Body Count - Carnivore
Zeitschleife. Nee, Zeitreise. Zurück ins Jahr 1992. Erste BODY COUNT-Platte haut mich voll von den Socken. HipHop und Metal und so cool und derb, wir haben es alle geliebt. Die Metaller und Punks und HipHop-Typen in den Vorortsiedlungen. Crossover muss gesagt werden. Mehr Crossover ging nicht. Also Crossover als Stil, nicht als Methode. Im Golf II durch die Spielstraßen cruisen und dabei "Body Count's in the house" oder "Cop Killer" aus dem werkseigenen Autoradio hören. Sich dabei wie ein Gangster in L.A. fühlen. Mama machte die Wäsche.
BC brachten den westdeutschen weißen Kleinbürger-Kids realen US-Rassismus nahe. Heute leider immer noch großes Thema. Hat sich in 28 Jahren irgendwas geändert? Die Probleme sind dieselben, dazu noch aktuelle unglaublich viele neue, aber klar, Rassismus - immer noch an der Tagesordnung. Ist somit Ice-Ts Lebensthema. Damn, der ist ja auch schon 60. Krieg bloß kein Corona, Alter.
Neue Platte, die achte wohl. Die sechs Platten dazwischen haben mich alle nicht interessiert. Mal reingehört auf Youtube. War aber alles nix.
Was geht auf "Carnivore"? "The Hate is real" ist ok, klingt wie ausm Slayer-Proberaum, "6 in the morning" wie 90er-Flair mit einem schicken Prince-von-Bel-Air-flow. Ice-T insgesamt immer noch voll sauer. Gestus, Habitus, Wahl der Waffen, alles dasselbe wie vor knapp 30 Jahren. Musikalisch allerdings auch. Keine neuen Zutaten dabei. Metal halt. In allerlei Spielarten. Kaum Überraschungen. Keine Experimente. Alles solide. Weiß halt was er tut, der Ice-T. Und seine Leute halt auch. Von der Originalbesetzung sind fast alle tot, fuck. Jetzt aber gute neue Leute dabei. Naja, vielleicht etwas härter geworden, dazu ein paar Gäste (Sepultura-Max, Evanescence-Amy, puh, das ist echt hart), die die Sache aufpeppen, aber it is all in there. Metal, political lyrics, Gangsta-Habitus, spoken word intros vor Rocksongs. Alles wie immer. Wer kann es Body Count verdenken? Ich seufze, weil es so aussieht, als hätte sich wirklich nichts verändert. Hat sich wohl auch nicht. In vielerlei Hinsicht.
Mittendrin ein Motörhead-Cover, Ace of Spades. Echt jetzt? Ach, komm schon. Muss das echt sein? 1000 Motörhead-Songs und ihr nehmt den abgedroschensten? Da war das Exploited-Medley mit Slayer vor x Jahren pfiffiger. Vgl. OST "Judgment Night", 1993.
Schon schön alles, aber spannend? Nee, nicht so ganz. Die Zeiten sind immer noch finster, vielleicht war es lang nicht mehr so finster. Ice-T ist ein alter wütender Mann, nicht weiß, der seinen Groll in Rockmusik packt, mit der seine Alterskohorte gut was anfangen kann. Schon gut, dass er's immer noch macht. Aber er kriegt mich nicht wirklich. "Carnivore" ist zu solide insgesamt. Vielleicht auch etwas zu ernst. Erste Platte hat noch einen kruden, schwarzen Humor, vgl. "KKK Bitch" oder "Evil dick". Finde ich auf "Carnivore" nicht. Nur Wut. Ist alles soviel schlimmer geworden?
Das wäre es dann wohl. Vor Corona verblasst derzeit auch wirklich alles. Schulterzucken und zuhören. Könnte ich damit im Elektro-Golf durch Ostberliner Vorortsiedlungen fahren und mich wie ein South-Central-L.A.-Gangster-Graurücken fühlen? Ehmn, nein. Liegt aber eher an mir, nicht an Ice-T und seinen Kumpels.
(H) wie (Handwerk, solide gemacht und solide Handwerker kann die Welt immer brauchen) auf der 26-teiligen Renfield-Rezensions-Skala
Gary Flanell
Diese Rezension wurde im FreeWriting-Verfahren nach Ken Macrorie und Peter Elbow innerhalb von 10 Minuten verfasst. Bis auf Rechtschreibfehler wurde nichts verbessert oder redigiert.
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Samstag, 21. März 2020
Sonntag, 2. Juli 2017
If I can't dance, it's not my relegation
Gestern in Hamburg gewesen. Wunderbare Lesung in der Tortugabar gehabt, vor wunderbar sympathischem Publikum und gemeinsam mit dem wie immer dufte aufgelegten Abel Gebhardt. Wetter wie überall, aber mehr Plakate. Haben ja auch bald G20 und all das. Was könnte man da als Soundtrack zum Dagegen-Sein auflegen? Slime, klar. Die laufen ja fast schon unter Volksmusik da oben. ...But Alive sicher auch. Allen HSV-Anhängern zwischen Eppendorf und Lüneburg könnte man zwischendurch mal ein kerniges "Hasta la relegation siempre" zurufen. Kriegen sie in der nächsten Saison sicher wieder hin. Ewige Relegation... das hat schon sowas Fegefeuermäßiges.
Davon ab ist es derzeit so, dass viele alte kämpferische 90er-Helden wieder antreten, deren Gesamtwerke man den Einsatzkräften gut über das Soundsystem aller G20-Gegner dröhnen lassen könnte. Platten aus einer Zeit, als es total aufregend war, Stile zusammenzumischen, die bis dahin eigentlich wie Feuer und Wasser waren. Und zusammen eben sehr gutes Feuerwasser ergaben. HipHop und Rock bzw. Punk bzw. Metal zum Beispiel. Die älteren unter den Lesern dieses Heimwerker-Blogs erinnern sich bestimmt.
Rollt also jetzt das großes 90er-Crossover-Revival auf uns zu? Ist wahrscheinlich schon in vollem Gange. Folgt alles den bekanntem Revival-Subkultur-Aufkoch-Nostalgie-Zyklus, wäre es demnach an der Zeit. Und es gibt wirklich ein paar Beispiele von alten Helden, die jetzt, möglicherweise auch inspiriert durch das kreative Tun und Lassen des derzeitigen US-Präsidenten, ihre runzligen Köpfe nicht nur zusammenstecken, sondern sie voller Wut erheben.
BODY COUNT wären in dieser Sache das erste prominente Beispiel. Deren "Bloodlust"-Platte, gerade erst ein paar Monate alt, ist ein hübsches, bolleriges Metalcore-Album geworden (und alle, wirklich alle können mittlerweile ihre Instrumente spielen). Kommt vielleicht immer noch nicht an die erste LP ran, aber die hatte damals ja auch den Bonus, dass Ice-T mit seiner Rockcombo einen wirklich neuartigen Crossover wagte.
Dann wären da noch PROPHETS OF RAGE - diese Ansammlung der wütendsten (!) und kapitalismuskritischsten (!!) und am meisten-für-Revolution-dafür-sein-wollsten (!!!) Helden der 90er Jahre (quasi die Alternative-Version dessen, was uns Formatradios immer als das beste der vergangenen Jahrzehnte verkaufen wollen): Rage against the Machine, Run DMC und einer von Cypress Hill (kiff kiff, bellt mein kleiner grüner Mops da heiser) - alle in einem Topf respektive auf einer Bühne und fertig ist der Aufguss für die Ü-40-Party in der instandbesetzten 90er-Jahre-Sauna.
Nun ja. Es ist nicht zu überhören, dass POR eigentlich komplett nach RATM klingen (inklusive total gefährlich wirkender Alarmsirenensamples), allerdings angereichert mit zwei Rappern, die der gleichen Alterskohorte entstammen. Zack de La Rocha, immerhin normalerweise ziemlich lautes und wütendes Sprachrohr von RATM, ist bei diesem Ding allerdings nicht mit dabei.
Blöd nur, dass vor den Prophets of Rage-Videos auf diversen Plattformen ausgerechnet die Werbung von Konzernen wie Coca Cola vorgeschaltet wird. Passt dann doch nicht so recht. Aber vielleicht muss ich mich daran gewöhnen, dass sowas kein Widerspruch mehr ist.
Davon abgesehen: Die Besetzung dieser (Achtung Scheißwort-Alarm!) "Allstar-Band" war für viele, die mit diesem Sound großgeworden sind, möglicherweise genau der eine Grund, sich das Ticket für die riesigen Open-Airs vom Munde zusammenzusparen, auf denen POR dann gespielt haben. Revolutionäre Töne schwingen und das dann den Massen auf dem kommerzigsten aller Kommerzfestivals, Schlock am Ring, servieren, passt für mich allerdings trotzdem nicht. Immer noch nicht. Passte auch bei RATM früher nicht. Wenn ich jetzt allerdings anfange daran rumzugranteln, klinge ich wie ein alter Mann, der nur noch verbittert ab und zu an seiner Club Mate nuckelt.
Soundmäßig ist das alles natürlich total solide (übersetzt: wenig überraschend) und hat auch nach 20 Jahren genug Biss - und dass diese Band immer noch was zu sagen hat, zeigt der Clip vom Anti-Inauguration-Ball. Musikalische Revolutionen finden aber sicher mittlerweile woanders statt - nicht nur stilistisch, sondern auch geographisch.
Allerdings sind mir Tom Morello, Chuck D und B-real in dieser Konstellation immer noch lieber als irgendwelche altgewordenen deutschen Hüpfaffen, die glauben, sie müssten beim Bühnenacting mit 45 noch ihre Hüfte riskieren. Ich fürchte mich wirklich vor dem Tag, an dem die H-Blockx, Guano Apes oder Clawfinger wieder anfangen, mit den Re-Releases ihrer alten Scheiben die Presswerke dieser Welt zu verstopfen.
Wer früher auch nicht fehlen durfte, wenn Rocker ihre stilistische Offenheit präsentieren wollten und eine Hip-Hop-CD kauften (aber nur eine mit "Parental Advisory"-Sticker, ohne ging gar nichts) waren sicher PUBLIC ENEMY. Die ließen sich möglicherweise durch die Aufmerksamkeitswelle des Prophets-of-Rage-Projekts dazu bewegen, ihrerseits eine neue Platte rauszuhauen. Dabei bedient man sich für das Werk mit dem vor Weisheit strotzenden Titel "Nothing Is Quick In The Desert" durchaus zeitgemäßer Vertriebswege. Soll heißen: Es gibt einen Public-Enemy-Bandcamp-Seite und als gar nicht so blöder Schachzug lässt sich die Platte dort derzeit kostenlos runterladen. Allerdings nur bis zum 4. Juli. Bis zum 4. Juli! Symbolträchtiger geht's für eine US-amerikanische HipHop-Crew gar nicht. ("Runtergeladen am 4. Juni" - könnte ein zeitgenössisches Drama sein. Mit Tom Cruise in der Hauptrolle. Iiih, Tom Cruise.)
Ach, diese alten Kämpfer. Schmeißen nicht nur wie die irren Hexenmeister of Rap unglaubliche Mengen und Vielfalten an Samples in den Kessel, sondern haben jetzt also das Clickbaiting für sich entdeckt.
Ihr seht, liebe Freunde aus Stützstrumpf-City, es ist nie zu spät, um einen Fuß auf Neuland zu setzen. Also husch husch, beeilen und rein in den 90er-Jahre-Zeitmaschinen-Whirpool. Und beim Hüpfen schön auf Hüfte, Meniskus und Fußknöchel achten.
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