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Donnerstag, 26. Februar 2026
Schön. wenn schwarz Pt. IIXII
John Robb - GOTH
Im Sommer letzten Jahres war ich im Urlaub in Cornwall - einem Flecken, von dem ich bisher nicht wusste, wie schön er überhaupt ist. Und was passt am besten als Lektüre zur Regeneration ins begrenzte Gepäck als ein 700 Seiten schwerer Wälzer über eine der buntesten Subkulturen ever? Eben. Der 700-Seiten-Stein musste mit.
GOTH ist ein Buch, das schon rein äusserlich aussieht, als wäre es die Entsprechung eines Bausteins einer alten erhabenen Kapelle.
Dick, stark, massiv. Wuchtig. Schlichtes Artwork, natürlich schwarz. Das Medium ist die Botschaft. Wenn schon ein Buch über dieses Thema, dann auch dunkel und dick. Eine ordentliche Abhandlung zu dieser Subkultur passt halt nicht ins Reclamheftchen. John Robb ist in Sachen Underground und Punk, gerade in bezug auf Entwicklungen in Großbritannien kein Unbekannter: Früher bei dem wunderbaren Noise-Post-Punks MEMBRANES, danach mehr Punkrock-orientiert unterwegs mit GOLDBLADE. Ganz losgelassen hat ihn subkulturelles Treiben also nie und allein deswegen hat er schon genug Glaubwürdigkeit, um sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Fachwissen ist also einiges da.
GOTH. Es gibt Klischees und Stereotype, die selbst deine Oma in der Provinz kennt. Aber es gibt soviel mehr. Gothic ist sicher nicht nur schwarze Klamotten und Patchouliduft (kann auch, aber muss nicht), es ist auch nicht nur CURE und JOY DIVISION. Beovr ich überhaupt angefangen habe, das Buch zu lesen und über das Thema nachgedacht habe, fiel mir auf: Das ist ein ganz schöner Brocken. Wo fängt man denn da überhaupt an? Kleiner Spoiler, es geht natürlioch nicht erst mit den ersten Post-Punk-Bands Ende der 70er los. Auch nicht mit den SEX PISTOLS oder THE DAMNED. Mit Punk ist man eigenltich schon mittendrin in der Kulturgeschichte. und nicht am Anfang. Somit ist Robbs Buch allein vom Umfang her gerechtfertigt. Wenn man es denn ordentlich machen will. Und John Robb macht es ziemlich ordentlich.
Da gibt's keine halben Sachen, er fängt bei den urigen Ursprüngen des Begriffs an und führt alles in einem wilden, aber gut verständlichen Ritt durch die Kulturgeschichte fort: Gotische Architektur, wie sie zeitgenössisch bewertet und betrachtet wurde, dann Ausführungen zu dem ursprünglichen Genre der "gothic literature", den Schauerromanen aus dem anglo-amerikanischen Raum und der europäsichen Romantik, über die dunklen Seiten des frühen Rock'n'Roll und Glamrock, bis er dann endlich bei den Bands und Musiker*innen landet, die auch Otto Normalo mit Gothic verbindet.
Während die frühen Begrifflichkeiten in einzelnen Kapiteln gut zusammengefasst werden, fächert der Autor im weiteren Verlauf die ganz Sache dann detaillierter auf, sobald es um die wichtigsten Gothic-Vertreter geht. Bedeutet also, dass Bands wie THE CURE, JOY DIVISION, SISTERS OF MERCY, SIOXSIE & THE BANSHEES, aber auch die VIRGIN PRUNES, THEATRE OF HATE, THROBBING GRISTLE mit eigenen Kapiteln bedacht werden. Was ja Sinn macht. Dass John Robb selber tief in der Subkultur verwurzelt ist, merkt man an den vielen Verweisen und Ziteten von Interviews, die er oft selber geführt hat.
Manchmal dachte ich, angesichts diverser Verweise auf Bands, ich muss mir hier mal eine Liste machen mit Bands, die ich unbedingt nochmal anchecken will. Er zeichnet ein gutes, nachvollziehbares Bild dieses ganze dunklen Universums, das unter dem Begriff Gothic subsummiert werden kann. Somit ist GOTH ein Buch geworden, das einerseits Einsteiger in das Thema gut und umfassend abholt, andererseits auch Menschen, die selber einiges an Wissen haben, nicht verschreckt. Oder gar langweilt.
GOTH. Dieses Buch ist ein Startpunkt. Natürlich ist hier vieles kurz, aber nicht verkürzt zusammengefasst. John Robb hat einen guten und klaren Stil, verweist auf dieses und jenes (er könnte sicher noch viel tiefer in Einzelheiten gehen), kommt aber immer wieder zurück auf den Punkt, verfranst sich also nicht. Wäre das der Fall, hätte GOTH Brockhausmässige Dimensionen annehmen können.
Allein für jede Band, die hier unter dem Begriff Goth oder auch Post-Punk aufgeführt wird, ließe sich sicher eine eigene Biografie schreiben. Unbegrenzte Ausführlichkeit und allumfassende und abschließende Weisheit abzuliefern, ist aber sicher nicht das Anliegen des Autors gewesen. Es ist ein schmaler Grat, einerseits in eine gewisse Tiefe zu gehen, andererseits auch die Grenzen des Formats zu beachten. Was es alles noch anzusprechen gäbe! Welche Bands wichtig waren und unbedingt erwähnt werden müssen?! Es kann leider nicht alles abgebildet werden. Aber es wird versucht.
Was dazu führt, dass das Buch zum Ende hin leider ein wenig hektisch wirkt. Nachdem den großen, bekannten Bands und ihrem Wirken berechtigterweise viel Raum gegeben wurde, scheint es dann eher darum zu gehen, noch möglichst viel Bands, die zwischen den 80er bis heute (in West-Europa) unterwegs waren, auch noch Platz und eine Erwähnung zukommen zu lassen. Als Leser*in könnte man den Eindruck bekommen, dass Goth seine Hochphase in den 80ern und 90ern hatte. Denn das ist die Zeit, auf die sich John Robb fokussiert.
Im Unterschied zu Punk als Bewegung, dem ich hiermal ein massives Nachwuchsproblem unterstelle, scheinen Gothic, Wave und Post-Punk derzeit jedoch eine weitere Blüte zu erleben. Seit Jahren finden immer wieder neue Bands, die einen eher dunklen Sound bevorzugen, ihren Weg und ihr Publikum: LEBANON HANOVER, SHE PAST AWAY, BERLINER DOOM, DINAH SUMMER, BOY HARSHER, LINGUA IGNOTA, ALGIERS, KING DUDE, PLOHO, CHELSEA WOLFE - um nur ein paar zu nennen.
Alles Bands und Künstler*innen, die dem Genre sicher zuzuordnen sind und teilweise die Clubs zum Bersten voll machen. Und, das ist wichtig: Nicht nur aus dem anglo-amerkanischen Raum stammen. Natürlich kann ein Buch wie GOTH nicht alles und auch nicht aktuellste Entwicklungen abbilden, irgendwann ist ja auch mal Redaktionsschluß. Ich frage mich allerdings, ob dann eine zeitliche Eingrenzung dem Buch insgesamt nicht doch gut getan hätte. So wirkt das Ende doch etwas überstürzt.
Was noch auffällt: Immer wieder ertappe ich mich beim Lesen der deutschen Fassung, dass ich Begriffe und Redewendungen finde, die etwas konstruiert wirken und die ich dann im Kopf zurück ins Englische übersetze. Die deutsche Übersetzung des Originals ins Deutsche von Joachim Hiller ist solide, allerdings bin ich doch manchmal über Ausdrücke gestolpert, von denen ich denke, dass sie etwas sperrig, mindestens ungewöhnlich wirken. Was aber nicht heißt, dass es keinen Spaß macht, dieses Kompendium durchzuackern. Von Anfang bis Ende.
Aber das sind letztendlich kleinere Dinge, die den positiven Gesamteindruck von GOTH nicht schmälern. Gutes Ding, entspannt geschrieben. Kann, nunja, vielleicht nicht an einem Wochenende, aber sicher in einem 2-3-wöchigen Urlaub weggelesen werden. Am besten in einem kleinen Ferienort in Cornwall.
Der, um doch mal kurz abzuschweifen, über einen anarchistischen Buchladen verfügte und in dem eine Art Brit-Humana sogar obskure 2nd-Hand-Platten anbot. Zwei habe ich mitgenommen: Eine von einem britischen Jäger, der englische Jägerwitze erzählt (habe ich Abel geschenkt) und zum anderen eine Spoken-word-LP von einem UK-Comedian aus den 70ern, der... ehm, fiktive reden von Idi Amin-Reden performiert. Ich weiß, daran ist auf vielen Ebenen soviel falsch, aber genau deshalb musste einer das Ding dann für zwei Pfund aus dem Verkehr ziehen und in den Renfield-Giftschrank packen.
Zurück zu GOTH. Im Herbst 2025 war John Robb für das Buch auf Vortragsreise. Dabei war er an gleich zwei Abenden im wunderbaren Posh Teckel in Neukölln, eine Location, die eine hübsche chaotische Gemütlichkeit ausstrahlt, die sich in Berlin nicht mehr so häufig finden lässt. Zum Glück hat er nicht seitenweise aus dem Buch vorgelesen, das wäre vielleicht etwas öde gewesen, sondern frei Hand alles mögliche zu all den Bands und Themen erzählt, die in GOTH abgehandelt werden. Dazu gab es Bilder auf der Leinwand und fertig war der subkulturelle Diavortrag. Das ist auchd er tatsdache zu verdanken, dass John Rob schon zig Interview geführt und gegeben hat und ein gutes Talent für einenunterhaltsam,e Bühnenperformance hat.
Das war sehr unterhaltsam und hat gezeigt, dass der Mann ein guter und eloquenter Erzähler ist und sich mit Ü60 noch einiges an jugendlichem Spirit bewahrt hat. Als dann noch Mark Reeder auf die Bühne steigt und mit John Robb über seine Szene-Erlebnisse im West-Berlin der 80er plauscht, wird allen Gästen klar, dass man hier a) einen wunderbaren und fast einzigartigen Abend erlebt und b) und die beiden ein wirklich gutes Gespann abgeben.
Die deutsche Ausgabe von GOTH von John Robb ist im Ventilverlag erschienen.
Gary Flanell
Donnerstag, 19. Februar 2026
Schön, wenn das Trotzdem Weiter macht, Pt. XXVI
MARIA BC - Marathon
"Zehn Minuten", sagt Gary. "Stell dir am besten die Uhr. Und wenn der Alarm bimmelt..." Darf man das Schicksal herausfordern, also, es wieder und wieder und wieder tun?
Irgendwann geht's schief, alles ist vorbei, und am Ende heult einer.
Andererseits: Heißt es nicht, aller guten Dinge seien drei? Unbesorgt voran also! Moment. Ist's überhaupt die mystische Drei? Hm, Gedächtnis und Nachweis weg, oh nein. Ohne Sorge ist wohl unmöglich.
Einfach weiter machen. Weiter. Machen.
Wie bei einem Marathon zum Beispiel. Gleichzeitig so sinnlos und albern als sogenannter „Sport“, an und für sich selbstverständlich allein in dieser Hinsicht wenigstens zweifelhaft, wenn nicht bereits disqualifiziert, wie auch transzendierend und in andere Sphären führend als blubbernde Mischung aus Zerstörung, Schmerz und dem schließlichen Hinfallen und Verschwundensein. Nicht gegen eine antike Strecke, sondern am Ende gegen alle Umstände, die ganze Welt, sich selbst.
Das Weiter- und das Dagegen- und das Trotzdem-Machen.
Nicht so das Einfachste, der Tage die Musik eines Amerikaners zu erkennen, denn parallel ballert per Sperrfeuer die menschenverachtende Kirmeskulisse aus Bildern und Wörtern eines immer schneller in den Wahnsinn strudelnden alten, ekligen, bösen Mannes und seiner geilen, geifernd und verschwitzt dazu tanzenden Entourage von Opportunisten, Hetzern und Faschisten, laut, billig, fies, mörderisch.
Kaum mehr etwas anderes zu hören und überhaupt nichts zu verstehen. Es aber also ganz bleiben lassen, sich die Ohren zuhalten und sich von allem abwenden, was über den erfreulich großen Teich kommt? Größtmögliche Vermeidung nicht nur von Pepsi, Google, amazon und Tesla, sondern auch von aller Kultur? Hoffen, dass dann alles irgendwie zu einer Art Schwarzes Loch wird und mit einem Knall schließlich in sich selbst zusammenstürzt? Hm.
Weiter- und Dagegen- und Trotzdem-Machen besser. Und aufpassen, natürlich.
Maria BC geht nicht mit Krawall gegen den Alptraum an. Mit schneidender Zärtlichkeit, schmerzhaft dringlich, klar, reduziert und mächtig singt und musiziert sie mit Gitarre und ein bisschen Elektrokrams inmitten des Irrsinns und stört ihn vielleicht.
Sorgen nimmt das nicht und tröstet kaum, doch es ist unüberhörbar und gibt so eine gewisse Hoffnung, u. a. nämlich die, dass im Hier und Jetzt und an viel zu vielen Orten und zu viel zu vielen Gelegenheiten zwar eine Unmenge verblödeter fetter Rednecks mit Knarre, geschniegelter Nazis oder degenerierter Päderasten sind, trotz derer es aber auch noch die Guten gibt.
Zehn Minuten, gefüllt mit Musik, wirren Gedanken, Wut, dem Gefühl von Ohnmacht, gelenkknackendem Schulterzucken, Seufzen.
Ich höre mir Marathon jetzt nochmal ohne Herrn Trump an.
Philip Nussbaum
Das Album „Marathon“ von MARIA BC erscheint am 27. Februar 2026 auf Sacred Bones Records.
Donnerstag, 12. Februar 2026
Schön, wenn Ing Ferno Pt. Hä?
Gringo Verano
Der Kanon der absurden Forderungen
Volle Hallen, schweißnasses Publikum, schweißnasse Musiker. Schräge Outfits, Bier, hämmernde Beats. Wir sind ja alle Menschen, die sich auskennen in der Szene, die wissen, was gut ist im Punk. Und deshalb muss ich hier wohl niemanden Ing Ferno vorstellen, oder?
Das einzig wahre große Ding in Sachen Elektro-Punk. Diesen sympathischen wie charismatischen Typen, dem die Herzen von Frau und Mann nur so zufliegen, kaum hat er die Bühne betreten. Und um diesen charismatischen Kerl, seine großartige Musik, seine zeitlosen Lieder handelt dieses Buch.
Aber beginnen wir am Anfang, am Anfang meiner eigenen, zugegeben sehr kurzen Geschichte mit Ing Ferno. Im Juli 2025 hätte ich eigentlich bei Florian Franzus und Iris Müller in deren Garten Texte vorlesen sollen, die ich geschrieben habe. Eine liebgewordene Tradition, seit 2021 mache ich das eigentlich jährlich, einmal war auch Gary Flanell mit dabei und es war super. 2025 gibt es allerdings eine Termin-Überschneidung. Im Schlampazius im Stuttgarter Osten findet am anvisierten Tag eine Veranstaltung namens „Punk Rock Sommer“ statt, die dasselbe Publikum anzieht wie meine Lesung. ERNTE 77 aus Köln und BRUTAL BESOFFEN aus Berlin spielen vor vollem Haus großartige Gigs und meine eigene Lesung findet statt in einem Garten in Leonberg nun eben dort statt. Das ist auch super, aber darum geht’s jetzt nicht.
Vielmehr geht es um das, was nach meinem Auftritt passiert. Da betritt nämlich besagter Ing Ferno die kleine aber feine und wunderbar sommerlich dekorierte Bühne. Mit dabei hat er seinen Sidekick Friedrich Thriller. Schrille Kleidung, adrette Schnauzbärte, keine Instrumente. Die Musik kommt aus der Dose, die Show selbst sucht ihresgleichen. Es wird mitgegrölt, kollektiv geschunkelt und gesoffen, was das Zeug hält. Wer das nicht gesehen hat, sollte das mir hier vorliegende Buch lesen, um ein Bild davon zu bekommen, was eine Ing Ferno-Show ausmacht.
Gringo Verano, dem ich jetzt einfach unterstelle, dass er niemand anderes als Ing Ferno selbst ist, erzählt die Geschichte von Aufstieg und Niedergang des größten Punkrock-Künstlers unserer Zeit. Oder besser gesagt er lässt Ing Ferno selbst und viele ins Geschehen involvierte Charaktere erzählen.
Ein verliebtes Fan-Girl etwa, das alles daransetzt, das Herz des Musikers endlich zu gewinnen. Der Bürgermeister der Stadt der alles daransetzt, das Konzert, in dem es im Speziellen im Buch geht, zu verhindern und sei es mit Wasserwerfer und Polizeigewalt.
(Danke an die Plattenschau für die Bereitstellung dieses Livevideos)
Die Frau des Bürgermeisters, die im Gegensatz zu ihrem Mann, großer Fan ist, alle Ing-Ferno-Shirts bis auf eines besitzt und am allerliebsten gleich nach der Show mit dem Star durchbrennen möchte. Was sie damit zu tun hat, dass so viele der anwesenden Frauen von Ing Ferno schwanger sind ohne je mit ihm den Geschlechtsakt vollzogen zu haben, wird an dieser Stelle nicht verraten.
Ein Medien-Vertreter kommt zu Wort, ein Polizist, der privat da ist und natürlich Friedrich Thriller, der vom Pech geplagte, ewig die zweite Geige spielende Sidekick, ohne den zwar auf der Bühne nichts laufen würde, dem es aber dennoch an Wertschätzung seines Arbeitgebers fehlt. Dafür hat er eine Waffe dabei, die bei der Show auch zum Einsatz kommt. Ob sie geladen ist oder nicht, wird nicht gespoilert.
In diesem Buch wird hauptsächlich ein Abend geschildert, ein Konzert, mit exakter Schilderung, was bei welchem Song wie passiert. Wie die Fans reagieren und die Mitarbeiter*innen des Veranstaltungsortes sowie die Vorband agieren und wie sich potentielle neue Lebenspartnerinnen in die Haare bekommen. Wie eine Gruppe von fünf Punks Ausverkauf brüllt und sich, um es dem überheblichen Star zu zeigen, dem Bürgermeister und der Polizei anschließen.
H.C. Roth
Donnerstag, 5. Februar 2026
*D*F*R* vs. *D*G*G*, Pt. I: Skifliegen im Dunkeln
*D*F*R* vs. *D*G*G*
Dieses Kürzel steht - in Ermangelung geeigneter Vokale - für DAFÜR und DAGEGEN.
Pro&Con, Schwipp&Schwapp, Auf&Nieder, Hüh (oder Hü?) &Hott, Geil&Schrott.
Das ist die neue Streiten-aber-Lieb-Sein-Kolumne auf dem Renfieldblog und vom Prinzip her ist es bekannt:
Ein brandheißes (!) und extrem polarisierendes (!) Thema wird von zwei Fachmenschen jeweils Pro und Contra-mäßig bearbeitet. Die Liste der vorliegenden Themen wurde letzte Woche schon gepostet, alle, die dies hier lesen, sind eingeladen, sich zu beteiligen.
Schickt einfach eine Mail an renfield-fanzine@hotmail.de, alles andere klärt sich dann, ihr scheiß Punks.
Und nun Ring frei für die erste Runde! In Berlin und Graz hauen sie sich wegen eines Themas derzeit die tiefgefrorenen Köpfe ein, das schon viele Familien auseinander dividiert hat:
SKIFLIEGEN IM DUNKELN.
Nicht zu verwechseln mit Schiefliegen im Dunkeln. Das kommt später.
In der Berliner Ecke haben wir den bohemian Skiflug-Experten Dirk Bernemann, in der Contra-Ecke die grazile Grazer Alpinsportlegende HC Roth.
Viel Spaß!
*D*F*R*
Skispringen im völligen Dunkeln, stand noch nie zur Debatte, aber ich fordere hiermit die Erhebung dieser momentan noch nerdigen Randsportart als olympische Disziplin.
In Ermangelung an Flutlicht, ohne technische Hilfsmittel, allein mit der Schanze und der Nacht, natürlich sehe ich ein, das fordert unser heutiges Verständnis von Sport heraus. In einer Zeit, in der Wettkämpfe immer stärker kontrolliert, ausgeleuchtet und optimiert werden, stellt dieses Konzept eine bewusste Reduktion dar. Es fragt danach, was sportliche Leistung im Kern ausmacht. Ich verfolge ja seit jeher die These: Der Mensch ist ein Konkurrenztier bis in den Tod.
Skispringen war von jeher ein Sport, der den Menschen in ein direktes Verhältnis zur Natur setzt. Wetterverhältnisse, Wind und Höhe gehören untrennbar dazu. Die Dunkelheit ist dabei kein künstliches Hindernis, sondern ein natürlicher Zustand. Wer im Dunkeln springt, begegnet dem Sport in seiner ursprünglichsten Form. Keine visuelle Sicherheit, dafür lediglich das Vertrauen in die eigene Technik, die eigene Kompetenz und in jahrelanges Training, sowie dem geschulten Körpergefühl.
Gerade der Verzicht auf die Sicht verschiebt den Fokus. Bewegung, Balance und Timing entstehen nicht mehr aus Kontrolle durch das Auge, sondern aus innerer Wahrnehmung und Erfahrung. Dies zwingt den Sportler zur höchsten Konzentration und zur außergewöhnlichen Körperbeherrschung. Gleichzeitig schafft die Dunkelheit eine radikale Gleichheit. Alle Athleten springen unter exakt denselben Bedingungen, ohne Wahrnehmungsvorteile oder technische Unterstützung.
Was natürlich nicht vergessen werden darf, ist der inklusive Aspekt dieser Sportart. Menschen mit Erblindungen und Sehschwächen sind auch hier automatisch konkurrenzfähig. Denken wir bitte kurz an Michael Edwards, bekannt unter seinem Springernamen Eddie, the Eagle, ein britischer Skispringer, der stets wegen seines Brillenkassengestells Diskriminierung erfahren hat. Derlei Dinge würden fürderhin nie wieder vorkommen.
Zudem rückt die mentale Stärke der Springer stärker in den Mittelpunkt. Sportliche Leistung bedeutet nicht nur physische Fähigkeiten, sondern auch die Fähigkeit, mit Unsicherheit, ja auch Todesangst, umzugehen. Der Sprung ins Dunkel erfordert Mut, Selbstvertrauen und innere Ruhe. Damit wird Skispringen zu einer Grenzerfahrung, in der mentale und körperliche Leistung untrennbar miteinander verbunden sind.
Skispringen im Dunkeln setzt ein bewusstes Zeichen gegen die fortschreitende Technisierung des Sports. Es erinnert daran, dass Leistung nicht zwangsläufig von Messbarkeit und Kontrolle abhängt. Der Sprung wird zum Ausdruck von Können und Vertrauen, reduziert auf das Wesentliche. Wer das überlebt, ist automatisch ein Gewinner.
Dirk Bernemann
*D*G*G*
Jetzt also auch noch im Dunkeln Schifliegen. Warum das denn plötzlich? TikTok-Trend? YouTube-Hype? Irgend so ein neumodischer schneller, härter, lauter-Wahnsinn auf jeden Fall. Als würde es nicht reichen mit über 100 km/h von einem 70 Meter hohen Turm auf eine Schanze zuzurasen, um dann 250 Meter weit durch die Lüfte zu segeln. Nein, es muss jetzt auch noch im Dunkeln passieren. Aber dazu gibt es von mir ein klares NEIN.
Dabei geht es mir jetzt aber nicht primär um den Sicherheitsaspekt. Denn seien wir uns ehrlich, wenn du mit über 100 km/h von einem 70 Meter hohen Turm auf eine Schanze zurast, um dann 250 Meter weit durch die Lüfte zu segeln, begibst du dich doch sowieso in Lebensgefahr. Da sitzt Gevatter Tod mit seiner Sense ohnehin immer in der Drohne, die hinter dir herfliegt, um möglichst fette Bildaufnahmen zu liefern. Deswegen kannst du das meinetwegen auch gleich im Dunkeln machen.
Aber ich als Fan, als Zuschauer, sei es live im Stadion, sei es zuhause auf der Couch vor dem Fernseher, ich will etwas geliefert bekommen. Ich will Action, ich will Bilder und ich will Farbe. Das Live-Erlebnis in der Schiflug-Arena Hintergrunzenstein kannst du knicken, weil du ja nichts siehst und jaja, für das Fernseherlebnis gibt es natürlich Nachtsichtkameras, dies das. Bei Big Brother und Love Island funktioniert das ja auch, denken sich jetzt manche. Für das Schäferstündchen von Marc-Robin und Michelle-Joelle mag das vielleicht ausreichen, wenn man die nur unscharf und grüngepixelt sieht. Meine Kobayaschis, Krafts und Prevces aber will ich scharf und in Farbe.
Und dann ist da natürlich das Erlebnis für die schifliegende Person selbst. Was ist denn der Anreiz für diejenigen, die sich hier Tag für Tag bei unwirtlichen Wetterverhältnissen für ein Taschengeld hohe Schanzen hinabstürzen? Der Nervenkitzel alleine ist es nicht. Nein, es geht auch um Fame und Anerkennung und Jubel.
Wie geil muss es sein, mit 130 km/h durch den Himmel von Planica zu fliegen, während dir unten in der Arena 30.000 begeisterte Fans zujubeln. Und ja, die willst du sehen. Vielleicht nicht ihre Gesichter, aber ihre Köpfe, die ganze euphorische Menschenmasse. Es reicht dir nicht sie nur zu hören. Ein Hörspiel ist kein MX4D-Kinoerlebnis. Du gehst ja auch nicht zum Dinner in the Dark und lässt im Schlafzimmer gerne das Licht an, oder?
Wenn Schifliegen, dann richtig. Mit Sicht, mit Licht, mit Farbe.
H.C. Roth
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