Bremen
Relativ unspektakulär verläuft die Fahrt durch Norddeutschland. Ist mir ganz recht so, denn der alkoholbedingte Elektrolytmangel hat mich immer noch gut im Griff. Abel beweist mit den Skatalites und Element of Crime eine gute Wahl für den Soundtrack auf der Autobahn. Irgendwelches Punk-Geballer hätte mir wahrscheinlich die Birne zerrissen. So schunkeln wir gemächlich übers Land. Frage mich mit meinem Körnerbrötchen in der Hand, ob ich der einzige bin, der findet, dass Sven Regeners Stimme wie die von Hildegard Knef klingt.
In Bremen lädt mich Abel direkt am Hostel ab. Er selber hat sich durch geschicktes Netzwerken ein Zimmer in einem Edelhotel klargemacht. Sei ihm zu gönnen, aber auch die Low-Budget-Variante im Ostertorsteinviertel ist nicht schlecht. Gibt zwar keine Sauna, keinen Roomservice (der nachts um halb vier noch ein Gläschen Wein hochbringt) und keinen Entspannungsraum, aber ein bequemes Doppelstockbett im Vierbettzimmer. Wer das andere Stockbett belegt hat, weiß ich zum Zeitpunkt meiner Ankunft noch nicht. Eine dieser Personen hat jedoch ein Bukowskibuch auf der Bettdecke liegen. Wer immer es ist, er/sie hat zumindest keinen ganz blöden literarischen Geschmack. So beruhigt verbringe ich die nächsten Stunden in der Koje, bis HC Roth für die nächsten beiden Lesungen stößt.
Abends laufen wir gemütlich zum Auszeit Rock'n'Rollclub – ein Name, der gut zum Laden passt. Hat man nämlich mal eine Rast vom ständigen Rumturnen als wilder Rocker nötig, ist eine Einkehr in diese kleine Bar nicht das schlechteste. Abel ist schon seit 1-2 zwei Bierchen da, die Frau hinterm Tresen ist nett, die Getränke angenehm gekühlt und auch die Lesebühne ist vorbereitet. Was jetzt noch fehlt, wäre etwas zu essen.
„Nebenan gibt’s die größte Pizza Bremens“ erfahren wir. Schon klar. besonders beeindruckt sind wir von so einer Empfehlung erstmal nicht. Sowas lässt sich schnell mal behaupten. HC und ich sind aber doch erstaunt, weil die Pizza wirklich unglaublich riesig und lustigerweise nach europäischen Ländern benannt ist. Die Belegung hat allerdings wenig mit kulinarischen Klischees der jeweiligen Länder zu tun. Pizza Deutschland ist weder mit Sauerkraut noch mit Bratwurst belegt. Schade. Auf Pizza England gibt es als Minireferenz etwas crossen Frühstücksschinken. Ohne Bohnen. Auf Pizza Österreich auch kein Wiener Schnitzel oder Kaiserschmarrn. Lustig ist allerdings, dass HC, der einzige Österreicher im Raum, tatsächlich diese Variante bestellt, weil es - warum auch immer die einzige vegetarische Pizza des Hauses.
Die Lesung im Auszeit Rock'n'Roll ist um einiges besser besucht als in Hannover. Was ein bisschen Werbung schon ausmachen kann. Wir wechseln uns munter beim Lesen ab, HC scheint noch etwas mürbe von der 12stündigen Zugfahrt, aber insgesamt ist der Abend ein Erfolg. Gegen drei streicht Abel die Segel, gerüchteweise war der Wein vom Roomservice im Hotel doch zu verlockend. HC und ich verlassen wir die Auszeit kurz später. Wir begeben uns noch auf eine mehr oder weniger sinnfreie Fototour durchs nächtliche Bremen (inklusive belämmert gucken an einer Holzstatue der bekannten Stadtmusikanten) und steuern unser Hostel im Viertel an. Im Schlepptau haben wir noch einen jungen Iropunk aus Südtirol, der gerade sein Irgendwas-mit-Medien-Praktikum in Bremen absolviert. Ein Absacker, so beschließen wir, muss aber noch sein. Der Ostersteintorweg ist Freitags nachts ähnlich belebt wie die Oranienstraße in Kreuzberg.
Der Laden, den wir schlussendlich ansteuern hat die interessante Atmo einer Absturzkneipe. Vor den Fenstern hängen riesige Jägermeisterflaggen, überm Tresen schweben Plastikskelette, die wirken, als wären sie nach der Halloweenparty 2001 einfach vergessen worden. Riesige gesichtstätowierte Typen mit Iro und Anti-Religion-Slogans auf der Lederweste tanzen mit schwarzafrikanischen Homies zu Rage against the machine und iron Maidenrum, dazu gesellen sich ein paar verlebt aussehende Tresenfliegen jeglichen Alters und Bewusstseinszustandes. Ich bin recht froh, hier nicht mittrinken zu müssen. Ansonsten wäre ich wohl nicht so leicht aus dem Gespräch mit der Frau im Karohemd neben mir raus gekommen. Sie wirkt nicht besonders anziehend auf mich, will mir aber um fast jeden Preis meine Kapuzenjacke abkaufen. Später wird sie mir noch erzählen, dass heute ihr Hund gestorben ist, wie süß sie mein Kinn findet und will wissen, warum der HC sie die ganze Zeit so komisch anschaut. Ich habe keinen Bock auf diese etwas seltsame Anmache. Am Ende knutscht sie mit unserem Kumpel aus Tirol rum. Nachdem ich mir bei der Wirtin noch zwei Songs gewünscht habe (Pennywisens „Bro hymn“ und die „Bratwurstzange“ von Rummelsnuff scheinen mir für das Ambiente und die Stimmung passend zu sein), geht es zurück ins Doppelstockbett.
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Montag, 7. März 2016
Dienstag, 7. April 2015
Ox-Schreiber-Tour 2015 Schweiz (Last part. Seriously.)
Part 3: Vom freundlichsten Taxifahrer der Welt und den Metalmädels
Jetzt sitzen wir also schon wieder im Zug. Eben haben wir uns noch am Hohenemser Bahnhof die Sonne auf die übernächtigen Nasen scheinen lassen und schon rollt draußen vor den Fenstern die bergige Landschaft an uns vorbei. Schön ist sie, die bergige Landschaft, das Leben mit seinen Höhen und Tiefen sowieso und sogar Bregenz-Riedenburg schenken wir heute ein Lächeln, als es sich still und heimlich wieder auf die uns vorgegebene Bahnstrecke schleicht. Riedenburg lächelt wohlwollend zurück und wir vertiefen uns in Gespräche über die Tour, das Land, die Kinderpopulation der Vorarlberger Skinheadszene am Beispiel eines einen Buggy durch den Waggon schiebenden Renees.
Und irgendwann zwischen all diesen Gesprächen meint Gary Flanell: „Ja, hier ist er ja wieder, der Bodensee“. Und ich, ich sehe aus dem Fenster und will etwas sagen wie: „Ach Bodensee, du viel zu spät entdeckte Liebe“, sage aber stattdessen: „Fuck, Alter, wir haben vergessen auszusteigen!“
Denn das Schild da am Bahnhof sagt auch etwas, „Bregenz Hafen“ nämlich, und wir, wir hätten „Bregenz Hauptbahnhof“, also eine Station früher aussteigen müssen. Da kann der Bodensee noch so friedlich vor uns liegen, wir sind zu weit und der Anschlusszug nach Zürich steht wahrscheinlich schon bereit.
Also springen wir raus aus dem Zug und während ich panisch versuche abzuwägen, wie weit es denn ist und ob das am Fußweg packbar ist, winkt uns Herr Flanell in seiner Berliner Gelassenheit mal eben ein Taxi ran. „Hauptbahnhof, bitte“, sage ich hastig und Gary Flanell sagt dasselbe, aber eben ganz relaxed. „Kein Problem“, meint der freundlichste Taxifahrer der Welt und wir erklären ihm kurz unser Dilemma: Literaturreisende auf dem Weg nach Bern, in Gespräche vertieft, den Ausstieg verpennt (was ja sonst nur in der Nazi –und Drogenszene üblich ist), Anschlusszug in fünf Minuten etc. Der freundlichste Taxifahrer findet das lustig und schüttelt auch gleich die passende Anekdote (die ich leider vergessen habe) aus dem, weil draußen der Frühling strahlt, hochgekrempelten Hemdsärmel. Als wir dann nach einer Minute und siebendundzwanzig Sekunden Fahrzeit und fünfhundert Metern Geradeausfahren auch schon da sind und unsere Geldbörsen zücken wollen, meint der freundlichste Taxifahrer der Welt mit einem Lächeln in seinem freundlichen Taxifahrergesicht in seinem Vorarlberger Dialekt (für mich nicht eins zu eins wiedergebbar) so etwas wie: „Kein Problem Jungs, ich wäre sowieso hier hergefahren, schaut ihr mal, dass ihr euren Zug erwischt“.
Wir bedanken uns überschwänglich und winken dem freundlichsten Taxifahrer der Welt ein letztes Mal dankbar zu. Dann realisieren wir, dass ja noch reichlich Zeit ist und holen erst einmal Kaffee.Hätten wir vorab geahnt, wie viel Zeit wir wirklich haben, hätten wir uns zwei Kaffees geholt oder wären zu Fuß gegangen, denn der Zug nach Zürich verspätet sich um 14 Minuten. Allgemeine Panik am Bahnhof, wir freuen aber uns erst einmal ein weiteres Mal auf Tour zu sein, trinken Kaffee, genießen den Seeblick und bekommen unsererseits erst Panik, als uns bewusst wird, dass unsere Wartezeit in Zürich 15 Minuten beträgt, was Minus vierzehn Minuten Verspätung und keinerlei Orientierung am Züricher Hauptbahnhof „reichlich Kacke am Dampfen“ ergibt.
Es dampft schlussendlich gar nichts, alles geht sich prima aus. Und weil diese in Österreich durch und durch gängige Redewendung in Deutschland, wie ich auch während vergangener Lesereisen mit deutschen Landsmännern immer wieder gesagt bekam, scheinbar nicht verwendet wird, erwischen wir locker den Zug. Um ja in den richtigen zu steigen prägen wir uns bereits in diesem Zug die Bezeichnung des Anschlusszuges ein. Und ja, wir wären nicht URS GROB BOOTSBETRIEB würden wir dies nicht tun indem wir uns gegenseitig mit phatten Rhymes befeuern. Beispiel gefällig? Here we go: „Wo wird die Butter niemals ranzig? Im IC Vier Null Zwanzig“ oder „Mit welchem Zug fuhr einst Glenn Danzig, na mit dem IC Vier Null Zwanzig“.
Und wenn nun solche lustigen Wortspiele zweier bärtiger Brillenträger mit Augenringen und schlechtem Atem für irritierte Gesichter der mitreisenden Menschen sorgt, dann sollten sich eben diese mitreisenden Menschen später mit uns in den IC 4020 setzen und sich an den lautstark in schwer verständlicher Sprache (ja, es ist Deutsch, natürlich, aber Deutsch ist nun einmal nicht Deutsch und wenn mich als Österreicher in Deutschland kaum jemand versteht, so verstehe ich für meinen Teil leider in der Schweiz – und sogar in Vorarlberg – kaum jemanden) Gesprächen der Metalmädels (ob die den Mätel auch kennen ist mir nicht allerdings bekannt) erfreuen. Denn die reden alle am Stück, und alle vier gleichzeitig und manchmal telefonieren sie auch. Viel verstehe ich wie gesagt nicht, aber dass „IRON MAIDEN was für Pussys“ ist und „er in vierundzwanzig Tagen zwanzig wird“ weiß ich jetzt trotzdem. Um es mit den Worten von Dieter Bohlen zu sagen: „Ich fühle mich gut unterhalten, aber es reicht nicht für den Recall“.
Und dann, dann ist da also dieses Bern, Hauptstadt der Schweiz. Stadt von der ich nur den Bahnhof, ein paar altehrwürdige Häuser und die altehrwürdige Reitschule zu sehen bekommen werde. Ich hatte ja im Vorfeld gehofft auf der Reise quer durch die Schweiz die landschaftlichen Reize des Landes genießen zu können, aber konzentriere du dich einmal auf vorbeiziehende Berge, Seen und was auch immer, wenn die Metalmädels Metallieder mitzusingen versuchen. Zumindest fährt mein EC Wasauchimmer am nächsten Tag auf der Heimreise lange, ja sehr lange dem Züricher See entlang und bietet geile Wasser-Bergkulisse, bevor es über Liechtenstein, Österreich, Deutschland und wieder Österreich nach Hause geht.
Bevor es aber soweit ist erwartet uns am Bahnhof Lepra. Oder besser gesagt, er sollte uns erwarten, ist aber noch nicht da. Dass er sich verspäten wird, hat er mir übrigens via Facebook-Messenger mitgeteilt Blöd nur, dass ich in der Schweiz keinen Internetempfang habe. Ja, aber er kommt und dann wird erst einmal Wein eingekauft. Und das Spiel gespielt „Wer findet das billigste alkoholische Getränk“ und den Metalmädels zum erfolgreichen Alkopopseinkauf gratuliert.
Alles weitere soll euch aber lieber Gary Flanell erzählen, ich muss jetzt nämlich meine Restfranken umtauschen gehen.
H.C. Roth
Nachtrag:
Der HC und seine Restfranken, immerhin hat er noch welche. Nach dem hinterhältigen Diebstahl meines Portmonees in Charlottenburg besitze ich sowas gar nicht mehr. jetzt snd da nur noch Erinnerungen an den Abend unserer Lesung in der Berner Reitschule.
Von diesem unserem letzten Leseort kam mir bisher nur Gutes zu Ohren. Wenn all das, was so erzählt wurde, stimmte, dannn war die Reitschule zu Bern sowas wie ein sagenumwobenes Schloß unter den alternativen Zentren dieser Welt.Unter den vielen Dächern der ehemaligen Reitschule verbirgt sich ein Areal mit unzähligen Räumen für diverse Projekte. Nach einem üppigen Abendessen bekommen wir von Sandro und Lepra eine kleine Führung. Unter dem Dach der Reitschule finden sich sehr viele einzelne Räume, die von unterschiedlichsten Gruppen genutzt werden. Im Innenhof der Infoladen, gegenüber die große Halle für dicke Konzerte, gleich daneben zwei Cafes oder Bars und wer weiß, was wir alles noch gar nciht gesehenn haben. Auch im Innenhof ist auch der ehemaligen Pferdestall, der heute als Kino genutzt wird – wo wir lesen werden.
Am beeindruckendsten für mich war auf alle Fälle der Dachstuhl. Selten genug gibt es Konzerträume, die sich auf einem Dachboden befinden und der hier ist nicht nur groß, sondern auch wunderschön mit seinen dicken Dachbalken, der großen Bühne und dem langen Tresen. Habe mir fest vorgenommen, demnächst mit URS GROB BOOTSBETRIEB genau hier die Berner Massen zum ausrasten zu bringen.
Auch das erwähnte Pferdestall-Kino ist top. Die alten Futterkrippen hängen noch an der Wand und HC und ich erwägen kurz, uns für die Lesung entweder dort hinein zu legen – oder in die Gosse, die immer noch im Boden erkennbar ist. . Unsere neun Gäste sitzen an diesem Abend allesamt in der ersten Reihe und haben deshalb den perfekten Blick auf das, was HCund ich da so treiben. Der Kollege Roth kann es sich wirklich nicht nehmen lassen, sich im Laufe des Abends sich dann wirklich wirklich wirklich in die gepflasterte Ablaufrinne zu begeben und dort zu performen. Gemeinsam gibt es nochmal das Beste von Frosch mit Socken, der Spinne Pup und dem Rockpinguin. Und ganz am Schluß noch einmaleine Polizisten-Verzehr-Performance im Themroc`schen Sinne von U.G.B. – diesmal so intensiv und kräftezehrend wie noch gar nie auf der Tour.
Hinterher, die Gäste sind schon lange gegangen, kleben Lepra, HC, Sandro und ich noch an der Kinobar und kippen ein Bier nach dem nächsten in uns rein. Der Unglücksrabe Roth muss leider schon um fünf oder so den Zug Richtung Graz erwischen. Ich bin froh, dass ich mich diesmal ausschlafen kann. Denn am Montag war noch eine Lesung in Basel geplant. Die entfällt aber aufgrund diverser Fehlplanungen und so habe ich nun einen Off-Day am Ende der Reise.
Heißt: gemütlich auspennen, dann mit einer Wienerin im Berner Exil noch einen Kaffee schlürfen (liebe Nina, schön war‘s!) und dann so langsam, wie es das Klischee von den Schweizern vorgibt, auf den Weg nach Basel.
Dort verziehe ich mich fix ins Hostel, und verlasse es nur kurz, um im verschlafenen Kiez hinterm Bahnhof irgendwas zu essen zu kriegen. Meine Tourabschlußmahlzeit ist die wohl teuerste Bratwurst mit Pommes der Welt. 22 Restfranken ist sie wert, puh. „Hauptsache satt“, denke ich und lege mich in mein Hostelbett. Jetzt will ich nur noch nach Hause.
Vor dem Rückflug am nächsten Tag betrete ich den örtlichen Plattenladen – verlasse ihn mit zwei 7inches von Jonathan Richman und den Oblivians. Abends Aufschlag in Schönefeld. Als wäre es nicht anders zu machen, fällt dort draußen die S-Bahn auf unbestimmte Zeit aus. Mit Tram und Ersatzverkehr kämpfe ich mich zwei Stunden lang durch den Moloch Berlin. Beim dritten Umstieg an irgendeiner verlassenen dunklen Tramstation denke ich noch eimal an die Sonne am Bodensee und sehne ich mich kurz, nur ganz kurz, nach der beschaulichen Pünktlichkeit der Schweizer Bahn zurück.
Gary Flanell
Jetzt sitzen wir also schon wieder im Zug. Eben haben wir uns noch am Hohenemser Bahnhof die Sonne auf die übernächtigen Nasen scheinen lassen und schon rollt draußen vor den Fenstern die bergige Landschaft an uns vorbei. Schön ist sie, die bergige Landschaft, das Leben mit seinen Höhen und Tiefen sowieso und sogar Bregenz-Riedenburg schenken wir heute ein Lächeln, als es sich still und heimlich wieder auf die uns vorgegebene Bahnstrecke schleicht. Riedenburg lächelt wohlwollend zurück und wir vertiefen uns in Gespräche über die Tour, das Land, die Kinderpopulation der Vorarlberger Skinheadszene am Beispiel eines einen Buggy durch den Waggon schiebenden Renees.
Und irgendwann zwischen all diesen Gesprächen meint Gary Flanell: „Ja, hier ist er ja wieder, der Bodensee“. Und ich, ich sehe aus dem Fenster und will etwas sagen wie: „Ach Bodensee, du viel zu spät entdeckte Liebe“, sage aber stattdessen: „Fuck, Alter, wir haben vergessen auszusteigen!“
Denn das Schild da am Bahnhof sagt auch etwas, „Bregenz Hafen“ nämlich, und wir, wir hätten „Bregenz Hauptbahnhof“, also eine Station früher aussteigen müssen. Da kann der Bodensee noch so friedlich vor uns liegen, wir sind zu weit und der Anschlusszug nach Zürich steht wahrscheinlich schon bereit.
Also springen wir raus aus dem Zug und während ich panisch versuche abzuwägen, wie weit es denn ist und ob das am Fußweg packbar ist, winkt uns Herr Flanell in seiner Berliner Gelassenheit mal eben ein Taxi ran. „Hauptbahnhof, bitte“, sage ich hastig und Gary Flanell sagt dasselbe, aber eben ganz relaxed. „Kein Problem“, meint der freundlichste Taxifahrer der Welt und wir erklären ihm kurz unser Dilemma: Literaturreisende auf dem Weg nach Bern, in Gespräche vertieft, den Ausstieg verpennt (was ja sonst nur in der Nazi –und Drogenszene üblich ist), Anschlusszug in fünf Minuten etc. Der freundlichste Taxifahrer findet das lustig und schüttelt auch gleich die passende Anekdote (die ich leider vergessen habe) aus dem, weil draußen der Frühling strahlt, hochgekrempelten Hemdsärmel. Als wir dann nach einer Minute und siebendundzwanzig Sekunden Fahrzeit und fünfhundert Metern Geradeausfahren auch schon da sind und unsere Geldbörsen zücken wollen, meint der freundlichste Taxifahrer der Welt mit einem Lächeln in seinem freundlichen Taxifahrergesicht in seinem Vorarlberger Dialekt (für mich nicht eins zu eins wiedergebbar) so etwas wie: „Kein Problem Jungs, ich wäre sowieso hier hergefahren, schaut ihr mal, dass ihr euren Zug erwischt“.
Wir bedanken uns überschwänglich und winken dem freundlichsten Taxifahrer der Welt ein letztes Mal dankbar zu. Dann realisieren wir, dass ja noch reichlich Zeit ist und holen erst einmal Kaffee.Hätten wir vorab geahnt, wie viel Zeit wir wirklich haben, hätten wir uns zwei Kaffees geholt oder wären zu Fuß gegangen, denn der Zug nach Zürich verspätet sich um 14 Minuten. Allgemeine Panik am Bahnhof, wir freuen aber uns erst einmal ein weiteres Mal auf Tour zu sein, trinken Kaffee, genießen den Seeblick und bekommen unsererseits erst Panik, als uns bewusst wird, dass unsere Wartezeit in Zürich 15 Minuten beträgt, was Minus vierzehn Minuten Verspätung und keinerlei Orientierung am Züricher Hauptbahnhof „reichlich Kacke am Dampfen“ ergibt.
Es dampft schlussendlich gar nichts, alles geht sich prima aus. Und weil diese in Österreich durch und durch gängige Redewendung in Deutschland, wie ich auch während vergangener Lesereisen mit deutschen Landsmännern immer wieder gesagt bekam, scheinbar nicht verwendet wird, erwischen wir locker den Zug. Um ja in den richtigen zu steigen prägen wir uns bereits in diesem Zug die Bezeichnung des Anschlusszuges ein. Und ja, wir wären nicht URS GROB BOOTSBETRIEB würden wir dies nicht tun indem wir uns gegenseitig mit phatten Rhymes befeuern. Beispiel gefällig? Here we go: „Wo wird die Butter niemals ranzig? Im IC Vier Null Zwanzig“ oder „Mit welchem Zug fuhr einst Glenn Danzig, na mit dem IC Vier Null Zwanzig“.
Und wenn nun solche lustigen Wortspiele zweier bärtiger Brillenträger mit Augenringen und schlechtem Atem für irritierte Gesichter der mitreisenden Menschen sorgt, dann sollten sich eben diese mitreisenden Menschen später mit uns in den IC 4020 setzen und sich an den lautstark in schwer verständlicher Sprache (ja, es ist Deutsch, natürlich, aber Deutsch ist nun einmal nicht Deutsch und wenn mich als Österreicher in Deutschland kaum jemand versteht, so verstehe ich für meinen Teil leider in der Schweiz – und sogar in Vorarlberg – kaum jemanden) Gesprächen der Metalmädels (ob die den Mätel auch kennen ist mir nicht allerdings bekannt) erfreuen. Denn die reden alle am Stück, und alle vier gleichzeitig und manchmal telefonieren sie auch. Viel verstehe ich wie gesagt nicht, aber dass „IRON MAIDEN was für Pussys“ ist und „er in vierundzwanzig Tagen zwanzig wird“ weiß ich jetzt trotzdem. Um es mit den Worten von Dieter Bohlen zu sagen: „Ich fühle mich gut unterhalten, aber es reicht nicht für den Recall“.
Und dann, dann ist da also dieses Bern, Hauptstadt der Schweiz. Stadt von der ich nur den Bahnhof, ein paar altehrwürdige Häuser und die altehrwürdige Reitschule zu sehen bekommen werde. Ich hatte ja im Vorfeld gehofft auf der Reise quer durch die Schweiz die landschaftlichen Reize des Landes genießen zu können, aber konzentriere du dich einmal auf vorbeiziehende Berge, Seen und was auch immer, wenn die Metalmädels Metallieder mitzusingen versuchen. Zumindest fährt mein EC Wasauchimmer am nächsten Tag auf der Heimreise lange, ja sehr lange dem Züricher See entlang und bietet geile Wasser-Bergkulisse, bevor es über Liechtenstein, Österreich, Deutschland und wieder Österreich nach Hause geht.
Bevor es aber soweit ist erwartet uns am Bahnhof Lepra. Oder besser gesagt, er sollte uns erwarten, ist aber noch nicht da. Dass er sich verspäten wird, hat er mir übrigens via Facebook-Messenger mitgeteilt Blöd nur, dass ich in der Schweiz keinen Internetempfang habe. Ja, aber er kommt und dann wird erst einmal Wein eingekauft. Und das Spiel gespielt „Wer findet das billigste alkoholische Getränk“ und den Metalmädels zum erfolgreichen Alkopopseinkauf gratuliert.
Alles weitere soll euch aber lieber Gary Flanell erzählen, ich muss jetzt nämlich meine Restfranken umtauschen gehen.
H.C. Roth
Nachtrag:
Der HC und seine Restfranken, immerhin hat er noch welche. Nach dem hinterhältigen Diebstahl meines Portmonees in Charlottenburg besitze ich sowas gar nicht mehr. jetzt snd da nur noch Erinnerungen an den Abend unserer Lesung in der Berner Reitschule.
Von diesem unserem letzten Leseort kam mir bisher nur Gutes zu Ohren. Wenn all das, was so erzählt wurde, stimmte, dannn war die Reitschule zu Bern sowas wie ein sagenumwobenes Schloß unter den alternativen Zentren dieser Welt.Unter den vielen Dächern der ehemaligen Reitschule verbirgt sich ein Areal mit unzähligen Räumen für diverse Projekte. Nach einem üppigen Abendessen bekommen wir von Sandro und Lepra eine kleine Führung. Unter dem Dach der Reitschule finden sich sehr viele einzelne Räume, die von unterschiedlichsten Gruppen genutzt werden. Im Innenhof der Infoladen, gegenüber die große Halle für dicke Konzerte, gleich daneben zwei Cafes oder Bars und wer weiß, was wir alles noch gar nciht gesehenn haben. Auch im Innenhof ist auch der ehemaligen Pferdestall, der heute als Kino genutzt wird – wo wir lesen werden.
Am beeindruckendsten für mich war auf alle Fälle der Dachstuhl. Selten genug gibt es Konzerträume, die sich auf einem Dachboden befinden und der hier ist nicht nur groß, sondern auch wunderschön mit seinen dicken Dachbalken, der großen Bühne und dem langen Tresen. Habe mir fest vorgenommen, demnächst mit URS GROB BOOTSBETRIEB genau hier die Berner Massen zum ausrasten zu bringen.
Auch das erwähnte Pferdestall-Kino ist top. Die alten Futterkrippen hängen noch an der Wand und HC und ich erwägen kurz, uns für die Lesung entweder dort hinein zu legen – oder in die Gosse, die immer noch im Boden erkennbar ist. . Unsere neun Gäste sitzen an diesem Abend allesamt in der ersten Reihe und haben deshalb den perfekten Blick auf das, was HCund ich da so treiben. Der Kollege Roth kann es sich wirklich nicht nehmen lassen, sich im Laufe des Abends sich dann wirklich wirklich wirklich in die gepflasterte Ablaufrinne zu begeben und dort zu performen. Gemeinsam gibt es nochmal das Beste von Frosch mit Socken, der Spinne Pup und dem Rockpinguin. Und ganz am Schluß noch einmaleine Polizisten-Verzehr-Performance im Themroc`schen Sinne von U.G.B. – diesmal so intensiv und kräftezehrend wie noch gar nie auf der Tour.
Hinterher, die Gäste sind schon lange gegangen, kleben Lepra, HC, Sandro und ich noch an der Kinobar und kippen ein Bier nach dem nächsten in uns rein. Der Unglücksrabe Roth muss leider schon um fünf oder so den Zug Richtung Graz erwischen. Ich bin froh, dass ich mich diesmal ausschlafen kann. Denn am Montag war noch eine Lesung in Basel geplant. Die entfällt aber aufgrund diverser Fehlplanungen und so habe ich nun einen Off-Day am Ende der Reise.
Heißt: gemütlich auspennen, dann mit einer Wienerin im Berner Exil noch einen Kaffee schlürfen (liebe Nina, schön war‘s!) und dann so langsam, wie es das Klischee von den Schweizern vorgibt, auf den Weg nach Basel.
Dort verziehe ich mich fix ins Hostel, und verlasse es nur kurz, um im verschlafenen Kiez hinterm Bahnhof irgendwas zu essen zu kriegen. Meine Tourabschlußmahlzeit ist die wohl teuerste Bratwurst mit Pommes der Welt. 22 Restfranken ist sie wert, puh. „Hauptsache satt“, denke ich und lege mich in mein Hostelbett. Jetzt will ich nur noch nach Hause.
Vor dem Rückflug am nächsten Tag betrete ich den örtlichen Plattenladen – verlasse ihn mit zwei 7inches von Jonathan Richman und den Oblivians. Abends Aufschlag in Schönefeld. Als wäre es nicht anders zu machen, fällt dort draußen die S-Bahn auf unbestimmte Zeit aus. Mit Tram und Ersatzverkehr kämpfe ich mich zwei Stunden lang durch den Moloch Berlin. Beim dritten Umstieg an irgendeiner verlassenen dunklen Tramstation denke ich noch eimal an die Sonne am Bodensee und sehne ich mich kurz, nur ganz kurz, nach der beschaulichen Pünktlichkeit der Schweizer Bahn zurück.
Gary Flanell
Dienstag, 24. März 2015
Ox-Schreiber-Tour 2015 Schweiz
Part II: Punkrock, Mätel und Möhre und Bregenz-Riedenburg
Kennt ihr eigentlich Bregenz-Riedenburg? Diesen Vorort der Vorarlberger Hauptstadt Bregenz, dieser Stadt also, die da majestätisch am Bodensee liegt und die berühmte Seebühne beheimatet? Also ich kenne jetzt beides, von Bregenz selbst halt nur den Bahnhof (mit Minimalblick auf die Bühne) und von Riedenburg alles. Den Interspar und den DM und den Engelshop, wo ich meine Seele mit Hilfe von Engelsenergie meine Seele heilen kann.
Und Foto Meier natürlich (geiler Bandname übrigens). Und das Wirtshaus, das Samstagnachmittag zu hat und den Kaufmannladen, der ebenso um 16:00 schließt und es Gary Flanell und mir damit unmöglich macht in diesem trostlosesten aller Hauptstadtvororte ein Bier zu kriegen. Ja, und den Bahnhof natürlich auch.
Warum ich das erzähle? Na, wegen diesem Bahnhof eben und weil man dadurch muss, wenn man mit dem Zug von Rorschach nach Hohenems fährt. Gut, St. Margrethen, dieser letzte Ort im Schweizer Staatsgebiet, den wir betreten, bevor es für gut vierundzwanzig Stunden in österreichisches Hoheitsgebiet geht, ist da auch noch. Aber da gibt’s zumindest Bäckerinnen mit Dreadlocks, Berliner mit Aprikosenfüllung (sogar wenn Gary Flanell einmal nicht da ist) und natürlich die Ox-Bar.
Wir hätten ja auf einen Sprung reingeschaut, „Grüazi mitanond“ gesagt, ein Schützengartenbier getrunken und gefragt, ob die Bar einem gewissen Joachim Hiller gehört, aber wir sind ja nicht auf Urlaub, sondern auf Tour und der Zug wartet nicht einmal auf Literatur-Rockstars wie uns. Denn wie gesagt die Schweizer Bahn ist pünktlicher als die österreichische Post und die Zeit fließt nur so dahin, sogar in der Schweiz.
Ja, Riedenburg eben, da muss man durch, gesehen haben muss man es aber nicht.
Rorschach schon, Rorschach ist geil, das hat euch aber Gary Flanell schon erzählt. Und Hohenems gefällt mir auch ziemlich gut. Klar, eine Großstadt ist das nicht, muss es auch nicht sein. Kleinstadtidylle pur, Jugendstilkrankenhaus, gerne mal ein Bauernhof zwischen drinnen oder eine Wiese. Und egal wo du hinsiehst, irgendwo lacht dir immer ein Riese von einem Berg entgegen. Bier kriegst du hier auch keines, aber egal, wir wollen jetzt auch gar kein Bier mehr und schlendern lieber gemütlich, kaum sind wir raus aus dem Zug und haben beim Fragen nach dem Weg eine Ehe zerstört.
Sie: „So finden’s aber leichter“; Er: „Ja, aber der Weg ist schneller“; Sie: „Aber die kennen sich hier ja nicht aus“; Er: „Ja, aber der Weg ist schneller“; Sie: „Aber so ist es doch viel leichter zu finden“ , Er: „Aber der Weg ist doch schneller“ usw.
Das ProKontra sieht schon mal schick punkig aus, obwohl es eigentlich ein Einfamilienhaus ist und wir haben etwas Zeit, uns das alles genau anzusehen, die Hausfassade, die Bergkulisse etc., denn die Veranstalter sind noch nicht da. Wenig später biegt aber ein Benz um die Ecke und Punkrock Weiner und Mätel steigen gut gelaunt Säcke voller Lebensmittel und Bierflaschen schwingend aus. Möhre, die Kitesurflehrerin auf Urlaub kommt später auch noch. Dass Punkrock eigentlich Pascal heißt, erfahren wir später. Wie Mätel und Möhre heißen, ist uns nicht bekannt und im Folgenden auch nicht von Belang.
Wäre dies hier ein Kinderbuch mit dem Namen „Punkrock, Mätel und Möhre“ würde das nächste Kapitel jedenfalls „„Punkrock, Mätel und Möhre kochen Lasagne“ heißen. Später gibt es noch „Punkrock, Mätel und Möhre zeichnen eine Lesung auf“ oder „Punkrock, Mätel und Möhre reden über Berge“. Nicht zu vergessen: „Punkrock, Mätel und Möhre trinken Bier und hören Punkrock“.
Die Lasagne schmeckt übrigens hervorragend und die Zubereitung läuft charmant-chaotisch ab. Ich lasse mir währenddessen vom hiesigen W-LAN die gesamten Emails eines ganzen Monats fressen, während Gary Flanell, der ja doch schon über vierzig ist, erst einmal eine Runde schlafen geht.
Später siedeln wir vom einmal mehr großartig großen und komfortablen Backstagebereich ins „Beisl“, also die Kneipe, wo die Lesung stattfinden wird und ansonsten Punkrockkonzerte über die Bühne gehen. Der Sound ist schnell gecheckt und dann heißt’s erst einmal „Punkrock, Mätel und Möhre sowie Gary und H.C. warten auf Publikum“.
Das kommt dann auch in Form von fünf zwielichtigen Gestalten mit kurzen Haaren, die niemand so richtig zu kennen scheint. Es riecht nach Ärger, der aber ausbleibt, ob das jetzt die hiesigen Dorfnazis, Kleinstadtprolls oder einfach nur harmlose Betrunkene sind, erfahren wir nicht. Wir starten dann aber dennoch den Abend. Ich beginne mit Schwänken aus meiner Schulzeit, von den fünf Gästen schlafen zwei, zwei unterhalten sich, einer hört wirklich interessiert zu. Zumindest bis ihre Biere leergetrunken sind und die fünf wieder von dannen ziehen und nicht mehr hören, wie Gary Flanell von der Geburt der leibreizenden Spinne Pup erzählt.
Punkrock, Mätel und Möhre bleiben aber da, hören interessiert zu und zeichnen die ganze Sause für Radio Proton, dem im Haus ansässigen Radiosender des den Laden führenden Vereins Transmitter, auf. Nach einer kurzen Pause geht’s weiter, die Spinne Pup trifft Darth Vader und Billy Pinguin wird Rockstar.
Und dann, dann ist es endlich soweit, die Live-Premiere der großartigen URS GROB BOOTSBETRIEB. Da spazierst du noch am Vormittag am Bodensee, sagst ohne nachzudenken mit Fingerzeig auf ein gelbes Hüttchen: „Haha, geil, Urs Grob Bootsbetrieb, geiler Bandname“, weil du sowieso immer und überall nur in Bandnamen denken kannst und schon stehst du am Abend in einem Kulturzentrum in Vorarlberg und performst mit Gary Flanell unter diesem Namen einen Song, der früher einmal ein Text war, übers Polizistenessen. Gary spricht und rappt, ich klopfe und schreie Background und Mätel drischt auf die Drums ein. Geil. So geht Punkrock.
Später wird dann noch ein bisschen was, aber nicht viel - wir sind ja keine zwanzig mehr - getrunken und mit den sympathischen GastgeberInnen getratscht und so einiges gelernt: Das es in Sri Lanka keinen Leberkäse (also Fleischkäse) und auch keinen Salat gibt beispielsweise und dass das „L“ in „Radio L“ für „Liechtenstein“ steht. Irgendwann fährt Mätels letzter Zug nach Feldkirch, Möhre lässt sich auf das Sofa fallen, Punkrock auf ein anderes und Gary und ich uns in die Betten oben im großen Schlafraum.
In der Früh gibt’s hammermäßiges Frühstück und die vereinbarte Fixgage (da wären wir also wieder beim Geld), was uns ein weiteres Mal sehr freut. Das sollte selbstverständlich sein, sagt du, die vereinbarte Fixgage zu bekommen? Na, dann geh du mal auf Punkrocklesereise ohne Vertrag.
Egal, geile Stadt, geile Location, super Leute, spaßige Lesung (gut gelesen haben wir auch, wie ich finde), finanziell alles wunderbar und sowieso ein super Abend. Hohenems war ein voller Erfolg. Ja. Publikum wäre natürlich auch kein Fehler gewesen. Aber lieber lese ich vor „Punkrock, Mätel und Möhre und dem Aufnahmegerät“ und habe dabei Spaß und Aufmerksamkeit, als ich lese vor fünfzig laut plappernden Kneipengästen, die eh nur wegen dem Localsupport da sind – hatten wir doch auch schon, letztens in Köln, Sie erinnern sich, Herr Flanell?.
Ja, Punkrock, Mätel und Möhre, danke!
H.C. Roth
Verpassen Sie nicht die folgenden packenden Abenteuer von Bern: *** HC Roth und Gary Flanell und der freundlichste Taxifahrer von Bregenz** Wein kaufen in Bern mit einem Mann, den sie Lepra nannten*** Und dazu: Gags und Gäste und strahlende Lesende*** nächste Woche im dritten Teil des Ox-Schreiber-Tourtagwebuchs 2015!!!
Kennt ihr eigentlich Bregenz-Riedenburg? Diesen Vorort der Vorarlberger Hauptstadt Bregenz, dieser Stadt also, die da majestätisch am Bodensee liegt und die berühmte Seebühne beheimatet? Also ich kenne jetzt beides, von Bregenz selbst halt nur den Bahnhof (mit Minimalblick auf die Bühne) und von Riedenburg alles. Den Interspar und den DM und den Engelshop, wo ich meine Seele mit Hilfe von Engelsenergie meine Seele heilen kann.
Und Foto Meier natürlich (geiler Bandname übrigens). Und das Wirtshaus, das Samstagnachmittag zu hat und den Kaufmannladen, der ebenso um 16:00 schließt und es Gary Flanell und mir damit unmöglich macht in diesem trostlosesten aller Hauptstadtvororte ein Bier zu kriegen. Ja, und den Bahnhof natürlich auch.
Warum ich das erzähle? Na, wegen diesem Bahnhof eben und weil man dadurch muss, wenn man mit dem Zug von Rorschach nach Hohenems fährt. Gut, St. Margrethen, dieser letzte Ort im Schweizer Staatsgebiet, den wir betreten, bevor es für gut vierundzwanzig Stunden in österreichisches Hoheitsgebiet geht, ist da auch noch. Aber da gibt’s zumindest Bäckerinnen mit Dreadlocks, Berliner mit Aprikosenfüllung (sogar wenn Gary Flanell einmal nicht da ist) und natürlich die Ox-Bar.
Wir hätten ja auf einen Sprung reingeschaut, „Grüazi mitanond“ gesagt, ein Schützengartenbier getrunken und gefragt, ob die Bar einem gewissen Joachim Hiller gehört, aber wir sind ja nicht auf Urlaub, sondern auf Tour und der Zug wartet nicht einmal auf Literatur-Rockstars wie uns. Denn wie gesagt die Schweizer Bahn ist pünktlicher als die österreichische Post und die Zeit fließt nur so dahin, sogar in der Schweiz.
Ja, Riedenburg eben, da muss man durch, gesehen haben muss man es aber nicht.
Rorschach schon, Rorschach ist geil, das hat euch aber Gary Flanell schon erzählt. Und Hohenems gefällt mir auch ziemlich gut. Klar, eine Großstadt ist das nicht, muss es auch nicht sein. Kleinstadtidylle pur, Jugendstilkrankenhaus, gerne mal ein Bauernhof zwischen drinnen oder eine Wiese. Und egal wo du hinsiehst, irgendwo lacht dir immer ein Riese von einem Berg entgegen. Bier kriegst du hier auch keines, aber egal, wir wollen jetzt auch gar kein Bier mehr und schlendern lieber gemütlich, kaum sind wir raus aus dem Zug und haben beim Fragen nach dem Weg eine Ehe zerstört.
Sie: „So finden’s aber leichter“; Er: „Ja, aber der Weg ist schneller“; Sie: „Aber die kennen sich hier ja nicht aus“; Er: „Ja, aber der Weg ist schneller“; Sie: „Aber so ist es doch viel leichter zu finden“ , Er: „Aber der Weg ist doch schneller“ usw.
Das ProKontra sieht schon mal schick punkig aus, obwohl es eigentlich ein Einfamilienhaus ist und wir haben etwas Zeit, uns das alles genau anzusehen, die Hausfassade, die Bergkulisse etc., denn die Veranstalter sind noch nicht da. Wenig später biegt aber ein Benz um die Ecke und Punkrock Weiner und Mätel steigen gut gelaunt Säcke voller Lebensmittel und Bierflaschen schwingend aus. Möhre, die Kitesurflehrerin auf Urlaub kommt später auch noch. Dass Punkrock eigentlich Pascal heißt, erfahren wir später. Wie Mätel und Möhre heißen, ist uns nicht bekannt und im Folgenden auch nicht von Belang.
Wäre dies hier ein Kinderbuch mit dem Namen „Punkrock, Mätel und Möhre“ würde das nächste Kapitel jedenfalls „„Punkrock, Mätel und Möhre kochen Lasagne“ heißen. Später gibt es noch „Punkrock, Mätel und Möhre zeichnen eine Lesung auf“ oder „Punkrock, Mätel und Möhre reden über Berge“. Nicht zu vergessen: „Punkrock, Mätel und Möhre trinken Bier und hören Punkrock“.
Die Lasagne schmeckt übrigens hervorragend und die Zubereitung läuft charmant-chaotisch ab. Ich lasse mir währenddessen vom hiesigen W-LAN die gesamten Emails eines ganzen Monats fressen, während Gary Flanell, der ja doch schon über vierzig ist, erst einmal eine Runde schlafen geht.
Später siedeln wir vom einmal mehr großartig großen und komfortablen Backstagebereich ins „Beisl“, also die Kneipe, wo die Lesung stattfinden wird und ansonsten Punkrockkonzerte über die Bühne gehen. Der Sound ist schnell gecheckt und dann heißt’s erst einmal „Punkrock, Mätel und Möhre sowie Gary und H.C. warten auf Publikum“.
Das kommt dann auch in Form von fünf zwielichtigen Gestalten mit kurzen Haaren, die niemand so richtig zu kennen scheint. Es riecht nach Ärger, der aber ausbleibt, ob das jetzt die hiesigen Dorfnazis, Kleinstadtprolls oder einfach nur harmlose Betrunkene sind, erfahren wir nicht. Wir starten dann aber dennoch den Abend. Ich beginne mit Schwänken aus meiner Schulzeit, von den fünf Gästen schlafen zwei, zwei unterhalten sich, einer hört wirklich interessiert zu. Zumindest bis ihre Biere leergetrunken sind und die fünf wieder von dannen ziehen und nicht mehr hören, wie Gary Flanell von der Geburt der leibreizenden Spinne Pup erzählt.
Punkrock, Mätel und Möhre bleiben aber da, hören interessiert zu und zeichnen die ganze Sause für Radio Proton, dem im Haus ansässigen Radiosender des den Laden führenden Vereins Transmitter, auf. Nach einer kurzen Pause geht’s weiter, die Spinne Pup trifft Darth Vader und Billy Pinguin wird Rockstar.
Und dann, dann ist es endlich soweit, die Live-Premiere der großartigen URS GROB BOOTSBETRIEB. Da spazierst du noch am Vormittag am Bodensee, sagst ohne nachzudenken mit Fingerzeig auf ein gelbes Hüttchen: „Haha, geil, Urs Grob Bootsbetrieb, geiler Bandname“, weil du sowieso immer und überall nur in Bandnamen denken kannst und schon stehst du am Abend in einem Kulturzentrum in Vorarlberg und performst mit Gary Flanell unter diesem Namen einen Song, der früher einmal ein Text war, übers Polizistenessen. Gary spricht und rappt, ich klopfe und schreie Background und Mätel drischt auf die Drums ein. Geil. So geht Punkrock.
Später wird dann noch ein bisschen was, aber nicht viel - wir sind ja keine zwanzig mehr - getrunken und mit den sympathischen GastgeberInnen getratscht und so einiges gelernt: Das es in Sri Lanka keinen Leberkäse (also Fleischkäse) und auch keinen Salat gibt beispielsweise und dass das „L“ in „Radio L“ für „Liechtenstein“ steht. Irgendwann fährt Mätels letzter Zug nach Feldkirch, Möhre lässt sich auf das Sofa fallen, Punkrock auf ein anderes und Gary und ich uns in die Betten oben im großen Schlafraum.
In der Früh gibt’s hammermäßiges Frühstück und die vereinbarte Fixgage (da wären wir also wieder beim Geld), was uns ein weiteres Mal sehr freut. Das sollte selbstverständlich sein, sagt du, die vereinbarte Fixgage zu bekommen? Na, dann geh du mal auf Punkrocklesereise ohne Vertrag.
Egal, geile Stadt, geile Location, super Leute, spaßige Lesung (gut gelesen haben wir auch, wie ich finde), finanziell alles wunderbar und sowieso ein super Abend. Hohenems war ein voller Erfolg. Ja. Publikum wäre natürlich auch kein Fehler gewesen. Aber lieber lese ich vor „Punkrock, Mätel und Möhre und dem Aufnahmegerät“ und habe dabei Spaß und Aufmerksamkeit, als ich lese vor fünfzig laut plappernden Kneipengästen, die eh nur wegen dem Localsupport da sind – hatten wir doch auch schon, letztens in Köln, Sie erinnern sich, Herr Flanell?.
Ja, Punkrock, Mätel und Möhre, danke!
H.C. Roth
Verpassen Sie nicht die folgenden packenden Abenteuer von Bern: *** HC Roth und Gary Flanell und der freundlichste Taxifahrer von Bregenz** Wein kaufen in Bern mit einem Mann, den sie Lepra nannten*** Und dazu: Gags und Gäste und strahlende Lesende*** nächste Woche im dritten Teil des Ox-Schreiber-Tourtagwebuchs 2015!!!
Mittwoch, 18. März 2015
Ox-Schreiber-Tour 2015 Schweiz
Part I: Backpulver und Bodensee
Was bisher geschah:
Nachdem das Ox-Trio Gaffory, Parkinson und Flanell im letzten Herbst schon einige Abenteuer im Südwesten Deutschlands erlebt hatte, ging es nun etwas tiefer. Nicht qualitätsmäßig, sondern geografisch. Aber die Reihen der Teilnehmenden hatten sich gelichtet und verändert. Die ursprünglich geplante Quartettbesetzung Gaffory, Parkinson, Flanell und Roth schmolz im Laufe der Planungen zu einem dynamischen Duo zusammen. Von den vier anvisierten Lesungen blieben am Ende drei übrig. Zartbesaitete Persönlichkeiten würden sich angesichts solcher Entwicklungen in der Projektplanung in Panik von allen Aktivitäten zurückziehen. Die beiden übriggebliebenen, HC Roth und Gary Flanell, tun sowas nicht. Vielleicht ist es Wagemut oder Fatalismus im Oberstübchen, der dir sagt, dass man das trotz solcher Widrigkeiten jetzt erst recht durchziehen müsse. Vielleicht auch nur eigene Blödheit.
Die Schweiz stand ehrlich gesagt nicht wirklich ganz oben auf meiner Lesereise-Wunschländer-Liste. Einen Grund dafür gibt es nicht. Vielleicht dachte ich bisher, da ist es ja ganz nett, aber ein vielleicht auch ein bißchen langweilig. Ok, tolle Berge haben sie, davon nicht zu knapp, aber die lösen bei mir keine Begeisterungsstürme aus. Welche Landschaftsform das überhaupt könnte, ist unklar. Meer und Küste und Wasser vielleicht. Endlose Wasserflächen, die sich am Horizont verlieren und ich mich in Gedanken mit ihnen. Eventuell.
Dabei musste ich feststellen, dass es so was ja auch in der Schweiz gibt. Wasserflächen, die absurd groß erscheinen. Aber der Reihe nach. Komm ich in Basel am Flughafen an, spaziere ich aus dem Ding raus. Frage mich, warum ich so Angst hatte, vom Zoll wegen meiner mitgeführten Stuntmänner unter Wasser (Da! Wieder eine Wasser-Referenz!) befragt zu werden, Und dann war da kein Zoll. Gar nix war da. Alles ganz unkompliziert. Bus fährt vom Flughafen zum Bahnhof. Zug fährt vom Bahnhof Basel zum Bahnhof Zürich. Dort verlasse ich nicht mal das Gleis, um den Anschlußzug zu bekommen, sondern purzele auf die andere Seite rüber. Zug steht schon da, als wollte er schon anrufen und fragen, wo ich bleibe. So reibungslos läuft das auch in St. Gallen und auch bei der Ankunft in Rorschach. Das auf der einen Seite hohe Berge und auf der anderen die erwähnten unendlichen Wasserflächen des Bodensees zur Begrüßung auffährt.
Und überall scheint die Sonne, das ist natürlich etwas, womit man jeden Berlinbewohner sofort locken kann. Ein bißchen fühle ich mich, als würde ich mit einer real gewordenen Modelleisenbahn durch die Gegend fahren. So blitzeblank kann die Realität gar nicht sein. Irgendwo da hinter den schneebedeckten Hängen, so vermute ich, da muss er stehen: Der große Märklin-Trafo, der das hier alles, die ganze Schweiz, in Betrieb hält. Geht gar nicht anders.
In Rorschach dann mit dem Aufzug in die Stadt. Liegt ja alles am Hang. Zum Treppenhaus, der Ort in dem wir lesen werden, muss ich wieder runter Richtung See. Hatte schon Befürchtungen, das Treppenhaus wäre ein zugiger Flur, vollgepisst, siffig, eng und kalt und wir würden da im Kerzenlicht unter der Kellertreppe den einzigen beiden Rorschach-Punks was vorlesen. Aber nein. Das Treppenhaus ist ein wunderschönes Gebäude im Herzen Rorschachs, das seinen Namen von der gestuften Form seines Giebels hat.
HC Roth trifft auch irgendwann ein und ungläubig nehmen wir wahr, wie wir hier aufgenommen werden. Bekommen ein eigenes Schlafzimmer für die Übernachtung! An der Tür steht sogar „Künstler“ dran! Es gibt echte Betten, kuschelige Kissen und weiche Decken und alles! Nebenan die Ludothek für Rorschachs Kinder. Oben drüber die kleine heimelige Bibliothek und unten das kleine gemütliche Café, nur durch den Vorhang getrennt vom Konzertsaal, wo wir abends dann lesen. Großes Erstaunen unsererseits, als wir den Eintrittspreis für die Veranstaltung wahrnehmen. 15 Franken, really? Kein Einspruch, aber soviel Geld erscheint uns, nach den bisherigen Lesetour-Erfahrungen mit rumgehenden und schlecht gefüllten Hüten, doch etwas surreal. 15 Franken für eine Veranstaltung von zwei Künstlern, die ehrlich gesagt niemand kennt, scheint aber hier normaler Tarif und keineswegs überzogen zu sein. Na, dann wollen wir auch nichts gesagt haben.
Zu unserer allerersten Lesung in Rorschach City verkneife ich mir allerlei schlechte Witze, die was mit der Stadt zu tun haben. Kein Geblödel über a) TEST-Personen oder b) über Watchmen-Charaktere oder c) Strategiespiele im Klempnermilieu. Nein, nein, nein. Das haben unsere sechs Gäste nicht verdient. Dazu haben sie zu aufmerksam unserem Vortrag gefolgt. Und weil der einzige Schweizer, den ich persönlich kenne (Hallo Odessa-Oliver!) eine zweistündige Zugfahrt auf sich nimmt, um zur Lesung zu kommen, freue ich mich umso mehr.
HC startet mit Auszügen seinem Pinguin-Rockstar-Opus, den Frosch-mit-Socken-Geschichten und der neuen Story mit dem Hundekoch. Ich schiebe die Story der kleinen Spinne Pup und dem Seehund hinterher. Am Anfang sind wir also etwas tierlastig. Nach der Pause dann nicht mehr, soll ja keiner sagen, wir würden nur Tiergeschichten schreiben. Zu unserer großen Freude sind nach dem Break noch alle sechs Zuschauer da. Das freut uns so sehr, dass wir ihnen von der Bühne aus einen donnernden Applaus spendieren.
Nach der Lesung hängen wir noch am Tresen im Treppenhaus rum, werden mit reichlich Bier und Nussschnaps bewirtet. Man kommt leider nicht umhin, in der Schweiz immer mal wieder das Geld zu erwähnen. 15 Franken schien uns schon als Eintritt irreal viel. Wie sich rausstelt, haben aber nur drei Gäste wirklich gezahlt, weil die anderen ein Jahreabo für alle Treppenhaus-Veranstaltungen haben. Bleiben also 45 Franken, die an HC und mich gehen sollen. Was wir schon ganz ok finden und noch ein Bier ordern.
„Wir legen euch noch ein bisschen was drauf“, sagt dann der nett zurückhaltende Kneipier und verschwindet hinter der Bar. Kurz darauf kriegt jeder von uns einen nicht unerträglichen Batzen Geld in die Hand, der zumindest schon mal die Fahrtkosten gut abdeckt. Würde gern mal wissen, wie zwei etwas zerknautscht wirkende Literaten aus Österreich und Deutschland so auf die Schweizer wirken, wenn sie ungläubig so viel Geld entgegennehmen, wie sie noch nie, never, jemals für irgendeine Lesung bekommen haben. Fühle mich an diesem Abend wirklich wie ein Künstler. Und das liegt nicht nur am Nussschnaps und der geruhsamen Nacht im Künstlerzimmer.
Morgen danach. Wieder Sonnenschein, hinten ruhen die Berge, vorne ruht Bodensee. Wie halten die Rorschacher so viel Idyll eigentlich aus, wenn sie es Tag für Tag haben? Zerfließt man dann nicht irgendwann hinten im Wald einfach vor Ausgeglichenheit? Rorschach ruht am Samstagmorgen. Auch als wir am Ufer des Sees rumflanieren und, ohne es zu ahnen, die Gemeindegrenze zu Goldach überqueren, bricht keine Revolution aus. Wir treiben uns am Goldacher Hafenbecken rum und kommen uns ziemlich gefährlich vor. Irgendein anonymer Rebell hat die weisen Worte „Gott Furzt“ auf einen Mülleimer gekritzelt. Voll Punk, das. Für HC und mich ist dieser Tag die ideale Vorlage, um den ersten Song unseres neuen Electro-Punk-Spoken-Beat-Word-Electro-Projekt „URS GROB BOOTSBETRIEB“ zusammen zu dichten. Da werden noch große Dinge kommen. Zwei Männer, zusammen Mitte 70, aber körperlich fit wie Pippi Langstrumpf, werden die Popkultur stärker beeinflussen als Sonny & Cher, Milli Vanilli und Modern Talking zusammen. Könnt ihr glauben.
Weil wir echte Punkrocker sind, MÜSSEN wir natürlich auch ins einzig auffindbare Musikgeschäft von Rorschach. Dort verwickelt uns der Besitzer, ein blondhaariger Rocker, auf den das etwas altmodische Etikett „Bluesmucker“ wohl am besten passt, in ein Gespräch über all die Bands, mit denen er früher in Österreich unterwegs war. Mit dem Wilfried und den STS und wer weiß noch alles. Er kennt sie alle und hat mit allen gespielt. Eigentlich unterhält sich der Eric-Clapton-Verehrer mehr mit HC, weil er dessen Grazer Akzent so sympathisch findet. Kann ich mit leben. Gitarren oder reduzierte Effektgeräte kaufen wir aber nicht, dafür reicht die üppige Gage aus dem Treppenhaus dann doch nicht.
Im Supermarkt um die Ecke starten wir unter dem Eindruck der für unsere Verhältnisse interessanten Preisgestaltung den Wer-findet-den-billigsten-Artikel-im-Sortiment-Wettbewerb. Klarer Sieger diesmal: HC Roth, der mit Triumphgeschrei ein Päckchen Backpulver für 30 Rappen entdeckt. Das ist es also. Falls der absolute worst case von Hunger und Geldnot eintreffen sollte, könnten wir uns bis zur Rückkehr nach Berlin und Graz zumindest mit einem vollstopfen: Gutem Schweizer Backpulver. Könnten wir auch mit über die Grenze schmuggeln und in Bregenz-Riedenburg als schlechtes Koks verkaufen. Denn am Nachmittag geht es für uns weiter nach Österreich. Next Stop: Hohenems in Vorarlberg.
Gary Flanell
Nächste Woche auf dem Renfield-Blog:
Ox-Schreiber-Tour 2015 Schweiz Teil II – von HC Roth
Verpassen Sie nicht die folgenden packenden Abenteuer on Hohenems:
Berliner Aktion in St. Margareten*** Showdown in der Ox-Bar***HC Roth und Gary Flanell und die unbekannte Fünferbande***Metäl, Punkrock Weiner und die heimwehkranke Kitesurferin von Hohenems*** und viele weitere Abenteuer von Europas neuer Electro-Beatitude-Hoffnung URS GROB BOOTSBETRIEB!!!
Was bisher geschah:
Nachdem das Ox-Trio Gaffory, Parkinson und Flanell im letzten Herbst schon einige Abenteuer im Südwesten Deutschlands erlebt hatte, ging es nun etwas tiefer. Nicht qualitätsmäßig, sondern geografisch. Aber die Reihen der Teilnehmenden hatten sich gelichtet und verändert. Die ursprünglich geplante Quartettbesetzung Gaffory, Parkinson, Flanell und Roth schmolz im Laufe der Planungen zu einem dynamischen Duo zusammen. Von den vier anvisierten Lesungen blieben am Ende drei übrig. Zartbesaitete Persönlichkeiten würden sich angesichts solcher Entwicklungen in der Projektplanung in Panik von allen Aktivitäten zurückziehen. Die beiden übriggebliebenen, HC Roth und Gary Flanell, tun sowas nicht. Vielleicht ist es Wagemut oder Fatalismus im Oberstübchen, der dir sagt, dass man das trotz solcher Widrigkeiten jetzt erst recht durchziehen müsse. Vielleicht auch nur eigene Blödheit.
Die Schweiz stand ehrlich gesagt nicht wirklich ganz oben auf meiner Lesereise-Wunschländer-Liste. Einen Grund dafür gibt es nicht. Vielleicht dachte ich bisher, da ist es ja ganz nett, aber ein vielleicht auch ein bißchen langweilig. Ok, tolle Berge haben sie, davon nicht zu knapp, aber die lösen bei mir keine Begeisterungsstürme aus. Welche Landschaftsform das überhaupt könnte, ist unklar. Meer und Küste und Wasser vielleicht. Endlose Wasserflächen, die sich am Horizont verlieren und ich mich in Gedanken mit ihnen. Eventuell.
Dabei musste ich feststellen, dass es so was ja auch in der Schweiz gibt. Wasserflächen, die absurd groß erscheinen. Aber der Reihe nach. Komm ich in Basel am Flughafen an, spaziere ich aus dem Ding raus. Frage mich, warum ich so Angst hatte, vom Zoll wegen meiner mitgeführten Stuntmänner unter Wasser (Da! Wieder eine Wasser-Referenz!) befragt zu werden, Und dann war da kein Zoll. Gar nix war da. Alles ganz unkompliziert. Bus fährt vom Flughafen zum Bahnhof. Zug fährt vom Bahnhof Basel zum Bahnhof Zürich. Dort verlasse ich nicht mal das Gleis, um den Anschlußzug zu bekommen, sondern purzele auf die andere Seite rüber. Zug steht schon da, als wollte er schon anrufen und fragen, wo ich bleibe. So reibungslos läuft das auch in St. Gallen und auch bei der Ankunft in Rorschach. Das auf der einen Seite hohe Berge und auf der anderen die erwähnten unendlichen Wasserflächen des Bodensees zur Begrüßung auffährt.
Und überall scheint die Sonne, das ist natürlich etwas, womit man jeden Berlinbewohner sofort locken kann. Ein bißchen fühle ich mich, als würde ich mit einer real gewordenen Modelleisenbahn durch die Gegend fahren. So blitzeblank kann die Realität gar nicht sein. Irgendwo da hinter den schneebedeckten Hängen, so vermute ich, da muss er stehen: Der große Märklin-Trafo, der das hier alles, die ganze Schweiz, in Betrieb hält. Geht gar nicht anders.
In Rorschach dann mit dem Aufzug in die Stadt. Liegt ja alles am Hang. Zum Treppenhaus, der Ort in dem wir lesen werden, muss ich wieder runter Richtung See. Hatte schon Befürchtungen, das Treppenhaus wäre ein zugiger Flur, vollgepisst, siffig, eng und kalt und wir würden da im Kerzenlicht unter der Kellertreppe den einzigen beiden Rorschach-Punks was vorlesen. Aber nein. Das Treppenhaus ist ein wunderschönes Gebäude im Herzen Rorschachs, das seinen Namen von der gestuften Form seines Giebels hat.
HC Roth trifft auch irgendwann ein und ungläubig nehmen wir wahr, wie wir hier aufgenommen werden. Bekommen ein eigenes Schlafzimmer für die Übernachtung! An der Tür steht sogar „Künstler“ dran! Es gibt echte Betten, kuschelige Kissen und weiche Decken und alles! Nebenan die Ludothek für Rorschachs Kinder. Oben drüber die kleine heimelige Bibliothek und unten das kleine gemütliche Café, nur durch den Vorhang getrennt vom Konzertsaal, wo wir abends dann lesen. Großes Erstaunen unsererseits, als wir den Eintrittspreis für die Veranstaltung wahrnehmen. 15 Franken, really? Kein Einspruch, aber soviel Geld erscheint uns, nach den bisherigen Lesetour-Erfahrungen mit rumgehenden und schlecht gefüllten Hüten, doch etwas surreal. 15 Franken für eine Veranstaltung von zwei Künstlern, die ehrlich gesagt niemand kennt, scheint aber hier normaler Tarif und keineswegs überzogen zu sein. Na, dann wollen wir auch nichts gesagt haben.
Zu unserer allerersten Lesung in Rorschach City verkneife ich mir allerlei schlechte Witze, die was mit der Stadt zu tun haben. Kein Geblödel über a) TEST-Personen oder b) über Watchmen-Charaktere oder c) Strategiespiele im Klempnermilieu. Nein, nein, nein. Das haben unsere sechs Gäste nicht verdient. Dazu haben sie zu aufmerksam unserem Vortrag gefolgt. Und weil der einzige Schweizer, den ich persönlich kenne (Hallo Odessa-Oliver!) eine zweistündige Zugfahrt auf sich nimmt, um zur Lesung zu kommen, freue ich mich umso mehr.
HC startet mit Auszügen seinem Pinguin-Rockstar-Opus, den Frosch-mit-Socken-Geschichten und der neuen Story mit dem Hundekoch. Ich schiebe die Story der kleinen Spinne Pup und dem Seehund hinterher. Am Anfang sind wir also etwas tierlastig. Nach der Pause dann nicht mehr, soll ja keiner sagen, wir würden nur Tiergeschichten schreiben. Zu unserer großen Freude sind nach dem Break noch alle sechs Zuschauer da. Das freut uns so sehr, dass wir ihnen von der Bühne aus einen donnernden Applaus spendieren.
Nach der Lesung hängen wir noch am Tresen im Treppenhaus rum, werden mit reichlich Bier und Nussschnaps bewirtet. Man kommt leider nicht umhin, in der Schweiz immer mal wieder das Geld zu erwähnen. 15 Franken schien uns schon als Eintritt irreal viel. Wie sich rausstelt, haben aber nur drei Gäste wirklich gezahlt, weil die anderen ein Jahreabo für alle Treppenhaus-Veranstaltungen haben. Bleiben also 45 Franken, die an HC und mich gehen sollen. Was wir schon ganz ok finden und noch ein Bier ordern.
„Wir legen euch noch ein bisschen was drauf“, sagt dann der nett zurückhaltende Kneipier und verschwindet hinter der Bar. Kurz darauf kriegt jeder von uns einen nicht unerträglichen Batzen Geld in die Hand, der zumindest schon mal die Fahrtkosten gut abdeckt. Würde gern mal wissen, wie zwei etwas zerknautscht wirkende Literaten aus Österreich und Deutschland so auf die Schweizer wirken, wenn sie ungläubig so viel Geld entgegennehmen, wie sie noch nie, never, jemals für irgendeine Lesung bekommen haben. Fühle mich an diesem Abend wirklich wie ein Künstler. Und das liegt nicht nur am Nussschnaps und der geruhsamen Nacht im Künstlerzimmer.
Morgen danach. Wieder Sonnenschein, hinten ruhen die Berge, vorne ruht Bodensee. Wie halten die Rorschacher so viel Idyll eigentlich aus, wenn sie es Tag für Tag haben? Zerfließt man dann nicht irgendwann hinten im Wald einfach vor Ausgeglichenheit? Rorschach ruht am Samstagmorgen. Auch als wir am Ufer des Sees rumflanieren und, ohne es zu ahnen, die Gemeindegrenze zu Goldach überqueren, bricht keine Revolution aus. Wir treiben uns am Goldacher Hafenbecken rum und kommen uns ziemlich gefährlich vor. Irgendein anonymer Rebell hat die weisen Worte „Gott Furzt“ auf einen Mülleimer gekritzelt. Voll Punk, das. Für HC und mich ist dieser Tag die ideale Vorlage, um den ersten Song unseres neuen Electro-Punk-Spoken-Beat-Word-Electro-Projekt „URS GROB BOOTSBETRIEB“ zusammen zu dichten. Da werden noch große Dinge kommen. Zwei Männer, zusammen Mitte 70, aber körperlich fit wie Pippi Langstrumpf, werden die Popkultur stärker beeinflussen als Sonny & Cher, Milli Vanilli und Modern Talking zusammen. Könnt ihr glauben.
Weil wir echte Punkrocker sind, MÜSSEN wir natürlich auch ins einzig auffindbare Musikgeschäft von Rorschach. Dort verwickelt uns der Besitzer, ein blondhaariger Rocker, auf den das etwas altmodische Etikett „Bluesmucker“ wohl am besten passt, in ein Gespräch über all die Bands, mit denen er früher in Österreich unterwegs war. Mit dem Wilfried und den STS und wer weiß noch alles. Er kennt sie alle und hat mit allen gespielt. Eigentlich unterhält sich der Eric-Clapton-Verehrer mehr mit HC, weil er dessen Grazer Akzent so sympathisch findet. Kann ich mit leben. Gitarren oder reduzierte Effektgeräte kaufen wir aber nicht, dafür reicht die üppige Gage aus dem Treppenhaus dann doch nicht.
Im Supermarkt um die Ecke starten wir unter dem Eindruck der für unsere Verhältnisse interessanten Preisgestaltung den Wer-findet-den-billigsten-Artikel-im-Sortiment-Wettbewerb. Klarer Sieger diesmal: HC Roth, der mit Triumphgeschrei ein Päckchen Backpulver für 30 Rappen entdeckt. Das ist es also. Falls der absolute worst case von Hunger und Geldnot eintreffen sollte, könnten wir uns bis zur Rückkehr nach Berlin und Graz zumindest mit einem vollstopfen: Gutem Schweizer Backpulver. Könnten wir auch mit über die Grenze schmuggeln und in Bregenz-Riedenburg als schlechtes Koks verkaufen. Denn am Nachmittag geht es für uns weiter nach Österreich. Next Stop: Hohenems in Vorarlberg.
Gary Flanell
Nächste Woche auf dem Renfield-Blog:
Ox-Schreiber-Tour 2015 Schweiz Teil II – von HC Roth
Verpassen Sie nicht die folgenden packenden Abenteuer on Hohenems:
Berliner Aktion in St. Margareten*** Showdown in der Ox-Bar***HC Roth und Gary Flanell und die unbekannte Fünferbande***Metäl, Punkrock Weiner und die heimwehkranke Kitesurferin von Hohenems*** und viele weitere Abenteuer von Europas neuer Electro-Beatitude-Hoffnung URS GROB BOOTSBETRIEB!!!
Dienstag, 20. Januar 2015
Altern, Alter!
Die Frage nach dem Alter… stellt man sich als 16-32-jähriger Jungrebell eher selten. Haben deine Lieblingsbands ja auch nie gemacht. Die Circle Jerks empfahlen ganz schlicht „Live fast, die young“, die Descendents haben erst auf ihrem Spätwerk „What will it be like when I get old?“ gefragt.
Machen wir uns nichts vor: Dem Altern ist schwer auszuweichen. Eigentlich gar nicht. Das weiß Renfield-Schreiber Philipp Nussbaum und Ox-Kolumnist Alex Gräbeldinger weiß das auch. Was sie beide von den Begleiterscheinungen des Älterwerdens halten, haben sie beim Interview in Renfield Nummer 28 ausdiskutiert.
P: Ist genau heute und jetzt eine gute Gelegenheit, mit dir über das Altern zu sprechen? Es geschieht zwar dauernd und ohne Unterlass, manchmal aber sanfter und manchmal heftiger.
A: Zurzeit bewege ich mich im gemütlichen Schritttempo auf die Midlife-Crisis zu. In der Hoffnung, dass sie mich nicht allzu hart erwischen wird. Als kleine Vorsorgeuntersuchung kommt mir unser Gespräch daher durchaus gelegen.
P: Wie alt bist du gerade, und wie alt würde z. B. Jenny sagen, dass du dich fühlst?
A: Ich stehe kurz vor meinem 35. Geburtstag. An manchen Tagen wache ich auf und fühle mich doppelt so alt. Die meiste Zeit benehme ich mich allerdings wie ein Teenager oder Kleinkind. Ich denke, das würde meine Frau so bestätigen.
P: Woran merkst du, wie alt du bist? Woran, dass das schon wieder vorbei und nurmehr Vergangenheit geworden ist?
A: Dass ich nicht mehr als Elfjähriger durchgehe, fällt mir insbesondere beim Blick in den Spiegel auf. Trotz der zahlreichen Anti-Aging-Produkte, die ich in den vergangenen Jahren ausprobiert habe. Somit sind die Zeiten, in denen ich beim Kauf einer Flasche Schnaps nach einem Altersnachweis gefragt wurde, für immer vorbei.
P: Herr Wiebusch sang, dass irgendwas immer sechzehn bleibe (Auch schon lange her, das. Der Setzer) Was soll das eigentlich?
A: Bestenfalls, dass man sich ein Stück Jugend bewahrt. Schlimmstenfalls, dass man, so wie ich, mit 35 noch immer nicht erwachsen ist. Dann gibt es noch Menschen, die definieren sich ein Leben lang über das, was sie als Teenager zustande gebracht haben. Bei einer Band wie beispielsweise SLIME sind das immerhin die Lieder „Deutschland muss sterben“ und „Wir wollen keine Bullenschweine“. Bei mir ist das leider nicht mehr als ein Realschulabschluss mit einem Notendurchschnitt von 3,5.
P: Hat bzw. hatte der 16jährige Gräbeldinger überhaupt einen Vertrag mit Altern, Alter?
A: Das war bei mir schon mit 16 tagesformabhängig. An gut gelaunten Tagen wollte ich nicht älter als 21 werden und trug ein T-Shirt mit der Aufschrift „Jung kaputt spart Altersheime". An schlecht gelaunten Tagen verspürte ich Zukunftsängste und hoffte darauf, dass mir noch genug Zeit bleiben würde, um mein verkorkstes Leben wieder in Ordnung zu bringen.
P: Sechzehn, Club der Siebenundzwanziger und und und. Drauf geschissen, mir gehts gerade mehr um den Prozess, um das Geschehen-von. Beizeiten stehe ich mit Kollegen vor meiner Dienststelle, rauche, und wir zerreißen uns das Maul über uns selbst und natürlich mehr über andere, die gerade durchs Bild laufen. „Oh Mann, der/ die/ das bekommt eine Eins mit Sternchen in Unwürdigaltern, hehehe“, usw. Was sind die armseligsten Alternsanzeichen? Was die schönsten? Oder sind sie alle gleich?
A: Ob sich jemand mit 50 noch die Haare grün färbt oder lieber eine beigefarbene Bundfaltenhose trägt, ist mir ehrlich gesagt völlig egal. Auch stört es mich nicht, ob jemand versucht etwas zu konservieren oder es vorzieht, der Zeit ihren Lauf zu lassen. Solange man das macht, womit man sich wohlfühlt, und niemand dabei zu Schaden kommt, altert man meiner Auffassung nach würdevoll. Scheißegal, was die Leute von einem denken.
P: Ist Altern eher Zerfallen oder eher Reifen? Lässt es sich aufhalten oder forcieren?
A: Körper und Geist besitzen ein Verfallsdatum, das sowohl positiv als auch negativ beeinflusst werden kann. Wenn ich einen Großteil meiner Lebenszeit damit verbringe, Schnaps zu trinken und Crystal Meth zu rauchen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ich nicht nur körperlich verwahrlose, sondern auch geistig.
Achte ich stattdessen auf meine Gesundheit und lese regelmäßig die Apotheken-Umschau, erhöhe ich die Chance, auch im Alter noch Freude an Nordic Walking und Kreuzworträtseln zu haben. Darüber hinaus stehen mir natürlich noch Botox und die Schönheitschirurgie zur Verfügung. Doch ob ich mich letztendlich reifer oder einfach nur älter fühle, wird immer davon abhängig sein, wie ich meine Lebenserfahrungen auswerte. Wenn es gut läuft, werde ich ausgeglichener und weiser. Wenn es doof läuft, nichts weiter als ein verbitterter, alter Sack.
P: Was muss altern, bevor es überhaupt was taugt? Außer Käse?
A: Eine naheliegende Antwort wäre vermutlich Wein. Doch in Wahrheit bin ich alles andere als ein Weinkenner. Das bedeutet: Wenn ich besoffen werden will, gelingt mir das in der Regel auch mit einer Flasche, die vor nicht mehr als einem Jahr abgefüllt wurde.
P: Apropos Wein. Z. B. der wird nur bis zu einem bestimmten Punkt besser, bis er dann den Zenit überschreitet und zu Essig wird. Mensch kommt, steigt, steigt, erreicht, kippelt und saust dann im Sturzflug hinab in die Regression. Welcome back, feuchte Windelwunderwelt. Gehts bei dir weiter aufwärts oder bereits wieder abwärts? Und was machst du, wenns zu steil werden sollte?
A: Ob ich meine besten Jahre bereits allesamt vertrödelt habe, oder ob mir noch ein paar davon übrig bleiben, wird sich zeigen. Allerdings ist davon auszugehen, dass ich in diesem Leben kein Astronaut, Model oder Rockstar mehr werde. Was das betrifft, mache ich mir nicht länger falsche Hoffnungen. Da bleibe ich lieber mit beiden Beinen auf dem Boden stehen und entgehe somit der Gefahr einer schwindelerregenden Fallhöhe. Verglichen mit Wein würde ich mich ohnehin als Billigfusel aus dem Tetrapack einstufen.
P: In Ecken der Welt ist es wichtig, das letzte bisschen Altern, nötigenfalls eben das Sterben, in einer gewissen Würde erledigen zu können. Wichtiger wohl als bei uns wenigstens, wo die neonausgeleuchtete Seneszenzeinbahnstraße im pflegeindustriellen Nirvana endet und endet und endet. Und nicht endet. Schon gar nicht an einem See. Statement zu Altern in Würde?
A: Sterbehilfe – ein schwieriges Thema. Trotzdem denke ich, sobald die letzten Tage im Leben eines Menschen nur noch aus Leid und Qual bestehen, sollte jeder das Recht auf einen sanften Ausklang haben.
P: Welche Musik passt zu alledem? Vielleicht irgendeine jenseits Raum und insbesondere Zeit.
A: Supernichts – „Ich möchte Teil einer Seniorenbewegung sein“. Chefdenker – „Das Beste zum Schluss“.
P: Letzte Worte für die Ewigkeit?
A: Worte für die Ewigkeit setzen Weisheit voraus. Eine solche möchte ich mir nicht anmaßen. Jedoch bin ich neulich über ein Zitat von Muhammad Ali gestolpert. Es lautet: „Wer die Welt mit 50 Jahren genauso sieht wie mit 20 Jahren, hat 30 Jahre seines Lebens verschwendet.“ Zwar bin ich mir nicht sicher, ob er mit dieser Aussage recht hat, trotzdem werde ich mir Gedanken darüber machen. Spätestens an meinem 50. Geburtstag. Ansonsten hoffe ich darauf, dass man auch einem alten Hund noch neue Tricks beibringen kann.
P: War mir ein Fest, Herr Gräbeldinger, ich danke. Bleiben Sie gesund und munter, wir sehen uns wieder und lauschen dann schwerhörig dem Knuspern des Zahns der Zeit.
Alex Gräbeldinger schreibt Kolumnen (z. B. fürs lebensherbstlich ungeeignet kleingedruckte OX) und beizeiten auch Bücher. Ab und an packt ihn trommelnd so was wie Musikalität. Triff ihn in einem Laden in deiner Stadt, möglicherweise ist er gerade dort.
http://www.alex-graebeldinger.de
Machen wir uns nichts vor: Dem Altern ist schwer auszuweichen. Eigentlich gar nicht. Das weiß Renfield-Schreiber Philipp Nussbaum und Ox-Kolumnist Alex Gräbeldinger weiß das auch. Was sie beide von den Begleiterscheinungen des Älterwerdens halten, haben sie beim Interview in Renfield Nummer 28 ausdiskutiert.
P: Ist genau heute und jetzt eine gute Gelegenheit, mit dir über das Altern zu sprechen? Es geschieht zwar dauernd und ohne Unterlass, manchmal aber sanfter und manchmal heftiger.
A: Zurzeit bewege ich mich im gemütlichen Schritttempo auf die Midlife-Crisis zu. In der Hoffnung, dass sie mich nicht allzu hart erwischen wird. Als kleine Vorsorgeuntersuchung kommt mir unser Gespräch daher durchaus gelegen.
P: Wie alt bist du gerade, und wie alt würde z. B. Jenny sagen, dass du dich fühlst?
A: Ich stehe kurz vor meinem 35. Geburtstag. An manchen Tagen wache ich auf und fühle mich doppelt so alt. Die meiste Zeit benehme ich mich allerdings wie ein Teenager oder Kleinkind. Ich denke, das würde meine Frau so bestätigen.
P: Woran merkst du, wie alt du bist? Woran, dass das schon wieder vorbei und nurmehr Vergangenheit geworden ist?
A: Dass ich nicht mehr als Elfjähriger durchgehe, fällt mir insbesondere beim Blick in den Spiegel auf. Trotz der zahlreichen Anti-Aging-Produkte, die ich in den vergangenen Jahren ausprobiert habe. Somit sind die Zeiten, in denen ich beim Kauf einer Flasche Schnaps nach einem Altersnachweis gefragt wurde, für immer vorbei.
P: Herr Wiebusch sang, dass irgendwas immer sechzehn bleibe (Auch schon lange her, das. Der Setzer) Was soll das eigentlich?
A: Bestenfalls, dass man sich ein Stück Jugend bewahrt. Schlimmstenfalls, dass man, so wie ich, mit 35 noch immer nicht erwachsen ist. Dann gibt es noch Menschen, die definieren sich ein Leben lang über das, was sie als Teenager zustande gebracht haben. Bei einer Band wie beispielsweise SLIME sind das immerhin die Lieder „Deutschland muss sterben“ und „Wir wollen keine Bullenschweine“. Bei mir ist das leider nicht mehr als ein Realschulabschluss mit einem Notendurchschnitt von 3,5.
P: Hat bzw. hatte der 16jährige Gräbeldinger überhaupt einen Vertrag mit Altern, Alter?
A: Das war bei mir schon mit 16 tagesformabhängig. An gut gelaunten Tagen wollte ich nicht älter als 21 werden und trug ein T-Shirt mit der Aufschrift „Jung kaputt spart Altersheime". An schlecht gelaunten Tagen verspürte ich Zukunftsängste und hoffte darauf, dass mir noch genug Zeit bleiben würde, um mein verkorkstes Leben wieder in Ordnung zu bringen.
P: Sechzehn, Club der Siebenundzwanziger und und und. Drauf geschissen, mir gehts gerade mehr um den Prozess, um das Geschehen-von. Beizeiten stehe ich mit Kollegen vor meiner Dienststelle, rauche, und wir zerreißen uns das Maul über uns selbst und natürlich mehr über andere, die gerade durchs Bild laufen. „Oh Mann, der/ die/ das bekommt eine Eins mit Sternchen in Unwürdigaltern, hehehe“, usw. Was sind die armseligsten Alternsanzeichen? Was die schönsten? Oder sind sie alle gleich?
A: Ob sich jemand mit 50 noch die Haare grün färbt oder lieber eine beigefarbene Bundfaltenhose trägt, ist mir ehrlich gesagt völlig egal. Auch stört es mich nicht, ob jemand versucht etwas zu konservieren oder es vorzieht, der Zeit ihren Lauf zu lassen. Solange man das macht, womit man sich wohlfühlt, und niemand dabei zu Schaden kommt, altert man meiner Auffassung nach würdevoll. Scheißegal, was die Leute von einem denken.
P: Ist Altern eher Zerfallen oder eher Reifen? Lässt es sich aufhalten oder forcieren?
A: Körper und Geist besitzen ein Verfallsdatum, das sowohl positiv als auch negativ beeinflusst werden kann. Wenn ich einen Großteil meiner Lebenszeit damit verbringe, Schnaps zu trinken und Crystal Meth zu rauchen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ich nicht nur körperlich verwahrlose, sondern auch geistig.
Achte ich stattdessen auf meine Gesundheit und lese regelmäßig die Apotheken-Umschau, erhöhe ich die Chance, auch im Alter noch Freude an Nordic Walking und Kreuzworträtseln zu haben. Darüber hinaus stehen mir natürlich noch Botox und die Schönheitschirurgie zur Verfügung. Doch ob ich mich letztendlich reifer oder einfach nur älter fühle, wird immer davon abhängig sein, wie ich meine Lebenserfahrungen auswerte. Wenn es gut läuft, werde ich ausgeglichener und weiser. Wenn es doof läuft, nichts weiter als ein verbitterter, alter Sack.
P: Was muss altern, bevor es überhaupt was taugt? Außer Käse?
A: Eine naheliegende Antwort wäre vermutlich Wein. Doch in Wahrheit bin ich alles andere als ein Weinkenner. Das bedeutet: Wenn ich besoffen werden will, gelingt mir das in der Regel auch mit einer Flasche, die vor nicht mehr als einem Jahr abgefüllt wurde.
P: Apropos Wein. Z. B. der wird nur bis zu einem bestimmten Punkt besser, bis er dann den Zenit überschreitet und zu Essig wird. Mensch kommt, steigt, steigt, erreicht, kippelt und saust dann im Sturzflug hinab in die Regression. Welcome back, feuchte Windelwunderwelt. Gehts bei dir weiter aufwärts oder bereits wieder abwärts? Und was machst du, wenns zu steil werden sollte?
A: Ob ich meine besten Jahre bereits allesamt vertrödelt habe, oder ob mir noch ein paar davon übrig bleiben, wird sich zeigen. Allerdings ist davon auszugehen, dass ich in diesem Leben kein Astronaut, Model oder Rockstar mehr werde. Was das betrifft, mache ich mir nicht länger falsche Hoffnungen. Da bleibe ich lieber mit beiden Beinen auf dem Boden stehen und entgehe somit der Gefahr einer schwindelerregenden Fallhöhe. Verglichen mit Wein würde ich mich ohnehin als Billigfusel aus dem Tetrapack einstufen.
P: In Ecken der Welt ist es wichtig, das letzte bisschen Altern, nötigenfalls eben das Sterben, in einer gewissen Würde erledigen zu können. Wichtiger wohl als bei uns wenigstens, wo die neonausgeleuchtete Seneszenzeinbahnstraße im pflegeindustriellen Nirvana endet und endet und endet. Und nicht endet. Schon gar nicht an einem See. Statement zu Altern in Würde?
A: Sterbehilfe – ein schwieriges Thema. Trotzdem denke ich, sobald die letzten Tage im Leben eines Menschen nur noch aus Leid und Qual bestehen, sollte jeder das Recht auf einen sanften Ausklang haben.
P: Welche Musik passt zu alledem? Vielleicht irgendeine jenseits Raum und insbesondere Zeit.
A: Supernichts – „Ich möchte Teil einer Seniorenbewegung sein“. Chefdenker – „Das Beste zum Schluss“.
P: Letzte Worte für die Ewigkeit?
A: Worte für die Ewigkeit setzen Weisheit voraus. Eine solche möchte ich mir nicht anmaßen. Jedoch bin ich neulich über ein Zitat von Muhammad Ali gestolpert. Es lautet: „Wer die Welt mit 50 Jahren genauso sieht wie mit 20 Jahren, hat 30 Jahre seines Lebens verschwendet.“ Zwar bin ich mir nicht sicher, ob er mit dieser Aussage recht hat, trotzdem werde ich mir Gedanken darüber machen. Spätestens an meinem 50. Geburtstag. Ansonsten hoffe ich darauf, dass man auch einem alten Hund noch neue Tricks beibringen kann.
P: War mir ein Fest, Herr Gräbeldinger, ich danke. Bleiben Sie gesund und munter, wir sehen uns wieder und lauschen dann schwerhörig dem Knuspern des Zahns der Zeit.
Alex Gräbeldinger schreibt Kolumnen (z. B. fürs lebensherbstlich ungeeignet kleingedruckte OX) und beizeiten auch Bücher. Ab und an packt ihn trommelnd so was wie Musikalität. Triff ihn in einem Laden in deiner Stadt, möglicherweise ist er gerade dort.
http://www.alex-graebeldinger.de
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