Heute: Nord - Dahinter eine Festung (Kidnap, 2016, nordpunk.de)
Musste erstmal schauen, von wann die Platte ist, solange steht sie schon in der Renfield-Rezikiste. Die jetzt mal renoviert wurde. Vielleicht bringt mich das ja dazu, da öfter mal reinzuschauen. Auf alle Fälle wurde sortiert und das erste Exemplar, das mich in „Mensch-die-musst-du-dir-jetzt-mal-genauer-anschauen“-Schuldgefühle stürzt, ist die LP von Nord. Ob's die noch gibt? Könnte ich recherchieren, aber ich habe ehrlich gesagt keine Lust. Die Chancen, dass es die Band noch gibt, stehen nicht so schlecht, immerhin ist das Album vom Herbst 2016, auf Kidnap raus gekommen, da ist man doch motiviert, länger dran zu bleiben. Wäre ich zumindest, wenn ich eine Band hätte und solche Voraussetzungen bestehen würden. Aber wer weiß; es gab oft genug Bands, die eine Platte gemacht haben, hoffnungsvoll waren und dann ging aus gründen die niemand versteht, nichts mehr. Aber das kann mir ja auch egal sein. Ich nehme diese Platte, der Infozettel ist schon lang den Weg des Altpapiers gegangen. Soweit ich weiß kommen nord aus Münster und Dortmund. Dortmund Nord, oder auch vom Nordpol, welch ein Witz. Da möchte ich nicht wohnen, wenn das alles stimmt, was man sich so sagt. Abgeranzt und voller Nazis. Nord sind glücklicherweise keine von diesen bierbräsigen Streetpunkbands, die es im Ruhrgebiet viel zu oft gibt. Sie sind eher so die Melo-Ollis. So eine homöopathische Dosis Turbostaat lässt sich wohl nicht vermeiden. Das finde ich ja prinzipiell gut, aber irgendwie werde ich mit Nord nicht warm. Klingt zu gewollt, nach zuviel Probe, zu viel Ernst von jungen Männern, die mit Mitte 20 ihre trübsinnigen Gedanken schon so gut in Metaphern und Metaebenen formulieren können, dass es mir Angst wird. Vielleicht bin ich auch nur neidisch, dass ich das mit Mitte 20 nicht so konnte.
Hamburg (vielleicht kommt daher die Nord-Referenz im Namen?). 3000 Yen ohne Gruselfaktor. Oder Bärbel. Dieses Hake-Zeug. Mit leichtem Faible für pathosgeladenen Gesang. Und mit Texten. Ja wirklich, Gesang mit Texten, na sowas. Auch ein bißchen langweilig, Gesang mit Texten. Da habe ich in dieser beschreibenden Art schon sowas von den Kanal voll, dass ich eigentlich ausschalten möchte. Finster und ernst wollen die schon sein, das klappt so mäßig. Aber nunja, hör ich mir das halt mal komplett an. Ernst sein gefällt mir ja ganz gut. Es wird nicht wirklich besser. Ja ja, das Tempo stimmt und alles Formale ist total super, aber mich kriegt der Norden, egal ob Dortmund, Münster oder Hamburg-Nord-Süd leider nicht. Dieses Filmsample mit den Himmelsrichtungen ist super, woher kenne ich das eigentlich? Insgesamt fehlt mir da was, denn von allem wird geklaut, DackelBlumen am Arsch von Oma Pascow, das hört man alles raus. Eine Orgel wie bei den Doors wünsche ich mir ab dem zweiten Song. So läuft alles in ein haariges Ohr rein und aus dem anderen raus. Halt so eine Jungscombo, die in NRW Punk macht. Schulterzucken. "Jetzt geht's nicht mehr weiter." singt man. Wenn der Sänger wüüsste, wi Recht er hat. Das mag besser sein als irgendwas total Bierseliges, das über das Rodeofeld called Ruhrpott hoppelt, bringt mich aber nicht zum Zucken. Infozettel ist doch noch da, hatte sich im Inlay versteckt. Gucke aber jetzt nicht drauf, die 10 Minuten sind eh um. Merke jetzt erstmal, wie müde ich bin. Danke Nord. Geht bitte woanders spielen, ich habe leider keine Zeit mehr für euch.
(m, ein kleines müdes m für diese ernsten jungen selbstzweifelnden Männer aus NRW.)
Mary Flanell
Diese Rezension wurde im FreeWriting-Verfahren nach Ken Macrorie und Peter Elbow innerhalb von 10 Minuten verfasst. Bis auf Rechtschreibfehler wurde nichts verbessert oder redigiert.
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Dienstag, 14. Mai 2019
Montag, 28. Dezember 2015
Den Bon, bitte...
Ach, vergiss es! Wenn jetzt irgendeiner denkt, hier kommt noch so ein Ranking von den besten tollsten oder blödesten Musik-Buch-Konzert-Sonstwas-Ereignissen des Jahres 2015, dann liegt hier ein großer Irrtum vor.
Nein. Keine Hit- und Shitlisten. Auch keine Wertung des Jahres 2015 an sich. Ob's das beste oder doofste oder langweiligste Jahr unter zweitausendundfünfzehn anderen war - nach der Zeitrechnung, die wir im Renfield-HQ gewohnt sind - ist komplett egal.
Eine persönliche Jahresendabrechnung lohnt im besten Fall nur, wenn 31.12. die Frage der Kassiererin im Supermarkt nach dem Treueherz mit einem schüchternen "Ja" beantwortet wird. Und man danach draussen mal einen kurzen Blick auf seinen Bon wirft. Und auf den EC-Kartenbeleg. Den ich immer mitnehme, im Gegensatz zum Bon. Der Bon ist mir kotegal, den EC-Beleg vernichte ich lieber in meinen eigenen vier Wänden. Nie im Supermarkt selber. Das ist meine kleine Datenklau-Paranoia, die ich pflege, wie eine seltene Zimmerpflanze. Welche Farbe hat Irrsinn? Muss ich raus finden, damit ich demnächst, analog zum grünen Daumen für Blumenfreunde, damit prahlen kann, dass ich einen so-und-so-farbigen Finger habe, mit dem ich meine Kauzigkeiten pflege.
Was allerdings immer geht, ist ein Blick nach vorn. Deshalb hier die 5 Renfield-relevanten Ereignisse, die ich mir für 2016 erhoffe:
1. Das Post-Popkulturelle Performance-Wunderwerk URS GROB BOOTSBETRIEB spielt die erste Platte ein. Darauf zu hören: Die Hits "Michel Piccoli", "Alter Mann" und die Refugee-Solihymne "Zäune Runter, Gläser hoch". Vielleicht sogar als Split-Veröffentlichung mit den Artrockern von TURBOBIER.
2. LITBARSKI und RASKOLNIKOFF tanzen gemeinsam Klammerpogo in meinem Hinterhof.
3. THE SHITPHONES ändern ihren Plan und gehen doch so spießige Bandaktivitäten wie Proben und Livespielen an. Damit die bereits existierenden Aufnahmen dieser Band endlich auf Vinyl rauskommen.
4. GISM liefern auf dem Roadburn-Festival einen Gig ab, an den ich mich noch vollsenil im Altersheim erinnere.
5. Mark Zuckerberg spendet 1 Prozent der Kohle der 99 gespendeten Prozente seiner Facebook-Anteile für die nächsten zehn bis 20 Renfield-Ausgaben. Damit die Welt eine besser wird...
Nach soviel Kristallkugel-Futur kommen hier nun die letzten Rezensionen des Jahres 2015 auf dem Renfield-Blog. Alles Platten und Hefte, die der Renfield-Crew zum Ende des Jahres noch soviel Aufmerksamkeit wert waren, dass sie nicht im Limbo der massenhaften Veröffentlichungen verschwinden sollten.
Beton-Zine Nr. 1 – Lügen/Mentir
Das hier ist die erste Ausgabe dieses Comic-Zines und wenn die Herausgeber es schaffen, das hier regelmäßig und weiterhin durchzuziehen, dann freu ich mich über ein neues hübsch abwechslungsreiches Comic-Heft auf diesem Planeten. Zig verschiedene Zeichner stellen 1-2 Seiten-Strips zum Oberthema „Lügen“ zur Verfügung. Gutes Thema und auch richtig gut umgesetzt, grafisch wie haptisch (dieses Papier!). Da dies eine deutsch-französische Koop ist, sind die Comics zweisprachig, dem Original wird jeweils noch unauffällig ein Untertitel in der anderen Sprache zugesetzt. Wer alles dabei ist? Base23, Yellow G, Tine Fetz, Laetitia Graffart, Stéphane Hirlemann, Romain Malauzat, Mono Max, Point, Punker Donald, Schikkimikki Wandrille und Toine. Kannte ich bisher alle gar nicht. Sind aber ausnahmslos gut. Und fleißig wird hier weitergemacht. Im Januar kommt schon Nummer 5 raus.
Gary Flanell
Inside – Artzine #17 (A4, 48 S., INSIDE Artzine, PO Box 2266, 54212 Trier, artscum.org)
Ich geb‘s zu: Am liebsten schau ich mir das Inside-Zine wegen der Bilder an. Ist wohl der umgekehrte Playboy-Effekt. Ganz appetitlich ist das, was Herausgeber Jenz immer zusammenstellt nicht, soll es aber auch gar nicht sein. Viel Splatter-Art von Künstlern aus der ganzen Welt, alles sehr farbenprächtig. Zwischendurch immer wieder ein Text (z.B. über Marcelo Vasco), bei dem man oft nicht weiß, ob das gruselige Kurzgeschichte oder doch ein wirkliches Interview sein soll. Angenehmer Grusel überkommt mich beim Betrachten. Aber ich schau mir ja auch Geistervideos auf Youtube an. Kommt wie immer auf bestem handschmeichelndem Papier und komplett durchgehend farbig, was bei den Grafiken auch Sinn macht. Wären die Wartezimmer in den Arztpraxen dieser Welt mit Lesezirkelexemplaren des INSIDE-Zines ausgestattet, wäre die Welt sicher eine andere. Vielleicht eine bessere, gewiss eine mit weniger Patienten.
Gary Flanell
NAIROBI FIVE DEGREE #4 (A5, 40 S.)
Der Titel besagt, seine Herkunft sei … Dass es ein Zine ist, besagt … Alles falsch außer, dass es tatsächlich bereits die Ausgabe #4 des Leipschen mehr oder minder Alleingangs ist, der sich nun gar nicht mehr um Heftchenstandards wie Interviews, Besprechungen, Kritzeleien oder lachend verhökerten Werbeplatz schert. Ein Lit-Zine? Nimmt man sich genügend Zeit und vor allem Unabgelenktheit, kann es gelingen, sich satzweise durch die anstrengende Setzung zu arbeiten und je nach Tagesform vielleicht sogar die die Einzeltexte unterbrechenden frustrierenden Photos zu erreichen. Keine leichte Kost, auch wenn es inhaltlich überwiegend nur um den Alltag geht. Kein echtes Entertainment, aber eine respektable Entscheidung, Schreibe nicht in einem unbeachteten Blog verschimmeln zu lassen, sondern sie haptisch zu machen und den Massen zu geben. Keine Veröffentlichung im Sinne des Pressegesetzes, so stehts hinten drin. Davon wiederum gibt’s ohnehin zu viele.
Philip Nussbaum
PERSEVERANCE # 7 (A5, Zine, spxdiscos@gmail.com)
Was gibt es über Hardcore eigentlich noch zu sagen? … Richtig. Also tarnen wir die informative Sinnlosigkeit ein wenig und machen ein Entwicklungshilfeprojekt aus dem Vakuum. Hauptsache Durchhalten. Stehvermögen ist alles, nicht nur im Pit, sondern auch auf Surfbrettern oder beim Date mit der Trulla aus der Abteilung von oben. Hardcore in Südostasien, Hardcore in Thüringen, Hardcore, so eben hier, in Südamerika. Acht doppelseitig vollkopierte, selbstgetackerte DIN A4-Blätter erzählen nicht viel Neues, geben aber immerhin einige musikalische Surftipps und, das ist die Hauptsache, stehen als Blätter selbst für Ausdauer. Nomen est omen est nomen. Schön augengeschädigter, gnadenlos tonerfressender Köter hinten drauf übrigens.
Philip Nussbaum
Schlammrock #7 (A5, 48 S., hoeppi77@web.de)
Im Schlammrock-Team gibt es immer wieder ein paar Überschneidungen zum Renfield. Andrecu ist mit Texten und Comics hier wie da zu finden und Höppi selber treffe ich auch immer wieder mal an derselben Bar, allerdings bei unterschiedlichen Getränken. Auch wenn der Schnipsel-Stil vom Schlammrock nicht mehr so ganz meins ist, gefällt mir die 7. Ausgabe inhaltlich sehr gut. Keine drögen Bandinterviews langweilen den Leser, stattdessen konzentriert David sich auf selbstgeschriebenes wie seinen Rad-Reisebericht durchs Baltikum, der fast die Hälfte vom Heft einnimmt. Ist aber kein Lückenfüller, sondern wirklich unterhaltsam. Drei Kurzgeschichten aus der Visconte’schen Schreibwerkstatt und einen Bericht über eine Fahrraddemo gegen die Abschiebung von Flüchtlingen gibt‘s obendrauf. Wenn man das alles gelesen hat, ist man schon fertig mit dem Heft und kann sich aufs nächste freuen. Oder bei unterschiedlichen Getränken von vorn anfangen.
Gary Flanell
OSKA WALD – Dreaming of Babylon (32 S., 17x15 cm, Krill Verlag)
Welch Verdichtung! Die Comicinterpretation eines leidlich bekannten Ami-Literaten, der sich in den Achtzigern angesichts Suffs und Perspektivlosigkeit suizidiert hat, gezeichnet vom Sänger eines leidlich bekannten Staatsakt-Akts (noch am Leben!) und nun beachtet von einem leidlich bekannten Zine, das usw. usf. Alles ist deprimierend und sinnlos, also ab mit den Gedanken nach Babylon, wo alles schön und eitel und sorgenfrei ist. Brautigans traurig-linkischer Postwirtschaftskrisendetektiv rettet, improvisiert und bescheißt sich von Tag zu Tag durchs Leben, Oska Wald fängt die Tristesse treffend krakelig ein. Klasseding. Spannend ist, ob sich tatsächlich welche finden, die, wie angeboten, in dem Fortsetzungsteil dann Werbung schalten wollen. Für Stricke vielleicht? Oder für BHs für die göttliche Vermieterin der Hauptfigur?
Philip Nussbaum
Kommen wir nun zu den zwei Jahresabschlußplatten, die den Rezensionsreigen in diesem Jahr, ehm, abschließen...
Paulas letzte Chance – Dieser Mist läuft auf jedem Kanal (Mini-LP)
B.E.F.I.N.D.L.I.C.H.K.E.I.T – schreibt man das so? Dachte zuerst, Markus Wiebusch hätte jetzt ein neues Akustikprojekt. Ist er aber gar nicht. Sondern der Trommler von Berlins aufstrebender Punklegende LITBARSKI mit Unterstützung. Klingt trotzdem ziemlich nach Kettcar. Akustikgitarrenriffs kuscheln sich an deutschsprachige Texte der melancholischen Art . Meine Freundin würde das ganz süß finden, zumindest die sehr nachdenklichen jungen Männer, die sowas machen und bestimmt nur sehr wenige Sachen im Leben lustig finden. Auch wenn sie wortkarg am Tresen stehen das zehnte Bier nuckeln. Vielleicht sind sie einfach nur … schüchtern? Also Paula, pass gut auf: Wäre das meine letzte Chance, dann würde ich mich mal locker machen. Wenn ich das jetzt verkacke, dann öffnet sich halt eine andere Tür im Universum. Wird schon alles mit dem Leben und so. Eigentlich die perfekte Platte für die Tage zwischen den Jahren, um bei einer Tasse Kaffee in die Fenster vom Knast auf der anderen Straßenseite zu starren.
(G) Gary Flanell
ROOM FULL OF STRANGERS – Bad vacation
Immer wenn ich seit ein paar Monaten in einem Berliner Club Musik auflege, nehme ich diese CD mit. Ich denke nämlich immer, das könnte was für das Publikum in einem sogenannten Indie/Alternative-Club sein. Es kam aber nie dazu, dass ich die RFoS aufgelegt habe. Das liegt daran, dass die Clubbesucher immer Rage against the Machine, The Cure oder The Smiths hören wollen. Nichts anderes. Immer nur Rage against the Machine, The Cure oder The Smiths, die ganze Nacht. Wenn was anderes läuft, werden sie böse. Dabei wären ROOM FULL OF STRANGERS (denn genau das ist ja ein, eigentlich jeder Club: Ein Raum voller fremder Menschen.) für diesen Club genau richtig: Sie haben ordentliche Punkrockgitarren, eine schicke Orgel. Sind aber nicht zu krachig, sondern erinnern eher an die frühen DEAD Boys oder an die NEW YORK DOLLS. Und das wichtigste: Tanzen kann man dazu auch gut. Wenn alle fremden, die man s in einem Club trifft, wie diese band wären, dann hätten wir alle einen angenehmen Abend. Dass RFoS eine gute Band ist, sollte eigtnlich die ganze Welt wissen. Aber ich bin kein Musikmissionar. Deshalb kriegen die Clubmenschen nur „Panic“ von dem Smiths. Oder zum 100sten Mal „Boys don’t cry“ von The Cure. Sie wissen ja nicht, was ihnen entgeht.
(F) Gary Flanell
Nein. Keine Hit- und Shitlisten. Auch keine Wertung des Jahres 2015 an sich. Ob's das beste oder doofste oder langweiligste Jahr unter zweitausendundfünfzehn anderen war - nach der Zeitrechnung, die wir im Renfield-HQ gewohnt sind - ist komplett egal.
Eine persönliche Jahresendabrechnung lohnt im besten Fall nur, wenn 31.12. die Frage der Kassiererin im Supermarkt nach dem Treueherz mit einem schüchternen "Ja" beantwortet wird. Und man danach draussen mal einen kurzen Blick auf seinen Bon wirft. Und auf den EC-Kartenbeleg. Den ich immer mitnehme, im Gegensatz zum Bon. Der Bon ist mir kotegal, den EC-Beleg vernichte ich lieber in meinen eigenen vier Wänden. Nie im Supermarkt selber. Das ist meine kleine Datenklau-Paranoia, die ich pflege, wie eine seltene Zimmerpflanze. Welche Farbe hat Irrsinn? Muss ich raus finden, damit ich demnächst, analog zum grünen Daumen für Blumenfreunde, damit prahlen kann, dass ich einen so-und-so-farbigen Finger habe, mit dem ich meine Kauzigkeiten pflege.
Was allerdings immer geht, ist ein Blick nach vorn. Deshalb hier die 5 Renfield-relevanten Ereignisse, die ich mir für 2016 erhoffe:
1. Das Post-Popkulturelle Performance-Wunderwerk URS GROB BOOTSBETRIEB spielt die erste Platte ein. Darauf zu hören: Die Hits "Michel Piccoli", "Alter Mann" und die Refugee-Solihymne "Zäune Runter, Gläser hoch". Vielleicht sogar als Split-Veröffentlichung mit den Artrockern von TURBOBIER.
2. LITBARSKI und RASKOLNIKOFF tanzen gemeinsam Klammerpogo in meinem Hinterhof.
3. THE SHITPHONES ändern ihren Plan und gehen doch so spießige Bandaktivitäten wie Proben und Livespielen an. Damit die bereits existierenden Aufnahmen dieser Band endlich auf Vinyl rauskommen.
4. GISM liefern auf dem Roadburn-Festival einen Gig ab, an den ich mich noch vollsenil im Altersheim erinnere.
5. Mark Zuckerberg spendet 1 Prozent der Kohle der 99 gespendeten Prozente seiner Facebook-Anteile für die nächsten zehn bis 20 Renfield-Ausgaben. Damit die Welt eine besser wird...
Nach soviel Kristallkugel-Futur kommen hier nun die letzten Rezensionen des Jahres 2015 auf dem Renfield-Blog. Alles Platten und Hefte, die der Renfield-Crew zum Ende des Jahres noch soviel Aufmerksamkeit wert waren, dass sie nicht im Limbo der massenhaften Veröffentlichungen verschwinden sollten.
Beton-Zine Nr. 1 – Lügen/Mentir
Das hier ist die erste Ausgabe dieses Comic-Zines und wenn die Herausgeber es schaffen, das hier regelmäßig und weiterhin durchzuziehen, dann freu ich mich über ein neues hübsch abwechslungsreiches Comic-Heft auf diesem Planeten. Zig verschiedene Zeichner stellen 1-2 Seiten-Strips zum Oberthema „Lügen“ zur Verfügung. Gutes Thema und auch richtig gut umgesetzt, grafisch wie haptisch (dieses Papier!). Da dies eine deutsch-französische Koop ist, sind die Comics zweisprachig, dem Original wird jeweils noch unauffällig ein Untertitel in der anderen Sprache zugesetzt. Wer alles dabei ist? Base23, Yellow G, Tine Fetz, Laetitia Graffart, Stéphane Hirlemann, Romain Malauzat, Mono Max, Point, Punker Donald, Schikkimikki Wandrille und Toine. Kannte ich bisher alle gar nicht. Sind aber ausnahmslos gut. Und fleißig wird hier weitergemacht. Im Januar kommt schon Nummer 5 raus.
Gary Flanell
Inside – Artzine #17 (A4, 48 S., INSIDE Artzine, PO Box 2266, 54212 Trier, artscum.org)
Ich geb‘s zu: Am liebsten schau ich mir das Inside-Zine wegen der Bilder an. Ist wohl der umgekehrte Playboy-Effekt. Ganz appetitlich ist das, was Herausgeber Jenz immer zusammenstellt nicht, soll es aber auch gar nicht sein. Viel Splatter-Art von Künstlern aus der ganzen Welt, alles sehr farbenprächtig. Zwischendurch immer wieder ein Text (z.B. über Marcelo Vasco), bei dem man oft nicht weiß, ob das gruselige Kurzgeschichte oder doch ein wirkliches Interview sein soll. Angenehmer Grusel überkommt mich beim Betrachten. Aber ich schau mir ja auch Geistervideos auf Youtube an. Kommt wie immer auf bestem handschmeichelndem Papier und komplett durchgehend farbig, was bei den Grafiken auch Sinn macht. Wären die Wartezimmer in den Arztpraxen dieser Welt mit Lesezirkelexemplaren des INSIDE-Zines ausgestattet, wäre die Welt sicher eine andere. Vielleicht eine bessere, gewiss eine mit weniger Patienten.
Gary Flanell
NAIROBI FIVE DEGREE #4 (A5, 40 S.)
Der Titel besagt, seine Herkunft sei … Dass es ein Zine ist, besagt … Alles falsch außer, dass es tatsächlich bereits die Ausgabe #4 des Leipschen mehr oder minder Alleingangs ist, der sich nun gar nicht mehr um Heftchenstandards wie Interviews, Besprechungen, Kritzeleien oder lachend verhökerten Werbeplatz schert. Ein Lit-Zine? Nimmt man sich genügend Zeit und vor allem Unabgelenktheit, kann es gelingen, sich satzweise durch die anstrengende Setzung zu arbeiten und je nach Tagesform vielleicht sogar die die Einzeltexte unterbrechenden frustrierenden Photos zu erreichen. Keine leichte Kost, auch wenn es inhaltlich überwiegend nur um den Alltag geht. Kein echtes Entertainment, aber eine respektable Entscheidung, Schreibe nicht in einem unbeachteten Blog verschimmeln zu lassen, sondern sie haptisch zu machen und den Massen zu geben. Keine Veröffentlichung im Sinne des Pressegesetzes, so stehts hinten drin. Davon wiederum gibt’s ohnehin zu viele.
Philip Nussbaum
PERSEVERANCE # 7 (A5, Zine, spxdiscos@gmail.com)
Was gibt es über Hardcore eigentlich noch zu sagen? … Richtig. Also tarnen wir die informative Sinnlosigkeit ein wenig und machen ein Entwicklungshilfeprojekt aus dem Vakuum. Hauptsache Durchhalten. Stehvermögen ist alles, nicht nur im Pit, sondern auch auf Surfbrettern oder beim Date mit der Trulla aus der Abteilung von oben. Hardcore in Südostasien, Hardcore in Thüringen, Hardcore, so eben hier, in Südamerika. Acht doppelseitig vollkopierte, selbstgetackerte DIN A4-Blätter erzählen nicht viel Neues, geben aber immerhin einige musikalische Surftipps und, das ist die Hauptsache, stehen als Blätter selbst für Ausdauer. Nomen est omen est nomen. Schön augengeschädigter, gnadenlos tonerfressender Köter hinten drauf übrigens.
Philip Nussbaum
Schlammrock #7 (A5, 48 S., hoeppi77@web.de)
Im Schlammrock-Team gibt es immer wieder ein paar Überschneidungen zum Renfield. Andrecu ist mit Texten und Comics hier wie da zu finden und Höppi selber treffe ich auch immer wieder mal an derselben Bar, allerdings bei unterschiedlichen Getränken. Auch wenn der Schnipsel-Stil vom Schlammrock nicht mehr so ganz meins ist, gefällt mir die 7. Ausgabe inhaltlich sehr gut. Keine drögen Bandinterviews langweilen den Leser, stattdessen konzentriert David sich auf selbstgeschriebenes wie seinen Rad-Reisebericht durchs Baltikum, der fast die Hälfte vom Heft einnimmt. Ist aber kein Lückenfüller, sondern wirklich unterhaltsam. Drei Kurzgeschichten aus der Visconte’schen Schreibwerkstatt und einen Bericht über eine Fahrraddemo gegen die Abschiebung von Flüchtlingen gibt‘s obendrauf. Wenn man das alles gelesen hat, ist man schon fertig mit dem Heft und kann sich aufs nächste freuen. Oder bei unterschiedlichen Getränken von vorn anfangen.
Gary Flanell
OSKA WALD – Dreaming of Babylon (32 S., 17x15 cm, Krill Verlag)
Welch Verdichtung! Die Comicinterpretation eines leidlich bekannten Ami-Literaten, der sich in den Achtzigern angesichts Suffs und Perspektivlosigkeit suizidiert hat, gezeichnet vom Sänger eines leidlich bekannten Staatsakt-Akts (noch am Leben!) und nun beachtet von einem leidlich bekannten Zine, das usw. usf. Alles ist deprimierend und sinnlos, also ab mit den Gedanken nach Babylon, wo alles schön und eitel und sorgenfrei ist. Brautigans traurig-linkischer Postwirtschaftskrisendetektiv rettet, improvisiert und bescheißt sich von Tag zu Tag durchs Leben, Oska Wald fängt die Tristesse treffend krakelig ein. Klasseding. Spannend ist, ob sich tatsächlich welche finden, die, wie angeboten, in dem Fortsetzungsteil dann Werbung schalten wollen. Für Stricke vielleicht? Oder für BHs für die göttliche Vermieterin der Hauptfigur?
Philip Nussbaum
Kommen wir nun zu den zwei Jahresabschlußplatten, die den Rezensionsreigen in diesem Jahr, ehm, abschließen...
Paulas letzte Chance – Dieser Mist läuft auf jedem Kanal (Mini-LP)
B.E.F.I.N.D.L.I.C.H.K.E.I.T – schreibt man das so? Dachte zuerst, Markus Wiebusch hätte jetzt ein neues Akustikprojekt. Ist er aber gar nicht. Sondern der Trommler von Berlins aufstrebender Punklegende LITBARSKI mit Unterstützung. Klingt trotzdem ziemlich nach Kettcar. Akustikgitarrenriffs kuscheln sich an deutschsprachige Texte der melancholischen Art . Meine Freundin würde das ganz süß finden, zumindest die sehr nachdenklichen jungen Männer, die sowas machen und bestimmt nur sehr wenige Sachen im Leben lustig finden. Auch wenn sie wortkarg am Tresen stehen das zehnte Bier nuckeln. Vielleicht sind sie einfach nur … schüchtern? Also Paula, pass gut auf: Wäre das meine letzte Chance, dann würde ich mich mal locker machen. Wenn ich das jetzt verkacke, dann öffnet sich halt eine andere Tür im Universum. Wird schon alles mit dem Leben und so. Eigentlich die perfekte Platte für die Tage zwischen den Jahren, um bei einer Tasse Kaffee in die Fenster vom Knast auf der anderen Straßenseite zu starren.
(G) Gary Flanell
ROOM FULL OF STRANGERS – Bad vacation
Immer wenn ich seit ein paar Monaten in einem Berliner Club Musik auflege, nehme ich diese CD mit. Ich denke nämlich immer, das könnte was für das Publikum in einem sogenannten Indie/Alternative-Club sein. Es kam aber nie dazu, dass ich die RFoS aufgelegt habe. Das liegt daran, dass die Clubbesucher immer Rage against the Machine, The Cure oder The Smiths hören wollen. Nichts anderes. Immer nur Rage against the Machine, The Cure oder The Smiths, die ganze Nacht. Wenn was anderes läuft, werden sie böse. Dabei wären ROOM FULL OF STRANGERS (denn genau das ist ja ein, eigentlich jeder Club: Ein Raum voller fremder Menschen.) für diesen Club genau richtig: Sie haben ordentliche Punkrockgitarren, eine schicke Orgel. Sind aber nicht zu krachig, sondern erinnern eher an die frühen DEAD Boys oder an die NEW YORK DOLLS. Und das wichtigste: Tanzen kann man dazu auch gut. Wenn alle fremden, die man s in einem Club trifft, wie diese band wären, dann hätten wir alle einen angenehmen Abend. Dass RFoS eine gute Band ist, sollte eigtnlich die ganze Welt wissen. Aber ich bin kein Musikmissionar. Deshalb kriegen die Clubmenschen nur „Panic“ von dem Smiths. Oder zum 100sten Mal „Boys don’t cry“ von The Cure. Sie wissen ja nicht, was ihnen entgeht.
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