Freddy Fudd Pucker
Für einen echten Freddie Fuddpucker braucht man etwas Tequila, ein bißchen O-Saft, einen Schuss Galliano-Likör und zur Abrundung ein Scheibchen Orange. Das weiß jeder Nachwuchscocktail-Schüttler. Die Zutaten für die gleichnamige One-Man-band sind etwas andere: Gitarre, Banjo, ein Bass-Drum-Pedal, ein alter Koffer und ein Stein. Wichtigste Ingredienz für den gelungenen Akustik-Punkrockabend ist aber ein in Berlin ansässiger Neuseeländer. Von dem handelt dieser Text und erschienen ist er ursprünglich in Renfield No. 29.
Die allererste Präsentation der Kurzgeschichtensammlung „Stuntman unter Wasser“ von Gary Flanell war eine Premiere in zweierlei Hinsicht. Denn zum ersten Mal wurde ich bei einer Lesung musikalisch von FREDDY FUDD PUCKER begleitet. Das passte sehr gut, denn für ein Punkrock-affines Publikum, wie man es bei einer Lesung in einer Kreuzberger Bar wie dem FRANKEN erwarten darf, ist FFP die perfekte musikalische Unterstützung.
Mit spürbarem Punkspirit (soll heißen: Ordentlich schnell gespielt und selten mehr als drei Akkorde) prescht FFP durch sein Set, begleitet von den kräftigen Schlägen des Bassdrum-Pedals auf den alten Koffer, den er vor sich aufgebaut hat. Live verbindet Tom also zwei Elemente: Einerseits das mittlerweile schon weit verbreitete Akustik-Punkrock-Ding mit hörbaren Folk-Elementen, wie es Chuck Ragan oder Frank Turner schon seit Jahren zelebrieren und zum anderen den Charme einer echten, kernigen One-Man-Band. Letzteres allerdings ohne komplett im Trash zu versinken, wie man es von vielen dieser Acts kennt.
September 2014: Der Landwehrkanal im Sonnenschein ist eine angenehme Kulisse für ein Interview mit Tom, dem Mann hinter FREDDY FUDD PUCKER. Auf einer Bank sitzend, plätschert vor uns der Kanal samt Ausflugsbooten dahin und hinter uns klickern die Kugeln der Boulespieler im Kies. Es gibt unangenehmere Orte in Berlin, an denen man sich zum Gespräch treffen kann. Überhaupt Berlin. Menschen aus allen möglichen Ländern trifft man hier alle Nase lang, Neuseeländer sind aber eher selten darunter. Warum, frage ich mich da als Geburtswestfale mit Blick auf die triste Kulisse der eigenen Herkunft, sollte man dieses kleine niedliche Land überhaupt verlassen. Neuseeland mag ein sehr schönes Land sein, pflichtet Tom bei, ist aber was das kulturelle Angebot und die Möglichkeiten zum Touren angeht, doch recht limitiert. Australien kommt als nächstgelegene Alternative für ihn auch nicht in Frage, auch wenn sich da gut Geld verdienen ist, das politische Klima aber recht fragwürdig ist – man denke nur kurz an die Aktionen, die die australische Regierung gegen illegale Flüchtlinge fährt. So hat es Tom, nach kurzen Aufenthalten in Melbourne und in den USA, nach Berlin verschlagen. Mittlerweile immerhin seit 18 Monaten. Warum gerade hierhin, erklärt sich für ihn, auch mit Blick auf andere Teile Deutschlands, recht leicht: „Ich glaube, der Rest von Deutschland sieht Berlin immer ein bisschen als Schande, als wäre es eine Stadt der Sünde. Politisch und wirtschaftlich ist Deutschland recht konservativ, und dann gibt es da Berlin, das sehr multikulturell geprägt ist. Natürlich ist es sowas wie die Sin City, es gibt hier ja unglaublich viele Betrunkene. Aber das ist natürlich das, was so eine Stadt cool macht.“
Klar ist aber auch, dass es ein bisschen mehr braucht, als bloß nach Berlin zu ziehen und zu hoffen, die so ersehnte Coolness sich von alleine durch den Wohnungswechsel einstellt. Auch das sieht Tom ähnlich: “Du kannst nicht einfach hier her kommen und glauben, dass in Berlin leben nur cool ist. Du musst schon Teil davon werden und dich einbringen. Jeder trägt eine Menge Probleme mit sich herum. Ich denke, Kreativität an sich ist es, diesen Scheiß in etwas Schönes oder Konstruktives umzuwandeln. Viele Leute kommen ja in genau diese Städte, wo die Menschen schon coole Dinge tun, aber du musst was Cooles aus deinen eigenen Sachen machen.“
Seltsamerweise ist FFP live gar nicht so häufig in Berliner Clubs anzutreffen, vielmehr stellt sich der Eindruck ein, dass Tom die Stadt eher als Rückzugsraum sieht. “Letztes Jahr habe ich ungefähr 100 Gigs gespielt, in den Staaten, in Europa, Belgien, Schweiz, Deutschland, Österreich. Berlin ist für mich eher der Ort, um andere Dinge zu tun, andere Projekte zu verfolgen oder über meine Erfahrungen hier zu schreiben. Wahrscheinlich könnte ich hier jeden Tag irgendwo ein FFP-Konzert spielen, aber dann könnte ich ja gar nicht zu anderen Konzerten gehen. Ich weiß, dass ich mir da etwas widerspreche, was das Einbringen in diese Stadt angeht, aber ich liebe es auch, kleine Städte auf Tour zu sehen.“
Und so stehen dann nicht selten Metropolen wie Künzelsau oder Kaufbeuren auf dem Tourplan. Klar ist auch: Touren ist anstrengend, egal in welches Kaff es einen dabei verschlägt. Bleibt die Frage, warum sich der Mann das als Solo-Kunstwerk überhaupt antut. „Klar ist das anstrengend“ weiß Tom, „die Fahrerei, das Booking, Auftritt, die Unterhaltungen danach, aber das ist genau, was mich am Laufen hält. Du kannst das nicht für immer machen, aber wenn eine Tour dann vorbei ist, ist man am nächsten Tag erst mal ziemlich depressiv“.
Freizeitkoller hieß das früher, wenn man als Kid nach drei Wochen Jugendfreizeit mit einer Bande anderer Kids wieder zurück nach Hause in den drögen Alltag musste. Auf die FFP-Touren bezogen, hat auch der Berliner Alltag nicht immer solche Höhepunkte parat, wie zum Beispiel den Opener für die Skatepunkhelden von SNFU zu geben. Ein ziemlich besonderes Ereignis für Tom: „Das ist schon eine ziemlich verrückte Sache, mit deinen musikalischen Helden zu spielen. Nicht so sehr, weil man hinterher für die Vita sagen kann “Ich habe mal mit SNFU gespielt“, sondern, weil es so nett ist, diese Typen zu treffen. Und die sind nun mal einfach nett. Das ist wohl der Grund, warum sie das so lange machen. Klar, hat die Besetzung oft gewechselt, aber Chi Pig, der ist wirklich ein Individualist und hat mit 50 Jahren noch sehr viel Energie.“
Seltsamerweise funktioniert die Kombination aus dem Akustikgitarren-Einzelkämpfer und größeren Punkrockbands sehr gut. Größe ist hier allerdings eher auf die Zahl der Band Mitglieder zu beziehen und nicht auf den Bekanntheitsgrad. Sowieso zieht es Tom vor, kleinere Punkrockshows zu spielen und wenn nur die P.A. groß genug ist, hat auch ein Fredd-Fudd-Pucker-Set genug Energie, damit die Sache funktioniert. Und auch das Publikum ist meist zufrieden, wenn statt der erwarteten Vorband ein einziger Typ Leben in die Bude bringt „Ich glaube, für 1-2 Songs fragen sich alle, was ich da überhaupt mache. Aber danach gibt es normalerweise immer eine ganz gute Reaktion, weil die Leute eben nicht einfach eine Band sehen wollen, die das gleiche wie SNFU macht, aber nicht so gut. Da ist es dann eine große Überraschung, mich alleine auf der Bühne zu sehen. Und es passt auch deshalb, weil es auch Punkrock ist. Laut und schnell“.
Wobei man, allein von der Instrumentierung – Akustikgitarre, Banjo und Drumkoffer, FFP schnell mal in die Folk/Countrykiste stecken könnte. Die Verbindung zwischen diesen Stilen ist aber offensichtlich da. Das merken mittlerweile immer mehr Punkrocker, die sich mal unverstärkt mit ihren Songs auf die Bühne trauen. Auch Tom sieht da durchaus Parallelen „Vielleicht haben manche Leute eine sehr begrenzte Sicht auf Punkrock. Aber die Idee ist ja eigentlich, das du etwas machst, was du wirklich aus dir heraus machen musst. Du kannst es nicht nicht tun. Und es ist nicht so, dass ich hoffe, dass FFP größer und größer wird. Ich kann es einfach nicht lassen. Und das ist das Ding mit Punkrock. Du musst es einfach tun, egal wie es ausgeht. Bands, die nicht so drauf sind, halten nicht lange durch“.
Guter Punkt. Oft genug scheinen junge Bands einen zu großen Ehrgeiz an den Tag zu legen und stürzen sich mit der Erwartung in die Punkrockwelt, dass sie in zwei Jahren die richtig dicken Shows spielen. Wenn das dann nicht so ist, ist recht bald Schicht mit der Band. Das Verständnis von Punk sollte also ein ganz anderes sein. Was auch Tom so sieht: „Du musst es halt mögen, diese kleinen Scheißtouren in den winzigen Clubs zu machen. Ich mochte große Clubs noch nie. Wenn mehr als 200 Leute kommen, dann muss es schon was richtig gutes sein. Ich komme klar damit, NEUROSIS mit 500 anderen zu sehen, aber ich würde es natürlich lieben, wenn es nur 50 wären.“
Auch wenn Tom FFP nun schon seit Jahren in der kleinstmöglichen Besetzung betreibt, hat er die Idee, das Projekt mal auf die Größe einer „richtigen“ Band auszuweiten nie so ganz aus dem Kopf bekommen. „Dran gedacht habe ich schon viele Male, hab’s dann aber nie getan“ gibt er offen zu, „Vor Jahren habe ich mal Aufnahmen gemacht, bei denen ein paar Freunde Bass und Drums gespielt haben. Danach war ich noch drei Jahre mit meiner Ex-Freundin unterwegs, die Akkordeon gespielt hat. Aber so ein richtiges Band-Ding wollte ich schon immer mal haben“.
Das richtige „Band-Ding“ entwickelt sich nun möglicherweise abseits von FFP. Mehr aus einer Partylaune heraus haben sich in den letzten Monaten die LOVEBURGERS gegründet, bei denen Tom ab und an auch spielt. Ein Projekt mit Leuten aus Berlin und Braunschweig, das live einfache, aber stimmungsvolle Punkrocksongs hinzaubert.
Hört man sich die mittlerweile acht Alben auf der Bandcamp-Seite von FREDDY FUDD PUCKER an, gibt zumindest die “Albatross”-CD ungefähr eine Vorstellung davon, wie das wäre, wenn FFP eine „normale“, mehrköpfige Band wäre. Die Aufnahmen hat Tom mit seinem Bruder und einem Freund noch in Neuseeland gemacht und wäre das die normale Besetzung, hätte diese Band durchaus ihre Berechtigung mit einem Sound, der an Bands auf NO IDEA oder GUNNER Records erinnert. Das eigentlich Schöne an den Songs von FFP ist aber ihre Vielfalt. Klar finden sich da wunderbare Folk-Punkperlen, andererseits aber auch überraschende Stücke, die ganz ruhig sind, etwas experimentell wirken oder auch nur von einem Piano begleitet werden.
Verschiedene Dinge und Instrumente auszuprobieren hat für Tom sowieso eine sehr lange Tradition. „Ein bisschen vermisse ich das schon. Als ich angefangen habe, Musik zu machen, habe ich im Wohnzimmer meiner Eltern gespielt. Wir hatten da so ein kleines Studio, sehr einfaches Set Up und da habe ich schon immer mit verschiedenen Sachen rumexperimentiert. Mittlerweile ist das FFP-Songwriting zwar um einiges besser, aber dafür es ist schwerer, mal wieder zu experimentieren, wenn ich Songs schreibe, die ich auch live spielen will.“
Bei all den Experimenten, die er schon früher veranstaltet hat, wurde er beim Musikmachen schon sehr früh gefördert. „Mein Vater ist Musiker und meine Eltern haben mich darin schon immer sehr unterstützt. Als Kind musste ich Klavier spielen. Ich hab’s gehasst. Aber jetzt bi n ich sehr froh, dass ich das machen musste, weil dadurch die Liebe zur Musik schon sehr früh da war. Mit zehn oder so habe ich dann mit dem Klavier aufgehört. Als ich dann Nirvana gehört habe, habe ich Gitarre spielen gelernt und Songs wie „Come as you are“ oder „Smells like teen Spirit“ draufgeschafft.“
Neben gutem Songwriting und ausgiebigen Touren, wird für eine Band, egal ob ein der zehn Leute mitspielen, auch das Artwork der Platten immer wichtiger. Im Fall von FFP lassen sich die guten Covermotive der bisherigen Releases zwar auch im Internet besichtigen, richtig beeindruckend ist zumindest die aktuelle CD, wenn man sie samt Beiheft in den Händen hält.
Die CD steckt nämlich nicht einfach in einer lahmen Hülle, sondern ist Teil eines Comic-Zines, für das Tom ganz D.I.Y.-mäßig alle Lyrics mit Comics und Zeichnungen versehen hat. Deshalb haben wir die Gunst der Stunde gleich mal genutzt und haben auch das Cover dieser Renfield-Ausgabe von Tom gestalten lassen.
Es zeigt sich also, dass FFP nicht einfach bei der Musik aufhört, die Kunst der Verpackung gehört auch dazu, wie Tom erläutert. „Natürlich geht es bei FFP in erster Linie um Musik. Aber ich zeichne auch und schreibe auch Gedichte. Der Grund, warum es dieses Zine gibt, ist einfach, weil CDs an sich scheiße sind. Niemand will eine verdammte CD. Ich habe im Moment kein Geld für eine Vinylplatte, aber ich finde, man muss die CD zu etwas Speziellem für die Leute machen. Dann ist es mehr als einfach nur die blöde CD, also muss man ihnen was dazugeben, das speziell ist, etwas, das man sonst nicht bekommt. Das finde ich wichtig. Sachen an Leute zu verkaufen ist mir immer etwas peinlich. Eigentlich ist es mir sehr unangenehm, dass Leute mir Geld geben. Ich hasse Geld. Und CDs sind ja nur Plastik. Als ich mit Musik aufgewachsen bin, habe ich schon immer auch das Artwork einer Platte geliebt. Ich habe „In Utero“ von Nirvana gehört, mir dabei das Artwork angeschaut und fand das großartig. Sehr verrückt und verdreht. Man ist total eingefangen, wenn man eine Platte hört und sich die Grafiken dazu anschaut.“
Bald ist eine halbe Stunde entspannte Plauderei vorbei, das Bier ausgetrunken, und Tom muss zur Arbeit ins RAMONES-Museum. Zeit, um letzte Dinge zu klären. Zum Beispiel, was es mit dem Stein auf sich hat, den er bei jedem Konzert besorgt und danach im Laden hinterlässt.
“Das ist eigentlich ein Ritual, das natürlich seinen Grund hat. Der Stein ist dazu da, den Koffer zu beschweren, wenn ich darauf Bassdrum spiele. Das Lustige ist allerdings, dass ich auf Tour nie ein und denselben Stein dafür mit in den Van packe. Hab ich noch nie gemacht. Ich suche mir vor Ort immer einen neuen Stein. Eine halbe Stunde vorm Soundcheck gehe ich immer raus, nehme einen Drink und schaue mich nach Steinen um. Ich denke schon, dass das ein Ritual ist. In Berlin ist das recht einfach, hier liegen ja überall Steine rum. Aber wenn du in einer recht sauberen Stadt bist, ist das nicht so leicht.“
Freddy Fudd Pucker zum Anhören.
Gary Flanell
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Mittwoch, 16. September 2015
Mittwoch, 18. Februar 2015
Kinky, Sarah und Freddy
Nachdem hier unter dem Eindruck des gestrigen Kinky-Friedman-Konzerts der virtuelle Cowbyhut aufgesetzt und in den Sonnenuntergang geritten wurde...
(Kleine Konzertrezi gefällig? Kinky Friedman ist ein Spitzentyp. Und mit 70 unterhaltsamer als manch 25-jähriger-Post-Bachelor-Prä-Burnout-Indiespacken. Dazu auch sehr stilvoll, so ganz in Schwarz mit großem Cowboyhut und großem texanischem Akzent und ganz allein auf der großen Lidobühne. Es gibt Witze aus dem Stand und Songs aus der Akustikgitarre und eine kurze Lesung aus Kinkys neuestem Buch. Manchmal ist der Humor recht schenkelklopfrig, aber das stört aber keinen der Anwesenden im gut gefüllten Lido. Wir sind halt alle Cowboys, die auch mal einen derberen Scherz vertragen. Auf Deutsch wäre manches doch zu sehr in die Mike-Krüger-Ecke gedriftet, aber einem älteren legendären Schriftsteller mit Countrybackground, der sich auch gut in einer Big-Lebowski-Fortsetzung machen würde, verzeiht man einiges. Am Ende lasse ich mir von Kinky einen Fünf-Euro-Schein signieren, der noch in der Nacht seinen Platz auf meinem Altar findet.)
...empfiehlt die Renfield-Crew eine Ausstellung zweier Künstler, die wir hier im Renfield-HQ sehr schätzen:
"Teacup Storms" - An exhibition from Freddy Fudd Pucker & Sarah Steiner. @ Let it be, Treptower Straße 90, 12059 Berlin
Freddy Fudd Pucker a.k.a. Tom Young wird hier eh immer geknuddelt und gelobhudelt. Nicht zuletzt seit er das wirklich wunderbare Cover zur aktuellen Renfield-Ausgabe geschaffen hat und den Herrn Flanell auch bei der Buchpräsentation seiner Kurzgeschichtensammlung "Stuntman unter Wasser" musikalisch unterstützt hat. Sarah Steiner kennt man als eine der treibenden Kräfte hinter den 40-Sekunden-Pop-Wunderwerk ON ON ON und dem Tapelabel TRIM TAB TAPES.
Letzteres wurde in Renfield No. 27 von LRTT* schon einmal vorgestellt - und gibt es jetzt auch hier zum nachlesen.
Als meine Anlage abgeraucht ist, die ich seit meinen Jugendjahren habe, bin ich in einen Laden gegangen, dessen verstaubter Name den Subtext: „Reparaturen & Unterhaltungselektronik“ hatte. In diesem kleinen chaotischen Geschäft habe ich mir einen Technics Amp und ein dazu gehöriges Doppeltapedeck gekauft. Das war 2006. Zum einen weil ich dachte, dass CDs auch in mein Laufwerk passen und zum anderen, weil ich doch noch das eine oder andere Tape habe.
Nachdem ich peu à peu viele der Tapes (und auch Platten) entsorgt hatte, blieben doch bis heute zumindest noch diejenigen, die ich selbst zusammen kompiliert habe oder die mir geschenkt wurden. Und da ist genau der Punkt. Im klassischen Fall, hat man mit einer leeren Kassette Radio-Bootlegs aufgezeichnet und Mixtapes für andere gemacht. Meistens für Menschen, die einem etwas bedeuten. „Home Taping is Killing Music“ sagt für mich demnach genau das Gegenteil aus! Es hat lediglich den kommerziellen Erfolg von Tapes „gekillt“. Derselbe Fluch wurde ein paar Jahre später auch der mp3 nachgesagt. Naja! Mittlerweile befindet sich das kleine Plastikding in irgendeiner Nische und traut sich langsam wieder hervor. Erlebt das Tape ein Comeback?
Die Kassette wird sicher nicht in den Genuss kommen eine Art Renaissance wie das Vinyl zu erfahren. Der Umsatz von Vinyl stieg allein im ersten halben Jahr 2013 um ca. 30%. Ein ähnlicher Erfolg ist bei dem Tape nicht zu erwarten, aber es gibt heute zweifellos eine neue Faszination an diesem Format. In den Statistiken der großen Musikvertriebe wird das Tape weiterhin ignoriert werden, weswegen wir hier nur über Dunkelziffern spekulieren können. Tatsächlich wurden um die Jahrtausendwende über 70 Millionen Musikkassetten in den USA ausgeliefert, während die offiziellen Zahlen behaupten, dass im Wesentlichen keine Tapes vertrieben wurden. Die Kassette macht also den Eindruck etwa so verbreitet zu sein wie Mini-Discs oder DAT. Wenn sich eine Band dazu entscheidet ihre Musik (auch) auf Tape zu veröffentlichen, dann nehmen sie das oft selbst in die Hand, übernehmen die Gestaltung und verkaufen sie auf Tour, was so viel heißt, dass Tapes oft nur gegen Bares über einen improvisierten Merchandise-Tisch gehen.
Zwei Menschen, die die neue Popularität von Tapes gut kennen sind Clooos On und Sarahhh On. Ziemlich genau 50 Jahre nach dem Erscheinen des ersten Tapes auf der Bildfläche haben die beiden in Berlin ein kleines DIY-Tapelabel namens TrimTabTapes gegründet. Irgendwie aus Versehen und nicht beim Anblick des letzten Kontoauszugs. Beide haben zwar nie so ganz mit dem Tape-Hören aufgehört, doch seit sie selbst in die Produktion gegangen sind, ist das Format mehr in den Fokus ihres Lebens gerückt. Die Leute sollen wieder Tonträger kaufen (können). Sie selbst sagen: CDs sind scheiße und unsexy und Vinyl ist leider nicht so „leicht und billig“ wie das Tape. Nach dem 2007 gegründeten „Record Store Day“, der internationale Tag unabhängiger Plattenläden, gab es am 07. September 2013 den ersten, von Burger Records initiierten „Cassette Store Day“. Kassetten werden auf jeden Fall immer noch verkauft, wenn auch nicht vergleichbar mit anderen Formaten.
Ein Tapelabel zu betreiben ist keine "Hipster"-Sache. Es geht nicht darum, ein Analog-Heini zu sein. Das Medium ist ein Artefakt aus dem Ursprung der Szene, denn tatsächlich sind Kassetten aus der Noise-, Punk- und generell Schrubb-Gitarren-Szene nie verschwunden. Hier konzentriert man sich eher auf eine Art Gesinnung und das Individuelle einer Band, die man heutzutage auch in keine Genreschublade mehr packen kann. CDs sind Einwegware; Zwischenlager für Musik, bevor man sie nach dem Kauf auf den Rechner lädt, so man sie denn überhaupt noch kauft.
Mit einem Tape verbindet einen etwas anderes. Es altert mit dir und ist wie ein akustisches Fotoalbum oder ein Tagebucheintrag. Es ist fast, als wäre das entschleunigte Musikhören ein Protest gegen die Digitalisierung, die alles leicht verfügbar und dadurch scheinbar wertloser macht.
Während CD-Produktionen immer mehr dieser Wertlosigkeit verfallen (es gibt CDs im Rossmann zu kaufen) und LP-Fertigungen lange und kostspielige Großvorhaben sind, kann man ein Tape in kurzer Zeit und mit geringem finanziellen Aufwand produzieren. TrimTabTapes machen das zu Hause. Ihr Kosten belaufen sich auf etwa 1€ pro Stück. Das hängt natürlich davon ab, wie aufwändig das Artwork werden soll, wie ausgefallen die Farben des Tapes und der Snapbox und wie viele Exemplare sie in ihrer Manufaktur überspielen müssen. Vor allem durch das Internet war es noch nie einfacher, ein Label zu starten. Kassetten-Unternehmen sind oft Schlafzimmer-Projekte von Einzelpersonen, die irgendwelche Jobs haben. Da ist es klar, dass sie es sich nicht leisten können, PR-Agenten zu sein oder außerordentliche Label-Promo zu machen.
Bei Clooos On und Sarahhh On ist es genau so. Beide sind nicht hauptberuflich „Tape-Label-Owner“, aber um auch ihr Label etwas wahrnehmbarer zu machen, ist der sogenannte Tapetresen entstanden, der im Grunde ein gemütlicher Kneipenabend ist, der einmal im Monat in einem Berliner Kellerloch stattfindet und zu dem sie selbst und die kommenden Gäste ihre Lieblingstapes hören. Mixtapes, Alben, Aufnahmen eigener Bands werden da von dem Tonkopf abgetastet.
Die Auswahlkriterien der TTT-Crew für die Sachen, die sie auf ihrem Label veröffentlichen, sind simpel und einleuchtend. Die Musik muss gefallen und die Leute, die die Musik machen, müssen coole Säue sein. Im Idealfall kommt die Musik exklusiv nur bei TrimTabTapes raus, das ist aber natürlich nicht zwingend. Es wird kein Vertrag unterschrieben, sondern gemeinsam Hand angelegt. Die Instrumente werden mal kurz zur Seite gestellt und die Bandmitglieder selbst helfen beim Etiketten kleben und Cover schneiden. Alle setzen sich zusammen und basteln gemeinsam am Layout. Meistens verlieben sich Clooos und Sarahhh On in die Musik und lassen sich zu einem bestimmten Artwork inspirieren. Gemeinsam werden dann Entscheidungen über die Kassetten- und Casefarbe, so wie Cover getroffen.
Die beiden kümmern sich dann um die Bestellung der Rohlinge, die fast ausschließlich Ferrochrombänder sind, das Duplizieren, die Werbung und ein wenig um den Vertrieb. Demnach kann man davon ausgehen, dass, wenn man ein TrimTabTape in der Hand hält, es sich hierbei um Musik von KünstlerInnen handelt, die die beiden begeistert. Neben den regulären Musikalben werden aber auch beispielsweise Hörspiele produziert, die zumeist aus der eigenen Feder stammen.
Das Tape-Revival ist natürlich auch ein bisschen nostalgisch. Das ist zwar scheiße, meint Clooos, aber da kommt man irgendwie nicht drum herum, wobei es nicht das Tape an sich ist, so Sarahhh, sondern der Hype der darum gemacht wird. Retromanie ist also nicht ganz das richtige Wort, wenn es um das Interesse an Tapes geht. Das Interesse könnte eher als Beweis für die Unzufriedenheit mit dem aktuellen Musik-Markt gedeutet werden. Musik ist mehr als nur eine Information, die man in eine Cloud lädt oder von DJ Shuffle durch Billigkopfhörer um die Ohren geschleudert kriegt.
Wir haben sie alle schon gesehen, die iPhone-Schutzhüllen im Tapelook oder Tape-Nachbauten, die einen USB-Stick enthalten. Tape ist schick, aber diese Attrappen sind eben keine Tapes! Sarahhh stellt richtig fest, wenn sie sagt, dass Tapes nicht ersetzt werden können, genauso wie das Tape nie das Vinyl oder die CD ersetzen wird. Diese Formate koexistieren und haben lediglich ein unterschiedliches Zielpublikum. Doch die Herausforderung der Gestaltung eines Tapes liegt für sie in dem Format. Es ist kleiner als LP oder CD und nicht quadratisch. Die Möglichkeiten sind vielfältig – da geht es um die Kassette selbst, die Hülle, Sticker, das Inlay und so weiter. Jedes neue Release fordert eine neue Bastel-Session, an der die beiden Freude haben und die natürlich auch Zeit fordert, die sich die meisten Menschen nicht mehr nehmen.
Wir haben uns daran gewöhnt, dass vermeidlich „jeder“ Song auf den einschlägigen Plattformen, wie Youtube, Spotify und iTunes verfügbar ist. Die meisten betrachten dies als einen Segen. Indem ein Großteil unserer Musikbibliothek auf unseren Smartphones ist und zu allen Zeiten abrufbar, scheinen wir befreit zu sein von der Zufälligkeit der Stimmung, des Orts und der Zeit. Wir haben es unter Kontrolle, welches Gefühl in uns erzeugt werden soll. Das gibt uns Sicherheit und wir werden zum Radiogott. Ich habe festgestellt, dass dies oft dazu führt, dass ich nie weiß, was ich hören soll, obwohl ich mehr als zwanzig tausend Songs auf meinem iPod haben kann. Ich höre selten Radio, aber es löst eine kleine Euphorie aus, wenn zufällig ein Lied, das ich mag, gespielt wird.
Die Kassette, noch mehr als die LP, fokussieren unser Musikhörverhalten, weil es schlicht nicht möglich ist, zu skippen. Wenn du das letzte Lied auf einem Tape hören willst, musst du dir erstmal ein paar Minuten das Vorspulgeräusch anhören und hoffen, dass du den richtigen Zeitpunkt triffst. Vergleichsweise ist es einfach in fünf Minuten zehn verschiedene Filme zu sehen.
Wenn du aber ins Kino gehst, bleibst du bis zum Schluss sitzen – meistens zumindest. Ähnlich ist der Vergleich einer Bilddatei mit einem Ölgemälde. Das Hören einer Kassette ist wie eine Gegenbewegung zur immer kürzer werdenden Aufmerksamkeitsspanne, die sich im Zuge der Menge an ständig verfügbaren Inhalten, entwickelt hat. Tapes verleiten dazu, dass man konzentrierter zuhört und im Gegensatz zu Vinyl, kann man sie auch unterwegs hören. Zwar wurde die Produktion des Walkman 2010 eingestellt, aber das findet Clooos On richtig scheiße und sicher nicht nur er. Für Sarahhh On, die noch einen Walkman hat, war das absehbar, nachdem die Produktion von Tapes in mehreren Ländern eingestellt wurde. Da setzen sich kleinere und leichtere digitale Gerät mit mehr Speicherplatz durch. Außerdem kann man mit denen auch telefonieren und fotografieren und was weiß ich noch für noch andere dolle Sachen machen.
Ein Tape-Label sollte doch irgendwie ernster genommen werden, da nicht nur Inhalte, sondern auch Gefäße für die Inhalte produziert werden, die ebenfalls eigenständige Kunstwerke sind. Selbst wenn es ein Nischen-Produkt ist, das produziert wird und unvereinbar mit den Musikabspielgeräten, die die breite Masse benutzt. Im Vergleich zu einer Datei auf dem Computer ist es etwas ganz anderes, den Tonträger in den Händen halten zu können. Musik geht dann über sich selbst hinaus, denn man ist bei der Produktion gezwungen sich über Dinge wie die Reihenfolge und Dramaturgie oder gar das Konzept eines Albums Gedanken zu machen, was oft nicht irrelevant für die Musik ist. Ist ein Album doch mehr als die Menge seiner einzelnen Songs.
Kassetten sind nicht nur für Audiophile, aber sie zielen auf die Spürbarkeit der DIY-orientierten Künstler ab und stellen handgezeichnete Albumcover über Computergeneriertes. Ein Tape ist irgendwie näher an der ursprünglichen Aufnahme, macht sie greifbar und der Künstler war meistens direkt an dem Look des Tonträgers beteiligt. Ein Tape wird dann irgendwann verbeult und zerkratzt, die Farbe wird verblichen sein, aber wie bei einem Buch, sind die Spuren an den Ecken, die beim Benutzen nun einmal entstehen, ein Zeugnis des eigenen Bezugs zum jeweiligen Werk.
Dies ist am deutlichsten beim Mixtape zu erkennen. Individuelle Mixes gibt es ja nach wie vor. Zum Beispiel DJ-Sets bei Sound- oder Mixcloud, doch das Mixtape hat den Namen gepachtet. Die Wahrscheinlichkeit jemandem das Herz mit einem Mixtape zu erweichen, ist heute größer als je zuvor. Es dient nicht dem bloßen Musikaustausch, sondern enthält vermeintlich verborgene Botschaften, die nur für eine Person bestimmt sind.
Sarahhh On verweist in diesem Zusammenhang auf „Tapetausch“. Eine Online-Plattform, an die jeder Mixtapes schicken kann und bei denen jeder Mixtapes „bestellen“ kann. Hier werden im wahrsten Sinne Tapes getauscht. Clooos und Sarahhh On haben im Laufe der Zeit, die sie nun schon ihre TrimTabTapes produzieren diverse andere Tape-Nerds kennen gelernt, die keiner bestimmten Szene angehören. Es gibt bislang noch kein offizielles Netzwerk, dennoch haben ein paar andere Tapeliebhaber ihren Weg gekreuzt, wie beispielsweise Mustard Mustache, Kill all Human oder Kick Ass Tapes. Bei TrimTabTapes selbst sind bereits Anfragen aus Washington oder Frankreich eingegangen, wobei sie nicht wissen, wie diese auf sie aufmerksam geworden sind.
Für die Zukunft wünschen wir Clooos On und Sarahhh On das, was sie sich selbst wünschen und zwar, dass sie noch viele geile Veröffentlichungen machen, durch die sie noch viele tolle Musik und tolle Menschen kennen lernen und uns hoffentlich weiterhin daran Teil haben lassen.
trimtabtapes.blogspot.de
tapetausch.blogspot.de
LRTT*
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