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Donnerstag, 15. August 2024
Schön, wenn die Chemie stimmt Pt. I
MARTINA CLAUSSEN UND KATHARINA KLEMENT - ALCHEMICAL ALLURES
Das österreichische Duo Claussen-Klement, auch bekannt als DUO 3-KANAL (zu zweit in Korrespondenz mit einer Lautsprecherbox) stilisiert mit Alchemical Allures eine wohlgeplante Klang-Collage bestehend aus dinglich-zithrig-vocaloiden Geräuschfetzen, flatternd in einem elektro-ätherischen Corpus. Durchdacht arrangiert, auch wenn sich der Sinn dessen nicht unmittelbar erschließt. Aber das ist womöglich schon die titulierte Alchemie, die ja auch undurchsichtig und umstritten ist.
Alchemie, das ist die mittelalterliche Stofflehre mit ihren unzähligen reaktiven Versuchen, ferner das Veredeln unedler Stoffe. Ob Claussen und Klement mit ihrem vierteiligen Album ein güldenes Erzeugnis vollbracht haben, soll im Folgenden Gegenstand der Untersuchung sein.
Alchemical Allures ist in vier Teile gliedert: Helium, Silver, Sodium und Neon, je sieben bis zehn Minuten lang. Unklar ist, ob diese chemischen Elemente bereits das Produkt sein oder als Reaktant herhalten sollen. Helium beispielsweise ist zwar kein Gold, aber immerhin ein edler Stoff, nämlich ein Edelgas.
Helium, altgriechisch für Sonne, eröffnet den Ohren einen tatsächlich hörbar hell beschienen Wiesengrund mit Grillengezirpe und Wind im Hintergrund. Die Stimmung indessen wird schnell düster-schaurig, ob der claussen’schen Lippenbekundungen: Hauchen, pressiertes Gluckern, Piep und Plopp, Hecheln und flinke Zungenakrobatik. Eine schizoide Mischung aus Erotik und Horror, aus indigenem Kauderwelsch und Würgereiz. Derweil klackert Klement grazilen Schrittes auf kühlem Grund durch einen fernhallenden Korridor und ergänzt die Naturelle mit maschineller Kulturstruktur.
Silver, das argentische Übergangselement, erklingt sofort als das, was es ist, als Metall, hier spiraliert und verschieden dick aufgetragen. Man kann sich gar einen silbernen Vogel vorstellen, der routiniert durch seine Metallfedern schnäbelt. Dabei schrammelt und döngelt es anmutig, das Federvieh bürstet dabei schwingelnd über den Boden, stößt mit seinem Bürzel hin und wieder an einen Becher oder an eine Klangschale, aber viel mehr passiert eigentlich nicht.
Sodium brummt. Sodium knistert. Dies reine Element, auch Natrium genannt und auch ein Metall, scheint sich dick- und dünnflüssig durch etwas zu winden. Hier dominieren die elektrischen Frequenzen, viel Strom, sowohl solo also auch angenehm resonant in verschiedenen Tempi. Überraschend ineinander fallend in die sämig-wogenden Elektronenteppiche wispert erneut die bereits bekannte Stimme hie und da, von links nach rechts, von hinten nach vorne, ähnlich schizo-schrill wie in Helium, doch diesmal inmitten eines großvolumigen Rauschens, das wie Sodbrennen durch die Röhren der Mensch-Maschine blubbert.
Eine Reise durch das Innere, achtsam aufgebaut, füllig verwoben und am Ende fummelt ein blonder Barde auf seiner Laute zum Geleit durchs Gedärm Groß aufgebaut, ganz seicht ausgeblendet mit pfiffelndem Tön und in Folge dessen doch nur ein feuchter Furz.
Neon schließlich ist die vierte Komponente und wiederum ein edle, ein Edelgas und insofern im gleichen Aggregat wie der alchemistische Auftakt. Zurückhaltend und argwöhnisch begegnen sich Metallquellen und perkussive Rascheleien. Ein bisschen Stimme, ein bisschen No-Input-Mixing, ein bisschen Rausch, ein bisschen Plastik, ein Gong, der nicht gongt, überspannte Saiten und Kling und Klang. Eher abwechselnd und tatenlos, so wie das reaktionsträge Neon in seinem ureigensten Element. Der Schluss geriert zaghaft zur geigenhaften Horrorfilmbegleitung, aber finalisiert das Album mit offenem Ende und erschöpftem Fragezeichen.
Ist die Transmutation gelungen? Das Opus magnum, der Stein der Weisen, ist dies wohl nicht. Alchemical Allures hört sich weniger wie Musik und mehr wie eine Performance an.
Als Sound-Installation für eine Kunstausstellung, wo in einem weißen Raum Grasbüschel, Federn und Zweige an einer Schnur von einem Motor im Kreis gezogen werden und eine groteske Puppe dazu tanzt und launenhafte Phrasen tönt, ist dieses Klangerlebnis besser verortet. Eine Mixtur aus artifizieller Inszenierung und Kontemplation bis hin zum Allerlei, denn nur allzu oft und besonders in Silver werden an sich schöne Sounds weitestgehend brav aneinandergereiht wie in einem Hexenkessel, in den Elemente geworfen werden, die sich schlechterdings kaum verbinden lassen.
Das großräumliche der elektronischen Komponenten und die zumeist effektlosen perkussiven und vokalen Elementen stehen sich zu singulär gegenüber und lediglich in Sodium bricht die Membran auf und breitere Teppiche entrollen sich zu einer verwobenen Melange. Alles andere klingt gekünstelt und ist darob Kunst, aber es hat gleichsam einen unauthentischen Beiklang, der zuweilen vorführend und gar besserwisserisch rüberkommt.
Ist das Wiener Schmäh oder arrangierte Scharlatanerie? So allüresk die Kompositionen auch sein mögen, sie fügen sich ein in ein versuchungsreiches Konzeptalbum ritueller Elektrokunst: Alchemical Allures ist ein fundiertes Klangexperiment von Martina Claussen und Katharina Klement, eine intellektuelle Akustik-Performance zweier Künstlerinnen aus Österreich.
Gustav Roland Reudengeutz
MARTINA CLAUSSEN UND KATHARINA KLEMENT - ALCHEMICAL ALLURES ist auf Ventil Records erschienen.
Freitag, 22. Oktober 2021
Geile Meckertypen
Die Momente, in denen mir alles am Arsch vorbeigeht, mehren sich fatal. Menschen nerven mich an oder sind mir scheißegal. Ich seh sie kaum noch, nur graue Masse, durch die ich hindurchschlupfe, von einem Termin zum anderen. Das hat nichts mit Herbst zu tun, obwohl der auch scheiße ist. Herbst ist scheißer als Winter, Winter ist scheißer als Frühling Frühlng ist ok. Sommer auch ok. Ich will immer Sommer. Aber keine Klimakatastrophe.
Hier auf dem Blog war ich einige Jahreszeiten lang nicht mehr. Tja, so ist das im Leben der arbeitenden Menschen - Zeit für Muße und gesellschaftlich verachtetes Nichts-Tun ist nicht mehr. Nicht mal Zeit für einen kleinen Blogtext. Warum? Weil dich die Erschöpfung und die Geschwindigkeit, die die Strukturen von dir erwarten, jeden Abend ermattet ins Sofa pressen.
Andererseits... hätte ich jetzt keinen Job, der Tagesstruktur gibt, wäre ich bestimmt nicht hier dabei, einen Text zu schreiben. Ich hoffe, ihr versteht. Wenn nicht, auch egal. Ich war jedenfalls lange nicht mehr hier in meinem kleinen Schreibraum. Kurze Info: Das Renfield-Zine in Printform schläft immer noch. Bringt ja kein Geld. Würde mir das meine Miete zahlen und nicht nur die, dann würde ich eventuell über eine zeitnahe Auferweckung nachdenken. So bleibt der Blog. Und auch der bewegt sich sooft wie ein Grizzly im Winterschlaf beim Pupsen. Eine schöne Musik.
Ich pack hier jetzt mal ein Video von ATOMVULKAN BRITZ rein, sonst sieht das her alles so nach Textwüste aus. Das will ja niemand. Ich jedenfalls nicht. Außerdem ist es ein schönes Video zu einem Song von unserem nächsten Tape.
Ich höre derzeit eigentlich nur digital Musik. Nicht überraschendes am Ende des 21. Jahres am Anfang des 21. Jahrhunderts. Der Verstärker von der Anlage ist kaputt, jetzt für immer. Ich hab keine Zeit, einen neuen zu besorgen oder den alten reparieren zu lassen. Ok, ihr habt es verstanden: Ich habe keine Zeit für nix und irgendwas. Werd's nicht mehr erwähnen. Jedenfalls hör ich deshalb vermehrt digital Musik. Platte ist aber immer noch geiler. Ab und zu schwemmt die Promo-Post Neuigkeiten über neue Platten ins Postfach. Viel deutschsprachiges und ehrlich gesagt: Das meiste ist schrecklich langweilig. Unglaublich öde und doof. Hab ich ein Glück, dass ich drüber nichts schreiben MUSS. Ich könnte schöne beschissene Verrisse schreiben, aber dafür will ich keine Energie aufwenden. Denke eh schon immer negativ, das kostet genug Kraft.
Und gute Musik, ja die gibt es, aber die Faszination über SPELLLING, ALGIERS, ZEAL & ARDOUR und ähnliches, will ich gar nicht teilen. Ich behalte mein Vergnügen für mich, nicht mal Links zu Videos der oben genannten wird es hier geben. Das ist der Tribut ans Informationszeitalter. Keine Information preisgeben, über das, was mich wirklich umtreibt. Ha, da erzähl ich mir ja selber ein Märchen. Meine Spuren im Netz düfte eh überall zu finden sein. Aber in Sachen Musik steh ich auf den Rückzug ins Analoge. Aufs gute alte HörenSagen. Keine Info über das, warum ich was gut finde. Keine tiefe Analyse der guten Platten. Mach dir selber ein Bild.
Was mich zum LUNSEN TRIO bringt. Wollte neulich eine 7inch bei Tapete Records bestellen, weil der Bandname so interessant war. "Nix" hieß die Single. War aber ausverkauft. Hab mir dann das Video angeschaut und war begeistert. Keine Ahnung, was Lunsen sind. Ich hoffe, etwas total unnützes und absurdes. Das Wort erinnert mich an Rumlungern und auch an irgendwas Essbares, das früher mal Kuh war. Ach nee, das waren Kutteln. Schreckliches Zeug. Gabs mal kalt auf einer Party in Polen, direkt aus dem Glas. Schmeckte schrecklich.
Schrecklich ist das LUNSEN TRIO keineswegs. Eher dem wenigen guten Deutschsprachigen zuzurechnen, das ich in letzter Zeit gehört habe. Ich glaub die sind aus Wien, es klingt ein bissl so. Hat so einen leichten VOODOO JÜRGENS-trifft-auf-CHRISTIANE_RÖSINGER-Touch, also Wiener und Berliner Atmo, sowas geht ja immer gut zusammen. Auch ein bißchen wie die letzte Platte von MEKANIK DESTÜKTIV KOMMANDO. Erklären kann ich das nicht. Die Lunsen haben jedenfalls viel Folk und Indie-Rock drin in ihren 69 ways of pubrock, hier und da mal durchaus auch etwas Ska. Also sowas, was Eddie & The Hot Rods Ende der 70er in London auf die Bühnen gebracht haeb. Interesanterweise fällt mr spontan keine andere deutschssprachige Pub Rock-Band ein. Auch deshlab ist das Lunsentrio sehr interessant. Ganz klar ist hier ein großstädtischer Habitus zu erkennen. hier gehts nicht um die Schönheit der entlegenen Natur. Urbane Orte werden gewürdigt, alle Nase lang, ganz klar in dem Gertrudenplatz-Song, die Provinz dagegen gern mal mit Lust zertrümmert, z.B. in der Offenbacher Küchenzerstörung. Gesungen wird schon auf hochdeutsch, dazu hat der Sänger eine schöne meckerige Nöhligkeit. Ich mag das.
Geile Mecker-Typen in zu engen Pullis und altmodischen Brillen sind das. Stelle mir vor, wie dieses Trio an einem pitoresken Springbrunnen (Kreuzberg!) rumhängt, den ganzen Tag. Und da nur meckert, lästert, Menschen beobachtet, Touristen bespuckt, Bier trinkt. Wenn's nötig ist, mal zwei Stunden in den Proberaum geht, um einen neuen Song aufzunehmen. Bezahlt wird das dann natürlich super. Damn, so ein Leben, das wär geil.
Gute Texte sind das auch. Das Nix-Lied ist auch im Album-Kontext ein Knaller. "Die Offenbacher Küchenzerstörung" auch, besonders charmant wegen der kleinen STUNDE X-Referenz. "Gertrudisplatz (OI! The Tresen)" und "Reggae für Paul-Peter Zahl" auch geil. Ganzes gutes Album. Ok, den Titel kann ich auch mal erwähnen. "69 Arten, den Pubrock zu spielen". Und genau das bekommt man. Und ich liebe es, obwohl ich gar nicht mehr ins Pub gehe. Die Gicht und so, ihr wisst schon. Es spielt übrigens auch einer von FRANZ FERDINAND da mit. Macht mit dieser Information, was ihr wollt.
Gary Flanell
C auf der 26-teiligen Renfield-Rezensions-Skala.
"69 Arten den Pubrock zu spielen" vom LUNSEN TRIO erscheint heute, dem 22.Oktober 2021 auf Tapete Records.
Labels:
69 Arten den Pubrock zu spielen,
Berlin,
Fuck You,
Lunsentrio,
Rumhängen macht Laune,
Schlechte Laune macht Laune,
Tapete Records,
Wien
Standort:
Berlin, Deutschland
Dienstag, 9. Februar 2016
Nun zeige ich euch euer Land
Oh, dieses Österreich! Oh, diese Kulturförderung!
Sie registrieren spätestens ab Sommer keine Flüchtlinge mehr und bis dahin nur in „Tageskontingenten“, sie regieren ganze Länder blau und scheuen vielerorts auch nicht die offensiv geäußerte Menschenfeind-
lichkeit. Aber sie geben Geld für Kultur aus. Nicht nur für die bereits erwähnte vergoldete Hochkultur, sondern für lebendige Subkultur.
So ist die Frauenabteilung der Stadt Wien 2012 hingegangen und hat Musikerinnen eingeladen, eine Neuinterpretation von Arbeiterinnen- und Kampfliedern vorzunehmen. Mit der durchaus einsichtigen Überlegung, dass selbige kein Mensch mehr kenne, geschweige denn singe, und das doch irgendwie schade sei – aber auch mit der Frage, ob denn das Lied noch eine politische Artikulation sei? Fuck yeah!
Das Resultat ist eine Doppel-CD, trocken betitelt „re:composed“, mit einem ausführlichen Booklet dabei – und das Ganze gibt es UMSONST zu bestellen unter frauen@wien.gv.at. Dank der emsigen Kollegin Niki Matita ist dieser interessante Tonträger - wenn auch mit einiger Verspätung - im Renfield-Hauptquartier gelandet. Kuratiert hat Ulrike Mayer, die Wiener Initiatorin des Girls Rock Camp ist und Kulturarbeit als ein „Einmischen in gesellschaftliche, politische und kulturelle Debatten“ versteht. Da es sich um Extrem-Intertextualität handelt, also um Neuerfindungen, die sich in mehrfacher Weise auf andere Texte beziehen, ist es interessant, die Geschichten zu lesen, wie die jeweiligen Musikerinnen mit ihren Stücken umgegangen sind. Aber die Stücke überzeugen auch unmittelbar völlig ohne Kontext, musikalisch, textlich und, fuck yeah, politisch.
„Es hat sich was getan im Land, zumindest was Musik betrifft“, stellt Mieze Medusa lakonisch fest, „wir brauchen neue Lieder, die alten singen wir nicht mehr.“ Sie hat die Internationale recomposed – das heißt, abgeschafft. An ihre Stelle setzt sie einen Spoken Word Appell, nicht an die internationale Solidarität, sondern an Schneewittchen, ob sie wisse, wie man den gläsernen Sarg zerschlägt: „Hast du da Erfahrungswert, gilt der auch für Decken?“ Schlag nicht zu zaghaft, rät Schneewittchen, wart nicht zu lange. Bisher gibt es nur „Worte als Hülsen, Erklärung als Absicht, Vertröstung auf morgen... das geht sich halt leider in diesem Jahr wieder nicht aus...“
Das Original ganz fallen zu lassen ist ein Extrem der Interpretationen, andere Künstlerinnen haben 'ihren' Song einfach nachgespielt, etwa Stefanie Sourials „Bella Ciao“. Dazwischen gibt es jede Menge Variation. Cherry Sunkist und Ana Threat setzen experimentell-elektronisch um, auch das „Wiedner Spital“ von Laminadyz, ursprünglich eine Grusel-Moritat über Prostitution und Geschlechtskrankheit, wird zur Klanginstallation. Mika Vember lässt das von KZ-Gefangenen geschriebene „Ravensbrücklied“ vielstimmig durcheinander sprechen.
Angie Domdeys „Unter dem Pflaster liegt der Strand“ aus den 70ern wird von Vera Kropf, der Frontfrau der Wiener-Berliner Indie-Kapelle Luise Pop, hingegen originalgetreu interpretiert. Auch „Drei rote Pfiffe“ stammt aus den 70ern und erzählt die wahre Geschichte der Partisanin Helena „Jelka“ Kucher. Sie tritt als alte Dame im Kreis ihrer Enkel auf, die sagt: „Nun zeige ich euch euer Land.“ Am Ende fordert sie sie auf: „Jetzt trampeln sie wieder auf euren Rechten herum – erinnert euch meiner Geschichte.“
„Auf auf zum Kampf“ schließlich war erst ein Soldatenlied, wurde dann etwa 1919 von Linken umgeschrieben und 1930 von der SA okkupiert. Was macht man wohl damit? Na klar, die „Biedermeierversion“! Der Zeitgeist wird optimal eingefangen von Mimu mit dem neuen Text: „Auf auf zum Kampf, zum Kampf... weiß jemand, worum es geht?“ Mit Piepsstimme und kindlichem Händeklatschen flöten sie: „Ich bleibe gern und viel bequem bei mir daheim... Der Glaube an Veränderung ist verloren, und die moderne Zeit, die ist mir zu komplex.“
Alissa Wyrdguth
Sie registrieren spätestens ab Sommer keine Flüchtlinge mehr und bis dahin nur in „Tageskontingenten“, sie regieren ganze Länder blau und scheuen vielerorts auch nicht die offensiv geäußerte Menschenfeind-
lichkeit. Aber sie geben Geld für Kultur aus. Nicht nur für die bereits erwähnte vergoldete Hochkultur, sondern für lebendige Subkultur.
So ist die Frauenabteilung der Stadt Wien 2012 hingegangen und hat Musikerinnen eingeladen, eine Neuinterpretation von Arbeiterinnen- und Kampfliedern vorzunehmen. Mit der durchaus einsichtigen Überlegung, dass selbige kein Mensch mehr kenne, geschweige denn singe, und das doch irgendwie schade sei – aber auch mit der Frage, ob denn das Lied noch eine politische Artikulation sei? Fuck yeah!
Das Resultat ist eine Doppel-CD, trocken betitelt „re:composed“, mit einem ausführlichen Booklet dabei – und das Ganze gibt es UMSONST zu bestellen unter frauen@wien.gv.at. Dank der emsigen Kollegin Niki Matita ist dieser interessante Tonträger - wenn auch mit einiger Verspätung - im Renfield-Hauptquartier gelandet. Kuratiert hat Ulrike Mayer, die Wiener Initiatorin des Girls Rock Camp ist und Kulturarbeit als ein „Einmischen in gesellschaftliche, politische und kulturelle Debatten“ versteht. Da es sich um Extrem-Intertextualität handelt, also um Neuerfindungen, die sich in mehrfacher Weise auf andere Texte beziehen, ist es interessant, die Geschichten zu lesen, wie die jeweiligen Musikerinnen mit ihren Stücken umgegangen sind. Aber die Stücke überzeugen auch unmittelbar völlig ohne Kontext, musikalisch, textlich und, fuck yeah, politisch.
„Es hat sich was getan im Land, zumindest was Musik betrifft“, stellt Mieze Medusa lakonisch fest, „wir brauchen neue Lieder, die alten singen wir nicht mehr.“ Sie hat die Internationale recomposed – das heißt, abgeschafft. An ihre Stelle setzt sie einen Spoken Word Appell, nicht an die internationale Solidarität, sondern an Schneewittchen, ob sie wisse, wie man den gläsernen Sarg zerschlägt: „Hast du da Erfahrungswert, gilt der auch für Decken?“ Schlag nicht zu zaghaft, rät Schneewittchen, wart nicht zu lange. Bisher gibt es nur „Worte als Hülsen, Erklärung als Absicht, Vertröstung auf morgen... das geht sich halt leider in diesem Jahr wieder nicht aus...“
Das Original ganz fallen zu lassen ist ein Extrem der Interpretationen, andere Künstlerinnen haben 'ihren' Song einfach nachgespielt, etwa Stefanie Sourials „Bella Ciao“. Dazwischen gibt es jede Menge Variation. Cherry Sunkist und Ana Threat setzen experimentell-elektronisch um, auch das „Wiedner Spital“ von Laminadyz, ursprünglich eine Grusel-Moritat über Prostitution und Geschlechtskrankheit, wird zur Klanginstallation. Mika Vember lässt das von KZ-Gefangenen geschriebene „Ravensbrücklied“ vielstimmig durcheinander sprechen.
Angie Domdeys „Unter dem Pflaster liegt der Strand“ aus den 70ern wird von Vera Kropf, der Frontfrau der Wiener-Berliner Indie-Kapelle Luise Pop, hingegen originalgetreu interpretiert. Auch „Drei rote Pfiffe“ stammt aus den 70ern und erzählt die wahre Geschichte der Partisanin Helena „Jelka“ Kucher. Sie tritt als alte Dame im Kreis ihrer Enkel auf, die sagt: „Nun zeige ich euch euer Land.“ Am Ende fordert sie sie auf: „Jetzt trampeln sie wieder auf euren Rechten herum – erinnert euch meiner Geschichte.“
„Auf auf zum Kampf“ schließlich war erst ein Soldatenlied, wurde dann etwa 1919 von Linken umgeschrieben und 1930 von der SA okkupiert. Was macht man wohl damit? Na klar, die „Biedermeierversion“! Der Zeitgeist wird optimal eingefangen von Mimu mit dem neuen Text: „Auf auf zum Kampf, zum Kampf... weiß jemand, worum es geht?“ Mit Piepsstimme und kindlichem Händeklatschen flöten sie: „Ich bleibe gern und viel bequem bei mir daheim... Der Glaube an Veränderung ist verloren, und die moderne Zeit, die ist mir zu komplex.“
Alissa Wyrdguth
Dienstag, 18. November 2014
Berlin stirbt
Eine Platte, wie aus der Zeit gefallen, hat letztes Jahr im Renfield-Hauptquartier für einiges Schmachten und Seufzen gesorgt: Das Artwork des Debutalbums von JO STRAUSS sieht aus wie eine Zigarettenwerbung aus den 70ern oder 80ern. Ein junger Mann schaut skeptisch bis Wütend mit einer Kippe in der Hand und über die Schultern geschlagenem Pulli in die Kamera. Die Musik: tief traurige und melancholische Songs in herrlichstem österreichischem Dialekt, so traurig, dass nur der Herbst als Jahreszeit zu diesem Soundtrack passt. Und dann trotzdem immer wieder diese Berlinbezüge da drin, von den Titeln und den Lyrics her. Wie passt das zusammen? Hat da jemand zuviel Hader, Qualtinger und Waits in die Melange gerührt und alles in einem Zug runtergespült? Gute Fragen, die an einem Wochentag – natürlich im Oktober - gestellt werden wollten und in der 27. Printausgabe des RENFIELD-Zines veröffentlicht wurde.
Gary: Hallo Jo, auf der Platte sind ja recht viele Songs mit Berlin-Bezug drauf. Gleich drei tragen Berlin sogar im Titel, darunter Berlin stirbt – woran denn?
Jo Strauss: Der aufmerksame Zuhörer bemerkt, dass es in „Berlin stirbt“ um Parkautoamten geht, die installiert werden. Also eine relativ unspektakuläre Sache. Berlin stirbt wie jede Stadt an den kleinen Veränderungen. Es sind die kleinen Freiräume, die einem da weggeknabbert werden.
Zum Beispiel darfst du heute hier nicht mehr gratis parken und morgen darfst du dort nicht mehr rauchen. In Österreich ist es so, dass man vor dem Bahnhof gar nicht mehr rauchen darf. Obwohl man quasi nicht mehr im Gebäude steht. Man ertappt sich dann dabei, dass man leise zustimmt, von wegen: Ok, ich hab schon Verständnis dafür. Die Stadt braucht ja auch Geld. Ich bezahl halt meine drei Euro fürs Parken. Man stimmt einfach zu, man stimmt so dem Sterben zu. Man sagt so: Ach das bisschen Rauchen, darauf kann ich schon verzichten, rauch ich halt woanders, aber am Ende des Tages wird man darauf kommen, dass man dem Sterben zugestimmt hat.
G.: Also sind es eher die kleinen Veränderungen, die den langsamen Tod herbeiführen?
J.: Eine signifikante Veränderung in Berlin war in Prenzlauer Berg, dass fürs Parken kassiert wird. Das war für mich immer ein großes Plus, dass du in Berlin dafür nichts bezahlst. in Österreich war das ja schon gang und gebe. Ich hab dann erst bemerkt, wie viele von diesen kleinen Freiheiten sterben.
G.: Wie ist das mit dem Nichtrauchen in den Cafés, ist das ein Riesenproblem für dich?
J.: Schwierig. Es geht viel vom Kaffeehausglamour weg. Wenn ich ins Kaffeehaus gehe, will ich ja nicht meine Apfelschorle und meinen frischgepressten O-Saft trinken, sondern ich will ein bisschen Glamour. Und ein bisschen Glamour geht auch mit Zerstörung einher. Wenn man jetzt die Raucher alle verbannt, dann hat man bald kein Kaffeehaus mehr, sondern eher sowas wie einen Zahnarztwartebereich.
Ich will die Raucher nicht in Schutz nehmen, aber ich will diese heiligen Orte in Schutz nehmen. Ich will auch einen Kaffee trinken dürfen und nen Bier und nen Wein, obwohl jeder weiß. dass das nicht gesund ist. So ist es mit dem Rauchen auch. Ich finde, man sollte in heiligen Orten wie Kaffeehäusern rauchen dürfen.
G.: Du hast gesagt, dass du in Berlin wohnst. Wie hat es dich denn von Österreich eigentlich hier hin verschlagen?
J.: Ich habe lange in Österreich gewohnt und habe dann gedacht, ich muss mich bewegen und so hat es mich nach Berlin gezogen. Ich hab viel davon gehört, hatte Bekannte dort und das hat sich angeboten, sprachbarrieretechnisch und finanztechnisch, weil es ja, verglichen mit den anderen großen Städten, leistbar war.
G.: Ich kenne recht viele Österreicher, die von Berlin total begeistert sind. da frag mich mich, man könnte ja als Österreicher auch nach Wien gehen, das ist ja auch eine große Stadt. was ist denn für Österreicher an Berlin so faszinierend?
J.: Wenn man als Österreicher nach Wien geht wird man relativ schnell mit einer Grundstimmung konfrontiert, die nicht angenehm ist. Nämlich der, die alles, was nicht aus Wien kommt, als Provinzler abgestempelt. Das ist vielen Österreichern, die nicht aus Wien kommen, unangenehm. Wenn ich irgendwo hinkomme, und ich habe das Gefühl, ich bin quasi der Bauer aus Wien, dann ist das nicht angenehm. In Berlin wird man als Österreicher mit sehr offenen Armen empfangen. und das ist schon sehr angenehm. In Wien kommt das im Subtext dann schon so ein "Wo kommst du denn her?" mit.
G.: Ja, in Berlin ist das nicht so stark ausgeprägt. Wenn man da aus der deutschen Provinz kommt, dann ist man hier schnell unter seinesgleichen und wird man schnell aufgenommen.
J.: In Berlin ist jeder irgendwann mal zugezogen. Man hat so das Gefühl, dass die Österreicher und Österreich ganz positiv besetzt sind: Da ist man mal in den Urlaub hingefahren, da gibt es eine schöne Landschaft, das sind gemütliche Leute und sowas. Das spürt man.
Es ist halt was anderes, wenn man mal auf den Tisch haut und ernst genommen werden will, dann kann es schon mal sein, dass man als der kleine Bruder wahrgenommen wird, der mal wieder etwas besänftigt werden muss. Wenn man aber interessanterweise ein paar Jahre in Berlin gewohnt hat und kommt dann zurück nach Wien, dann sind die Wiener ganz brav und sagen: Ok, der war ja schon mal in Berlin. Man hat dieses Provinzlerdasein dann quasi abgehäutet.
G.: Die Platte hast du bei Alex Ott in Kreuzberg aufgenommen, wie seid ihr denn zusammengekommen? Was war für dich das Beste an der Arbeit zu den Aufnahmen mit ihm?
J.: Ein österreichischer Freund von mir, ein Musiker, wohnt schon länger als ich in Berlin. Der hat genau neben Alex‘ Studio einen Proberaum und meinte, wenn wir live aufnehmen wollen, ist das ein Tipp für uns. Es war immer eine gute Stimmung und ich hatte das Gefühl, dass Alex den Kern des Projekts erfassen und auf Tonträger bringen will. Spannende, für mich undenkbare und neue Aufnahmetechniken. Wir haben das Ding in nur zwei Tagen reingespielt, wie und warum das möglich war, ist zu einem guten Teil Alex' Verdienst.
G.: Du hast gesagt, dass ihr die Songs live im Studio aufgenommen habt. Warum war es für dich wichtig?
J.: Weil ich will das das so klingt wie in 'Echt'. Wir haben erstmals auch mit Live Monitoring aufgenommen (d.h. nicht jeder hört seinen eigenen Mix über Kopfhörer) sondern tatsächlich so, dass jeder dasselbe hört, weil es einen Speaker im Raum gibt - die minimalen Übersprechungen sind das enorme Plus an 'Feeling' echt wert. Einige Nummern haben wir tatsächlich mit einem Mikro in der Raummitte und einem Gesangsmikro aufgenommen - verrückt ist das eigentlich. Einige der Songs sind 'First takes' - wir waren nicht auf eine aalglatte Produktion aus, wir wollten dass das Ding so klingt wie das 'Gute Schlechte Laune Orchester' und Jo Strauss nun einmal klingen.
G.: Wo wohnst du eigentlich in Berlin?
J.: In Prenzlauer Berg.
T.: Das ist ja auch ein Bezirk, der sich sehr verändert hat und sehr bürgerlich geworden ist...
J.: Der hat sich in den letzten zehn Jahren ganz groß bewegt. Ich kenne Leute die den Prenzlauer Berg vor 20 Jahren beschreiben und das war wild. Jetzt ist das Gefährlichste in Prenzlauer Berg, dass dich ein Kinderwagen überrollt.
G.: Nervt dich das?
J.: Es ist eine Bewegung, die sich hier einfach so ergibt. Man stimmt halt so zu. Man sagt halt: Ok, ich gebe auch zu, dass ich es abends gern ruhig habe. Nur ertappt man sich dann dabei, dass man auch zugestimmt hat, dass die Kneipe am Eck dann zugesperrt hat. Und so verändert sich das. Es tut mir ein bisschen weh, aber ich muss auch gestehen, dass ich zu dieser Bewegung auch beitrage. Man sieht halt da wirklich beim Sterben zu und sagt dann aber auch: Ok, ich zahle halt mal eine Fuffi mehr Miete und spiele quasi das Spiel selber mit...
G.: Wo wir dann wieder beim Thema "Berlin stirbt" wären... Das Schöne, Kreative Unfertige von Berlin bleibt dabei auf der Strecke. Auf deiner Homepage steht als Infotext zu dir und deiner Musik "Schreibt Lieder, die den Menschen das Herz aus der Brust reißen, es auf den Boden schmeißen und dann gehörig darauf herumtrampeln sollen!" Ich finde, das klingt voll hart. Soll man leiden, wenn man deine Musik hört?
J.: Das wurde mir so von einem Journalisten hingedichtet. Ich habe mir da selber noch keine Geschichte zu ausgedacht. Man könnte es so auslegen, dass ein Großteil der Nummern ganz schön daherkommen und dann in den letzten Teilen dann so eine Wendung kriegen, die dann schmerzt. Man hört der Geschichte zu und denkt: Oh wunderschön, wie die so dahinplätschert und am Ende kommt dann eine kleine Wendung rein, die das ganze Ding auf den Kopf stellt. Wo einem das Lachen dann im Hals stecken bleibt.
G.: Das klingt für mich sehr typisch österreichisch, nach sehr schwarzem Humor. Wie wichtig ist der für dich beim Musikmachen und Texte?
J.: Schwarzer Humor ist großartig wichtig. man muss über dir Grausamkeiten schon schmunzeln können. Oder wie es bei Blaubart ist, so das ganz grobe Zeug. So der Geisterbahngrusel. Wir wissen eh, dass es nur ein Spiel ist und jetzt hüpfen wir mal da rein, und gruseln uns mal so richtig, aber nur weil wir wissen, dass es ein Spiel ist.
G.: Als ich die Platte gehört habe, dachte ich: Hmm, es ist ziemlich düster und makaber, aber auch unterhaltsam. Die Songs sind geil, und da singt einer in einem harten österreichischen Dialekt und kommt aus Österreich. Was hältst du in dem Zusammenhang eigentlich von dem Begriff Austropop?
J.: Schwierig. Austropop, wenn man das so hört und ganz eng steckt, ist das irgendwelcher grässlicher Schaum, der oben schwimmt, den man da sieht. Aber in der Tiefe des Austropops gibt es ganz großartige Sachen, die versteht man nicht so unter Austropop. Man denkt da gleich an Fendrich und so. und man sieht nur das dünne zeug, aber es geht im Austropop weit nach unten.
G.: Aber wäre das ein Begriff, ein Genre, das du auf deine Musik anwenden würdest?
J.: Ich glaube ja, weil sich sonst kein Begriff etabliert hat. Wenn man sagt es ist Singer/Songwriter oder Folk, dann wird auch gleich gefragt: Wie, und du singst deutsch? Es gibt keinen richtigen Begriff dafür, deshalb kann ich mit Austropop schon leben. Eben weil ich weiß, dass es da weit in die Tiefe geht.
G.: Ich musste bei vielen Songs auch an das denken, was Tom Waits so auf seinen Platten treibt. Ist der ein Einfluss für dich?
J.: Tom Waits ist auf alle Fälle ein Einfluss, vor allem die Rauheit, wie sie sich im Instrumentalen so findet, habe ich sehr gern. Im Austropop hat man sich dahingehend beispielsweise nie sehr weit aus dem Fenster gelehnt, dass man sagt: Jetzt lassen wir die Band mal so spielen, wie sie spielt und machen da nicht mit dem Bügeleisen drüber alles glatt.
G.: Unter deinen Mails zum Terminfindung für dieses Interview steht in der Signatur immer „Sitzmusik und ein bisschen Kabarett“. Wie kann man sich das live vorstellen?
J.: Es ist tatsächlich so eine Mischung aus Konzert und Kleinkunstabend. Zwischen den Nummern werden immer Geschichten erzählt oder ich erzähle Geschichten zu den Musikern. Es ist oft schon lustig, wenn ich einfach was erzähle, obwohl ich selber manchmal nicht genau weiß, warum.
Ich habe gemerkt, dass es dem Abend sehr dienlich ist. Denn wenn ich in dieser Schwere einen Abend bestreite, ohne was zu sagen, dann denken die Leute nach der dritten Nummer: Was ist das für ein Arschloch? Depressiv, morbid und so?! Das ist ihnen oft zu schwer. Ich erzähle eh gerne was und dann merken die Leute auch: Ah, er ist eh ja doch ein Mensch.
G.: Bei den Texten fand ich sehr interessant, dass du bei den Lyrics ganz ausführliche Fußnoten gesetzt hast. Stand da die Angst im Raum hierzulande nicht von jedem verstanden werden zu können?
J.: Das war auf Geheiß meiner Berliner Freunde hin. Quasi nach der Devise: Mach doch mal eine Übersetzung der Texte, oder hilf uns ein bisschen. Weil es live so ist, dass sie doch gern ein bisschen mehr verstanden hätten. Da haben wir uns aber gesagt, einfach nur zu übersetzen ist auch blöd, weil dann sehr viel verloren ginge und so haben wir Fußnoten drangesetzt, damit die tatsächlich harten Brocken verständlich werden und wir nicht alles übersetzen müssen.
G.: Du studierst Philosophie in Berlin, beeinflusst so ein Studium deine Art Texte zu schreiben oder Musik zu machen?
J.: Es ist nicht ganz vordergründig, aber ich denke, es schleicht sich schon ein. Man blickt auf Dinge ein bisschen anders, wenn man sich mit der Philosophie beschäftigt. Alleine, dass man etwas studiert, wo es hinterher kein Geld zu verdienen gibt, das wirkt sich schon auf die Texte aus.
G.: Das „Berlin stirbt“-Video war das erste, was ich von dir auf YouTube gesehen habe. Ist das Absicht, dass es in einem Video, in dem es um Berlin geht, gar nichts von Berlin sieht?
J.: Absolut. Das ist definitiv so. Weil es ist anwendbar auf alles. Es können sich nicht nur die Städte austauschen, es ist auf alles im Leben anwendbar. Zustimmen zum langsamen Sterben, zur langsamen Veränderung und dann davor stehen: Oh Mist, ich habe das Ding wirklich selber verbockt. Ja, das ist austauschbar. Über Berlin zu singen und dazu Berlinbilder zu zeigen, das ist mir zu sehr straight in the face.
T.: Letzte Frage: Angenommen jemand legt im Kaffeehaus deine CD auf, und möchte sich dazu eine Kaffeespezialität bestellen. welche wäre da am passendsten?
J.: Ein Verlängerter. Schwarz.
G.: Jo, vielen Dank für das Gespräch! www.jo-strauss.at
Gary: Hallo Jo, auf der Platte sind ja recht viele Songs mit Berlin-Bezug drauf. Gleich drei tragen Berlin sogar im Titel, darunter Berlin stirbt – woran denn?
Jo Strauss: Der aufmerksame Zuhörer bemerkt, dass es in „Berlin stirbt“ um Parkautoamten geht, die installiert werden. Also eine relativ unspektakuläre Sache. Berlin stirbt wie jede Stadt an den kleinen Veränderungen. Es sind die kleinen Freiräume, die einem da weggeknabbert werden.
Zum Beispiel darfst du heute hier nicht mehr gratis parken und morgen darfst du dort nicht mehr rauchen. In Österreich ist es so, dass man vor dem Bahnhof gar nicht mehr rauchen darf. Obwohl man quasi nicht mehr im Gebäude steht. Man ertappt sich dann dabei, dass man leise zustimmt, von wegen: Ok, ich hab schon Verständnis dafür. Die Stadt braucht ja auch Geld. Ich bezahl halt meine drei Euro fürs Parken. Man stimmt einfach zu, man stimmt so dem Sterben zu. Man sagt so: Ach das bisschen Rauchen, darauf kann ich schon verzichten, rauch ich halt woanders, aber am Ende des Tages wird man darauf kommen, dass man dem Sterben zugestimmt hat.
G.: Also sind es eher die kleinen Veränderungen, die den langsamen Tod herbeiführen?
J.: Eine signifikante Veränderung in Berlin war in Prenzlauer Berg, dass fürs Parken kassiert wird. Das war für mich immer ein großes Plus, dass du in Berlin dafür nichts bezahlst. in Österreich war das ja schon gang und gebe. Ich hab dann erst bemerkt, wie viele von diesen kleinen Freiheiten sterben.
G.: Wie ist das mit dem Nichtrauchen in den Cafés, ist das ein Riesenproblem für dich?
J.: Schwierig. Es geht viel vom Kaffeehausglamour weg. Wenn ich ins Kaffeehaus gehe, will ich ja nicht meine Apfelschorle und meinen frischgepressten O-Saft trinken, sondern ich will ein bisschen Glamour. Und ein bisschen Glamour geht auch mit Zerstörung einher. Wenn man jetzt die Raucher alle verbannt, dann hat man bald kein Kaffeehaus mehr, sondern eher sowas wie einen Zahnarztwartebereich.
Ich will die Raucher nicht in Schutz nehmen, aber ich will diese heiligen Orte in Schutz nehmen. Ich will auch einen Kaffee trinken dürfen und nen Bier und nen Wein, obwohl jeder weiß. dass das nicht gesund ist. So ist es mit dem Rauchen auch. Ich finde, man sollte in heiligen Orten wie Kaffeehäusern rauchen dürfen.
G.: Du hast gesagt, dass du in Berlin wohnst. Wie hat es dich denn von Österreich eigentlich hier hin verschlagen?
J.: Ich habe lange in Österreich gewohnt und habe dann gedacht, ich muss mich bewegen und so hat es mich nach Berlin gezogen. Ich hab viel davon gehört, hatte Bekannte dort und das hat sich angeboten, sprachbarrieretechnisch und finanztechnisch, weil es ja, verglichen mit den anderen großen Städten, leistbar war.
G.: Ich kenne recht viele Österreicher, die von Berlin total begeistert sind. da frag mich mich, man könnte ja als Österreicher auch nach Wien gehen, das ist ja auch eine große Stadt. was ist denn für Österreicher an Berlin so faszinierend?
J.: Wenn man als Österreicher nach Wien geht wird man relativ schnell mit einer Grundstimmung konfrontiert, die nicht angenehm ist. Nämlich der, die alles, was nicht aus Wien kommt, als Provinzler abgestempelt. Das ist vielen Österreichern, die nicht aus Wien kommen, unangenehm. Wenn ich irgendwo hinkomme, und ich habe das Gefühl, ich bin quasi der Bauer aus Wien, dann ist das nicht angenehm. In Berlin wird man als Österreicher mit sehr offenen Armen empfangen. und das ist schon sehr angenehm. In Wien kommt das im Subtext dann schon so ein "Wo kommst du denn her?" mit.
G.: Ja, in Berlin ist das nicht so stark ausgeprägt. Wenn man da aus der deutschen Provinz kommt, dann ist man hier schnell unter seinesgleichen und wird man schnell aufgenommen.
J.: In Berlin ist jeder irgendwann mal zugezogen. Man hat so das Gefühl, dass die Österreicher und Österreich ganz positiv besetzt sind: Da ist man mal in den Urlaub hingefahren, da gibt es eine schöne Landschaft, das sind gemütliche Leute und sowas. Das spürt man.
Es ist halt was anderes, wenn man mal auf den Tisch haut und ernst genommen werden will, dann kann es schon mal sein, dass man als der kleine Bruder wahrgenommen wird, der mal wieder etwas besänftigt werden muss. Wenn man aber interessanterweise ein paar Jahre in Berlin gewohnt hat und kommt dann zurück nach Wien, dann sind die Wiener ganz brav und sagen: Ok, der war ja schon mal in Berlin. Man hat dieses Provinzlerdasein dann quasi abgehäutet.
G.: Die Platte hast du bei Alex Ott in Kreuzberg aufgenommen, wie seid ihr denn zusammengekommen? Was war für dich das Beste an der Arbeit zu den Aufnahmen mit ihm?
J.: Ein österreichischer Freund von mir, ein Musiker, wohnt schon länger als ich in Berlin. Der hat genau neben Alex‘ Studio einen Proberaum und meinte, wenn wir live aufnehmen wollen, ist das ein Tipp für uns. Es war immer eine gute Stimmung und ich hatte das Gefühl, dass Alex den Kern des Projekts erfassen und auf Tonträger bringen will. Spannende, für mich undenkbare und neue Aufnahmetechniken. Wir haben das Ding in nur zwei Tagen reingespielt, wie und warum das möglich war, ist zu einem guten Teil Alex' Verdienst.
G.: Du hast gesagt, dass ihr die Songs live im Studio aufgenommen habt. Warum war es für dich wichtig?
J.: Weil ich will das das so klingt wie in 'Echt'. Wir haben erstmals auch mit Live Monitoring aufgenommen (d.h. nicht jeder hört seinen eigenen Mix über Kopfhörer) sondern tatsächlich so, dass jeder dasselbe hört, weil es einen Speaker im Raum gibt - die minimalen Übersprechungen sind das enorme Plus an 'Feeling' echt wert. Einige Nummern haben wir tatsächlich mit einem Mikro in der Raummitte und einem Gesangsmikro aufgenommen - verrückt ist das eigentlich. Einige der Songs sind 'First takes' - wir waren nicht auf eine aalglatte Produktion aus, wir wollten dass das Ding so klingt wie das 'Gute Schlechte Laune Orchester' und Jo Strauss nun einmal klingen.
G.: Wo wohnst du eigentlich in Berlin?
J.: In Prenzlauer Berg.
T.: Das ist ja auch ein Bezirk, der sich sehr verändert hat und sehr bürgerlich geworden ist...
J.: Der hat sich in den letzten zehn Jahren ganz groß bewegt. Ich kenne Leute die den Prenzlauer Berg vor 20 Jahren beschreiben und das war wild. Jetzt ist das Gefährlichste in Prenzlauer Berg, dass dich ein Kinderwagen überrollt.
G.: Nervt dich das?
J.: Es ist eine Bewegung, die sich hier einfach so ergibt. Man stimmt halt so zu. Man sagt halt: Ok, ich gebe auch zu, dass ich es abends gern ruhig habe. Nur ertappt man sich dann dabei, dass man auch zugestimmt hat, dass die Kneipe am Eck dann zugesperrt hat. Und so verändert sich das. Es tut mir ein bisschen weh, aber ich muss auch gestehen, dass ich zu dieser Bewegung auch beitrage. Man sieht halt da wirklich beim Sterben zu und sagt dann aber auch: Ok, ich zahle halt mal eine Fuffi mehr Miete und spiele quasi das Spiel selber mit...
G.: Wo wir dann wieder beim Thema "Berlin stirbt" wären... Das Schöne, Kreative Unfertige von Berlin bleibt dabei auf der Strecke. Auf deiner Homepage steht als Infotext zu dir und deiner Musik "Schreibt Lieder, die den Menschen das Herz aus der Brust reißen, es auf den Boden schmeißen und dann gehörig darauf herumtrampeln sollen!" Ich finde, das klingt voll hart. Soll man leiden, wenn man deine Musik hört?
J.: Das wurde mir so von einem Journalisten hingedichtet. Ich habe mir da selber noch keine Geschichte zu ausgedacht. Man könnte es so auslegen, dass ein Großteil der Nummern ganz schön daherkommen und dann in den letzten Teilen dann so eine Wendung kriegen, die dann schmerzt. Man hört der Geschichte zu und denkt: Oh wunderschön, wie die so dahinplätschert und am Ende kommt dann eine kleine Wendung rein, die das ganze Ding auf den Kopf stellt. Wo einem das Lachen dann im Hals stecken bleibt.
G.: Das klingt für mich sehr typisch österreichisch, nach sehr schwarzem Humor. Wie wichtig ist der für dich beim Musikmachen und Texte?
J.: Schwarzer Humor ist großartig wichtig. man muss über dir Grausamkeiten schon schmunzeln können. Oder wie es bei Blaubart ist, so das ganz grobe Zeug. So der Geisterbahngrusel. Wir wissen eh, dass es nur ein Spiel ist und jetzt hüpfen wir mal da rein, und gruseln uns mal so richtig, aber nur weil wir wissen, dass es ein Spiel ist.
G.: Als ich die Platte gehört habe, dachte ich: Hmm, es ist ziemlich düster und makaber, aber auch unterhaltsam. Die Songs sind geil, und da singt einer in einem harten österreichischen Dialekt und kommt aus Österreich. Was hältst du in dem Zusammenhang eigentlich von dem Begriff Austropop?
J.: Schwierig. Austropop, wenn man das so hört und ganz eng steckt, ist das irgendwelcher grässlicher Schaum, der oben schwimmt, den man da sieht. Aber in der Tiefe des Austropops gibt es ganz großartige Sachen, die versteht man nicht so unter Austropop. Man denkt da gleich an Fendrich und so. und man sieht nur das dünne zeug, aber es geht im Austropop weit nach unten.
G.: Aber wäre das ein Begriff, ein Genre, das du auf deine Musik anwenden würdest?
J.: Ich glaube ja, weil sich sonst kein Begriff etabliert hat. Wenn man sagt es ist Singer/Songwriter oder Folk, dann wird auch gleich gefragt: Wie, und du singst deutsch? Es gibt keinen richtigen Begriff dafür, deshalb kann ich mit Austropop schon leben. Eben weil ich weiß, dass es da weit in die Tiefe geht.
G.: Ich musste bei vielen Songs auch an das denken, was Tom Waits so auf seinen Platten treibt. Ist der ein Einfluss für dich?
J.: Tom Waits ist auf alle Fälle ein Einfluss, vor allem die Rauheit, wie sie sich im Instrumentalen so findet, habe ich sehr gern. Im Austropop hat man sich dahingehend beispielsweise nie sehr weit aus dem Fenster gelehnt, dass man sagt: Jetzt lassen wir die Band mal so spielen, wie sie spielt und machen da nicht mit dem Bügeleisen drüber alles glatt.
G.: Unter deinen Mails zum Terminfindung für dieses Interview steht in der Signatur immer „Sitzmusik und ein bisschen Kabarett“. Wie kann man sich das live vorstellen?
J.: Es ist tatsächlich so eine Mischung aus Konzert und Kleinkunstabend. Zwischen den Nummern werden immer Geschichten erzählt oder ich erzähle Geschichten zu den Musikern. Es ist oft schon lustig, wenn ich einfach was erzähle, obwohl ich selber manchmal nicht genau weiß, warum.
Ich habe gemerkt, dass es dem Abend sehr dienlich ist. Denn wenn ich in dieser Schwere einen Abend bestreite, ohne was zu sagen, dann denken die Leute nach der dritten Nummer: Was ist das für ein Arschloch? Depressiv, morbid und so?! Das ist ihnen oft zu schwer. Ich erzähle eh gerne was und dann merken die Leute auch: Ah, er ist eh ja doch ein Mensch.
G.: Bei den Texten fand ich sehr interessant, dass du bei den Lyrics ganz ausführliche Fußnoten gesetzt hast. Stand da die Angst im Raum hierzulande nicht von jedem verstanden werden zu können?
J.: Das war auf Geheiß meiner Berliner Freunde hin. Quasi nach der Devise: Mach doch mal eine Übersetzung der Texte, oder hilf uns ein bisschen. Weil es live so ist, dass sie doch gern ein bisschen mehr verstanden hätten. Da haben wir uns aber gesagt, einfach nur zu übersetzen ist auch blöd, weil dann sehr viel verloren ginge und so haben wir Fußnoten drangesetzt, damit die tatsächlich harten Brocken verständlich werden und wir nicht alles übersetzen müssen.
G.: Du studierst Philosophie in Berlin, beeinflusst so ein Studium deine Art Texte zu schreiben oder Musik zu machen?
J.: Es ist nicht ganz vordergründig, aber ich denke, es schleicht sich schon ein. Man blickt auf Dinge ein bisschen anders, wenn man sich mit der Philosophie beschäftigt. Alleine, dass man etwas studiert, wo es hinterher kein Geld zu verdienen gibt, das wirkt sich schon auf die Texte aus.
G.: Das „Berlin stirbt“-Video war das erste, was ich von dir auf YouTube gesehen habe. Ist das Absicht, dass es in einem Video, in dem es um Berlin geht, gar nichts von Berlin sieht?
J.: Absolut. Das ist definitiv so. Weil es ist anwendbar auf alles. Es können sich nicht nur die Städte austauschen, es ist auf alles im Leben anwendbar. Zustimmen zum langsamen Sterben, zur langsamen Veränderung und dann davor stehen: Oh Mist, ich habe das Ding wirklich selber verbockt. Ja, das ist austauschbar. Über Berlin zu singen und dazu Berlinbilder zu zeigen, das ist mir zu sehr straight in the face.
T.: Letzte Frage: Angenommen jemand legt im Kaffeehaus deine CD auf, und möchte sich dazu eine Kaffeespezialität bestellen. welche wäre da am passendsten?
J.: Ein Verlängerter. Schwarz.
G.: Jo, vielen Dank für das Gespräch! www.jo-strauss.at
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