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Montag, 28. Dezember 2015

Den Bon, bitte...

Ach, vergiss es! Wenn jetzt irgendeiner denkt, hier kommt noch so ein Ranking von den besten tollsten oder blödesten Musik-Buch-Konzert-Sonstwas-Ereignissen des Jahres 2015, dann liegt hier ein großer Irrtum vor.

Nein. Keine Hit- und Shitlisten. Auch keine Wertung des Jahres 2015 an sich. Ob's das beste oder doofste oder langweiligste Jahr unter zweitausendundfünfzehn anderen war - nach der Zeitrechnung, die wir im Renfield-HQ gewohnt sind - ist komplett egal.
Eine persönliche Jahresendabrechnung lohnt im besten Fall nur, wenn 31.12. die Frage der Kassiererin im Supermarkt nach dem Treueherz mit einem schüchternen "Ja" beantwortet wird. Und man danach draussen mal einen kurzen Blick auf seinen Bon wirft. Und auf den EC-Kartenbeleg. Den ich immer mitnehme, im Gegensatz zum Bon. Der Bon ist mir kotegal, den EC-Beleg vernichte ich lieber in meinen eigenen vier Wänden. Nie im Supermarkt selber. Das ist meine kleine Datenklau-Paranoia, die ich pflege, wie eine seltene Zimmerpflanze. Welche Farbe hat Irrsinn? Muss ich raus finden, damit ich demnächst, analog zum grünen Daumen für Blumenfreunde, damit prahlen kann, dass ich einen so-und-so-farbigen Finger habe, mit dem ich meine Kauzigkeiten pflege.
Was allerdings immer geht, ist ein Blick nach vorn. Deshalb hier die 5 Renfield-relevanten Ereignisse, die ich mir für 2016 erhoffe:

1. Das Post-Popkulturelle Performance-Wunderwerk URS GROB BOOTSBETRIEB spielt die erste Platte ein. Darauf zu hören: Die Hits "Michel Piccoli", "Alter Mann" und die Refugee-Solihymne "Zäune Runter, Gläser hoch". Vielleicht sogar als Split-Veröffentlichung mit den Artrockern von TURBOBIER.
2. LITBARSKI und RASKOLNIKOFF tanzen gemeinsam Klammerpogo in meinem Hinterhof.
3. THE SHITPHONES ändern ihren Plan und gehen doch so spießige Bandaktivitäten wie Proben und Livespielen an. Damit die bereits existierenden Aufnahmen dieser Band endlich auf Vinyl rauskommen.
4. GISM liefern auf dem Roadburn-Festival einen Gig ab, an den ich mich noch vollsenil im Altersheim erinnere.
5. Mark Zuckerberg spendet 1 Prozent der Kohle der 99 gespendeten Prozente seiner Facebook-Anteile für die nächsten zehn bis 20 Renfield-Ausgaben. Damit die Welt eine besser wird...

Nach soviel Kristallkugel-Futur kommen hier nun die letzten Rezensionen des Jahres 2015 auf dem Renfield-Blog. Alles Platten und Hefte, die der Renfield-Crew zum Ende des Jahres noch soviel Aufmerksamkeit wert waren, dass sie nicht im Limbo der massenhaften Veröffentlichungen verschwinden sollten.

Beton-Zine Nr. 1 – Lügen/Mentir
Das hier ist die erste Ausgabe dieses Comic-Zines und wenn die Herausgeber es schaffen, das hier regelmäßig und weiterhin durchzuziehen, dann freu ich mich über ein neues hübsch abwechslungsreiches Comic-Heft auf diesem Planeten. Zig verschiedene Zeichner stellen 1-2 Seiten-Strips zum Oberthema „Lügen“ zur Verfügung. Gutes Thema und auch richtig gut umgesetzt, grafisch wie haptisch (dieses Papier!). Da dies eine deutsch-französische Koop ist, sind die Comics zweisprachig, dem Original wird jeweils noch unauffällig ein Untertitel in der anderen Sprache zugesetzt. Wer alles dabei ist? Base23, Yellow G, Tine Fetz, Laetitia Graffart, Stéphane Hirlemann, Romain Malauzat, Mono Max, Point, Punker Donald, Schikkimikki Wandrille und Toine. Kannte ich bisher alle gar nicht. Sind aber ausnahmslos gut. Und fleißig wird hier weitergemacht. Im Januar kommt schon Nummer 5 raus.
Gary Flanell

Inside – Artzine #17 (A4, 48 S., INSIDE Artzine, PO Box 2266, 54212 Trier, artscum.org)
Ich geb‘s zu: Am liebsten schau ich mir das Inside-Zine wegen der Bilder an. Ist wohl der umgekehrte Playboy-Effekt. Ganz appetitlich ist das, was Herausgeber Jenz immer zusammenstellt nicht, soll es aber auch gar nicht sein. Viel Splatter-Art von Künstlern aus der ganzen Welt, alles sehr farbenprächtig. Zwischendurch immer wieder ein Text (z.B. über Marcelo Vasco), bei dem man oft nicht weiß, ob das gruselige Kurzgeschichte oder doch ein wirkliches Interview sein soll. Angenehmer Grusel überkommt mich beim Betrachten. Aber ich schau mir ja auch Geistervideos auf Youtube an. Kommt wie immer auf bestem handschmeichelndem Papier und komplett durchgehend farbig, was bei den Grafiken auch Sinn macht. Wären die Wartezimmer in den Arztpraxen dieser Welt mit Lesezirkelexemplaren des INSIDE-Zines ausgestattet, wäre die Welt sicher eine andere. Vielleicht eine bessere, gewiss eine mit weniger Patienten.
Gary Flanell

NAIROBI FIVE DEGREE #4 (A5, 40 S.)
Der Titel besagt, seine Herkunft sei … Dass es ein Zine ist, besagt … Alles falsch außer, dass es tatsächlich bereits die Ausgabe #4 des Leipschen mehr oder minder Alleingangs ist, der sich nun gar nicht mehr um Heftchenstandards wie Interviews, Besprechungen, Kritzeleien oder lachend verhökerten Werbeplatz schert. Ein Lit-Zine? Nimmt man sich genügend Zeit und vor allem Unabgelenktheit, kann es gelingen, sich satzweise durch die anstrengende Setzung zu arbeiten und je nach Tagesform vielleicht sogar die die Einzeltexte unterbrechenden frustrierenden Photos zu erreichen. Keine leichte Kost, auch wenn es inhaltlich überwiegend nur um den Alltag geht. Kein echtes Entertainment, aber eine respektable Entscheidung, Schreibe nicht in einem unbeachteten Blog verschimmeln zu lassen, sondern sie haptisch zu machen und den Massen zu geben. Keine Veröffentlichung im Sinne des Pressegesetzes, so stehts hinten drin. Davon wiederum gibt’s ohnehin zu viele.
Philip Nussbaum

PERSEVERANCE # 7 (A5, Zine, spxdiscos@gmail.com)
Was gibt es über Hardcore eigentlich noch zu sagen? … Richtig. Also tarnen wir die informative Sinnlosigkeit ein wenig und machen ein Entwicklungshilfeprojekt aus dem Vakuum. Hauptsache Durchhalten. Stehvermögen ist alles, nicht nur im Pit, sondern auch auf Surfbrettern oder beim Date mit der Trulla aus der Abteilung von oben. Hardcore in Südostasien, Hardcore in Thüringen, Hardcore, so eben hier, in Südamerika. Acht doppelseitig vollkopierte, selbstgetackerte DIN A4-Blätter erzählen nicht viel Neues, geben aber immerhin einige musikalische Surftipps und, das ist die Hauptsache, stehen als Blätter selbst für Ausdauer. Nomen est omen est nomen. Schön augengeschädigter, gnadenlos tonerfressender Köter hinten drauf übrigens.
Philip Nussbaum

Schlammrock #7 (A5, 48 S., hoeppi77@web.de)
Im Schlammrock-Team gibt es immer wieder ein paar Überschneidungen zum Renfield. Andrecu ist mit Texten und Comics hier wie da zu finden und Höppi selber treffe ich auch immer wieder mal an derselben Bar, allerdings bei unterschiedlichen Getränken. Auch wenn der Schnipsel-Stil vom Schlammrock nicht mehr so ganz meins ist, gefällt mir die 7. Ausgabe inhaltlich sehr gut. Keine drögen Bandinterviews langweilen den Leser, stattdessen konzentriert David sich auf selbstgeschriebenes wie seinen Rad-Reisebericht durchs Baltikum, der fast die Hälfte vom Heft einnimmt. Ist aber kein Lückenfüller, sondern wirklich unterhaltsam. Drei Kurzgeschichten aus der Visconte’schen Schreibwerkstatt und einen Bericht über eine Fahrraddemo gegen die Abschiebung von Flüchtlingen gibt‘s obendrauf. Wenn man das alles gelesen hat, ist man schon fertig mit dem Heft und kann sich aufs nächste freuen. Oder bei unterschiedlichen Getränken von vorn anfangen.
Gary Flanell

OSKA WALD – Dreaming of Babylon (32 S., 17x15 cm, Krill Verlag)
Welch Verdichtung! Die Comicinterpretation eines leidlich bekannten Ami-Literaten, der sich in den Achtzigern angesichts Suffs und Perspektivlosigkeit suizidiert hat, gezeichnet vom Sänger eines leidlich bekannten Staatsakt-Akts (noch am Leben!) und nun beachtet von einem leidlich bekannten Zine, das usw. usf. Alles ist deprimierend und sinnlos, also ab mit den Gedanken nach Babylon, wo alles schön und eitel und sorgenfrei ist. Brautigans traurig-linkischer Postwirtschaftskrisendetektiv rettet, improvisiert und bescheißt sich von Tag zu Tag durchs Leben, Oska Wald fängt die Tristesse treffend krakelig ein. Klasseding. Spannend ist, ob sich tatsächlich welche finden, die, wie angeboten, in dem Fortsetzungsteil dann Werbung schalten wollen. Für Stricke vielleicht? Oder für BHs für die göttliche Vermieterin der Hauptfigur?
Philip Nussbaum

Kommen wir nun zu den zwei Jahresabschlußplatten, die den Rezensionsreigen in diesem Jahr, ehm, abschließen...

Paulas letzte Chance – Dieser Mist läuft auf jedem Kanal (Mini-LP)
B.E.F.I.N.D.L.I.C.H.K.E.I.T – schreibt man das so? Dachte zuerst, Markus Wiebusch hätte jetzt ein neues Akustikprojekt. Ist er aber gar nicht. Sondern der Trommler von Berlins aufstrebender Punklegende LITBARSKI mit Unterstützung. Klingt trotzdem ziemlich nach Kettcar. Akustikgitarrenriffs kuscheln sich an deutschsprachige Texte der melancholischen Art . Meine Freundin würde das ganz süß finden, zumindest die sehr nachdenklichen jungen Männer, die sowas machen und bestimmt nur sehr wenige Sachen im Leben lustig finden. Auch wenn sie wortkarg am Tresen stehen das zehnte Bier nuckeln. Vielleicht sind sie einfach nur … schüchtern? Also Paula, pass gut auf: Wäre das meine letzte Chance, dann würde ich mich mal locker machen. Wenn ich das jetzt verkacke, dann öffnet sich halt eine andere Tür im Universum. Wird schon alles mit dem Leben und so. Eigentlich die perfekte Platte für die Tage zwischen den Jahren, um bei einer Tasse Kaffee in die Fenster vom Knast auf der anderen Straßenseite zu starren.
(G) Gary Flanell

ROOM FULL OF STRANGERS – Bad vacation
Immer wenn ich seit ein paar Monaten in einem Berliner Club Musik auflege, nehme ich diese CD mit. Ich denke nämlich immer, das könnte was für das Publikum in einem sogenannten Indie/Alternative-Club sein. Es kam aber nie dazu, dass ich die RFoS aufgelegt habe. Das liegt daran, dass die Clubbesucher immer Rage against the Machine, The Cure oder The Smiths hören wollen. Nichts anderes. Immer nur Rage against the Machine, The Cure oder The Smiths, die ganze Nacht. Wenn was anderes läuft, werden sie böse. Dabei wären ROOM FULL OF STRANGERS (denn genau das ist ja ein, eigentlich jeder Club: Ein Raum voller fremder Menschen.) für diesen Club genau richtig: Sie haben ordentliche Punkrockgitarren, eine schicke Orgel. Sind aber nicht zu krachig, sondern erinnern eher an die frühen DEAD Boys oder an die NEW YORK DOLLS. Und das wichtigste: Tanzen kann man dazu auch gut. Wenn alle fremden, die man s in einem Club trifft, wie diese band wären, dann hätten wir alle einen angenehmen Abend. Dass RFoS eine gute Band ist, sollte eigtnlich die ganze Welt wissen. Aber ich bin kein Musikmissionar. Deshalb kriegen die Clubmenschen nur „Panic“ von dem Smiths. Oder zum 100sten Mal „Boys don’t cry“ von The Cure. Sie wissen ja nicht, was ihnen entgeht.
(F) Gary Flanell

Donnerstag, 26. November 2015

Renfield - The reviews Pt. 2758

26. November 2015. Renfield-Magazin Nummer 31 ist gerade knapp eine Woche raus. Das Fest zur Veröffentlichung war rauschend, auch dank der netten Bands KÜKEN und RAZOR CUNTS Und , nicht zu vergessen, dank des famosen DJs Angelika und seinem spontan eingerittenen Sidekick. Weil das Heft so picke-packevoll mit geilen Stories geworden ist, wurden ein paar Rezensionen auseelagert. Aber nicht auf dem Müllhaufen der in Ehren vergessenen Tonträger, sondern hier und jetzt - auf den Blog.

ACID BABY JESUSSelected Recordings (Slovenly)
Yeah, du. Voll verdrogte Hippiekacke mit übersteuerten Höhen, die dir mal echt einen fetten Horrortrip verpassen, man. Morgens vor der Arbeit eine echte Herausforderung für den Biorhythmus. Aber: Nach Feierabend und in entgrenzter Runde, in der man sich unbekleidet nachrennt und versucht, die anderen mit den primären oder sekundären Geschlechtsmerkmalen abzuklatschen, ist das tatsächlich recht kurzweilig zum einen, nicht unerheblich hypnotisch defokussierend für die dann erforderlichen Verschnauf- und Inhalierpausen zum anderen. Ein wenig aus der Zeit gefallen, ein ganz kleines bisschen zu plakativ, aber yeah, du, wenn wir erst alle verschmolzen sind wie die Klumpen in der Lavalampe doch immer noch so easy, du. Philip Nussbaum

DER FEIND - 7inch (Bleeding Heart Nihilist)
Herr Harley, es ist mir eine Ehre. Der werte Chef schickt mir die erste 7“ ever, und dann ist es nicht irgendetwas, sondern eben das Ihre Machwerk. Rumms. Noch Fragen nach dem Abspielen? Nö. Danke, weitermachen. Da gibts mit Anlauf auf die Fresse und das unglaublicherweise gleich acht Mal auf einer popeligen Single, so lässt es sich leben in all der ankotzenden Unlebbarkeit. Faster faster! Kill kill kill! Zum Beispiel eine Pussycat, aber nur zum Beispiel und/ oder als Anfang. Herr Harley, ich ziehe meinen Hut vor Ihrer vehementen Kriegsführung, Gefangene sind tatsächlich überbewertet und stehen eh meistens nur im Weg herum. Sehr gerne biete ich eine Koalition an, denn als Feind möchte ich Sie gerade nicht so gerne. Philip Nussbaum

East Ends – What’s the furthest place from here? (Homebound Records)
Auch in Menden weiß man: Eine Zwei-Mann-Kapelle muss nicht unbedingt billigen Garage-Trash dudeln. Vielleicht sind die East Ends Deutschlands erstes Emocore-Duo. Oder einfach ein Duo, das Popsongs schreibt, denn eigentlich ist es Popmusik. Einfach nur schlichte, von Gitarren getragene, gute Popmusik. Sowas wie Jimmy eat World oder die Get-Up-Kids oder wer sich sonst so ins Emo-Diary eingetragen hat, in den 90ern gemacht haben. Nur halt zu zweit. Da klingt natürlich alles ein bisschen reduzierter, aber schlecht ist das nun nicht. Auch der Schulband-Alarm bleibt nach dem Textstudium seltsamerweise ganz aus. Sowas wie „Is it light depression or just some dark days?” kann man durchaus mal schreiben. Und singen. (G) Gary Flanell

Loser Youth – Livin‘ la vida loca – LP (amsa-records.de)
Der Trend geht zum einseitigen, warum auch nicht? Deshalb hat Hamburgs Verlierernachwuchs alle ihre neun Songs auf eine Seite einer neongrünen Vinylplatte gepackt. Reicht ja auch, wenn man ultraschnelle Deutschpunkhacker spielt. Ist aber nicht der klassische, schon etwas miefige Asi-Dicke-Männer-Deutschpunk, sondern eher so eine hektische HC-Kante. Man ist hörbar sauer auf alles und jeden und hält nicht hinterm Berg damit. So schnörkellos hingerotzt gefällt mir das besser als manche Band, die den hundertsten Turbostaat-Abklatsch liefert. Der Titel in Zusammenhang mit dem Cover (Band auf Spielplatzschaukeln, gelangweilt guckend) zeigt, dass die Herren auch im GK Humorverständnis fleißig mitgemacht haben. Und ein Refrain wie „Astrologie ist wichtiger als Geld“ sowieso. (F) Gary Flanell

METEORIT - Tape (Greatberry Tapes, Kassette)
Beim Zivi haben wir einen Typen gefahren, der sich die Augäpfel rausgedrückt hat, um Farben zu sehen. Er konnte „Kassette“ und eine Zusammenschleifung von „Ivona“ (seine Mutter) und „Tischlampe“ sagen. Ich hätte auf ihn hören sollen. METEORITs Best of wäre in anderen Bewertpostillen unzweifelhaft die „Schönheit der Ausgabe“. Ein kopfstehendes Reh als Cover, lustige Stickerchen der Band als Gimmick und zwölf deutschsprachige Poppereien aus den beiden für Ömme kriegbaren Alben der Musikanten. Gewinnerding für Die Sterne- und Geschichtenmittieren-Möger. Und sicher auch für Augäpfelrausdrücker. Philip Nussbaum

MOVIE STAR JUNKIESEvil Moods (Voodoo Rhythm Records)
Nick Cave goes "Die Straßen von San Francisco" und meets there ein paar Typen, die mit ihren Instrumenten das eine oder andere Noisige anstellen. Draußen ist's grad was kühl, also geht man mal zusammen irgendwohin und haut sich da ein paar Flaschen Kaffee in den Kopp. Großstadtinderspätsommersonnesoundtrack. Mit deutschen Landschaften leider irgendwie inkompatibel, so dass vorzuschlagen ist, den musikalischen Film um sieben Uhr im abgedunkelten Verwaltungsbüro oder kurz nach Mitternacht während einer Autofahrt auf einer Pottbundesstraße laufen zu lassen und sich die passende Beleuchtung vorzustellen. Philip Nussbaum

PRECIOUS FEWTales (Tumbleweed Records)
Wäre es ein etwas hochstimmiger Sänger, dann hätte es vielleicht sogar etwas. Vielleicht wenigstens. Tatsächlich ists aber eine etwas tiefstimmige Sängerin, und es fehlt etwas. Textlich einfach drauf los, überwiegend in schön sperrigem und reimfreiem Denglisch, hauptsächlich ohne relevante Story, aber was solls. Das ist nicht der Punkt. Das musikalische Gesamtpaket ist nicht wirklich sympathisch, was folkigem Singer-/ Songwriterkram mit seiner Lagerfeuernähe doch recht leicht fallen könnte. Spröde? Hm. Ja? Nö. Beim Drübernachdenken und Nichtseinfallen zum schön schick verpackten und klanglich völlig okayen Promoteil aus dem Hause Tumbleweed bleibt’s bei einem leidlich interessierten Vielleicht. Philip Nussbaum

Resolutions/Up for Nothing –Split 7” (Homebound Records)
Eine Band aus Hannover (nein, nicht die Scorpions incognito) und eine aus Brooklyn (nein, nicht die Beastie Boys incognito) teilen sich diese schneeweiße 7inch. Je zwei Songs gibt es und auch gewisse Gemeinsamkeiten – ist nämlich alles Punkrock mit Herz. Also Emo-Core und das um Viertel nach 9 am Montag. Ebendie Art, wie man sie oft auf No-Idea-Releases oder beim FEST in Gainesville hören kann. Bißchen rauh, bißchen melancholisch und nachdenklich. Up For Nothing haben ein bißchen mehr Bums, sogar bei ihrem Akustikgitarrentrack. Resolutions sind dagegen fast so poppig wie Samiam. Das Credibility-Salz in der Suppe kommt durch den Mix, den hat nämlich Descendent Stephen Egerton besorgt. Beides sehr solide, aber nicht besonders aufsehenerregend. (J) Gary Flanell

Sand.IGStill–EP (Lautfrosch Records)
Vor ungefähr 10 Jahren war ich sehr angetan von einer Platte mit dem Titel “Waren des täglichen Bedarfs”. Die lief in unserer WG rauf und runter und war von den Berlinern Sand.IG. Die Texte sorgten jedenfalls für gute Assoziationen und „Kopfschwanger“ haben wir alle gerne mitgesummt. Auch musikalisch war das ziemlich gut. Abwechslungsreich, nicht zu nerdig und mit dem ordentlichen Noise-Rock-Wumms dabei. Danach sind Sand.IG aus meinem Blickfeld verschwunden, ich glaube sogar etwas von einer temporären Auflösung gehört zu haben. Nach all der Zeit traf ich sie wieder, bei einem Konzert in meinem liebsten Trinker-Souterrain. Nach 10 Jahren Pause wirkt manches auf mich auf die Distanz etwas zu theatralisch. Klangen Sand.IG schon damals die Skeptiker auf dem Krautrock-Trip? Wie die Neubauten als Post-Rock-Barden? Muss mal wieder die “Waren des täglichen Bedarfs” rausholen. Ein zweites Mal Kopfschwanger werde ich bei dieser EP leider nicht. (G) Gary Flanell

TEAR THEM DOWN Ett liv i härlighet (F. A. M. E. D. Records)
Deutsch, Englisch, Swaheli – völlig irrelevant. Also mal keine Sorge, ihr Schweden, ihr. Euer kurzes Dingelchen wird natürlich betrachtet, und dann (Tubenausquetschgeräusch) Senf dazu, da brauchts keine Devotie oder Herkunftskoketterien im Begleitschreiben. Komischer Ansatz. Wenn ihr ein teutsches Heftchen für sowieso borniert haltet, warum schickt ihr euren Mist überhaupt dahin? Alte Freunde verprellt man so, neue gibt’s dafür dann nicht. So. Kurzeentfernungsratatata auf Schwedisch. Ich könnte meine Tante fragen, wovon die da skatepunkig erzählen, aber der geht’s gerade nicht passend. Und leider interessiert’s mich auch nicht brennend genug. Das Video zu „En Insikt“ hilft wohl denen, die da anders aufgestellt sind, und glänzt noch dazu durch angenehme Abwesenheit der Band. Philip Nussbaum

Van Ursts/t (Rookie Records)
Es kommt selten vor, dass ich eine Platte mehr als fünfmal höre und dann immer noch nicht weiß, welche Band das gerade ist. So ein Fall liegt bei Van Urst vor. Vor einigen Jahren hätten sie mit diesem Sound allen aufgefallen, die auf Fugazi, Rites of Spring und ähnliches Dischord-Zeug stehen. Also eben nicht doof, sondern ganz gut durchdacht. Leider zünden V.U. bei mir nicht so urst, wie es sein könnte. Dazu ist die Gitarre manchmal etwas zu dünn und auch dieser Wechsel zwischen deutschen und englischen Texten erscheint mir etwas zu ambitioniert. Vielleicht besser für eins entscheiden. Bis dahin leg ich meine alte Jim-Croce-Platte auf. (H) Gary Flanell

The YolksDon’t cry anymore – 7inch (Bachelor Records)
Gerade schwelgte ich noch in der Verträumtheit der LP von Yolks-Sänger Spike mit den Sweet Spots, da kommt mir die erste Seite der neuen Yolks-7inch zum Aufwachen ganz recht. Flotter als sein Solowerk geht Spike hier auf alle Fälle zur Sache. Wobei sich der echte Hit auf der B-seite versteckt. „I wanna be dumb“ hat das Zeug, einer meiner Lieblingsauflegesongs zu werden und kommt deshalb sofort in die allzeit griffbereite DJ-Handwerkskiste. Knackiger Beat, gute Geschwindigkeit und eingängige Melodien - what do you wanna mehr from a Band out of San Francisco ohne Flowers in their Haare? (F) Gary Flanell

Sonntag, 30. September 2012

New Reviews

Moloko Plus No. 43, September 2011
Ja, Schande ueber mein Haupt, mistkuebelweise. Dafuer, dass das MP jetzt fast schon ein Jahr durch meine Wohnung geistert und ich es nicht hinbekommen habe, ein paar Zeilen dazu zu schreiben. Andererseits hat es dabei auch den guten Drei-Zimmer-Weg genommen, den alle guten Zines in dieser Wohnung nehmen, wenn sie ausfuehrlich und intensiv gelesen werden. Der Drei-Zimmer-Weg geht so: Erst fuer geraume Zeit in mein Schlafgemach, wo es als Bettlektuere dient. Dann nach ein paar Wochen nehme ich es wie zufaellig mit ins Bad, als Toilettenlektuere, wo es dann abermals einige Zeit verbringt. Als letzte Station wird es dann – wahrscheinlich nach einer guten Morgentoilette – mit in die Kueche genommen, und zwar weil ich einen Artikel – vielleicht die traurige, aber doch packende Story ueber den Essener Fussballer und Bankraeuber Willi Kraus (So eine tragische Ruhrpottlegende. Macht ihr dann bitte in 20 Jahren auch eine Story ueber Breno von Bayern?) oder die Interviews mit HARDTIMES-Saenger Philippe Wagner, den RADIO DEAD ONES, YOUTH BRIGADE, Pierpaolo vom italienischen Punkrock-Goldgraeber-Label Rave Up Records oder das huebsche Feature ueber Upton Sinclairs Buch „Der Dschungel“ - nochmal genauer lesen will. Es gibt also genug in diesem Heft zu entdecken, von Kolumnen und Rezis will ich gar nicht reden, und alles tief im Streetpunk/Working-Class-Milieu verwurzelt. Aber schon cool, dass die Molokomacher, ausgehend von ihrer Vorliebe fuer Streetpunk, obskuren Punkrock und Fussball, immer noch neue Ideen aus ihren – wahrscheinlich adaequat rasierten Koepfen – graben. (Moloko Plus, Feldstr. 10, 46286 Dorsten, http://www.moloko-plus.de)

Demokhratia/ Mondo Gecko – Split LP
Waere ich nicht vor ein paar Wochen ueberredet worden, mal wieder auf ein Konzert in die Koepi zu latschen, dann waere wohl auch diese wunderbare Platte an mir vorbeigegangen. Denn dort haben Demokhratia gespielt und moeglicherweise war es das erste Mal, dass somit eine Hardcoreband aus Algerien in der Koepi auf der Buehne stand. Im Renfield gibt es seit je her ein Faible fuer, na, sagen wir mal obskure Bands, die aber allemal unterstuetzenswert sind, von daher hat diese Split schon fast allein ein paar Bonuspunkte sicher. Noch interessanter ist allerdings die Tatsache, dass MONDO GECKO, die Band auf der B-Seite aus Israel kommt. Vielleicht ist sowas erst durch den arabischen Fruehling moeglich geworden, aber dass mal eine israelische Band zusammen mit einer arabischen kooperiert, ist schon an sich grossartig. Abgesehen von diesen formalen Wunderwerk gibt’s natuerlich auch Musik. DEMOKHRATIA spielen die Art von Hardcore-Punk, wie man ihn nun mal in besetzten Haeusern gern hoert, schnell, vielleicht nicht extrem abwechslungsreich, aber huebsch wuetend. Fuer MONDO GECKO ist das lang nicht die erste Platte, deshalb gehen sie etwas ausgefuchster, aber nicht weniger verrueckt vor. Ist mordsschnell, manchmal fast schon fast chaotisch und mit soviel Ideen ausgestattet, dass andere Bands daraus gut 2 Platten machen koennten. (G) (u.a. von Darbouka Rec., Kawaii Rec, Fraction Production u.a.)

Punkappella – NewYork ultra underground Star
Grosse Vermutung: Moeglicherweise hat Punk manchmal doch noch mehr mit Experiment und Kunst zu tun, als mit dem Klischee von lauten Gitarren und halbwegs wilden Modeaccesoires. Zu dieser Vermutung komme ich an diesem verregneten Samstagnachmittag durch die Single von Punkappella. Was das genau fuer ein Projekt ist, kann ich nicht genau sagen, es scheint jedoch eine Art von Kooperation zwischen slowenischen und amerikanischen Undergroundkuenstlern zu sein. Die Slowenen kommen aus dem Umfeld der Uralt-Punkband CZD, aufgenommen wurde das ganze bereits 1995. Nueja sagt der Kaffeetrinker, es ist schon geil, was alles so auf Vinyl gepresst wird. Denn was der Bandname verspricht, haelt die Musik, die naemlich ausschliesslich a cappella intoniert wird. Stell dir vor, die minimalistischen Lyrics der Ramones wuerden als Gedicht in vertont. Da kann mann doch als Beispiel mal den kompletten Text von „Angry“ zitieren: „You are angry. So angry. Why are you so angry?“ Peng, das war's. Als Text fuer eine Punkband ebenso kompatibel wie fuer ein gutes Dada-Kunstprojekt mit aehnlicher Denke. Fuer die kurze Verwirrung am Abend schon geil, allerdings fuer viele bestimmt auch schlicht Kunstkacke. (L) (Front Rock Records)

Equal Minds Theory – same
Der Anfang ist schon mal grossartig, weil er wie eine moderne Interpretation von Black Sabbath' Intro des gleichnamigen Songs klingt. Danach gibt’s das volle Brett, naemliches aus Hardcore, schnellem Metal und einigen interessanten Elektroeffekten und gewitzt schraegen Breaks zusammengezimmert wurde. Also darf man das ruhig wohl Metalcore nennen, der artworkmaessig zum Glueck ohne Totenkopfschnickschnack auskommt und jedem Fuze-Leser mit CONVERGE oder DILLINGER ESCAPE PLAN-Shirt ans Herz legen. Fuer mich zarte Seele ist das nur in ausgewaehlten Stunden des Zwielichts was, dann allerdings so richtig. Und wie schon Franz Beckenbauer sagt: Spielen koennen's, die Jungs. In diesem Fall uebrigens russische Jungs aus Moskau, die aber auch ohne den sogenannten Exotenbonus ueberzeugen. (J) (http://equalmindstheory.bandcamp.com)