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Donnerstag, 17. September 2026

Kochen gegen Merz Pt. I

„Kochen gegen Merz“ ist ein veganer Versuch, das aktuell politisch Erlebte, durch Kulinarik zu verarbeiten.

Hier wird nichts geschönt und mit Chi-chi bestreut, sondern 1:1 ermüdet, erschöpft, verunsichert und mit exakt der Auswahl an Lebensmitteln und der Penunse, die nun mal da ist, umgesetzt.

„Kochen gegen Merz“ ist ein Movement, dass keine Treffen und kein großes Engagement erfordert. Ihr müsst auch meine Kreationen nicht nachkochen. Wenn Ihr kocht, kocht einfach gegen Merz und schon seid Ihr am Start. Ich persönlich koche so lange gegen Merz, bis er endlich weg ist. Dann koch ich gegen jemand anderes. Ich höre nicht auf, fragwürdige politische Protagonist*innen in die Knie zu kochen. Also seid dabei!

PS: Wichtig ist, dass man geschmackliche Koalitionen eingeht, die sich jenseits von braun und schwarz bewegen – also: immer schön die Ofenuhr an und dann beim Signalton auch wirklich abschalten!

Heute:

Cremesuppe Fänzy

2 armselige Selleriestangen (ekelhaft)
½ Tasse rote Linsen aus besseren Tagen
2 rote Zwiebeln
Knoblauch nach Gusto (woohoo „Gusto“! Kurz mal auf Sardinien gewesen und gleich Mothertongue.)
Tomatenpamps aus der halben Flasche von Sonntag - also in meinem Fall halbe
2 Paprika mit Lederhaut (gar nicht lecker roh)
2 Möhren mit fragwürdigen Stellen – GESCHÄLT
2 kleine Süßkartoffeln (lieb ich)
Cayennepfeffer
Paprika
Cumin
Brauner Zucker
Salz/Pfeffer etc…
Alles kurz anrösten, mit Brühe aufgießen und ca 30 Minuten köcheln lassen – pürieren – fertig!

Kay

Das nächste tolle "Kochen gegen Merz"-Rezept von Kay Pop:

Spitzkohl al Forno a.k.a Einlage Oho!

Bald hier auf dem Renfield-Blog!

Donnerstag, 10. September 2026

Schön, wenn der Kosmos zweimal klingelt Pt. IXXI


CAN - Live in Arles 1975

Meine älteste Freundin (min. 1986) als arschcoole Amazone plus Chefauskennerin hatte mir vor unzähligen Jahren ein Tape mit CANs Cannibalism aufgenommen - und ich stieß mal bei der Hochzeit meiner Nachbarn auf Damo Suzuki (weil sie den guten Mann schon lange kannten).

Aber für eine alte Nullckecker-Nulpe wie mich ist das „kosmische Musik“ (guck: da sind sogar oldschoolige Untertassen auf dem Plattencover), dabei war das der andere durchgeknallte Haufen rings um Ash Ra Tempel plus Tangerine Dream und eben West-Berliner, während CAN eine Kölner Erfindung ist. Ganz ursprünglich 1968 als Inner Space (da haben wir zumindest den Mikrokosmos) zusammen gefunden, bis ihnen ihr erster Sänger Malcolm Mooney CAN vorschlug, als besonders kurzes + vielschichtiges Wort, das in seiner Muttersprache sowohl „Dose“ wie „können“ heißt, auf türkisch (dann allerdings Dschan ausgesprochen) „Seele“ oder „Leben“ (kedilerin 9 canı var – Katzen haben 9 Leben) und auf japanisch (kan) „berühren“.

Bingo, und da sind wir spot-on für den zweiten Sänger von CAN: Damo Suzuki. Geboren in Kobe und mit der Transsibirischen Eisenbahn nach Schweden gerollert, um dort deren „Traditionen zu studieren“ (laut Zeitungsannonce). Der zur Band kam, weil er im richtigen Moment vor dem Blow-Up, Deutschlands erster Großraumdisko in München, herumgniedelte und schrie (aus Frust), kurz bevor CAN am selben Abend dort auftraten. Die Zuschauer flüchteten in Scharen, als die Band mit Suzuki in Samurai-Modus verfiel (laut den Erinnerungen von Czukay). Am Ende 30 Standhafte in einem Saal für 1500 Leute...


Hier hingegen haben wir einen Livemitschnitt von 1975 vor uns, wo sowohl Mooney wie Suzuki ausgeschieden waren. Mooney weil er bei einem Konzert drei Stunden lang „upstairs! Downstairs!“ skandierte – auch als die Band längst aufgehört hatte zu spielen – und Suzuki dank einer zielstrebigen Dame aus Düsseldorf (ebenfalls eine Japanerin), die ihn (zeitweise) zu den Zeugen Jehovas bekehrte. Tja, da hilft auch kein yes, we can.

CAN kam nach Suzuki größtenteils ohne Stimmen aus, sondern jammte irgendwie leicht Raga- mäßig über weite Strecken aus einem erkennbaren (oder recycleten) Thema heraus - und ich meine wirklich lange Strecken: In Berlin brummselten sie bspw. über 6 Stunden eine durchgehende Spaceblues-Exploration. Aber da hatte man dann den „Motorik Beat“ zum Festhalten, ein 4/4 Dingsbums das Jaki Liebezeit besonders gerne spielte und bald zum Markenzeichen von Krautrock wurde. 4/4 war nie meine Lieblingszählzeit – doch das macht wohl unser militärisches Erbe...

Viel später haben bspw. Stereolab darauf aufgesattelt, was es zusammen mit den warmen, dynameuphorischen Stimmen von Laetitia Sadier und Mary Hansen zur perfekten Party- Aufwärmmusik bei meinen frühen Fabrikfeten machte. Denn wenn schon Armee, dann bitte Damen (oh Gott, macht er uns hier noch den Muammar al-Gaddafi?) und natürlich ergibt Motorik zwischen Schleifmaschinen umso mehr Sinn.


Kein Wunder, dass CAN bald Legendenstatus genossen, wobei überraschte Zuhörer aus Übersee anmerkten: „it was great, but I didn‘t know it was music!“

Nun, für Jazzer natürlich eigentlich ein piece of pie und zumindest Jaki hatte den Jazzhintergrund, während Czukay sowie Schmidt Schüler vom unumgänglichen Karlheinz Stockhausen waren. Die Anderen machten eher anderes, und so fand sich das eklektisch im Kollektivgeist der 70er zusammen. Nicht umsonst meinte Jaki mal, CAN stehe für „communism, anarchy and nihilism“. Quasi Frank Zappa ohne Zeremonienmeister und anfangs wie geschaffen für obskure Film-Scores: „Agilok & Blubbo“ oder „Kamasutra: Vollendung der Liebe“. Beide Filme sind aus meinem Geburtsjahr 1969 und heutzutage verloren. Aber die Soundtracks haben überlebt!


Und erst recht die Einflüsse, die von Siouxsie und Joy Division, über Primal Scream + Happy Mondays bis LCD Soundsystem & Kanye West (samplete mal „Sing Swan Song“) reichen – also wer noch Ambitionen in Sachen Akustikastralorchestralmotorikkakaphoniesymphonien hat lauscht ehrfurchtsvoll den bis auf Schmidt verstorbenen Altmeistern im römischen Amphitheater im sommerlichen Arles im präkambrischen Jahr 1975 (da war Deutschland Weltmeister). Oder gibt die obige Wortschlange als Prompt in Suno ein und lässt sich gegen viele Tokens überraschen.

A Bit Father Out

CAN - live in Arles 1975 erscheint am 25.09. auf Mute/Future Days/[PIAS] Records.

Fotos mit freundlicher Genehmigung von Spoon Records.

Freitag, 4. September 2026

Schön, wenn's schneidet Pt. XXiiiXXUXX


V.A. BARFUß IN SCHERBEN

Der Ventil Verlag hat vor einiger Zeit die Reihe „Songcomics“ in Leben gerufen, in der inzwischen Bücher über FEHLFARBEN, TRIO, FETTES BROT oder STERO TOTAL erschienen sind. Zahlreiche Zeichner und Comickünstler nehmen sich dafür einzelne Songtexte der Bands vor und visualisieren diese mit ganz eigener Note, so dass man die Lieder einmal mit ganz anderen Augen hören kann. Anlässlich des 50-Jahre-Punk-Jubiläums ist nun mit „Barfuß in Scherben“ ein „Deutschpunk-Songcomic“ erschienen.

KünstlerInnen wie Tine Fetz, Rahel Süßkind, Sascha Hammer, Luka Lenzin oder 18 Metzger haben sich jeweils einen Deutschpunk-Klassiker vorgeknöpft und in ein Comic transformiert. Den passenden Soundtrack mit all den Songs, die in dem Buch vorkommen (plus vier weitere mehr von MALE, KFC, FEHLFARBEN und BÄRCHEN & DIE MILCHBUBIES) gibt es nun als Vinyl-Sampler gleichen Titels bei Tapete Records.
Das macht insgesamt vierzehn mal deutschen Punk Rock aus den Jahren 1979-86. Darunter Klassiker wie „Deutschland“ von SLIME, „Lachleute und Nettmenschen“ von S.Y.P.H. oder „Satan“ von SCHLEIM-KEIM reihen sich ein neben eher unbekannteren Gerne-Stücken wie „Bundeswehr“ von BRAUSEPÖTER, „Müslibrei“ von ROTZKOTZ oder „Der große Mafioso“ von THE WIRTSCHAFTSWUNDER.



Ein bunte Mischung, die zeigt, dass unter Deutschpunk nicht nur krawallige Nieten-Kaiser mit Parolen gegen Bullen und Nazis zu verstehen war, sondern ein durchaus diverses Potpourri mit Einflüssen aus New Wave, Pop, Krautrock oder Dada, das gerade in den Anfangsjahren noch wirklich für Individualität anstatt Uniformität stand. Wer Spaß nach dem Buch hat, sollte sich die Platte unbedeckt als begleitenden Soundtrack zulegen. Ansonsten ist es eine sicher noch sehr gute Ergänzung der eigenen Punk-Sammlung im Jubiläumsjahr mit Liedern, die sich nicht schon zehn mal auf anderen Tonträgern finden lassen. Und ich freue mich wie Bolle, dass auch TORPEDO MOSKAU mit dabei sind. Von denen kann ich einfach nicht genug bekommen.

Abel Gebhardt

Der BARFUß IN SCHERBEN-Sampler ist auf Tapete Records erschienen