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Dienstag, 13. Oktober 2015

Happiness in every style

Eines meiner großen Probleme ist meine Unpünktlichkeit. Wer den Herrn Flanell kennt, weiß, dass er 1.) zeitlich festgelegte Termine hasst wie die Pest und 2.) es durchaus mal schaffen kann, zwei Stunden zu spät zu kommen (wobei dann die Frage ist, zu was er dann überhaupt noch zu spät kommt) und demnach folglich Theaterbesuche eher doof findet, weil man da immer so superpünktlich sein muss, denn sonst kommt man nicht mehr rein. Und eigentlich geht der Herr Flanell ja ganz gern ins Theater.

Wenn es um das Renfield geht, passt das mit der Pünktlichkeit seltsamerweise ganz gut. Drucktermine werden immer brav eingehalten, auch unter der Inkaufnahme von diversen Nachtschichten fürs Layout. Dann geht's auf einmal.
Manchmal sind wir beim Renfield sogar richtig fix und so richtig richtig right in Time. Dann kriegen wir es auch mal hin, eine Rezension zu einem aktuellen Album auf dem Blog zu posten. Heute zum Beispiel sind wir gar nicht so schlecht dabei.

Denn nur schlappe 11 Tage nach dem offiziellen Release des neuen Albums von Nicole Willis & The Soul Investigators dreht sich diese Platte im CD-Players des Renfield-HQ als gäbe es keine anderen Scheiben zu hören. Liegt vielleicht auch daran, dass man Soulbands aus Finnland hierzulande eher selten auf dem Schirm hat. Dabei gibt es die Soul Investigators schon seit 20 Jahren. Und wer seine Band zwei Jahrzehnte lang am laufen hält, der kann so schlecht gar nicht sein. Schon gar nicht in Finnland, wo es schon seit je her eine recht aktive Musikszene gibt. Wenn auch eine, die man eher mit harten Gitarren jeglicher Coleur oder Tango verbindet.

Aber warum sollte es in Finnland KEINE gute Soulband geben? Interessanter ist eher die Tatsache, dass die S.I. mit Nicole Willis eine US-amerikanische, aber in Helsinki lebende Sängerin am Start haben, die für so einen Sound nicht passender sein könnte, weil sie schon solo diverse Platten veröffentlicht hat. Und dazu jede Menge Erfahrung aus Kollaborationen mit anderen Bands und Künstlern mitbringt.Ob das jetzt die Elektronik-Hanseln Leftfield, Jimi Tenor oder gar Curtis Mayfield himself waren. Mit dem sie in den 90ern noch eine Duett von "Let's do it again" aufgenommen hat.
Dass es ihr Song "Keep reachin again" auf die Spotify-Playlist von Barack Obama während des letzten US-Präsidentenwahlkampfs geschafft hat, passiert bestimmt auch nicht, weil der US-Präsident großer Fan von dilettantischem Rumgestümper wäre.
Man merkt also: Hier hat sich jede Menge geballte Erfahrung in Sachen 60/70ies Soul/Funk zusammengefunden.

Total retro also alles? Fast. Denn auch wenn sich Nicole Willis & The Soul Investigators stark an den Sounds und Arrangements alter Motown/Stax-Platten orientieren, klingt es doch gar nicht abgekupfert.
Hier werden glücklicherweise nicht irgendwelche Coverversionen aus dem Funk Brothers-Fundus zum hundertsten Mal stumpf nachgedudelt, sondern das Faible für 60ies-Soul mit eigenen Songideen kombiniert. Überwiegend darf es dann eher groovig als treibend sein, allzu straighte Uptempo-Songs finden sich hier nicht. Soul wird hier eher im Sinne von Marvin Gaye,dem oben erwähnten Curtis Mayfield oder den Supremes definiert, als im Sinne überdrehter Northern-Soul-Stomper.
Die Investigators agieren dabei wie eine gut eingespielte Big Band, der auch jegliche Kauzigkeit abgeht, die man bei finnischen Bands zuweilen findet.

Dass es zwischendurch bei einem Instrumental wie "Bad Viberations" ziemlich funky wird und sich auch der Flötist der band mal so richtig austoben darf, wird auch die harte technikbegeisterte Muckerfraktion zufriedenstellen. Doch nie wird der Sinn fürs Wesentliche - den Song und nicht das introvertierte Rumjammen einzelner Musiker - aus den Augen verloren.

Nicole Willis hat sicher ihren Anteil daran, dass man sich nicht in endlosen Instrumentalstücken verliert und "Happiness in every style" somit ein sehr rundes Soulalbum geworden ist.Eins, dass seine Referenzen zwar im guten alten Soul hat, aber dennoch knackig und nicht wirklich verstaubt rüberkommt.
c Kann man sich auf alle Fälle an einem dunklen Abend im Herbst mit seiner Liebsten respektive seinem Liebsten anhören, während man simultan dazu eine Flasche Rotwein leert (und sie nicht mit Vitamintabletten veredelt, wie ich es heute in der Bahn beobachten konnte) und sich langsam gegenseitig Klamotten vom Körper schält.

Gary Flanell

Freitag, 5. September 2014

Weite, Wildnis, Whitman

Sean Rowe – Madman
Für den dauergestressten Großstädter eignet sich einer wie Sean Rowe schon sehr gut als Projektionsfläche für verborgene “Zurück zur Natur“-Sehnsüchte und Landflucht-Träumereien, wie sie seit Eddie Vedders "Into the Wild"-Soundtrack jeder Metropolenbewohner kennt: Bärtiger Typ, bekennender Naturalist, einer, der sich schon seit geraumer Zeit sicher auf dem wilden Gelände von Americana, Folk und Country bewegt. Im Vergleich zum Vorgängeralbum „The salesman and the shark“ bietet das dritte Album "Madman" allerdings einige neue Ansätze.


Hatte der Mann aus Troy, New York, bisher noch einen Hang zu sehr düsteren und ausladenden Soundkonstruktionen, kommt „Madman“ um einiges kompakter daher. Rowes Bariton erinnert immer noch stark an Bruce Springsteen, wäre der nach seinem Nebraska-Album in einer Zeitschleife hängengeblieben und auch eine gewisser kauziger Duktus, wie man ihn von Tom Waits kennt, ist nicht ganz verschwunden. Die Songs selber wirken aber jetzt viel direkter und flotter. Mit „Downwind“ hatte Rowe schon auf der letzten Platte einen Song, den man sofort mitpfeifen wollte. Diese Leichtigkeit zieht sich immer öfter durch die neuen Tracks. Ruhige Folksongs wie „The drive“ oder „Razor of love“ durfte man auch schon früher auf einem Sean-Rowe-Album erwarten.
Überraschender ist dagegen, dass er auf „Done calling you“ oder „The real thing“ nun mit ZZ Top-artigen Riffs daherkommt und mit „Desiree“ ganz leichtfüßig in frühe Disco-Sphären eintaucht. Woher die plötzliche Leichtigkeit des Sean Rowe kommt, bleibt zu vermuten. Vielleicht liegt es an seiner Gewohnheit der letzten Jahre, nur mit der Gitarre in den Wohnungen von wildfremden Menschen spontan, aber extrem fokussiert aufzutreten. Möglicherweise hat auch die Geburt seiner Tochter dem zuweilen etwas eigenbrötlerisch daherkommenden Rowe gezeigt, dass das Leben nicht nur aus Schuld und Sühne besteht. Wäre beides nicht so ganz schlecht (C, Gary Flanell, Anti Records)

Sonntag, 7. Oktober 2012

Destiny's new children

Sonntagnachmittag, halb vier. Der erste Kaffee kämpft gegen den letzten Cuba Libre von heute Nacht und scheint zu gewinnen. Draußen trölen die Herbststürme und haben ein bisschen jahreszeituntypische Musik ins Haus geweht, zufälligerweise zweimal was, das grob in Richtung Ska geht und gleichzeitig zweimal was von Destiny, die ja gar nicht weit von hier ihr Hauptquartier haben.

The Beatdown – Walkin’ proud
Garage Ska – gibt’s das? Und falls ja, was darf man sich darunter vorstellen? Vielleicht sowas, wie es diese Kanadier in zwei Tagen aufgenommen haben: Ska mit einem wirklich rauen Sound, wie man ihn irgendwann im Jahr 1964 oder so mit den neuesten Bandgeräten der Zeit nicht besser hinbekommen hätte. Die Snare knallt wie eine Peitsche, der Bass blubbert und die Gitarren sind so wunderbar schrill wie bei Sonics unterm Sofa. Aber dass das alles so schön "nicht schön" klingt und einen gewissen Rausch-Charme hat, ist bestimmt beabsichtigt, jede Wette. Bevor ich jetzt mit mir selber eine unsinnige und zeitraubende Diskussion anfange, wie vintage man denn sein und seine Retrospielchen treiben darf, will ich noch feststellen, dass ja nicht nur der Sound hier die Musik macht, denn auch Songs schreiben können The Beatdown. Natürlich klingt hier der old school Ska der 60er-Jahre durch, aber so ganz sind 50 Jahre Musikgeschichte dann doch nicht an ihnen vorbeigegangen. Man flirtet mit Surf und Rocksteady und das Songwriting an sich ist auch gar nicht so übel. Mein Favorit ist das etwas melancholisch rüberkommende „On the other side“ mit dieser wunderbaren Surfgitarre mittendrin – hat schon fast was von den Mad Caddies, Slackers oder Aggrolites in Lo-Fi. Also: Schön knarzig, das Ganze und doch nicht zu angestrengt auf dem Retrotrip unterwegs. Find ich gut. (G) (Destiny, www.myspace.com/jointhebeatdown)

The Offenders – Lucky enough to live
Weiter im Text. Muss ja zugeben, dass das ganze Red-Skin-Ding nie so meins war. Ist wie bei Rehen auf der Wiese: Von weitem beobachtet ist alles schoen und ich finde gut, dass es sie gibt, aber näher rangekommen bin ich nie so recht. Dabei ist die Musik ja oft nie so übel. Die Offenders aus Italien sind in diesem Revier schon länger eine Größe, was man ja auch immer ganz gut an dem Trojan-Logo erkennen kann (wenn man es denn kennt - da wäre vielleicht mal eine kleine Lehrstunde in Ikonographie fällig) und so richtig üble Platten haben sie bisher nicht abgeliefert, die meisten waren sogar abwechslungsreicher als ich es von irgendwelchen Skincombos erwartet hätte. So verhält es sich auch bei der Platte mit der lebensfrohen Musik und dem dazu total im Gegensatz stehenden Cover. Was ich den Herren hoch anrechne ist ihre Offenheit gegenüber anderen Stilen. Über 13 Songs sich in ein gleichförmiges Ska-Geschunkel reinzusegeln ist nicht ihr Ding, deswegen ist es umso erfreulicher, dass viele der Songs auch ganz wunderbare Pop-, Beat- und eben auch Punkeinflüsse drin haben. So fühl ich mich teilweise an The Jam, aber manchmal auch an The Clash oder gar die Blues Brothers erinnert. Jetzt sollte noch ein findiger Booker die Offenders mit Bobby Sixkiller auf Tour schicken, dann wär alles töfte. (H) (Destiny, http://theoffenders.eu)

Montag, 11. Juni 2012

Tara, oh Tara

Tara Pryia - Rollin' Man soll den Menschen ja nichts Schlechtes wünschen. Selbst, wenn man davon ausgeht, dass eine beschissene Stimmung, Weltschmerz, Liebeskummer, Selbstzweifel oder ähnliche mentale Sumpflöcher die ganz speziellen magischen Zutaten sind, um aus einem ganz guten Popsong etwas Magisches zu machen. Songs für die Ewigkeit mit etwas, das wir hier mal SOUL nennen können. Ich wünsche natürlich auch Tara Priya nichts Schlechtes, und definitiv keine persönlichen Tragödien, dafür sieht sie einfach viel zu gut aus, wie sie da so mit wuscheligen Haaren und großen braunen Augen vom Cover ihrer CD runterschaut. Und da liegt irgendwie das Problem dieser atemberaubend hübschen Kalifornierin, die dich allein mit den Fotos auf ihrer 6-Song-EP schon zum Kleenex greifen lässt: Denn mit ihrem wunderbaren 60ies-Retro-Soul-Pop wird es Tara bestimmt weit bringen, alle werden sie dafür lieben, die Türen zu den ganz großen Stadien müssen einfach offen stehen! Passt ja auch gerade ganz gut in eine Zeit, wo Soul in diversen Spielarten abgefeiert wird wie selbstgerollte Buletten. Da ist natürlich der Vergleich zu Amy Winehouse nicht weit. Womit wir beim Punkt wären. Denn wo mir das komplette "Back to Black"-Album auch nach sechs Jahren einen Schauer auf den Rücken zaubert, bleibt derselbe Effekt bei den Songs der süßen Tara aus und vielleicht liegt das an der ganzen Tragik von Miss Winehouse, die so viel mehr Herzblut in ihre Stimme setzen konnte. Klar, natürlich kannst du wunderbare Soulsongs schreiben und singen (wie Tara), wunderbar aussehen (yeah, wie Tara, verdammt), nen geilen Uniabschluss haben (wie Tara), aber das allein macht dich noch nicht zu einer Diva, die sich durch ihre Stimme in den Pop-Olymp schießt. Schlechte Tattoos, ein massives Drogenproblem, eine gewisse, nicht ganz rationell erklärbare dunkle Aura und ein vermasseltes Rockstarleben könnten da schon helfen. Aber wie gesagt, man soll ja niemandem was schlechtes wünschen (schon gar nicht mit dem Ziel, mal ein legendärer Popstar zu werden). Erst recht nicht einer bezaubernden Soulfee wie Tara Priya. (H) (Rockhit Records, www.rockhit.de, www.tarapriya.com)