-Träumereien, wie sie seit Eddie Vedders "Into the Wild"-Soundtrack jeder Metropolenbewohner kennt: Bärtiger Typ, bekennender Naturalist, einer, der sich schon seit geraumer Zeit sicher auf dem wilden Gelände von Americana, Folk und Country bewegt. Im Vergleich zum Vorgängeralbum „The salesman and the shark“ bietet das dritte Album "Madman" allerdings einige neue Ansätze.


Hatte der Mann aus Troy, New York, bisher noch einen Hang zu sehr düsteren und ausladenden Soundkonstruktionen, kommt „Madman“ um einiges kompakter daher. Rowes Bariton erinnert immer noch stark an Bruce Springsteen, wäre der nach seinem Nebraska-Album in einer Zeitschleife hängengeblieben und auch eine gewisser kauziger Duktus, wie man ihn von Tom Waits kennt, ist nicht ganz verschwunden. Die Songs selber wirken aber jetzt viel direkter und flotter. Mit „Downwind“ hatte Rowe schon auf der letzten Platte einen Song, den man sofort mitpfeifen wollte. Diese Leichtigkeit zieht sich immer öfter durch die neuen Tracks. Ruhige Folksongs wie „The drive“ oder „Razor of love“ durfte man auch schon früher auf einem Sean-Rowe-Album erwarten.
Überraschender ist dagegen, dass er auf „Done calling you“ oder „The real thing“ nun mit ZZ Top-artigen Riffs daherkommt und mit „Desiree“ ganz leichtfüßig in frühe Disco-Sphären eintaucht. Woher die plötzliche Leichtigkeit des Sean Rowe kommt, bleibt zu vermuten. Vielleicht liegt es an seiner Gewohnheit der letzten Jahre, nur mit der Gitarre in den Wohnungen von wildfremden Menschen spontan, aber extrem fokussiert aufzutreten. Möglicherweise hat auch die Geburt seiner Tochter dem zuweilen etwas eigenbrötlerisch daherkommenden Rowe gezeigt, dass das Leben nicht nur aus Schuld und Sühne besteht. Wäre beides nicht so ganz schlecht (C, Gary Flanell, Anti Records)