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Mittwoch, 27. Mai 2015

Von Tigern und Transformationen


Das Antje Öklesund und der neugebaute Weg in die Zukunft

Zuerst mal musst du die Rigaer runter laufen. Wenn du vom Bersarinplatz kommst, ziemlich weit runter. Über die Liebigstraße drüber und über die Samariterstraße auch. Dann ist da auf der rechten Seite der LIDL und gegenüber musst du in diesen grob gepflasterten Hinterhof rein. Ist alles nicht gut beleuchtet, aber das geht schon. Quer über den Hof zu diesem alten verfallenen Backsteingebäude mit den kaputten Fenstern. Und dann einfach rein da.

Zu der Zeit, als ich das Antje Öklesund recht regelmäßig besucht, wohnte ich im Friedrichshainer Nordkiez. Da war es naheliegend, mal einen Blick auf diesen Freiraum für Musik und Kunst zu werfen. War ja auch super. Lag nur eine Querstraße entfernt, der Eintritt zu den Konzerten war umsonst, das ehemalige Fabrikgelände war angenehm runtergekommen, schlecht beleuchtet und nicht leicht zu finden. Auch der etwas sperrige Name tat auch sein Übriges, damit das Ganze nicht zu schnell von den Massen heimgesucht wurde. Man musste sich also etwas auskennen.

Das Spannende am Antje Öklesund war eigentlich immer die Bereitschaft zum Experiment. Alle paar Monate wurden neue Konzepte der Raumgestaltung so ausprobiert, dass eigentlich nichts beim Alten blieb.Mmal baute man einen original Friedrichshainer Straßenzug nach, dann wurde die Bar zum Späti umgebaut, diverse begehbare Türme aus Holz in den Veranstaltungsraum gesetzt oder ein ganzer Song von Blumfeld als Raumkonstrukt dargestellt.
Wer wieder ein paar Monate später da war, konnte sich wundern, dass das Bier nun quasi durch eine winzige Luke in der neugezogenen Wand verkauft wurde. Kunst, Musik und Architektur waren die Felder, auf denen immer neue Ideen ausprobiert wurden. Das alles war aber für den Besucher des Antje Ö. nie stressig, sondern immer wunderbar aufregend und interessant.

Damit ist es erst mal vorbei. Denn das Gelände vom Antje Öklesund wird sich komplett verändern. 2012 wurde es von einer Investorengruppe gekauft, die vom Sommer 2015 an dort einen Block von Mietwohnungen bauen wird. Das Antje Ö. wird es dann in seiner bisherigen Form nicht mehr geben. Ganz verschwinden wird es allerdings nicht, sondern in neuen Räumlichkeiten am gleichen Ort nach zwei Jahren baubedingter Pause wiederbelebt. Zumindest, wenn man den Plänen und Absprachen zwischen dem Verein Stadtraumnutzung e.V., der das Antje Ö. in seiner bisherigen Form betreibt, und den Bauherren von der CG-Gruppe, glaubt. Aber wie weit kann man solchen Absprachen trauen?

Bebauungsplan, Nutzungskonzept, Projektentwicklung, Stadtumbau – in Verbindung mit einem kulturellen Freiraum klingen diese Begriffe wenig spannend. Unterhält man sich mit Hajo vom Verein Stadtraumnutzung e.V., der das Antje Öklesund seit Jahren als kulturelle Institution im Friedrichshainer Nordkiez etabliert hat, fallen diese Begriffe derzeit sehr häufig. Zwei Monate, bevor die ersten Bauarbeiten beginnen und das Antje Ö. auf die andere Seite des Areals ziehen wird, sitzen wir im Vereinsbüro auf der anderen Seite der Rigaer Straße.
Hajo sieht aus wie viele der Berliner Off-Kulturtypen. Trainingsjacke, Bart, kurze Haare. Ein bisschen sehe ich mittlerweile auch so aus. Dass man das Gelände nicht sang- und klanglos räumen würde, ist seit einiger Zeit klar. Ganz einig war man sich darüber anfangs auch vereinsintern nicht.
„Im Umfeld gab es ein ganz klares Statement, dass man sich nicht zu einem Gehilfen eines Stadtumbaus macht, den man nicht haben will. Was faktisch der Fall ist.“ erzählt Hajo. „Auf der anderen Seite wäre die Idee gewesen, dass wir nach Lichtenberg gehen, und denen das Feld überlassen, die das schnell durchboxen.“

Also entschied man sich, dass man bei dem, was sich die Herren Projektentwickler für das Gelände an der Rigaer Straße ausgedacht haben, auch ein Wörtchen mitreden wollte. Die Einmischung in die Pläne der neuen Bauherren war und ist ein mühsames Geschäft.
„Man hat direkt beim Auftreten alle Stereotypen von Projektentwicklern entdeckt, wie sie im Film erscheinen. So wir wie allen Stereotypen von Alternativos entsprechen. Da prallten schon Welten aufeinander, als die zum ersten Mal auf den Hof gefahren kamen, zu sechst mit drei schwarzen Limousinen und schwarzen Anzügen.“

Trotz dieser Unterschiede verlief die Kommunikation erstaunlicherweise recht gut. Dass die Antje-Ö.-Crew ernst genommen wurde, lag auch daran, dass man mit dem ebenfalls auf dem Gelände ansässigen Berufsbildungswerk BUF kooperierte und viel Unterstützung von Seiten der Bezirksverwaltung erfuhr. Die Einmischung des Stadtraumvereins bedeutete in erster Linie, immer wieder konkrete Vorschläge für einen gemeinsamen Raum für Gewerbe, Kunst und Kultur zu machen und auf die Reaktionen der Gegenseite zu warten.
„Wir haben versucht ein Konzept zu stricken, wie wir gemeinsam einen Ort für Kunst und Kiezkultur zu gestalten. Mit Aufhängungsmöglichkeiten für Banner, Podeste für Installationen Wohnungen für Künstler, öffentlich zugängliches Dach, Verweistafel auf die Geschichte des Geländes. Darüber gemeinsam mit dem BUF ein Café, darüber Terrassen. Das war der Kern des ganzen Prozesses.“

Neben vielen aktuellen Bauzeichnungen des Areals findet man an der Wand des Vereinsbüros auch die Kopie eines alten, von Hand unterzeichneten Geschäftsbriefes. Die Geschichte des heutigen Gewerbegebietes ist eine wechselhafte. Als im heutigen Friedrichshainer Nordkiez nur Obstgärten existierten, baute der Landmaschinenfabrikant Eckart dort ein erstes Häuserensemble, von dem eines immer noch direkt an der Rigaer Straße steht und seinen Namen trägt. Später wurde auf dem Gelände eine Möbelfabrik aufgebaut, die in den 20ern an Shimon und Michel Baiser verkauft wurde. Unter Druck musste das jüdische Brüderpaar die Fabrik 1938 verkaufen. 1943 wurden sie in Auschwitz ermordet. Erworben hat das Gelände die Firma Max Schlüter. 1990 wurde das Areal an die Erben der Baisers zurückgegeben – die dann 20 Jahre lang versucht haben, es zu verkaufen. In diesem Gebiet wurde Anfang der 2000er das Antje Öklesund als selbstverwalteter Freiraum für Musik und Kunst aufgezogen.

Das Antje Öklesund ist ein gutes Beispiel für mehrere Dinge, die gerade in Berlin ablaufen. Zum einen kann es als Beispiel für einen dieser Kreativräume stehen, die den Ruf Berlins lange Zeit mitgeprägt haben. Die umfunktionierten alten Fabrik- und Industriegebiete, in denen Projektgruppen wunderbar Freiräume für Bands, Künstler und unkommerzielle Projekte geschaffen haben. Aber dieses Image verblasst langsam, eben weil diese runtergekommenen Fabrikflächen für Investoren aller Art immer interessanter werden. Viele dieser Freiräume gibt es in dieser Form nicht mehr.

Es ist auch ein gutes Beispiel dafür, wie die Mechanismen der Gentrifizierung konkret funktionieren und wie man sich dagegen zumindest teilweise wehren und den Umbau des eigenen Kiezes mitgestalten kann. Allerdings eben auch nur EIN gutes Beispiel neben vielen anderen, wo Frei- und Kulturräume den Interessen der Bauherren weichen mussten. Denn die Gentrifizierung wütet schon lange in Friedrichshain und man müsste schon sehr verträumt sein, um zu glauben, dass das hübsche Möbelfabrik-Areal von Investoren verschont bleibt, die daraus einen sauberen, aber auch langweiligen Wohnblock machen wollen.

Wenn alles gut geht, entsteht am Ende ein neues Antje Öklesund am gleichen Platz in der Rigaer Straße. Eines, das mit geplanten 170 Quadratmeter größer ist als der Vorgänger. Für die nächsten zwei Jahre steht zunächst eine Zwischennutzung auf dem westlichen Teil des Geländes in Form einer kleinen Containersiedlung an. Danach soll wieder der Umzug an die Stelle des alten Clubs erfolgen. Dies ist zumindest ein kleiner Erfolg für das Antje Ö. Für die CG-Gruppe wäre es erheblich billiger gewesen, das gesamte Gelände sofort und komplett zu bebauen. Trotz weiterer kleiner Zugeständnisse seitens der CG-Gruppe ist der ganze Prozess von viel Misstrauen der Stadtraumnutzer begleitet. Denn um den Erhalt des Kulturraums Antje Öklesund zu sichern, musste man sich immer wieder neu einbringen. Mussten immer neue, manchmal auch bewusst provokante Forderungen gestellt werden, aber auch Kompromisse eingegangen werden. Erst die Zukunft wird allerdings zeigen, ob sich auch die andere Seite an die Abmachungen hält. Für Hajo gibt es aber keine Alternative.
„Man muss nicht versuchen, den Tiger zu töten, man muss versuchen ihn zu reiten,“ sagt er. “Damit kann man sich die Situation vielleicht schönreden, aber es ist einen Versuch wert. Wir gehen mit dieser Unbedarftheit ran, mit der wir alles gemacht haben und schauen wie weit, wir uns durchsetzen können. auf jeden Fall ist es erstaunlich, dass wir nun in einer Position sind, in der wir gehört werden, in der wir mit Architekten darüber reden wie das aussehen kann.“

Durch den Neubau des Geländes ist das Antje Öklesund auch an einem Punkt angelangt, an dem nach Hajos Meinung viele alternative Projekte früher oder später stehen und der derzeit im Verein mit großem Interesse untersucht wird.
„Wir haben festgestellt, dass es bei fast allen Projekten eine Schwelle gibt, die über das Weiterbestehen der Projekte entscheidet. Das sind manchmal städtebauliche Fragen z.B. Mietanstieg oder die Bebauung des Geländes. Oft sind das Kapazitätenfragen: die Vereine lösen sich auf, weil die Leute ausbrennen und das ehrenamtliche Arbeiten nur über einen bestimmten Zeitraum geht. Oder es läuft sich tot, die Leute keinen Bock mehr haben und andere Schwerpunkte im Leben haben. Wir wollten dabei untersuchen: Wie schaffen es alternative Projekte, über diese Schwellen hinauszukommen?“

Eine gute Frage, die sich auf die Entwicklung eines kreativen Freiraums ebenso anwenden lässt wie auf ein Fanzine, das es auf mittlerweile 30 Ausgaben gebracht hat. Wobei die Schwelle bei einem alternativen Printmagazin eher in anderen Bereichen liegt (z.B. Selbstverständnis, Inhalt, Gestaltung, Regelmäßigkeit, Finanzierung, Verbreitung). Bei einem Kulturraum wie dem Antje Ö. fließt ein großer Teil der Energie in den Kampf um die bloße Existenz. Die derzeit wichtigste Frage ist für aber, wie man die Haltung und die Atmosphäre der früheren Location hinüberretten kann. Das Experiment ist laut Hajo, trotz aller Unsicherheiten, die in den nächsten zwei Jahren auf den Verein zukommen, sehr spannend.

„Wenn es klappt, wäre das nur der erste Schritt. Dann kommt es darauf an, die neuen Räume mit Leben zu füllen. Von daher ist es spannend, zwei Jahre Zwischennutzung zu habe, die uns auch näher dahinbringen, wie das funktionieren kann. Wir sind ja auch an einem anderen Punkt als vor 10 Jahren.“

Ob sich die Tiger in den schwarzen Anzügen wirklich von einem engagierten Friedrichshainer Kulturverein reiten lassen, bleibt dabei erst mal abzuwarten. Aber zumindest den Versuch zu wagen, ist in jedem Fall besser, als vom selben Tiger gefressen zu werden. Als gutes Beispiel für Möglichkeiten der Einmischung in Gentrifizierungsprozesse kann das Antje Ö. und seine Geschichte schon jetzt gesehen werden.

Gary Flanell

Fotos: Frank Foge und Gary Flanell

antjeoeklesund.de

Mittwoch, 20. Mai 2015

Zines, Zines, Zines

Endlich mal eine Headline, die tut, was sie tun soll. Nämlich auf den Inhalt dieses Posts hinweisen. Hier finden sich also ein paar Rezis von Fanzines, die im Laufe der letzten Monate im Renfield-Hauptquartier eingegangen sind. Und um ehrlich zu sein: Soviele Fußball-Zines waren es schon lang nicht mehr. Seh ich da einen Trend am Horizont herangaloppieren...?

All to nah - No. M (A5, s/w, 20 S., alltonah@gmx.de, All to nah c/o Jan Stöver, Eißendorfer Straße 83, 21073 Hamburg)
Also Fußball-Zines. Die kleinen Punk-Geschwister der vereinseigenen Stadionhefte haben bei mir nie großes Interesse erzeugt. Liegt zum einen daran, dass dabei immer ein Verein abgefeiert wird, den ich entweder nicht so wirklich mag oder gar nicht kenne. Aber Sympathie für diese Publikationen ist auf jeden Fall da, denn meist steckt eine Menge Herzblut darin. Das All To nah kommt, leicht zu erraten, aus der Anhängerschaft von Altona 93. Soviel erfährt man aber nicht über die sportliche Seite dieses Vereins der Hamburger Oberliga. Dafür werden die Fanzine-o-Theken in Barcelona und Manchester vorgestellt und ein Klebebildchen wie aus goldenen Panini-Zeiten eingefügt. Der Großteil des Heftes besteht aus Rezensionen anderer Fußball-Zines und wenn mich irgendwann die Lust packt, mich eingehender mit dieser mir bisher verschlossenen Zine-Szene zu beschäftigen, wird ich das All to nah als Einstiegslektüre gern hervorholen.
Gary "Flankengott" Flanell

Auf Jahre unschlagbar #2, (A5, s/w, 44 S., fanzine@aufjahreunschlagbar.de)
Wäre ich geiler Fußballreporter würde ich die Macher dahinter mit allerlei seltsamen Metaphern betiteln: Das Traumduo der Fußballzine-Szene. Die Sturmspitzen vom Hartbolzplatz. Schweini und Poldi der Zinelandschaft. Weil Metaphern wie diese aber so hinken wie Ewald Lienen nach seinem bösen Foul, lasse ich das mal. Mika vom Trust, und Chris vom Try to wake up with a smile-zine sind die beiden, die im hübschen AJU ihre Faible für DIY-Zines und niederklassige Fußball-Erlebnisse ausleben. Fußball ist zwar immer der Aufhänger, aber oft geht es auch um Musik und mehr. Das Inner-Conflict-Interview starte mit einer Frage zu deren „Peter Neururer…“-Song, auch beim Gespräch mit Tobi vom Punk is dad-Zine geht es um Fussek. Mika,Chris und ihrer Lakaien sind sich nicht zu schade, auch mal in die letzten Niederungen des Rasenballsports einzutauchen, also gibt es einen Bericht vom Auswärtsspiel der TeBe Berlin in der 6. Liga und vom niederrheinpokalfinale RWE gegen MSV Duisburg. Wie sowas ausgeht ist dabei zweitrangig, eher geht es um das ganze Drumherum und auch um Probleme mit rechten Fans der Gegenseite. Die Story über Fußball auf den Philippinen ist sehr gelungen. Da finde der beinharte Fußball- Zineast genug Stoff, um beim nächsten Kneipenbesuch mit geilem Insiderwissen zu glänzen.
Gary "Garinho" Flanell

Messeblatt Fanzinefest-special ’14 (A5, s/w, 36 S., contact: messeblatt@gmx.de, messeblatt.blogsport.de)
Das waren noch Zeiten, als Fußballstadien nach Literaturnobelpreisträgern benannt wurden! Was gäbe ich heutzutage für eine Samuel-Beckett-Arena, eine Hemingway-Kampfbahn oder ein Selma-Lagerlöf-Stadion? Gibt’s alles nicht, nur Theodor Mommsen hat es geschafft. Das gleichnamige Stadion kennt jeder Tennis-Borussia Berlin-Fan. Woher ich das mit Mommsen und dem Nobelpreis weiß? Aus dem Porträt dieses Historikers im extra von den Zero Ultras von Tennis Borussia Berlin zusammengestellten Best of… aus zwei älteren Ausgaben des Messeblatts. Best of… heißt in diesem Fall: TeBe-Fans und ihr Clinch mit den rechten Typen vom TSV Rudow, kleiner VokuHiLa-Modetipp, eine gebrochene Lanze für den Dresdner DSC und eben ein ausführliches Porträt über Teddy Mommsen. Den kannte ich bisher nur als Namensgeber für Gymnasien aus den Paukerfilmen der 60er. Zumindest weiß ich nun, dass er auch für einen Stadionnamen nicht der blödeste Namenspate ist.
Gary "Maracanaco" Flanell

Drink before Shaking – a brief history of Rock City Berlin (A5, s/w, 44 Seiten, www.andyleuenberger.com)
Andi Leuenberger ist einer von denen, die man regelmäßig mit einem Stand auf einer Zine-Messe in Berlin trifft. „Drink before shaking“ ist der erste Comicband, den ich von ihm in die Finger bekommen habe und bin ziemlich begeistert. Passt nämlich alles zusammen. Die Zeichnungen sind top, ein bisschen wie die von Robert Crumb. Ziemlich treffsicher nimmt Andy alle Auswüchse des Berlin-Hypes auf Korn. Berghain-Zombies, tätowierte Szenehengste und Hipster-Ex-Pats, alle kriegen ihr Fett weg. Der Herr L. hätte sicher ein regelmäßiges Plätzchen in einem Berliner Stadtmagazin verdient, seine Comics sind dafür allerdings eventuell zu zynisch und böse. Sehen aber so gut aus, dass man sich jedes einzelne auch als Motiv auf ein Shirt drucken könnte. Gary Flanell

Hypothetical Love Triangle (A5, s/w, 40 S., hennarasanen.wordpress.com)
Fast scheint es, dass jede/r der sich der LGBT-Szene zugehörig fühlt, auch sein eigenes Heft machen muss. Henna Rasanen lebt in Helsinki und Berlin. Wenn sie nicht zwischen beiden Städten hin und herzischt, zeichnet sie kleine Comic-Strips, in denen sie meist die LGBT-Szene aufs Korn nimmt. Queer, Lesbian, Gender, Liebe, und die dazugehörigen Frustrationen sind Thema ihrer Strips. Davon gibt es einige Hefte und viele davon findet man auf Fanzinemessen. Hennas Strips sind oft ziemlich persönlich, und am Besten wenn sie die Klischees der Szene aufs Korn nimmt, wie beispielsweise beim Centerfold mit dem Queer-feminist-Bingo.
Gary "Hyperthetic" Flanell

Instantes (A5, 16 S., s/w, recontrapunk@hotmail.com)
Brücken, Laternen, Flugbilder. Neben Punk und Hardcore ist Fotografieren eine weitere Passion von Entes-Anomicos-Herausgeber Carlos. Eine Handvoll Bilder hat er dazu in diesem fotokopierten Fotozine zusammengestellt. Stilleben und Landschaftsaufnahmen, meist ohne Menschen finden sich vermehrt in diesem kopierten Heft. Die Fotos haben zwar alle eher Urlaubsfotocharakter, sind aber nicht so schlecht. Gedruckt wäre das noch ein bißchen cooler.
Gary "Die Linse" Flanell

Mit Scharf No. 10 und 11 (jeweils A5, 52 bzw. 41 S., s/w m. Farbcover, mitscharf@hotmail.fr)
Zweite Begegnung zwischen dem Heft mit dem Döner-Standard-Spruch-Titel und dem Rezensenten. So ganz schlau werde ich nicht aus dem, was in diesem bilingualen geboten wird und wo es hingehen soll. Und das, obwohl beide Nummern jeweils ein Oberthema haben, an dem man sich entlanghangelt. No. 10 widmet sich ganz dem Thema Müßiggang, No. 11 dem etwas ernsteren Thema Kolonisation. Wobei bei letzterem auch gern mal der Wortwitz mit Colon, dem Darm, aufgegriffen wird. Also ein Thema, das auf unterschiedlichste Weise, meist jedoch von der graphischen Seite bearbeitet wird. Soll heißen, viele Zeichnungen, ganze Comics, einige Texte und Gedichte, die letzten beiden immer auf Deutsch und Französisch. Die Gedanken der Autoren und Zeichner kreisen ziemlich frei, Assoziationen sind wohl gern gesehen bei der Gestaltung des Heftes. Zwar nicht besonders informativ, dafür sehen beide Ausgaben schick aus und sind liebevoll gemacht.
Gary "Salat alles?" Flanell

Entes Anomicos 15 (A5, ca. 60 Seiten, s/w, recontrapunk@hotmail.com)
60 Seiten? Oder noch mehr? Egal, wie viele es sind: das Entes Anomicos ist wieder mal so richtig fett. Carlos und Hector leben beide mittlerweile schon länger in Deutschland, geben mit dem E.A. aber einen zuverlässigen Anzeiger für Punk und HC aus der ganzen Welt raus. Südamerikanische Bands stehen öfter im Focus, schließlich sind dahin die Kontakte durch das Label Entes Anomicos und ihre Herkunft am besten. Und da man von dort zwar übers Internet auch alles kennen lernen kann, aber nie so richtig weiß, was gut sein könnte, hat so ein Lotsenheft seine Berechtigung. Unglaublich viele Bands werden vorgestellt, manchmal in Interviewform, manchmal als Kurzporträt. Promesas, Ettison Clio, Pocket for Corduroy, Pride and Ego Down, Fuck Wolves sind nur wenige davon. Dazu noch Reviews, und ein paar persönliche Gedanken. Achja, und all das in Spanisch. Sollte man können, dann ist es super. Einziger Meckerpunkt: Heften hätten sie es können, so fleddert diese Loseblattsammlung schon beim zweiten Durchschauen unrettbar durch den Raum.
Gary "Mosh Pit" Flanell

PLASTIC BOMB #90
Happy, happy, HAPPY Glückwunsch zum 90. Geburtstag. Die Bombe biegt auf die Zielgerade zu den letzten paar zweistelligen Ausgabennummern ein, und Wette: Wenns dann 2016 oder 2017 die Hundert regnet, wird’s auch dann so sein wie immer. Zusammenprügelcover in Reichskriegsflaggen-optik, eine fröhliche Zumutung von Layout, Textbild und Korrekturlesen, das x-te Samplerwunder schlichthin, und nach einer Viertelstunde nur mehr noch älteres Altpapier. PB ist, deshalb funktioniert auch die Abkürzung, inzwischen Institution und irgendwie Establishment, und einzelne Schreiber legen allmählich anscheinend schon gut zu (vgl. EA80-Konzertbericht). Ein paar Brüche täten mal gut, um nicht irgendwann nur noch da zu sein. Vielleicht was über Autos. Oder ein Micaela Schäfer-Feature. Oder Rechtschreibung.
Philip "H-Bomb" Nussbaum

STEF – Spitzengeschichte! - ein 32-Stunden-Comic (comicsweatshop.de)
Vögel wollen einen Hund umbringen und tun es schlussendlich dann doch nicht. Ende. Die meisten Rätsel gibt die Sache mit den 32 Stunden auf. Lesezeit? Vrööp. Seitenzahlanalogie? Vrööp. Anderweitiger inhaltlicher Zusammenhang? Kann genauso sein, wie dass es 32 Stunden gedauert hat, die Story zu zeichnen, zu vervielfältigen, zu tackern und zu verbreiten. Oder sich den Künstlernamen auszudenken. Spartanischer, aber kurzweiliger DIN A5-Auftritt, Reduktion auf Schwarz, Weiß, Federn und Gekläff. Nette Übersetzung des lebensweisheitlichen Tipps „Immer daran denken – nicht zu viel anziehen!“
Philip "Micaela Schäfer" Nussbaum

Dienstag, 12. Mai 2015

15-05-15: Dirty and thirty

Ein dunkler Samstagabend im Jahr 1996 im Speckgürtel des Ruhrgebiets:
Als die damalige Renfield-Zine-Crew in einen unterirdisch gelegenen Backstageraum schlich, um dort mit ihren Helden EA80 das erste und einzige Interview für die erste Ausgabe des Fachjournals für Krims&Krams&Rock'n'Roll zu führen, haben diese zwei Typen mit dem billigen Diktiergerät wenig daran gedacht, wie sich dieses Interview entwickeln würde. Um das mal abzukürzen: Es war nicht alles schlecht damals.

Woran die damalige Renfield-Redaktion auch nicht gedacht hat, war die Möglichkeit, dass knapp 18 Jahre später dreißig Ausgaben des Renfield-Zines erschienen sein werden. Um welche krumme Futur-Grammatik-Form es sich bei dem letzten Satz handelt, sollen die Deutsch-LK-Lehrer dieser Welt klären.

An dieser Stelle soll vielmehr auf die große 30-Ausgaben-Renfield-Jubiläums-Feier hingewiesen werden, die am kommenden Freitag über die Bühne geht.
Zelebriert wird die 3 vor der Null in der Renfield-Zählung wieder am bekannten Ort mit einer großartigen Band, die alle geilen Hits drauf hat:
BOY DIVISION aus Hamburg!
Danach legt DJ MARKY FUNK den heißesten Scheiß auf, der an einem Freitagabend am Schlesischen Tor zu kriegen ist.

Jeder Partybesucher bekommt beim Einlass sein Exemplar des neuen Renfield-Zine ausgehändigt.

Renfield No.30 kommt übrigens mit folgenden geilen Stories und Interviews daher:

Pencil Quincy (der Lichtmagier der Diamond Road Show mit Digger Barnes), Joke Lanz (Sudden Infant), Miron Zownir, Steve Gunn, die große Renfield-Retrospektive auf 30 Ausgaben, Nitro&Milk (wahrscheinlich die langlebigste DIY-Westernserie des Landes) plus dazugehörigem Brettspiel, Antworten zu den dringendsten Fragen der Popkultur, niedliche kleine Apothekentiere und mehr Krims&Krams&Rock'n'Roll.

Und hier nochmal die Fakten zum Release:

Renfield No.30-Releaseparty
Wann? 15.5.2015 ab 21 Uhr
Wer? BOY DIVISION, Hamburg
Wo? Our Favourite Schnapsloch (Wer weiß, wo es ist, weiß, wo es ist. Wer nicht, wird es nie wissen. Darf aber fragen.)

Dienstag, 28. April 2015

Der Butterfly-Effekt

Kurz vor dem revolutionären Ersten Mai macht die Renfield-Crew eine praktische Übung in Solidarität. Zu diesem Datum werden sich nämlich unsere Freunde vom SCHWARZEN SCHMETTERLING neu organisiert der Öffentlichkeit präsentieren. Reingucken kann man schon auf derschwarzeschmetterling.wordpress.com.


Diese Schmetterlings-Leute meinen es ernst. Sie sind schlau, sie sind organisiert, und sie werden die Welt verändern. Sie wollen Themen verständlich machen, die sonst nicht immer zugänglich sind. Sie sorgen für Raum, um intelligent über soziale und politische Dynamiken zu reden, ohne sich aufzuspielen, „ganz schön links, aber nicht borniert“.

Finden wir super. Daher heute eine Hommage an den SCHWARZEN SCHMETTERLING und zugleich einen kleinen Teaser für das neue Renfield-Heft, an dem wir tagein nachtaus fleißig arbeiten und das am 15. Mai erscheint, hurra, hurra! Seit dem vorigen Heft die Kolumne „The Renfield Rant“. Dort darf gemeckert und geschimpft werden, was die Wände der Gummizelle aushalten. Für das bald erscheinende Heft konnten wir den Gründer des Schwarzen Schmetterlings, Houssam Hamade, als Autor des Renfield Rant Vol. 2 gewinnen. Hier nun Vol. 1 aus Renfield No. 29 vom Oktober 2014:

THE REFUGEE RANT

SLOGAN: Das ist UNSER Haus!

Viele Menschen sind unglücklich und besorgt. Sie fürchten, dass von der schieren (wienerisch: schierchen) Masse an Menschen, die sich über die Grenzen dieses Landes drängen, der Grundwasserspiegel steigen könnte. Weil der Boden sich durch dieses krasse Gewicht einfach um ein paar Zentimeter senkt. Vielleicht fangen auch die Häuserwände an zu bröckeln. Dehnen sich aus und kriegen Risse. Unter den Brücken ist auch bald kein Platz mehr. Da sitzen sie alle, weil sie ja nicht arbeiten gehen. Man kommt kaum noch vorbei. Und am Ende kriegt wahrscheinlich noch jemand einen Ziegelstein auf den Kopf. Wenn die da alle auf dem Dach sitzen! Dafür ist es doch nicht gedacht!
Sie wünschen sich, dass mit diesen erschreckenden Menschenmassen, die hier einfach auftauchen und ein Dach über dem Kopf oder unter dem Hintern verlangen, irgendwas geschehen soll. Am Ende wollen die noch arbeiten gehen. Und was dann?

Zum Glück aber haben die (egal wer, die halt zuständig sind, es muss ja alles seine Ordnung haben) jetzt mal richtig Geld in die Hand genommen. Und sich auf eine alte Kategorie des römischen Rechts besonnen: das Mos Maiorum. Das heißt sowas Ähnliches wie Rückbesinnung auf die Tradition. (Wikipedia schlägt vor: „Sitte der Vorfahren“.) Alle, die also in Angst und Sorge um ihre Werte und Traditionen sind, weil sie fürchten, dass ihnen jemand ein Kopftuch vor die Augen binden könnte oder dass sie irgendwann vor lauter Moscheen den Weg nach Hause nicht mehr finden, die dürfen jetzt aufatmen. Denn die Bedrohung, die von all den Menschen auf den übervollen Booten ausgeht, wenn sie erst einmal, da sei Frontex davor, das andere Ufer erreicht haben, wird ab dem 13. 10. eingedämmt. Ein Jahr nach Lampedusa.

Ausgedacht hat man sich das wohl in Italien. Aber es findet in 25 europäischen Ländern statt und beschäftigt, für gutes Geld, 20000 Polizisten. Zwei Wochen lang machen sie Jagd auf illegale Einwanderer. Die sans papiers, die ihnen in die Finger kommen, werden festgenagelt, eingesperrt und deportiert, in die sogenannten „sicheren Drittländer“ wahrscheinlich. (Wir erinnern uns: Ein sicheres Drittland ist in dieser Welt zum Beispiel Rumänien für die Roma.) Während sie dieses noble Ziel verfolgen, dürfen die 20000 in unserem Namen lukrativ Beschäftigten natürlich jede*n, die so aussehen, als schlichen sie asylwerbend Richtung Norden, abfangen, belästigen, befragen, kontrollieren, festhalten. Ein Ersuchen um Asyl gilt ihnen als „modus operandi“ der illegalen Einwanderung. Zuviel Latein scheint auch nicht immer gesund zu sein.

Ein Wort aber, das man vielleicht kennen sollte, ist „Ressentiment“. Es bezeichnet die Angst und die Abneigung, die Menschen befällt, wenn sie auf die Idee kommen – egal wie weit das von der Realität entfernt sein mag –, jemand könnte ihnen ihre Privilegien rauben. Oder sie einschränken. Oder – und das scheint den selbstgerechten Deutschen manchmal das Schlimmste von allem – man könnte ihnen gar Vorwürfe machen! SHRIEK! Wir sind nicht schuld!!!

Dazu sagen Kreuzberger von überall her eigentlich nur eines: Wir haben Platz. Die einzige Aufgabe der Verwaltung wäre, das zu REGELN. Nämlich dafür zu sorgen, dass alle Unterkunft und notwendige Unterstützung bekommen. Die Aufgabe der Verwaltung ist es nicht, die Menschen mit ungültigen Verträgen zu betrügen, ihnen mit Kindesentführung zu drohen, sie mit Residenzpflicht zu belästigen, ihnen das Arbeiten zu verbieten, sie in Lager zu sperren, wo sie misshandelt werden. Es ist Platz in der Ohlauer Straße, es ist Platz in der Gürtelstraße, es ist Platz in der Cuvrystraße. Es ist Platz überall, wo überteuerte Ferienwohnungen vermietet werden dürfen.
Berufen wir uns also auch auf eine Tradition, dann werden wir vielleicht verstanden. Und die klingt so:

Das ist unser Haus! Schmeißt doch endlich den Senat aus Kreuzberg raus!

Alissa Wyrdguth

Mittwoch, 22. April 2015

Juice of love, love of tapes

Mit ein wenig Stolz in meinem Katzenherzen möchte Ich an dieser Stelle auf einen Artikel in der aktuellen Ausgabe der Zitty (Berliner Stadtmagazin) hinweisen. Wer weiß, wohin der Weg der guten alten Kassette noch führt, ein paar findige Menschen setzen schon länger auf das Tape als Musiktransportformat der Stunde. Viel Spaß also mit der Story über Berliner Tapelabels aus der Feder des Herrn Flanell.

Und jetzt weiter im Text. Juice of Love waren angekündigt, JoL kommen jetzt. Wer das ist und warum sie wie am liebsten schlafen im folgenden Interview von Philip Nussbaum, erschienen in Renfield No. 29 - welches fast vergriffen ist.

Dösen und Schlaf und Träume und Aufwachen und aus

Sie wachte mit einem Lächeln auf. Warmes Licht fiel ins Zimmer und auf ihr entspanntes Gesicht und ließ den Schlaf abperlen. Die Träume flogen auf wie Schmetterlinge. Irgendwo draußen sang ein Vogel, und die Melodie wurde vom sanften Wind mal zu ihr, dann wieder weiter hinaus in den Morgen getragen. Sie streckte sich und griff in die Sonnenwärme. Heute, ja, heute war ein guter, heute war der Tag. Ob er schon auf dem Weg war? Sie stellte sich vor, dass, und suchte absichtlich nicht nach einem Zifferblatt oder einer Anzeige, um sich die Ungewissheit und Vorfreude möglichst uneingeschränkt zu erhalten. Das war sie also, diese sogenannte Liebe, von der alles und jeder sprach. Es hatte wohl eine Weile gedauert, aber jetzt war sie da. Soviel stand fest. (versuch 8, „09:00h“)

Soundtrack: JUICE OF LOVE. Frau / Mann-Duo, bestehend aus Alex und Mila, dessen erstes Vinyl 2013 im Musikzimmer erschien, wie von einem durchziehenden Wetter dagelassen.

P: Schlaf. Seid ihr genau jetzt ausgeruht und hellwach, um darüber nachzudenken? Oder eher abgekämpft, müde und duselig? Vielleicht könnte die zweite Verfassung gar helfen ...
Alex (Juice of Love): Tatsächlich bin ich gerade ziemlich müde, und das obwohl ich eigentlich recht lange geschlafen hab. Das heißt, bis heute Mittag um halb eins.
Mila (Juice of Love): Vielleicht ein bisschen von beidem …, obwohl es ein langer Tag war, bin ich auf jeden Fall noch wach genug zum Tanzen!

P: Schlaf – existenziell und wundervoll? Oder lediglich hinzunehmendes Übel?
A.: Ich mag Schlaf sehr gerne. Er kann so schön gemütlich, tief und heilend sein. Doch ich würde mir wünschen, dass man sich einfach selbst aussuchen könnte, wann man schlafen will. Es nervt mich, dass man von der Müdigkeit dauernd dazu gezwungen wird.
M.: Für mich ist Schlafen neben Essen und Tanzen wohl eine der schönsten Beschäftigungen überhaupt!

P: Kann im Schlaf etwas gewonnen werden? Oder geht es dabei nur um Verlust und das Verpassen irgendwelcher Gelegenheiten?
A.: Davon, dass man fast die Hälfte seiner Lebenszeit verschläft, bin ich nicht sehr begeistert. Doch die Welten, die man im Traum erleben kann, machen die verlorene Zeit vielleicht wieder wett. Ich träume viele unwirkliche und verstörende Dinge, was ich sehr spannend und inspirierend finde.
M.: Eigentlich verpasst man doch immer irgendwas, und Schlafen ist viel zu schön, um dabei von Verlust zu sprechen.

P: Herr Warhol hat es getan, andere, deren Namen mir gerade nicht einfallen, haben es ebenfalls getan. Vorbilder genug, ich will es auch – einen Augenblick des Schlafs einfangen. Eures Schlafes. Beschreibt ihn. Wie sieht das aus, wenn ihr schlaft, wenn ihr träumt? Was ist an Drumherum entscheidend? Wie klingt es? Riecht es? Stellt euch den absolut perfekten Schlaf vor!
A.: Unser Schlaf ist im allgemeinen sehr tief und dunkel. Ein schwarzes Loch. Kein Geruch, kein Geräusch. So ist es auch fast schon perfekt. Wir würden nur gerne viel öfter träumen oder uns öfter daran erinnern können.

P: Träumt ihr? Was war der unbedingt schönste Traum bis hierhin? Und was der grässlichste, der, der am meisten verstört hat?
A.: Als ich jünger war, träumte ich einmal, dass sich eine weiße Holzpuppe zu mir ins Bett neigt. Oder dass sich Kurt Cobain vor meinen Augen in ein blutiges Pferd verwandelt, aus dessen Körper dann ein kleines verschrumpeltes Wesen kriecht. Diese Träume waren beide recht verstörend. Der Schönste war vermutlich irgendein Sextraum, bei dem man dann richtig enttäuscht ist, wenn man aufwacht.
M.: Ich hatte schon viele schöne Träume, aber eigentlich keinen, an den ich mich konkret erinnern kann. Dafür könnte ich hier von unzähligen Alpträumen schreiben, die ich schon hatte (die vergess ich nämlich aus einem unerfindlichen Grund nie). Als ich noch sehr klein war, habe ich zum Beispiel mal geträumt, dass ein Wolf in unsere Wohnung kommt und mich in meinem Bett auffressen will. Am nächsten Morgen habe ich meinen Papa gefragt, ob in Düsseldorf Wölfe leben.

P: Ich habe festgestellt, dass Träume nach z. B. einigen Bieren andere sind als die nach ein wenig Wein oder Whisky. Lediglich besoffene Zufälle? Was kann es auf sich haben mit Substanzen, die schlafen und träumen helfen und nicht nur Narkotika sind?
A.: Wenn ich recht überlege, hatten derartige „Substanzen“ noch nie einen wirklichen Einfluss auf meine Träume oder auf meinen Schlaf. Allerhöchstens wurde alles in allem etwas wirrer.
M.: Wenn ich getrunken habe, träume ich nicht (bzw. weiß am nächsten Morgen nichts mehr davon).

P: Schlaf als easy way out? Was lässt sich tatsächlich nur schlafend ertragen?
A.: Wenn ich sehr traurig bin, oder sehr enttäuscht, oder sehr krank und daher den Tag oder den Abend nicht ertragen mag, dann bleibt die Möglichkeit, sich im Schlaf zu verstecken. Das klappt ganz gut.

P: Schlaf als letzter Ausweg. Einige sind tatsächlich der Auffassung, das sei eine wunderbare Art zu sterben, einfach wegdriften und niemals wieder aufwachen. Ewiger Schlaf, viel, viel länger als Dornröschen ...
Juice of Love: Es ist sicher die „sanfteste“ Art zu sterben. Eben so sanft, wie das Einschlafen an sich. Man merkt es gar nicht.

P: Genug mit Schlafen und Träumen. Aufwachen! Wie am besten? Was und wen braucht‘s?
A.: Man schlägt die Augen auf und ist hell wach. Dynamisch und energiegeladen springt man aus den Federn und schüttet sich ein kaltes Glas Wasser in die Kehle. „An die Arbeit!“ brüllt man noch in freudiger Erwartung an den Tag. So soll es sein. Doch so ist es bei mir nie. Ich quäle mich mindestens eine Stunde mit der Schlummerfunktion des Weckers, bis ich ansatzweise wach bin.
M.: Es braucht selbstverständlich den Liebsten neben einem im Bett und dann ganz viel Kaffee und Knack&Back!

P: Famous last words?
M.: Macht's gut und danke für den Fisch!

Juice of love

Mittwoch, 15. April 2015

Parallelwelten

oder: Der erste Synthesizer in Lateinamerika

Heute, liebe Kinder des guten Geschmacks, wollen wir euch einen Mann vorstellen, den keine Sau kennt, aber jede Sau kennen sollte. Sein Name ist José Vincente Asuar und er ist der latein-amerikanische Pionier der elektronischen Musik. Er kann durch die Straßen gehen, als wäre er ein niemand, wie wir. Kein Hahn kräht nach José Vincente Sowieso.

Er lebt etwas zurückgezogen, mitten im Grünen, umgeben von zwitschernden Vögeln und Kätzchen. Hinter seiner Wohnungstür in Chile verbergen sich aber Schätze, die die Entwicklung der elektronischen Musik Lateinamerikas nachvollziehbar machen. Natürlich hat er einen Computer, aber daneben finden sich allerlei, zum Teil in Plastik eingewickelte, technische Gadgets für Musikproduktionen. Ein bisschen wie Ted Kaczynski seinerzeit, nur ohne Bomben. (Dafür sind in Chile andere zuständig.) Der Unabomber lebte ja seinerzeit zurückgezogen im Wald und schickte Briefbomben an den einen oder anderen Großkonzern. Außerdem war er an der Frühentwicklung heutiger Computer beteiligt und gab eine Zeitschrift heraus, in der unter anderem erklärt wurde, wie man beispielsweise ein Schaf schert, um die Leute zur Autonomie zu erziehen.

Ganz so ist es bei unserem Protagonisten nicht. Zwar ist auch in seiner Umgebung die Komplizenschaft von Synthetischem und Organischem zu finden, jedoch braucht er kein Manifest, das ihn zu Innovationen inspiriert. Anders war es bei den Franzosen Pierre Schaeffer und Pierre Henry, die um 1948 erstmals auf die Idee kamen, aus Strom Musik zu machen. Sie lasen das „Futuristische Manifest“ von Filippo Marinetti, der mehr als fragwürdige Ansichten hatte, weil er ein Nazischwein war, und die Idee mit Alltagsgeräuschen zu experimentieren wurde geboren.

„Die Kunst und die Künstler an die Macht“ war vielleicht einer der Sätze, die sie aufgeschnappt haben, um der sogenannten „musique concrète“ Leben einzuhauchen. Nachdem alle genug hatten vom Weltkriegen, konnten sie sich wieder wichtigeren Dingen zuwenden, wie beispielsweise der Entwicklung besserer Mikrofone, Plattenspieler und vor allem der Entwicklung des Tonbands.

Zur selben Zeit, auf der anderen Seite des Planeten vollzog sich derselbe Experimentiertrieb junger Komponisten, ohne die Arbeit der musique concrète zu kennen. Die GEMA, also das Gabinete de Electroacústica para la Música de Arte wurde von Juan Amenábar und José Vicente Asuar gegründet und erst seit 2005 bekommen sie etwas mehr (als keine) Anerkennung. Zu diesem Zeitpunkt ist Asuar 72 Jahre alt. Er erwartet keinen roten Teppich, aber er hofft, dass die nächste Generation von Komponisten ihn mit der Zeit in Verbindung bringt, da er den ersten Synthesizer Lateinamerikas schuf, denn die Komponisten für elektronische Musik waren bis dato in der medialen Öffentlichkeit völlig unbekannt.

Asuar komponierte seine Werke unter anderem in Deutschland, wo er 1960 das Labor für elektroakustische Musik in Karlsruhe gründete und leitete, da das Interesse der akademischen Behörden seiner Heimat quasi Null war, die elektronische Musik in diesem Bereich zu unterstützen. 1978 machte er seine eigene Bude auf, die sich COMDASUAR nennt. Seither versuchen die chilenischen Komponisten das Gefühl der Verwaisung zu überwinden. Es ist für sie fast unglaublich, dass die heutige Generation plötzlich Interesse an deren Arbeiten zeigt. Sein Album „El Computador Virtuoso“ wird heute mit dem Prädikat: besonders wertvoll gehandelt. In seinem Buch "Así habló el computador“ (Also sprach der Computer) beschreibt er seinen Arbeitsprozess.

Nicht nur die Lähmung der Militärdiktatur, sondern das generelle Desinteresse warfen die Komponisten Chiles in eine bleierne Zeit. Zwischen 1985 und 1992 ist gar nichts, aber auch absolut gar nichts in Sachen Grundsteinlegung des Tekkno passiert. Absolute Stille und langweiliger wiedergekäuter traditioneller Scheiß war alles, was man von den Huasos derzeit erwarten konnte. Erst durch die Wiederbelebung des Elektroakustischen Kabinetts für Musik entstanden neue Kompositionen, u.a. vom Wegbegleiter Asuars - Juan Amenábar, der unter anderem ein Stück namens "Los Peces" (Die Fische) schuf.

Ich versuch das mal zu beschreiben: orgelartige Flächen, die sich gegenseitig unterbrechen, ohne Rücksicht auf harmonische Strukturen. Pausen, die wie Fehler klingen und alles aneinander gereiht, als würde ein Schwarm Fische auf Tranquilizern die Strömung in einem dickflüssigen See nicht finden, weil sie vergessen haben, was sie suchen. Er hat das Stück in den Studios von Radio Chile fertig gestellt. Genau wie die Franzosen Henry und Scheffer, die in einem Labor für Radio und Fernsehen in Paris das erste wichtige Werk der musique concrète, die "Symphonie pour un homme seul" komponierten.

Amenábar nahm eine Reihe von Akkorden auf, die er auf dem Klavier spielte. Danach arrangierte er das Ganze rhythmisch nach der Fibonacci-Folge (1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, … ) - klar, was sonst?! Er benutzte die gleiche Technik wie in der musique concrète. Juan Amenábar hat den Klang des Klaviers aufgenommen und den Moment, da der Hammer die Saite trifft, weggeschnitten und lediglich die Resonanzen zusammen gefügt. Es folgte das Stück "Nacimiento" (Geburt) des chilenisch-israelischen Komponisten Léon Schidlowsky. Es gilt als das erste Stück der chilenischen musique concrète. Das Hauptelement ist die musikalische Simulation des Herzschlags. In dieser Arbeit gibt es keine elektronischen, sondern nur alltägliche akustische Elemente, deren Aufnahmen Lasagne-artig übereinander geschichtet wurden.

José Vincente Asuar klingt aber ganz anders, weniger nach ersten Gehversuchen, als nach beabsichtigtem gezielten Sound. Seine Stücke sind zumeist geile gruselige Sachen. Auch werden seine Ideen auf andere Aspekte der Kunst ausgeweitet. Asuar schrieb zum Beispiel die Musik zu einem Stück für acht Film- und fünfundvierzig Diaprojektoren, das in Caracas aufgeführt wurde. Sein berühmtestes Werk heißt "Variaciones Espectrales" (Spektralvariationen), mit dem er 1959 das erste chilenische rein elektronische Stück komponierte. In diesem Stück experimentiert er musikalisch mit dem Pointillismus, was eigentlich eine Stilrichtung in der Malerei ist. Typisch für den Pointillismus ist, laut Definition, der streng geometrisch durchkomponierte, oft ornamental wirkende Aufbau.
Er gilt als eine Gegenströmung zum Impressionismus und strebt nicht mehr eine realistische Momentaufnahme an, sondern die Wirklichkeit wird komponiert (besser: eine Komposition der Wirklichkeit). Asuar macht in seinem Stück genau das. Er nutzt keine klassischen Instrumente, sondern widmet sich ganz allein der radikalen und fantastische Aufgabe, einen Computer zu erschaffen, der einzig zur Erzeugung elektronischer Musik dienen soll. Diese entstand in der Universidad Católica de Chile. Asuar selbst sagt über das Stück, dass es für ihn eine große Ehre ist, dass das Stück als Referenz für die Anfänge von computergenerierter Musik gilt. Dank der neuen Komponisten, die diese Musik kultivieren, also alles, was im Berghain oder im Institut für Zukunft Leipzig zum Beispiel die Bühne betritt, wird seine Arbeit am Leben gehalten.


Gegenwärtig ist er Teil einer Forschungsgruppe “Tecnología del Sonido“ (Technologie des Klangs) an der Fakultät für Naturwissenschaften, Musik und Darstellende Kunst der Universität von Chile. Hier werden Synthesizer mit dem Rechner verbunden, was in Chile absolut originell ist, da hier nur bedingt auf eigene Erfahrungswerte zurückgegriffen werden kann.

Ein Mitglied der chilenischen elektroakustischen Gemeinschaft (Cech) sagt, dass das Besondere an Asuars musikalischem Werk ist, dass er das Verständnis für musikalische Komposition als Prozess in den Vordergrund rückt, da er theoretische Forschungsergebnisse mit praktischer Anwendung verknüpft. Die akademische Anerkennung seiner Person resultiert aber vor allem aus der Wertschätzung seiner Arbeit durch nichtakademische Kreise. Mittlerweile wurde er mit zahlreichen Preisen bei internationalen Wettbewerben ausgezeichnet, denn er war bereit sich der Überarbeitung mit den gegebenen Materialien zu stellen und seine Sprache als Komponist zu überdenken. Stillschweigend entwickelte er den ersten leistungsfähigen Synthesizer seiner Zeit, den virtuosen Computer und das zu einer Zeit, da der Alltag Chiles unter einem großen Schatten stand. Es war unmöglich mit den gegenwärtigen Einschränkungen vier Hubschrauber wie Stockhausen zu arrangieren oder Synthesizer mit anspruchsvoller Ausstattung zu benutzen. Seine Beziehung zur elektronischen Musik sei erst spät entstanden sagt er. Auch wenn er die Arbeiten von Bulez oder Cage kennt, hat er doch eine ganz eigene, instinktive Beziehung zur experimentellen Musik.

Der Musiker musste als Ingenieur denken und da Asuar außerdem ausgebildeter Bauingenieur ist, waren der Keyboard-Synthesizer und Computer-Programme die ideale Erfüllung seiner musikalischen Träume. Er wollte nicht experimentieren, mal gucken, was dabei raus kommt, sondern er wollte seine persönliche Vision verwirklichen. Natürlich experimentierte er anfangs mit Tape-Kollagen, Filtern und Effekten, die die ästhetischen Leitlinien bildeten, aber es gehört ein bisschen mehr dazu, nach so langer Zeit der Ablehnung, heute zu einem der wichtigsten Forscher und Förderer der elektronischen Musik der Gegenwart zu werden.

In der Zwischenzeit hat sich eine Menge Kram in Asuars kleiner Bude angesammelt. Blätter mit Zeichnungen, die eher nach technischen Konstruktionen als nach Notationen aussehen. Und doch gibt es eine Verbindung zwischen diesen alten Aufzeichnungen und dem gegenwärtigen Einfluss elektronischer Musik auf die junge Generation, bei denen experimentelle Musik sich einer großen Beliebtheit erfreut, was Asuar seinerzeit beabsichtigte – das Hörerlebnis auf eine andere Ebene zu bringen.

Abschließend möchte ich nochmal erwähnen, dass sowohl Mike Patton in Chile eine musikalische Heimat gefunden hat (die „Guachacas“ von Chile wollten ihn 2013 zum König wählen), als auch beispielsweise Uwe Schmidt, der den meisten besser bekannt sein sollte als Señor Coconut oder Atom™. Falls nicht, habt ihr jetzt ein paar Hausaufgaben nachzuholen.

von LRTT* + Nicolás Requena

Dienstag, 7. April 2015

Ox-Schreiber-Tour 2015 Schweiz (Last part. Seriously.)

Part 3: Vom freundlichsten Taxifahrer der Welt und den Metalmädels

Jetzt sitzen wir also schon wieder im Zug. Eben haben wir uns noch am Hohenemser Bahnhof die Sonne auf die übernächtigen Nasen scheinen lassen und schon rollt draußen vor den Fenstern die bergige Landschaft an uns vorbei. Schön ist sie, die bergige Landschaft, das Leben mit seinen Höhen und Tiefen sowieso und sogar Bregenz-Riedenburg schenken wir heute ein Lächeln, als es sich still und heimlich wieder auf die uns vorgegebene Bahnstrecke schleicht. Riedenburg lächelt wohlwollend zurück und wir vertiefen uns in Gespräche über die Tour, das Land, die Kinderpopulation der Vorarlberger Skinheadszene am Beispiel eines einen Buggy durch den Waggon schiebenden Renees.

Und irgendwann zwischen all diesen Gesprächen meint Gary Flanell: „Ja, hier ist er ja wieder, der Bodensee“. Und ich, ich sehe aus dem Fenster und will etwas sagen wie: „Ach Bodensee, du viel zu spät entdeckte Liebe“, sage aber stattdessen: „Fuck, Alter, wir haben vergessen auszusteigen!“

Denn das Schild da am Bahnhof sagt auch etwas, „Bregenz Hafen“ nämlich, und wir, wir hätten „Bregenz Hauptbahnhof“, also eine Station früher aussteigen müssen. Da kann der Bodensee noch so friedlich vor uns liegen, wir sind zu weit und der Anschlusszug nach Zürich steht wahrscheinlich schon bereit.

Also springen wir raus aus dem Zug und während ich panisch versuche abzuwägen, wie weit es denn ist und ob das am Fußweg packbar ist, winkt uns Herr Flanell in seiner Berliner Gelassenheit mal eben ein Taxi ran. „Hauptbahnhof, bitte“, sage ich hastig und Gary Flanell sagt dasselbe, aber eben ganz relaxed. „Kein Problem“, meint der freundlichste Taxifahrer der Welt und wir erklären ihm kurz unser Dilemma: Literaturreisende auf dem Weg nach Bern, in Gespräche vertieft, den Ausstieg verpennt (was ja sonst nur in der Nazi –und Drogenszene üblich ist), Anschlusszug in fünf Minuten etc. Der freundlichste Taxifahrer findet das lustig und schüttelt auch gleich die passende Anekdote (die ich leider vergessen habe) aus dem, weil draußen der Frühling strahlt, hochgekrempelten Hemdsärmel. Als wir dann nach einer Minute und siebendundzwanzig Sekunden Fahrzeit und fünfhundert Metern Geradeausfahren auch schon da sind und unsere Geldbörsen zücken wollen, meint der freundlichste Taxifahrer der Welt mit einem Lächeln in seinem freundlichen Taxifahrergesicht in seinem Vorarlberger Dialekt (für mich nicht eins zu eins wiedergebbar) so etwas wie: „Kein Problem Jungs, ich wäre sowieso hier hergefahren, schaut ihr mal, dass ihr euren Zug erwischt“.

Wir bedanken uns überschwänglich und winken dem freundlichsten Taxifahrer der Welt ein letztes Mal dankbar zu. Dann realisieren wir, dass ja noch reichlich Zeit ist und holen erst einmal Kaffee.Hätten wir vorab geahnt, wie viel Zeit wir wirklich haben, hätten wir uns zwei Kaffees geholt oder wären zu Fuß gegangen, denn der Zug nach Zürich verspätet sich um 14 Minuten. Allgemeine Panik am Bahnhof, wir freuen aber uns erst einmal ein weiteres Mal auf Tour zu sein, trinken Kaffee, genießen den Seeblick und bekommen unsererseits erst Panik, als uns bewusst wird, dass unsere Wartezeit in Zürich 15 Minuten beträgt, was Minus vierzehn Minuten Verspätung und keinerlei Orientierung am Züricher Hauptbahnhof „reichlich Kacke am Dampfen“ ergibt.

Es dampft schlussendlich gar nichts, alles geht sich prima aus. Und weil diese in Österreich durch und durch gängige Redewendung in Deutschland, wie ich auch während vergangener Lesereisen mit deutschen Landsmännern immer wieder gesagt bekam, scheinbar nicht verwendet wird, erwischen wir locker den Zug. Um ja in den richtigen zu steigen prägen wir uns bereits in diesem Zug die Bezeichnung des Anschlusszuges ein. Und ja, wir wären nicht URS GROB BOOTSBETRIEB würden wir dies nicht tun indem wir uns gegenseitig mit phatten Rhymes befeuern. Beispiel gefällig? Here we go: „Wo wird die Butter niemals ranzig? Im IC Vier Null Zwanzig“ oder „Mit welchem Zug fuhr einst Glenn Danzig, na mit dem IC Vier Null Zwanzig“.

Und wenn nun solche lustigen Wortspiele zweier bärtiger Brillenträger mit Augenringen und schlechtem Atem für irritierte Gesichter der mitreisenden Menschen sorgt, dann sollten sich eben diese mitreisenden Menschen später mit uns in den IC 4020 setzen und sich an den lautstark in schwer verständlicher Sprache (ja, es ist Deutsch, natürlich, aber Deutsch ist nun einmal nicht Deutsch und wenn mich als Österreicher in Deutschland kaum jemand versteht, so verstehe ich für meinen Teil leider in der Schweiz – und sogar in Vorarlberg – kaum jemanden) Gesprächen der Metalmädels (ob die den Mätel auch kennen ist mir nicht allerdings bekannt) erfreuen. Denn die reden alle am Stück, und alle vier gleichzeitig und manchmal telefonieren sie auch. Viel verstehe ich wie gesagt nicht, aber dass „IRON MAIDEN was für Pussys“ ist und „er in vierundzwanzig Tagen zwanzig wird“ weiß ich jetzt trotzdem. Um es mit den Worten von Dieter Bohlen zu sagen: „Ich fühle mich gut unterhalten, aber es reicht nicht für den Recall“.

Und dann, dann ist da also dieses Bern, Hauptstadt der Schweiz. Stadt von der ich nur den Bahnhof, ein paar altehrwürdige Häuser und die altehrwürdige Reitschule zu sehen bekommen werde. Ich hatte ja im Vorfeld gehofft auf der Reise quer durch die Schweiz die landschaftlichen Reize des Landes genießen zu können, aber konzentriere du dich einmal auf vorbeiziehende Berge, Seen und was auch immer, wenn die Metalmädels Metallieder mitzusingen versuchen. Zumindest fährt mein EC Wasauchimmer am nächsten Tag auf der Heimreise lange, ja sehr lange dem Züricher See entlang und bietet geile Wasser-Bergkulisse, bevor es über Liechtenstein, Österreich, Deutschland und wieder Österreich nach Hause geht.

Bevor es aber soweit ist erwartet uns am Bahnhof Lepra. Oder besser gesagt, er sollte uns erwarten, ist aber noch nicht da. Dass er sich verspäten wird, hat er mir übrigens via Facebook-Messenger mitgeteilt Blöd nur, dass ich in der Schweiz keinen Internetempfang habe. Ja, aber er kommt und dann wird erst einmal Wein eingekauft. Und das Spiel gespielt „Wer findet das billigste alkoholische Getränk“ und den Metalmädels zum erfolgreichen Alkopopseinkauf gratuliert.
Alles weitere soll euch aber lieber Gary Flanell erzählen, ich muss jetzt nämlich meine Restfranken umtauschen gehen.

H.C. Roth

Nachtrag:

Der HC und seine Restfranken, immerhin hat er noch welche. Nach dem hinterhältigen Diebstahl meines Portmonees in Charlottenburg besitze ich sowas gar nicht mehr. jetzt snd da nur noch Erinnerungen an den Abend unserer Lesung in der Berner Reitschule.

Von diesem unserem letzten Leseort kam mir bisher nur Gutes zu Ohren. Wenn all das, was so erzählt wurde, stimmte, dannn war die Reitschule zu Bern sowas wie ein sagenumwobenes Schloß unter den alternativen Zentren dieser Welt.Unter den vielen Dächern der ehemaligen Reitschule verbirgt sich ein Areal mit unzähligen Räumen für diverse Projekte. Nach einem üppigen Abendessen bekommen wir von Sandro und Lepra eine kleine Führung. Unter dem Dach der Reitschule finden sich sehr viele einzelne Räume, die von unterschiedlichsten Gruppen genutzt werden. Im Innenhof der Infoladen, gegenüber die große Halle für dicke Konzerte, gleich daneben zwei Cafes oder Bars und wer weiß, was wir alles noch gar nciht gesehenn haben. Auch im Innenhof ist auch der ehemaligen Pferdestall, der heute als Kino genutzt wird – wo wir lesen werden.
Am beeindruckendsten für mich war auf alle Fälle der Dachstuhl. Selten genug gibt es Konzerträume, die sich auf einem Dachboden befinden und der hier ist nicht nur groß, sondern auch wunderschön mit seinen dicken Dachbalken, der großen Bühne und dem langen Tresen. Habe mir fest vorgenommen, demnächst mit URS GROB BOOTSBETRIEB genau hier die Berner Massen zum ausrasten zu bringen.

Auch das erwähnte Pferdestall-Kino ist top. Die alten Futterkrippen hängen noch an der Wand und HC und ich erwägen kurz, uns für die Lesung entweder dort hinein zu legen – oder in die Gosse, die immer noch im Boden erkennbar ist. . Unsere neun Gäste sitzen an diesem Abend allesamt in der ersten Reihe und haben deshalb den perfekten Blick auf das, was HCund ich da so treiben. Der Kollege Roth kann es sich wirklich nicht nehmen lassen, sich im Laufe des Abends sich dann wirklich wirklich wirklich in die gepflasterte Ablaufrinne zu begeben und dort zu performen. Gemeinsam gibt es nochmal das Beste von Frosch mit Socken, der Spinne Pup und dem Rockpinguin. Und ganz am Schluß noch einmaleine Polizisten-Verzehr-Performance im Themroc`schen Sinne von U.G.B. – diesmal so intensiv und kräftezehrend wie noch gar nie auf der Tour.

Hinterher, die Gäste sind schon lange gegangen, kleben Lepra, HC, Sandro und ich noch an der Kinobar und kippen ein Bier nach dem nächsten in uns rein. Der Unglücksrabe Roth muss leider schon um fünf oder so den Zug Richtung Graz erwischen. Ich bin froh, dass ich mich diesmal ausschlafen kann. Denn am Montag war noch eine Lesung in Basel geplant. Die entfällt aber aufgrund diverser Fehlplanungen und so habe ich nun einen Off-Day am Ende der Reise.
Heißt: gemütlich auspennen, dann mit einer Wienerin im Berner Exil noch einen Kaffee schlürfen (liebe Nina, schön war‘s!) und dann so langsam, wie es das Klischee von den Schweizern vorgibt, auf den Weg nach Basel.
Dort verziehe ich mich fix ins Hostel, und verlasse es nur kurz, um im verschlafenen Kiez hinterm Bahnhof irgendwas zu essen zu kriegen. Meine Tourabschlußmahlzeit ist die wohl teuerste Bratwurst mit Pommes der Welt. 22 Restfranken ist sie wert, puh. „Hauptsache satt“, denke ich und lege mich in mein Hostelbett. Jetzt will ich nur noch nach Hause.

Vor dem Rückflug am nächsten Tag betrete ich den örtlichen Plattenladen – verlasse ihn mit zwei 7inches von Jonathan Richman und den Oblivians. Abends Aufschlag in Schönefeld. Als wäre es nicht anders zu machen, fällt dort draußen die S-Bahn auf unbestimmte Zeit aus. Mit Tram und Ersatzverkehr kämpfe ich mich zwei Stunden lang durch den Moloch Berlin. Beim dritten Umstieg an irgendeiner verlassenen dunklen Tramstation denke ich noch eimal an die Sonne am Bodensee und sehne ich mich kurz, nur ganz kurz, nach der beschaulichen Pünktlichkeit der Schweizer Bahn zurück.

Gary Flanell

Dienstag, 24. März 2015

Ox-Schreiber-Tour 2015 Schweiz

Part II: Punkrock, Mätel und Möhre und Bregenz-Riedenburg

Kennt ihr eigentlich Bregenz-Riedenburg? Diesen Vorort der Vorarlberger Hauptstadt Bregenz, dieser Stadt also, die da majestätisch am Bodensee liegt und die berühmte Seebühne beheimatet? Also ich kenne jetzt beides, von Bregenz selbst halt nur den Bahnhof (mit Minimalblick auf die Bühne) und von Riedenburg alles. Den Interspar und den DM und den Engelshop, wo ich meine Seele mit Hilfe von Engelsenergie meine Seele heilen kann.
Und Foto Meier natürlich (geiler Bandname übrigens). Und das Wirtshaus, das Samstagnachmittag zu hat und den Kaufmannladen, der ebenso um 16:00 schließt und es Gary Flanell und mir damit unmöglich macht in diesem trostlosesten aller Hauptstadtvororte ein Bier zu kriegen. Ja, und den Bahnhof natürlich auch.

Warum ich das erzähle? Na, wegen diesem Bahnhof eben und weil man dadurch muss, wenn man mit dem Zug von Rorschach nach Hohenems fährt. Gut, St. Margrethen, dieser letzte Ort im Schweizer Staatsgebiet, den wir betreten, bevor es für gut vierundzwanzig Stunden in österreichisches Hoheitsgebiet geht, ist da auch noch. Aber da gibt’s zumindest Bäckerinnen mit Dreadlocks, Berliner mit Aprikosenfüllung (sogar wenn Gary Flanell einmal nicht da ist) und natürlich die Ox-Bar.


Wir hätten ja auf einen Sprung reingeschaut, „Grüazi mitanond“ gesagt, ein Schützengartenbier getrunken und gefragt, ob die Bar einem gewissen Joachim Hiller gehört, aber wir sind ja nicht auf Urlaub, sondern auf Tour und der Zug wartet nicht einmal auf Literatur-Rockstars wie uns. Denn wie gesagt die Schweizer Bahn ist pünktlicher als die österreichische Post und die Zeit fließt nur so dahin, sogar in der Schweiz.
Ja, Riedenburg eben, da muss man durch, gesehen haben muss man es aber nicht.

Rorschach schon, Rorschach ist geil, das hat euch aber Gary Flanell schon erzählt. Und Hohenems gefällt mir auch ziemlich gut. Klar, eine Großstadt ist das nicht, muss es auch nicht sein. Kleinstadtidylle pur, Jugendstilkrankenhaus, gerne mal ein Bauernhof zwischen drinnen oder eine Wiese. Und egal wo du hinsiehst, irgendwo lacht dir immer ein Riese von einem Berg entgegen. Bier kriegst du hier auch keines, aber egal, wir wollen jetzt auch gar kein Bier mehr und schlendern lieber gemütlich, kaum sind wir raus aus dem Zug und haben beim Fragen nach dem Weg eine Ehe zerstört.
Sie: „So finden’s aber leichter“; Er: „Ja, aber der Weg ist schneller“; Sie: „Aber die kennen sich hier ja nicht aus“; Er: „Ja, aber der Weg ist schneller“; Sie: „Aber so ist es doch viel leichter zu finden“ , Er: „Aber der Weg ist doch schneller“ usw.

Das ProKontra sieht schon mal schick punkig aus, obwohl es eigentlich ein Einfamilienhaus ist und wir haben etwas Zeit, uns das alles genau anzusehen, die Hausfassade, die Bergkulisse etc., denn die Veranstalter sind noch nicht da. Wenig später biegt aber ein Benz um die Ecke und Punkrock Weiner und Mätel steigen gut gelaunt Säcke voller Lebensmittel und Bierflaschen schwingend aus. Möhre, die Kitesurflehrerin auf Urlaub kommt später auch noch. Dass Punkrock eigentlich Pascal heißt, erfahren wir später. Wie Mätel und Möhre heißen, ist uns nicht bekannt und im Folgenden auch nicht von Belang.
Wäre dies hier ein Kinderbuch mit dem Namen „Punkrock, Mätel und Möhre“ würde das nächste Kapitel jedenfalls „„Punkrock, Mätel und Möhre kochen Lasagne“ heißen. Später gibt es noch „Punkrock, Mätel und Möhre zeichnen eine Lesung auf“ oder „Punkrock, Mätel und Möhre reden über Berge“. Nicht zu vergessen: „Punkrock, Mätel und Möhre trinken Bier und hören Punkrock“.
Die Lasagne schmeckt übrigens hervorragend und die Zubereitung läuft charmant-chaotisch ab. Ich lasse mir währenddessen vom hiesigen W-LAN die gesamten Emails eines ganzen Monats fressen, während Gary Flanell, der ja doch schon über vierzig ist, erst einmal eine Runde schlafen geht.
Später siedeln wir vom einmal mehr großartig großen und komfortablen Backstagebereich ins „Beisl“, also die Kneipe, wo die Lesung stattfinden wird und ansonsten Punkrockkonzerte über die Bühne gehen. Der Sound ist schnell gecheckt und dann heißt’s erst einmal „Punkrock, Mätel und Möhre sowie Gary und H.C. warten auf Publikum“.

Das kommt dann auch in Form von fünf zwielichtigen Gestalten mit kurzen Haaren, die niemand so richtig zu kennen scheint. Es riecht nach Ärger, der aber ausbleibt, ob das jetzt die hiesigen Dorfnazis, Kleinstadtprolls oder einfach nur harmlose Betrunkene sind, erfahren wir nicht. Wir starten dann aber dennoch den Abend. Ich beginne mit Schwänken aus meiner Schulzeit, von den fünf Gästen schlafen zwei, zwei unterhalten sich, einer hört wirklich interessiert zu. Zumindest bis ihre Biere leergetrunken sind und die fünf wieder von dannen ziehen und nicht mehr hören, wie Gary Flanell von der Geburt der leibreizenden Spinne Pup erzählt.

Punkrock, Mätel und Möhre bleiben aber da, hören interessiert zu und zeichnen die ganze Sause für Radio Proton, dem im Haus ansässigen Radiosender des den Laden führenden Vereins Transmitter, auf. Nach einer kurzen Pause geht’s weiter, die Spinne Pup trifft Darth Vader und Billy Pinguin wird Rockstar.

Und dann, dann ist es endlich soweit, die Live-Premiere der großartigen URS GROB BOOTSBETRIEB. Da spazierst du noch am Vormittag am Bodensee, sagst ohne nachzudenken mit Fingerzeig auf ein gelbes Hüttchen: „Haha, geil, Urs Grob Bootsbetrieb, geiler Bandname“, weil du sowieso immer und überall nur in Bandnamen denken kannst und schon stehst du am Abend in einem Kulturzentrum in Vorarlberg und performst mit Gary Flanell unter diesem Namen einen Song, der früher einmal ein Text war, übers Polizistenessen. Gary spricht und rappt, ich klopfe und schreie Background und Mätel drischt auf die Drums ein. Geil. So geht Punkrock.

Später wird dann noch ein bisschen was, aber nicht viel - wir sind ja keine zwanzig mehr - getrunken und mit den sympathischen GastgeberInnen getratscht und so einiges gelernt: Das es in Sri Lanka keinen Leberkäse (also Fleischkäse) und auch keinen Salat gibt beispielsweise und dass das „L“ in „Radio L“ für „Liechtenstein“ steht. Irgendwann fährt Mätels letzter Zug nach Feldkirch, Möhre lässt sich auf das Sofa fallen, Punkrock auf ein anderes und Gary und ich uns in die Betten oben im großen Schlafraum.

In der Früh gibt’s hammermäßiges Frühstück und die vereinbarte Fixgage (da wären wir also wieder beim Geld), was uns ein weiteres Mal sehr freut. Das sollte selbstverständlich sein, sagt du, die vereinbarte Fixgage zu bekommen? Na, dann geh du mal auf Punkrocklesereise ohne Vertrag.
Egal, geile Stadt, geile Location, super Leute, spaßige Lesung (gut gelesen haben wir auch, wie ich finde), finanziell alles wunderbar und sowieso ein super Abend. Hohenems war ein voller Erfolg. Ja. Publikum wäre natürlich auch kein Fehler gewesen. Aber lieber lese ich vor „Punkrock, Mätel und Möhre und dem Aufnahmegerät“ und habe dabei Spaß und Aufmerksamkeit, als ich lese vor fünfzig laut plappernden Kneipengästen, die eh nur wegen dem Localsupport da sind – hatten wir doch auch schon, letztens in Köln, Sie erinnern sich, Herr Flanell?.
Ja, Punkrock, Mätel und Möhre, danke!

H.C. Roth

Verpassen Sie nicht die folgenden packenden Abenteuer von Bern: *** HC Roth und Gary Flanell und der freundlichste Taxifahrer von Bregenz** Wein kaufen in Bern mit einem Mann, den sie Lepra nannten*** Und dazu: Gags und Gäste und strahlende Lesende*** nächste Woche im dritten Teil des Ox-Schreiber-Tourtagwebuchs 2015!!!

Mittwoch, 18. März 2015

Ox-Schreiber-Tour 2015 Schweiz

Part I: Backpulver und Bodensee

Was bisher geschah:
Nachdem das Ox-Trio Gaffory, Parkinson und Flanell im letzten Herbst schon einige Abenteuer im Südwesten Deutschlands erlebt hatte, ging es nun etwas tiefer. Nicht qualitätsmäßig, sondern geografisch. Aber die Reihen der Teilnehmenden hatten sich gelichtet und verändert. Die ursprünglich geplante Quartettbesetzung Gaffory, Parkinson, Flanell und Roth schmolz im Laufe der Planungen zu einem dynamischen Duo zusammen. Von den vier anvisierten Lesungen blieben am Ende drei übrig. Zartbesaitete Persönlichkeiten würden sich angesichts solcher Entwicklungen in der Projektplanung in Panik von allen Aktivitäten zurückziehen. Die beiden übriggebliebenen, HC Roth und Gary Flanell, tun sowas nicht. Vielleicht ist es Wagemut oder Fatalismus im Oberstübchen, der dir sagt, dass man das trotz solcher Widrigkeiten jetzt erst recht durchziehen müsse. Vielleicht auch nur eigene Blödheit.

Die Schweiz stand ehrlich gesagt nicht wirklich ganz oben auf meiner Lesereise-Wunschländer-Liste. Einen Grund dafür gibt es nicht. Vielleicht dachte ich bisher, da ist es ja ganz nett, aber ein vielleicht auch ein bißchen langweilig. Ok, tolle Berge haben sie, davon nicht zu knapp, aber die lösen bei mir keine Begeisterungsstürme aus. Welche Landschaftsform das überhaupt könnte, ist unklar. Meer und Küste und Wasser vielleicht. Endlose Wasserflächen, die sich am Horizont verlieren und ich mich in Gedanken mit ihnen. Eventuell.

Dabei musste ich feststellen, dass es so was ja auch in der Schweiz gibt. Wasserflächen, die absurd groß erscheinen. Aber der Reihe nach. Komm ich in Basel am Flughafen an, spaziere ich aus dem Ding raus. Frage mich, warum ich so Angst hatte, vom Zoll wegen meiner mitgeführten Stuntmänner unter Wasser (Da! Wieder eine Wasser-Referenz!) befragt zu werden, Und dann war da kein Zoll. Gar nix war da. Alles ganz unkompliziert. Bus fährt vom Flughafen zum Bahnhof. Zug fährt vom Bahnhof Basel zum Bahnhof Zürich. Dort verlasse ich nicht mal das Gleis, um den Anschlußzug zu bekommen, sondern purzele auf die andere Seite rüber. Zug steht schon da, als wollte er schon anrufen und fragen, wo ich bleibe. So reibungslos läuft das auch in St. Gallen und auch bei der Ankunft in Rorschach. Das auf der einen Seite hohe Berge und auf der anderen die erwähnten unendlichen Wasserflächen des Bodensees zur Begrüßung auffährt.

Und überall scheint die Sonne, das ist natürlich etwas, womit man jeden Berlinbewohner sofort locken kann. Ein bißchen fühle ich mich, als würde ich mit einer real gewordenen Modelleisenbahn durch die Gegend fahren. So blitzeblank kann die Realität gar nicht sein. Irgendwo da hinter den schneebedeckten Hängen, so vermute ich, da muss er stehen: Der große Märklin-Trafo, der das hier alles, die ganze Schweiz, in Betrieb hält. Geht gar nicht anders.

In Rorschach dann mit dem Aufzug in die Stadt. Liegt ja alles am Hang. Zum Treppenhaus, der Ort in dem wir lesen werden, muss ich wieder runter Richtung See. Hatte schon Befürchtungen, das Treppenhaus wäre ein zugiger Flur, vollgepisst, siffig, eng und kalt und wir würden da im Kerzenlicht unter der Kellertreppe den einzigen beiden Rorschach-Punks was vorlesen. Aber nein. Das Treppenhaus ist ein wunderschönes Gebäude im Herzen Rorschachs, das seinen Namen von der gestuften Form seines Giebels hat.

HC Roth trifft auch irgendwann ein und ungläubig nehmen wir wahr, wie wir hier aufgenommen werden. Bekommen ein eigenes Schlafzimmer für die Übernachtung! An der Tür steht sogar „Künstler“ dran! Es gibt echte Betten, kuschelige Kissen und weiche Decken und alles! Nebenan die Ludothek für Rorschachs Kinder. Oben drüber die kleine heimelige Bibliothek und unten das kleine gemütliche Café, nur durch den Vorhang getrennt vom Konzertsaal, wo wir abends dann lesen. Großes Erstaunen unsererseits, als wir den Eintrittspreis für die Veranstaltung wahrnehmen. 15 Franken, really? Kein Einspruch, aber soviel Geld erscheint uns, nach den bisherigen Lesetour-Erfahrungen mit rumgehenden und schlecht gefüllten Hüten, doch etwas surreal. 15 Franken für eine Veranstaltung von zwei Künstlern, die ehrlich gesagt niemand kennt, scheint aber hier normaler Tarif und keineswegs überzogen zu sein. Na, dann wollen wir auch nichts gesagt haben.

Zu unserer allerersten Lesung in Rorschach City verkneife ich mir allerlei schlechte Witze, die was mit der Stadt zu tun haben. Kein Geblödel über a) TEST-Personen oder b) über Watchmen-Charaktere oder c) Strategiespiele im Klempnermilieu. Nein, nein, nein. Das haben unsere sechs Gäste nicht verdient. Dazu haben sie zu aufmerksam unserem Vortrag gefolgt. Und weil der einzige Schweizer, den ich persönlich kenne (Hallo Odessa-Oliver!) eine zweistündige Zugfahrt auf sich nimmt, um zur Lesung zu kommen, freue ich mich umso mehr.
HC startet mit Auszügen seinem Pinguin-Rockstar-Opus, den Frosch-mit-Socken-Geschichten und der neuen Story mit dem Hundekoch. Ich schiebe die Story der kleinen Spinne Pup und dem Seehund hinterher. Am Anfang sind wir also etwas tierlastig. Nach der Pause dann nicht mehr, soll ja keiner sagen, wir würden nur Tiergeschichten schreiben. Zu unserer großen Freude sind nach dem Break noch alle sechs Zuschauer da. Das freut uns so sehr, dass wir ihnen von der Bühne aus einen donnernden Applaus spendieren.

Nach der Lesung hängen wir noch am Tresen im Treppenhaus rum, werden mit reichlich Bier und Nussschnaps bewirtet. Man kommt leider nicht umhin, in der Schweiz immer mal wieder das Geld zu erwähnen. 15 Franken schien uns schon als Eintritt irreal viel. Wie sich rausstelt, haben aber nur drei Gäste wirklich gezahlt, weil die anderen ein Jahreabo für alle Treppenhaus-Veranstaltungen haben. Bleiben also 45 Franken, die an HC und mich gehen sollen. Was wir schon ganz ok finden und noch ein Bier ordern.
„Wir legen euch noch ein bisschen was drauf“, sagt dann der nett zurückhaltende Kneipier und verschwindet hinter der Bar. Kurz darauf kriegt jeder von uns einen nicht unerträglichen Batzen Geld in die Hand, der zumindest schon mal die Fahrtkosten gut abdeckt. Würde gern mal wissen, wie zwei etwas zerknautscht wirkende Literaten aus Österreich und Deutschland so auf die Schweizer wirken, wenn sie ungläubig so viel Geld entgegennehmen, wie sie noch nie, never, jemals für irgendeine Lesung bekommen haben. Fühle mich an diesem Abend wirklich wie ein Künstler. Und das liegt nicht nur am Nussschnaps und der geruhsamen Nacht im Künstlerzimmer.

Morgen danach. Wieder Sonnenschein, hinten ruhen die Berge, vorne ruht Bodensee. Wie halten die Rorschacher so viel Idyll eigentlich aus, wenn sie es Tag für Tag haben? Zerfließt man dann nicht irgendwann hinten im Wald einfach vor Ausgeglichenheit? Rorschach ruht am Samstagmorgen. Auch als wir am Ufer des Sees rumflanieren und, ohne es zu ahnen, die Gemeindegrenze zu Goldach überqueren, bricht keine Revolution aus. Wir treiben uns am Goldacher Hafenbecken rum und kommen uns ziemlich gefährlich vor. Irgendein anonymer Rebell hat die weisen Worte „Gott Furzt“ auf einen Mülleimer gekritzelt. Voll Punk, das. Für HC und mich ist dieser Tag die ideale Vorlage, um den ersten Song unseres neuen Electro-Punk-Spoken-Beat-Word-Electro-Projekt „URS GROB BOOTSBETRIEB“ zusammen zu dichten. Da werden noch große Dinge kommen. Zwei Männer, zusammen Mitte 70, aber körperlich fit wie Pippi Langstrumpf, werden die Popkultur stärker beeinflussen als Sonny & Cher, Milli Vanilli und Modern Talking zusammen. Könnt ihr glauben.

Weil wir echte Punkrocker sind, MÜSSEN wir natürlich auch ins einzig auffindbare Musikgeschäft von Rorschach. Dort verwickelt uns der Besitzer, ein blondhaariger Rocker, auf den das etwas altmodische Etikett „Bluesmucker“ wohl am besten passt, in ein Gespräch über all die Bands, mit denen er früher in Österreich unterwegs war. Mit dem Wilfried und den STS und wer weiß noch alles. Er kennt sie alle und hat mit allen gespielt. Eigentlich unterhält sich der Eric-Clapton-Verehrer mehr mit HC, weil er dessen Grazer Akzent so sympathisch findet. Kann ich mit leben. Gitarren oder reduzierte Effektgeräte kaufen wir aber nicht, dafür reicht die üppige Gage aus dem Treppenhaus dann doch nicht.

Im Supermarkt um die Ecke starten wir unter dem Eindruck der für unsere Verhältnisse interessanten Preisgestaltung den Wer-findet-den-billigsten-Artikel-im-Sortiment-Wettbewerb. Klarer Sieger diesmal: HC Roth, der mit Triumphgeschrei ein Päckchen Backpulver für 30 Rappen entdeckt. Das ist es also. Falls der absolute worst case von Hunger und Geldnot eintreffen sollte, könnten wir uns bis zur Rückkehr nach Berlin und Graz zumindest mit einem vollstopfen: Gutem Schweizer Backpulver. Könnten wir auch mit über die Grenze schmuggeln und in Bregenz-Riedenburg als schlechtes Koks verkaufen. Denn am Nachmittag geht es für uns weiter nach Österreich. Next Stop: Hohenems in Vorarlberg.

Gary Flanell


Nächste Woche auf dem Renfield-Blog:
Ox-Schreiber-Tour 2015 Schweiz Teil II – von HC Roth
Verpassen Sie nicht die folgenden packenden Abenteuer on Hohenems:
Berliner Aktion in St. Margareten*** Showdown in der Ox-Bar***HC Roth und Gary Flanell und die unbekannte Fünferbande***Metäl, Punkrock Weiner und die heimwehkranke Kitesurferin von Hohenems*** und viele weitere Abenteuer von Europas neuer Electro-Beatitude-Hoffnung URS GROB BOOTSBETRIEB!!!