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Donnerstag, 23. Juli 2026
Punk und mehr in Süd-Afrika: Die Story von Shifty Records
Lloyd Ross startete 1982 mit seinem Partner, dem Musiker Warrick Sony, in Südafrika das Label Shifty Records. Zu Zeiten der Apartheid veröffentlichte Shifty mehr als 100 Singles, Tape- und Vinyl-Alben, die stilistisch von lokaler Tanzmusik über UK-inspirierten Punk und Postpunk bis zu Arbeiterchören, Folk und Spoken Word reichten. Die Künstler*innen waren Schwarz, weiß und nach dem südafrikanischen Kastensystem „coloured“, sie sangen und rezitierten auf Englisch, Afrikaans, Xhosa, Zulu und anderen indigenen Sprachen. Was die auf Shifty veröffentlichten Alben gemeinsam hatten, war, dass sie aufgrund ihrer politischen Texte anderswo keine Chance auf Veröffentlichung hatten. Auf der Compilation „Shifty Records Best of the 80’s“ hat Lloyd Ross ein paar der prägenden Songs der aktivsten Shifty-Ära zusammengestellt. Eric hat ihn angerufen.
Eric: Lloyd, freut mich, dich kennenzulernen. Du siehst auf der Platte jünger aus!
Loyd:(lacht höflich) Ja, das war so ziemlich das erste Mischpult, das du da siehst, und die ganze Ausrüstung ist im Grunde das, womit wir 1983 im Wohnwagen angefangen haben. Damit konnte man überall hinfahren. Es war ein mobiles Studio.
E: Um deine Geschichte nachzuerzählen, würde ich dich bitten, dich in dem Kontext dieser Zeit und dieses Ortes zu verorten. In Südafrika hast du einer Minderheit innerhalb der weißen Minderheit angehört – der britischen.
L:Ja, genau. Meine Eltern waren Einwanderer aus Irland.
E: Irland, Entschuldigung.
L:Nein, schon gut, denn sie waren britische Iren. Sie kamen also aus Nordirland. Und ich bin Südafrikaner der ersten Generation, geboren 1957. Sie kamen wahrscheinlich drei oder vier Jahre zuvor an. Ich wuchs also in einem sehr seltsamen Land auf, das, wie du weißt, schließlich zum Paria in der Welt wurde. Es war also ein sehr interessanter Ort zum Aufwachsen. Wenn man schon früh ein politisches Bewusstsein entwickelt, stellt man sich all diese Fragen, weil einem von den wenigen Medien, die es immer nur eines erzählt wurde. Das war das Radio, denn Fernsehen war in Südafrika verboten, bis 1974, 1975.
E: Wow.
L: Als calvinistisches Regime betrachteten sie es als Teufelswerk...
E (lacht): Da war vielleicht was dran, aber ich verstehe deinen Punkt.
L: Da mag was dran sein, aber nein, so geht das nicht. Man kann nicht einfach so kreative Entscheidungen für andere treffen. Schon als kleines Kind, vielleicht mit sieben oder acht Jahren, merkte ich, dass da etwas nicht stimmte. Mir wurde immer beigebracht, Ältere zu respektieren. Und ich sah, wie Schwarze auf der Straße völlig respektlos behandelt wurden. Ich konnte das einfach nicht begreifen. Später begriff ich dann dieses ziemlich perfide System, das dem großen Sozialprojekt Südafrika aufgezwungen wurde.
E: Wie hast du Gleichgesinnte gefunden und was hat dich dazu gebracht, diese vom System gezogenen Grenzen zu ignorieren oder zu untergraben?
L: Ich denke, jeder, der irgendwo lebt und anfängt, ein System zu hinterfragen, findet Gleichgesinnte, sei es in der Kunst, in der Literatur oder – wenn auch seltener – im Arbeitsumfeld. Denn die Arbeit war damals stark reglementiert. Es gab weiße Aufseher und schwarze Arbeiter.
Doch in der Kunst gab es eine große Gruppe von Menschen, die sonst keinen Zugang zur Kunst gefunden hätten. Es gab kaum Künstler ohne politisches Gewissen in der Musikindustrie. Aber die gesamte Branche funktionierte nach dem Prinzip des Kommerzes und des Plattenverkaufs, wie jede andere Branche auch. Mit Shifty gingen wir von einer völlig anderen Perspektive aus. Ich dokumentierte die Geschehnisse, weil es sonst niemand tat. Anders gesagt: Ein wirklich großartiger Song mit problematischem Text wurde weder im Radio gespielt noch aufgenommen. Und genau solche Inhalte interessierten mich, weil sie für mich sehr realitätsnah waren, indem sie die Geschehnisse im Land widerspiegelten. Es war für mich sehr eindrucksvoll, dass Künstler sich so stark engagierten.
Es ging nicht nur um den politischen Widerstand gegen das Regime, sondern auch um wirtschaftliche Belange. Ohne Radioeinsätze war eine Karriere praktisch unmöglich. Es gab nur wenige Orte für Live-Konzerte, vielleicht ein paar in Johannesburg, ein oder zwei in Kapstadt. Hin und wieder gab es vielleicht in Durban einen Ort, wo man touren und vor Gleichgesinnten spielen konnte. So war die Lage damals.
Das änderte sich im Laufe der Achtzigerjahre. Es gab immer mehr Auftrittsmöglichkeiten, da ein größerer Anteil der weißen Bevölkerung, insbesondere der Afrikaans sprechenden, also der Kinder der Unterdrücker, an den Universitäten studierte und sich an solchen Veranstaltungen beteiligte. Das ermöglichte uns Ende der Achtzigerjahre diese große Tournee durchs Land. Es war eine Art Afrikaans Rebel tour. Wenn wir mal eine Compilation mit Musik aus den Neunzigern machen, kommt die mit rein. Wir müssen nur abwarten, wie sich die Achtziger-Compilation verkauft. Das ist unsere zweite Veröffentlichung über Subterranean, und wir müssen einfach sehen, wie es sich wirtschaftlich entwickelt, denn ich kann es mir nicht leisten, solche Sachen zu finanzieren, wenn sie sich nicht verkaufen?
E: Als ich die Liner Notes las und die Compilation hörte, musste ich unweigerlich an Labels wie Two Tone denken. Wenn ich sehe, dass ihr verschiedene Kulturen in eurem Künstlerkader vereint habt – Schwarze, Weiße und coloured – und diese musikalische Mischung kreiert habt.
L: Shifty war ein Zuhause für Künstler, die sonst nirgends ein Zuhause fanden. Wir wollten gar nicht bewusst auf Diversität setzen. Es hat sich einfach so ergeben, dass die Musik, die ich aufnehmen wollte, im Grunde von Menschen handelte, die über ihre soziale und persönliche Situation sprachen, ohne die üblichen Pop-Klischees zu bedienen, ohne dass sich alles ständig um Blumen, Schwalben und Liebe drehte. Für mich lag die Kraft der Musik meist in den Texten.
Manche Musik, besonders die auf Afrikaans gesungenen Stücke, sind musikalisch nicht so interessant. Hör dir zum Beispiel die Gereformeerde Blues Band an, die sich mit ihrem Namen ironisch auf die Gereformeerde Kerk, die Reformkirche bezog. Ihre Musik ist im Grunde Rock ’n’ Roll der 70er und 80er, aber die Texte machen sie zutiefst südafrikanisch. Genau das habe ich gesucht. Und zufällig waren die Leute, die das machten, so etwas wie die Dichter des Volkes: die [Kaapse] Klopse-Szene in Kapstadt und der Ghoema-Sound, ebenfalls in Kapstadt – ein ganz eigener Sound. Es gab auch Theaterproduktionen und so weiter. All das zog Shifty irgendwie an.
E: Mich würde interessieren, inwieweit auch euer DIY-Ansatz und die Musik vom britischen Punk beeinflusst waren? Seid ihr zwischen London und Südafrika gereist?
L: Ich war 1977 für eine Weile in Europa, aber die meisten Musiker, die wir aufgenommen haben, gehörten eher der Mittelschicht an, oft der unteren Mittelschicht der weißen Bevölkerung. Leute wie James Phillips aus Springs, der mit seiner Band Corporal Punishment spielte, konnten sich eine Reise nach Übersee nicht leisten. Aber wir kannten den Sound. Die Punk-Welle kam 1976/77 in Großbritannien auf und erreichte Südafrika 1978/79, als Corporal Punishment anfingen. Im Radio lief die Musik nicht, man musste also in Plattenläden gehen und aktiv danach suchen. Und dann gab es natürlich noch die Musikzeitschriften wie den New Musical Express, die wir hier sehr eifrig lasen, damit aber immer drei Monate hinterherhinkten. Um ein Exemplar zu bekommen, musste man auf das Schiff warten. Nein, viel Kommunikation oder gar Reisen gab es eigentlich nicht. Wir waren ziemlich isoliert.
E: Hattet ihr auch vor, diese Musik zu exportieren, um die Leute international auf das aufmerksam zu machen, was da vor sich geht? Und wie weit seid ihr damit gekommen?
L: Das war immer unser Traum, einen großen internationalen Hit zu landen. Wer würde sich das nicht wünschen? Für uns als eher kleines Label wäre eine ordentliche Geldspritze großartig gewesen. Aber wir wurden von den Schweden unterstützt. Sie haben uns eine Zeit lang finanziert, etwa drei oder vier Jahre lang, von 1986 bis zum Regierungswechsel (in Südafrika), was fantastisch war.
E: „Die Schweden“? Wurden ihr vom Staat selbst, über das Auswärtige Amt, finanziert, oder von einer NGO oder einem privaten Unternehmen?
L: Es war eher eine diplomatische Angelegenheit. Es war SIDEA, die staatliche Förderagentur. Sie brachten uns mit einer sehr musikorientierten Jugendorganisation in Schweden namens Kontaktnätet zusammen, was, glaube ich, Netzwerk bedeutet.
Sie flogen mich dorthin, und ich lernte diesen jungen Mann kennen, und wir freundeten uns schnell an. Wir blieben befreundet, bis er vor etwa vier oder fünf Jahren starb. Die Förderagentur wollte uns unbedingt helfen und fand daher eine Organisation mit ähnlichen Interessen in Schweden. Diese leitete das Geld an uns weiter, um unsere Arbeit zu überwachen, was verständlich war. Das lief drei oder vier Jahre lang und finanzierte Gehälter und etwas Equipment. Und dann, am wichtigsten, eine PA-Anlage, die wir Ende der Achtziger für unsere große Tournee nutzten. Wir mussten ja auch den Transport bezahlen.
Ich glaube, wir wurden damals für die Tour auch ein bisschen von den Kanadiern finanziert. Davor habe ich mein Geld selbst verdient und alles, was ich eingenommen habe, ins Studio gesteckt. Wir hatten dann auch ein paar Veröffentlichungen im Ausland. Es gibt ein Label namens Piranha in Deutschland, von Christoph Borkowsky Akbar, denn du vielleicht kennt. Sie haben Mzwakhe Mbuli, The People’s Poet mit seinem Album „Change Is Pain“ veröffentlicht, und ich glaube noch ein weiteres. Dann gab es noch Earthworks, das von Jumbo Vanrene geleitet wurde und „Sankomota“ herausgebracht hat. Später wurden es Teil von Island Records. Sie haben also ein Album [von uns] herausgebracht, und Rounder Records in den USA hat tatsächlich ein paar unserer Platten veröffentlicht: „Various Artists for the End of Conscription Campaign“, „Mzwakhe Mbuli“ und die Compilation „FOSATU Worker Choirs“, weil Rounder Records sich ja ein bisschen in der Smithsonian-Tradition sieht.
E: Es gab also Momente, in denen ihr euch ermutigt fühltet und dachtet: „Okay, wir können das weiterführen.“
L: Ja, es war wirklich toll, diese Unterstützung zu bekommen, auch wenn sie finanziell nicht viel brachte. Denn die Leute kaufen Musik nicht aus Solidarität, und es waren alles sehr kleine Labels. Wir haben jeweils nur ein paar hundert Exemplare verkauft. Unsere Haupteinnahmen kamen also aus Südafrika.
E: Wo ihr gleich zu Beginn auf Hindernisse gestoßen seid. Ich habe gelesen, dass „International News“ von National Wake nach nur vier Exemplaren verboten wurde. Man durfte es einfach nicht mehr verkaufen. Stimmt das?
L: Nun, um ehrlich zu sein, bin ich mir nicht sicher. Wenn Ivan [Kadey] das sagt, dann stimmt es. Aber Shifty hat das nicht veröffentlicht. Das war vor Shifty. Die beiden Stücke von National Wake und Corporal Punishment auf dem Album stammen aus der Zeit vor Shifty, aber sie haben sozusagen die Tür für Shifty geöffnet. Ich kannte Ivan, weil ich mit ihm in einem Haus in Parktown wohnte. Es war eine große Kommune, in der seine Band untergebracht war. Es herrschte Chaos, aber die Atmosphäre war unglaublich. Und dann gab es da noch Corporal Punishment, die Band aus Springs. Die Jungs waren beim Militär. Daher kommt ihr Name.
E: Ok, ich verstehe.
L: Die waren ebenfalls gewissermaßen pre-Shifty. Ich war an den Aufnahmen mit Corporal Punishment beteiligt, aber nicht wirklich an Ivans Aufnahmen. Ich habe ein paar Demos mit ihm gemacht und so, bevor wir richtig loslegten, bevor wir das Studio einrichteten und die Hauptausrüstung kauften.
Was das Verbot angeht, gab es verschiedene Stufen von Verboten, insbesondere für Kulturgüter wie Schallplatten und andere greifbare Kulturgüter. Eine Stufe war das Verbot des Vertriebs. Eine andere das Verbot der Radioausstrahlung. Und die dritte Stufe war das Besitzverbot, und das war die schlimmste. Wenn man damals mit einer Teetasse mit Mandela darauf erwischt wurde, konnte man im Grunde fünf Jahre Gefängnis bekommen.
Das Mzwakhe-Album zum Beispiel war eines der wenigen Alben, deren Besitz verboten war. Wir haben es schließlich auf Kassetten vertrieben, aber ohne jegliche Beschriftung. Und das wurde unser größter Verkaufsschlager, weil es sich durch Mundpropaganda verbreitete und gar nicht in normalen Plattenläden, sondern nur in Fahrradläden im ganzen Land verkauft wurde. Und natürlich kauften es hauptsächlich Schwarze.
Dann wurde ein Großteil unserer Musik, ich würde sagen, 80 % davon, die wir der SABC eingereicht hatten, vom Radio verboten. Ein paar Titel wurden auch vom Vertrieb verboten. Am lustigsten ist die Geschichte von Warwick, mit dem ich viele Jahre lang das Studio leitete, nachdem Ivan nach L.A. gegangen war. Ja. Seine Band hieß Kalahari Surfers. Sie hatten ein Album namens „Bigger Than Jesus“. Und der Titel des Albums wurde verboten. Er basierte auf einem Zitat von John Lennon, aus dem Jahr 1966 glaube ich. Warwick nannte die Platte schließlich „Beach Bomb“, und die SABC sagte: „Okay, gut.“ Also mussten wir Aufkleber auf die Vorderseite des Albums kleben, und dann war alles in Ordnung.
Das Interessante war wohl, dass wir, weil wir ein Nischenlabel waren und hauptsächlich an ein Nischenpublikum verkauften, von der Polizei kaum beachtet wurden. Wir hatten also in dieser Hinsicht ziemlich viel Freiheit. Bei manchen Konzerten wurde Tränengas eingesetzt und so weiter. Aber abgesehen von Mzwakhe Mbuli, dem Volksdichter, gab es keine wirklich heftigen Vorfälle. Er landete erst für ein oder zwei Monate im Gefängnis, dann fast ein Jahr, kurz bevor wir sein zweites Album aufnahmen. Und schließlich saß er insgesamt acht Jahre im Gefängnis. Aber das hatte nichts mit Musik zu tun. Das ist eine ganz andere Geschichte, und es ist immer noch völlig unklar, warum.
E: Warum wurde er verurteilt?
L: Er kam wegen Bankraubs ins Gefängnis, im Grunde genommen … Aber es ist völlig unklar, ob er da überhaupt beteiligt war. Es gab wohl einen Streit zwischen ihm und einem der hochrangigen ANC-Leute wegen Korruption, und vielleicht wurde ihm da etwas angehängt. Wir wissen es nicht.
E: Wie ist es ihm danach ergangen?
L: Er lebt noch. Er ist ein Überlebender, aber … ich würde ihn nicht zu meinen Freunden zählen, um es mal so auszudrücken. Die meisten anderen Musiker hingegen schon. Ich glaube, es war die Einzelhaft. Er saß acht Monate lang da, und ich denke, das hat bei ihm wirklich etwas ausgelöst.
E: Du hast die Kalahari Surfers erwähnt. Sie waren die einzige Band aus deinem Repertoire, die ich kannte, weil einige ihrer Songs irgendwann mal in Deutschland über Echo Beach Records wiederveröffentlicht wurden. Ich vergleiche sie gedanklich mit The Ruts oder The Clash.
L: Aber Warwick [Sony] war schon immer sehr an ungeraden Taktarten interessiert. Es ist also definitiv kein geradliniger Punk. Wenn man es schon Punk nennen will, dann eher schwieriger Punk, okay? Und viele zerhackte Stimmen und so weiter, Stimmen werden geschnitten und auf interessante Rhythmen gelegt, aber alles ist sehr, sehr politisch. Warwick wohnt übrigens hier gegenüber von mir.
E: Ist er noch bei Shifty dabei, oder machst du das jetzt alleine?
L: Nun ja, was soll das heißen? Im Grunde ist es ein Backkatalog, verstehst du? Ich habe schon lange nichts mehr aufgenommen. Es ist also wirklich nur ein Backkatalog. Und ich denke, wenn man älter wird, fängt man an, sein musikalisches Erbe zu verwalten. Ich habe also im Archiv gekramt, und wir machen jetzt diese Podcasts, Warwick und ich.
E: Sankomotas selbstbetiteltes Album war das erste, das du komplett wiederveröffentlicht hast. Die Band war damals schon verboten und im Exil in Lesotho.
L: Das stimmt. Das war, bevor ich sie aufgenommen habe. Sie hatten einen Frontmann namens Black Jesus, was in Südafrika, nun ja, nicht gerade cool ist, sich als Sänger Black Jesus zu nennen. Es ging aber auch um seine politischen Aussagen.
Als ich die Gruppe in Lesotho entdeckte, arbeitete ich gerade am Ton für einen Dokumentarfilm. Ich traf sie zufällig in einem Hotel, wo sie gerade einen Auftritt hatten. Die Band bestand damals nur aus drei Mitgliedern. Das war der Kern der Band, die wir später aufnahmen. Sie hatten es ziemlich schwer, weil sie nirgendwo hinkamen. Lesotho ist das einzige Land der Welt, das komplett von einem anderen Land umschlossen ist. Mir fällt kein anderes ein. Es gibt vielleicht kleine europäische Fürstentümer wie Monaco, aber die haben Zugang zum Meer, nicht wahr?
Sankomota hatte kein Geld. Es war ihnen unmöglich, auf Tournee zu gehen oder auch nur irgendwo aufzunehmen, da es in Lesotho keine Tonstudios gab. Sie saßen also wirklich fest. Und ich hörte einfach ihren Sound als Trio. Ich war sofort begeistert. Es passte einfach perfekt. Zu dieser Zeit war das Studio endlich so weit, dass wir mit den Aufnahmen beginnen konnten. Wir hatten also die Achtspurmaschine. Wir hatten das Mischpult, das ihr auf dem Coverfoto seht, ein paar externe Geräte und den Wohnwagen, mit dem wir das Studio transportieren und dort aufbauen konnten, um die Jungs aufzunehmen. Es war unglaublich aufregend, aber ich war auch sehr nervös, weil es meine erste größere Studioaufnahme war. Es war der erste Versuch, diesen Traum, den wir hatten, in die Tat umzusetzen. Ivan wollte gerade in die USA fliegen, konnte also nicht mitkommen. Das hat mich auch sehr beunruhigt. Warwick kam schließlich doch mit. Er war zu dem Zeitpunkt gerade von Kapstadt nach Johannesburg gezogen.
E: So wie vorher du selbst, oder?
L: Ich komme auch aus Kapstadt. Ich war, glaube ich, 1978 in Joburg, um mit einer Band namens The Radio Rats zu spielen. Die kommen auch aus Springs, genau wie Corporal Punishment. Springs liegt am East Rand. Sehr industriell geprägt. Tatsächlich soll Springs nach Miami die zweitmeisten Art-déco-Gebäude haben. Damals war es aber eher ein trostloser Industrieort, wo es nicht mehr so viele Jobs gab wie früher. Ich habe die Jungs dann auf der Durchreise durch Johannesburg gehört. Lustigerweise hast du ja nach Europa und dem Austausch gefragt. Ich war 1977 in Europa, habe mich total der Punk-Szene angeschlossen und war acht Monate dort.
Als ich zurückflog, habe ich ein oder zwei Nächte in Johannesburg verbracht und mir eine Band im Market Theatre angesehen, das von da an viele Jahre lang das Zentrum des Protesttheaters in Südafrika und Johannesburg war. Die Band hieß The Radio Rats. Und ich hatte mir geschworen, dass ich da mitmachen würde. Ich habe mich quasi in die Band gedrängt. Ich bin mit meinem Freund, einem australischen Schauspieler, nach Kapstadt gefahren. Sie mussten mir ein Vorsprechen geben, also habe ich ungefähr acht Monate mit ihnen gespielt. Dann bin ich kurz zurück nach Kapstadt und anschließend nach Johannesburg gegangen, um mein Glück in der Filmbranche zu versuchen. Und da fing alles an.
E: Haben dich diese Jobs beim Film also über Wasser gehalten und dir ermöglicht, Geld in dein Labelprojekt zu investieren?
L: Es war im Grunde mein Hauptberuf, den ich viele Jahre lang ausgeübt habe, bis die Schweden anfingen, uns zu finanzieren.
E: Verstehe. Was sind eure nächsten Veröffentlichungen?
L: Darüber haben wir uns noch nicht endgültig entschieden. Wir hatten uns aber überlegt, dass wir, falls die beiden anderen erfolgreich sind, ein Album eines Künstlers und anschließend einen Sampler herausbringen. Danach folgt ein weiteres Album eines anderen Künstlers und wieder ein Sampler, wahrscheinlich „Shifty 90’s“. Als Nächstes planen wir Genuines, eine Band aus Kapstadt. Sie waren musikalisch definitiv die talentiertesten Musiker, mit denen ich je zusammengearbeitet habe. Sie waren sehr schillernde Persönlichkeiten mit interessanten Geschichten, aber James Phillips war wohl der interessanteste Komponist. Er war bei Corporal Punishment und später bei den Cherry Faced Lurchers. Auf der Compilation ist der Song „Shot Down“ von ihnen, eine wunderschöne Ballade. Ich finde, es ist eine der besten Balladen, die damals über den Kampf gegen die Gewalt geschrieben wurden.
E: Habt ihr noch Kontakt zu diesen Künstlern? Könntest du so etwas wie eine Präsentation der Shifty-Künstler organisieren?
L: Wir machen das alle zehn Jahre, beginnend mit 30. 2014 gab es Shifty 30 und 2024 Shifty 40. Das waren Live-Events mit ausschließlich Shifty-Musikern.
E: Vielen Dank, Lloyd, für deine Zeit, all die Musik, und alles Gute für die Zukunft!
Eric Mandel
Mehr Infos zu Shifty Records gibt's auf der sehr ausführlichen Homepage des Labels - oder auf der Bandcampseite.
Labels:
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Interview,
Lloyd Ross,
Punk in Südafrika,
Shifty Records,
Shifty Records Best of the 80’s,
Südafrika,
Underground music in South Africa
Donnerstag, 10. Juli 2025
Xmal Deutschland - ein Interview mit Anja Huwe Pt. II
Hier nun die zweite Rutsche des Interviews von Mr. Mandel mit Anja Huwe anlässlich der Veröffentlichung von „Gift: The 4AD Years“ von XMAL DEUTSCHLAND. Findige Renfield-Freunde haben sich den ersten Teil schon letzte Woche angeschaut. Für alle Spät-entdecker*innen, hier nochmal der Link.
Eric: Nochmal kurz zurück nach Hamburg. Wie habt ihr eure erste Platte aufgenommen? Was war das für eine Situation? War das so im Proberaum oder seid ihr ins Studio?
Anja: Wir saßen bei Alfred Hilsberg auf seinem Bett mit seinen drei Kanarienvögeln und haben ihm gesagt, pass mal auf, alle machen bei dir Platten, das machen wir jetzt auch mal. Und dann konnte er auch nicht anders, er musste dann Ja sagen.
Dann sind wir ins Hafenklangstudio gegangen, da wo alle hingingen und haben unsere erste Platte (Schwarze Welt, Zickzack 1981) aufgenommen. Und dann haben wir die zweite Platte (Incubus Succubus, Zickzack, 1982) auch aufgenommen, zusammen mit Frank Ziegert (Frank Z.), der hat sie dann sozusagen „produziert“. War auch im Hafenklang, da wo halt alle hingingen, alle Zickzack-Künstler, alles was da so in Hamburg sich mit Musik beschäftigte, ging eigentlich dahin.
E: War das stressig oder easy? Ihr habt ja wahrscheinlich ein paar Mal live gespielt zu dem Zeitpunkt.
A: Wenig, aber so ein bisschen. Ja, das war natürlich ungewohnt. Also wir waren ja nun noch nicht so richtig drin in der ganzen Geschichte. Wir wollten aber trotzdem eine Platte machen. Und soweit ich mich daran erinnern kann, war das kein Stress, aber es war jetzt auch nicht so einfach. Ich meine, wer war denn jemals vorher in einem Studio? Heute kann man das halt. Aber da war das ja eher ungewöhnlich.
E: Wie ging das dann los mit 4AD?
A: Mit 4AD ging es los, weil Alex Hacke von den Neubauten in meiner WG wohnte. Er war damals mit Christiane F. zusammen. Und Hacke meinte dann irgendwann (macht Hacke nach) „Ihr klingt so englisch, ihr solltet echt mal nach England jehn. Da jib’s so’n Label, weeßte, die heißen 4AD, also schickt da mal euern Scheiß hin und so.“ Und dann haben wir das auch gemacht. Ivo Watts-Russell, der das Label macht, fand es super, kam nach Hamburg und sagte dann so: „Ihr habt natürlich nicht so richtig viele Stücke, aber reicht für ein Album. Dann kommt mal schön nach London“. Da sind wir dann ins Blackwing [Studio] gegangen, was es leider nicht mehr gibt. Und da haben wir das Album (Fetisch, 4AD 1983) aufgenommen. Daraus resultierte unser erster Auftritt in London, im Venue mit den Cocteau Twins. Und dann haben wir selber noch eine Single-Show da gespielt, und so ging das eigentlich los. Dann kam das Album raus und dann knallte das.
E: Dann seid ihr in der Folge öfter in England gewesen...
A: Ja, permanent. Und dann eben Amerika und Japan und Europa. Also man hat sehr viel gespielt.
E: Wie fandet ihr das denn, in so komplett anderen Underground-Szenen, zu spielen?
A: Zum Teil haben wir schon relativ legendäre Dinger gespielt. Also in England natürlich Hacienda in Manchester, und auch große Dinger in London, Palace und Lyceum und so. In New York war es das Danceteria, und IBeam in San Francisco, also wirklich legendäre Clubs, das war schon toll. Unter den deutschen Bands war immer so eine leichte Competition, weil die Neubauten auch ähnliches machten, und Malaria auch. Da hieß es dann: Malaria, ah, die waren schon in Japan. Okay, machen wir auch. Das war schon lustig. Fast so wie Sport, ne? Wer war früher wo?
E: Gab es für dich einen Moment, dass du irgendwann gemerkt hast: Bühnen, Live-Spielen, andere Musiker treffen … genau das will ich jetzt immer machen? Musstest du dir auch mal darüber klar werden, dass das jetzt deine Zukunft ist?
A: Ich habe das einfach alles nur aus künstlerischen Gründen gemacht, weil ich das geil fand und weil ich mich da entwickeln konnte. Ich war ja auch ganz jung, ich habe mich da irgendwie so richtig freigeschaltet aus so einem doch eher konservativen Umfeld, was ja Deutschland zu der Zeit auch noch immer war. Ich hatte coole Eltern, aber dass ich jetzt mein Studium nicht angefangen hatte, das fanden die jetzt auch nicht so witzig, und dass ich jetzt so’ne Nummer mache. Aber für mich war dieses Musikmachen sehr aufregend und spannend.
Ich habe auch viele Künstler und Musiker getroffen, aber das war ja für mich keine Motivation. Ich fand das eher sehr enttäuschend, Leute zu treffen, deren Musik ich gut finde. Das waren für mich schon oft Leute, wo ich dachte, nee, das finde ich jetzt nicht schön - ich glaube, das möchte ich auch nicht mehr hören, wenn sie sich als so’ne Luftpumpen entpuppten. Das fand ich schwierig, aber ich fand das Umfeld eine ganze Zeit lang sehr interessant.
Aber bei mir ist das ganz oft so: Wenn ich verstehe, was ich da mache, verliere ich langsam das Interesse daran, denn dann hat das kein Excitement mehr, sondern dann geht es halt echt um die Wurst. Dann muss ich mich halt auch entscheiden. Und das konnten wir so eine Zeit lang gut machen und alles Mögliche entdecken, andere Länder und andere Formen des Aufnehmens und so. Eine Zeit lang war das super.
E: Habt ihr dann irgendwann gesagt, es geht nicht mehr? Oder gab es ein Ereignis oder ein Zerwürfnis am Ende?
A: Naja, wir waren fast sieben Jahre lang tagtäglich zusammen, und wir waren super gute Freunde. Irgendwann ermüdet sich das, wie in einer Beziehung. Und dann gab es natürlich Leute von außen, die da mal reingrätschen und auch mal sagen, passt mal auf Leute, ihr macht das alles super, aber es ist auch ein Job übrigens. Hier geht es auch um eine Menge Geld. Und wir sind nach zwei Alben zum Major gegangen. Da fingen natürlich auch die Schwierigkeiten an, weil natürlich auch so eine Plattenfirma dann irgendwann sagt: „Du bist die Frontperson? Überleg doch mal, ob du vielleicht eine Solokarriere machst.“ Das wollte ich aber nicht, weil ich Teil dieser Band war, und wir haben alles geteilt und es war alles ganz eng.
Und dann ging das schon so seinen Weg, so dass man natürlich auch untereinander in gewisse Schwierigkeiten kam. Und letztlich unterm Strich hatte sich alles irgendwann erschöpft. Wir hatten alles gesagt, wir waren überall. Der nächste Schritt wäre dann schon so einer gewesen, wie bei vielen Bands, da musst du irgendwann echt einen Cut machen. und sagen, okay, jetzt ist es ein Job. Und jetzt müssen wir auch gucken, dass das läuft, das Ding. Aber dazu waren wir zu kompromisslos. Wir haben das einfach nicht gemacht.
E: Was hast du danach gemacht?
A: Na, ich hab ja viel gemacht. Ich bin dann in die Techno-Szene eingetaucht. Das Heaven in London, das war so das erste, was ich mir reingezogen hatte. Das fand ich super, Acid House, und ich hab das dann auch weiter verfolgt.
Dann wurde ja der Sender Viva gegründet. Da haben Freunde von mir Konzept geschrieben für eine Techno-Sendung, Hausfrau hieß die, und da bin ich eingestiegen und habe als Producer und Editor und auch als Redakteurin gearbeitet und bin dann wieder durch die ganze Welt geflogen. Ich hab Interviews gemacht mit allen großen DJs auf diesem Planeten, die aber gar nicht wussten, dass ich von der Musik kam. Aber sie machten das gerne mit mir, weil sie merkten, die versteht das irgendwie, die stellt hier keine doofen Fragen.
Dann kriegte ich mal eine Green Card, dann war ich wieder in London, und irgendwann habe ich entschieden, dass ich einfach keine Lust mehr habe zu all dem, dieser ganzen Musikgeschichte. Ich bin dann wieder zur Kunst zurückgegangen, die ich ja immer auch gemacht habe, also Fotografie und meine ganzen Bilder und so weiter.
Und dann wollte ich einfach raus. Ich wollte mich einfach mal mit mir selber beschäftigen, und das war auch eine ganz gute Sache. Ich habe es sehr genossen, und genieße es immer noch, in meinem eigenen Umfeld zu bleiben und habe mich auch nie irgendeiner Galerie angeschlossen oder so. Ich wollte nicht mehr in Abhängigkeiten sein. Das ziehe ich auch bis heute durch, obwohl ich auch in meinem Solo-Album natürlich ein Label habe in den USA. Aber die denken auch genauso. Also wir sind da sehr frei, wie wir uns verhalten können. Das sind ja auch ganz andere Zeiten. Das ganze Geschäft ist ja eh ganz anders.
E: Wie kam es jetzt zu diesem Re-Issue? Von wem kam da die Initiative? Und hast du mit den anderen aus der Band (Foto rechts: Mick Mercer) dann darüber auch jetzt noch mal ein Treffen gehabt?
A: Ja.
E: Wahrscheinlich ging es dabei um Rechte und so...
A: Nö. Es ging einfach darum, dass ich gesagt habe, das ganze Zeug gab es alles jahrzehntelang nicht. Und das ist mein künstlerisches Erbe, ich wollte das irgendwie mal wieder haben. Die Leute schreiben mir ja ständig irgendwie, wo ist denn das? Und wieso kriege ich das nicht? Und dann habe ich mich mit 4AD in Verbindung gesetzt und habe denen gesagt, wir müssen ja jetzt mal was machen. Ich will, dass es mal wieder auf den Markt kommt.
Und dann ging es lange hin und her, bis wir drauf kamen, okay, man könnte auch so eine Box machen, wo man alles kollektiert. Die 4AD-Zeit versteht sich, die anderen Sachen liegen bei Majors, da traut sich im Moment keiner ran, aber das kommt auch alles wieder raus. Das ging über eine sehr lange Zeit, dieser Prozess. Es musste remastered werden und das Artwork musste neu gemacht werden, und so weiter. Das hat sehr lange gedauert, aber ich bin froh, dass es so ist, weil es sehr viel hinter sich hergezogen hat. Ich habe ja gleichzeitig mein Album gemacht und spiele ja jetzt auch live. Das ist eine Kaskade von Releases, damit habe ich gar nicht gerechnet, aber ich finde es auch irgendwie toll.
Vielen Dank an Anja Huwe für das Interview!
XMAL DEUTSCHLAND Album-Discografie:
Fetisch (1983)
Tocsin (1984)
Viva (1987)
Devils (1989)
„Gift: The 4AD Years“ von XMAL DEUTSCHLAND ist im Mai 2025 auf 4AD erschienen.
Donnerstag, 3. Juli 2025
Xmal Deutschland - Ein Interview mit Anja Huwe Pt. I
Soweit ich mich erinnern kann sind XMAL DEUTSCHLAND (Foto rechts: Kevin Cummins) schon immer dagewesen, aber auch permanent unter meinem Radar geblieben. Was dazu führte dass sie noch mysteriöser blieben, als die Bands, die ich gut fand (z.B. GUN CLUB oder BAD BRAINS), weil’s ja damals kein Internet gab sondern nur Spex und Gerüchte. Als das losging, dass mir die Band von Youtube zugespielt wurde, hatte ich das wohl eher britischen oder amerikanischen Initiativen zu verdanken, denn in der feuilletonistischen Festschreibung der Deutschen Punk- und New-Wave-Geschichte zählte die Band irgendwie weniger als die Neubauten oder Malaria, obwohl sie, wie wir gleich sehen werden, mit beiden zu tun und nicht wenig gemeinsam hatten.
Vielleicht lag das einfach daran, dass sie in einem für diesen Historisierungsprozess besonders einflussreichen Text - Jürgen Teipels O-Ton-Compilation „Verschwende deine Jugend“ - nicht auftauchten. Vielleicht haben Gudrun Gut, Blixa Bargeld und Alexander Hacke ihr musikalisches Erbe auch etwas ausgiebiger zur Marke aufgebaut als Xmal-Deutschland-Sängerin Anja Huwe, die sich nach dem Ende der Band erstmal in anderen Gebieten umschaute.
In den Youtube-Videos von Xmal Deutschland beeindruckte sie mich mit ihren entrückten kleinen Tänzen und dann dieser eiskalte Stimme, mit der sie über Fetische, Inccubi/Succubi und S/M sang. Als Performerin auf einer Ebene mit Danielle Dax, als Sängerin mit Siouxsie Sioux, und die Musik klang wie eine Mischung aus Banshees, Cure und Sisters. Als dann angekündigt wurde, dass 4AD die ersten beiden Alben der Band plus Singles-B-Seiten und Remixe als schmales Boxset wieder veröffentlichen würde, war klar, dass es Zeit war, eine Wissenslücke zu schließen. (Foto rechts: Jan Siephoff)
Was lief da eigentlich mit XMAL DEUTSCHLAND? Sogar der Spiegel witterte wegen der allgemeinen Resonanz einen „Hype“, aber den Quatsch kann ich mal lesen, wenn ich wieder beim Arzt bin. Privileg der Mitgliedschaft im Renflied-Schreibverein: Ich konnte einfach einen Termin vereinbaren und selber nachfragen, wie das damals lief mit XMAL DEUTSCHLAND, unter der Bedingung, dass ich alles noch mal sauber abschreibe und Gary schicke. Blöderweise war ich zum Zoom-Gespräch eine Viertelstunde spät dran, so dass Anja mir erst mal ne knallharte Hamburger Schulter zeigte. Später ging’s dann besser, aber die Zeit war knapp, drum konnten wir auch nur an den Oberflächen kratzen. Lasst’s euch eine Einladung sein, selber noch mehr über XMAL DEUTSCHLAND rauszufinden, es lohnt sich.
Eric: Hallo Anja, Ich muss zugegeben, dass ich euch zwar gut finde, aber nicht viel über euch weiß, vielleicht weil ich aus Berlin bin...
Anja: Was hat das denn damit zu tun, wir waren doch dauernd in Berlin?
E: Ja, aber ich war zu klein (als ihr euch aufgelöst habt, war ich erst 15).
A: Ach so.
E: Kannst du erzählen, wie ihr euch für die erste Bandversion und für die ersten Aufnahmen zusammengefunden habt?
A: Wir haben Freunde gehabt, die in Bands spielten. Und dann haben wir uns gedacht, dann können wir ja auch deren Instrumente benutzen. Und dann haben wir uns gedacht, dann machen wir auch mal eine Band. So wie viele andere auch.
E: Welche Freunde waren das? Und wo war so euer Schwerpunkt sozial? Also euren Kneipen?
A: Slime, Coroners, Front, Palais Schaumburg, Neubauten, Abwärts, selbstverständlich. Und Kneipen? Das Krawall 2000, das Subito, natürlich die Markthalle, da wo man sich dann halt so rumtrieb in Hamburg.
E: Aus welchen anderen Bands kamt ihr? War Ex-Maldeutschland deine erste?
A: Keiner war vorher in anderen Bands. Manuela, die Gitarristin, spielte mit Freundinnen und so, aber keiner von uns war vorher in Bands.
E: Okay. Und dynamisch, ward ihr beide so die treibende Kraft dahinter oder wer hatte die Initiative?
A: Welche Initiative wofür?
E: Für die Bandgründung. Welche Songs, welchen Style wollen wir machen? Kam das dynamisch zwischen euch oder hatte da jemand einen Plan?
A: Nö, wir sind auf Konzerte gegangen, da haben wir uns kennengelernt und wir haben Musik gehört. Wir waren Musiklover und wir fanden uns irgendwie gut. Und dann haben wir uns dazu entschlossen, eben auch das zu machen, was andere Leute gemacht haben, nämlich Punk - ohne Musik zu können und zu wissen, wie das überhaupt wirklich geht. Und die Leute, mit denen wir zu tun hatten, unser Umfeld oder auch Bands, die wir so gesehen hatten, das hat uns natürlich inspiriert. Und die Philosophie, dass jeder kann alles, war natürlich gegeben. Ob das jetzt Musik war oder Mode oder Kunst, also die jungen Wilden, das war ja alles irgendwie. Leute kamen irgendwo her und machten irre Sachen, so wie sie Bock hatten. Das war eine gewisse Anarchie und das fanden wir gut.
E: Hattet ihr von Anfang an so elektronische Sounds, den Synthesizer dabei?
A: Wir hatten Keyboards, aber das war eher zweitrangig. Wir waren schon sehr gitarrenlastig. Dass wir Keyboards hatten, sprach natürlich dagegen, überhaupt eine Punkband zu sein, aber wir waren ja immer anders als alle anderen. Das war auch Sinn der Sache.
E: War das ungewöhnlich oder doch schon normal, mit Synthesizern zu arbeiten?
A: Das war schon eher ungewöhnlich, ja. Aber es war einfach nicht so entscheidend. Es basierte ja nun nicht unbedingt auf Keyboards, was wir da gemacht haben. Gitarren und Vocals waren der Hauptfaktor. Die Keyboards fielen da eigentlich gar nicht so auf.
E: Bei deinem Gesang, an wem hast du dich orientiert? Ich würde sagen, klar, Siouxsie.
A: Völlig falsch. Siouxsie kannte ich überhaupt nicht. Ich habe halt gesungen wie sie, weil: sie konnte ja am Anfang auch nicht singen. Ich konnte es ja auch nicht anfangs, und das ist einfach ein logischer Weg gewesen. Sowohl sie hat es irgendwann gelernt, als dann eben auch ich. Ich habe wurde ja oft mit der verglichen, aber ich habe die gar nicht wahrgenommen. Singende Frauen gab’s ja damals gar nicht, und so war das für mich gar nicht relevant, sondern eher so der Wall of Sound von Musik, also was das emotional mit mir gemacht hat, das hat mich interessiert. Gesang war auch nicht so wichtig, ehrlich gesagt, und ich habe mich nicht als Sängerin gesehen. Ich war Teil einer Band, fünftes Mitglied dieser Band. So habe ich auch mich gesanglich verhalten. Ich habe mich immer dagegen gewehrt, erstens bestimmte Texte zu singen, die alle anderen auch auf deutsch gesungen haben. Und zweitens, mich mit einer bestimmten Form der Phrasierung auseinandersetzen. Ich habe einfach nur dagegen gesetzt. Das war meine Art, wie ich damit umgegangen bin.
E: Cool.
A: Naja, es blieb mir ja nichts anderes übrig.
E: In den Videos, die ich immer mal wieder gesehen habe, war ich immer wieder beeindruckt von deiner Präsenz und dener Art zu tanzen: Sehr kühl war und so fast ein bisschen selbst versunken, aber halt saucool.
A (schmunzelt): Das war natürlich der ganzen Situation geschuldet. Wie ich schon sagte, ich wollte einfach nicht so sein wie andere. Das ist meine Persönlichkeit. Ich bin jetzt auch nicht so extrovertiert. Ich kann zwar auf einer Bühne agieren und ich sehe mich auch als so eine Art Performer, aber ich sehe mich nicht als eine typische Sängerin. Ich kann das zwar heute, aber damals gab es da eine gewisse Wand zwischen uns und dem Publikum. Das hat man einfach damals auch so akzeptiert. Ich habe ja auch nicht mit denen [im Publikum] geredet. Ich hab da mein Ding gemacht und dann war es das. Ich wollte da gar keine Beziehung aufbauen, das fand ich völlig daneben. Das war einfach so, wie es war, und ich glaube nicht aus Unkenntnis, sondern einfach, weil das ein Teil der ganzen Geschichte war. Also hat man das nicht gemacht. Genauso wie die ja zum Beispiel nicht getanzt haben. Die standen ja meistens nur so da.
E: Naja, was du dabei natürlich aufbaust, ist dann eine Aura, und Unnahbarkeit ist ja vielleicht auch ne Beziehung. Dass in Hamburg nicht getanzt wurde, kann ich mir vorstellen. Ebenso Berlin. War das dann anders, als ihr nach England kamt?
A: Ja, also getanzt kann man das ja nicht nennen, das war ja Gehopse. Das haben sie schon gemacht. Aber eigentlich eher weniger. Ich glaube, die waren auch ein bisschen paralysiert durch diese Erscheinungen da auf der Bühne (lacht). Aber in England war es schon ein bisschen anders, das kann man sagen. Und je weiter man nach Norden kam, desto wilder wurde es auch. Da wurde auch nicht nur getanzt und gepogt, sondern da wurde auch gespuckt, gerotzt. Da waren die Emotionen schon sehr stark. Das führte bei uns natürlich dazu, dass wir uns im Gegenteil immer mehr zurücknahmen, weil wir uns dachten, was ist denn jetzt hier los? Das war schon sehr anders.
Den zweiten Teil des Interviews mit Anja Huwe gibt's am 10.07.2025 auf dem Renfield-Blog.
Freitag, 19. Juli 2019
Gary Flanell Interview
Zum Zeitvertreib während dieses wechselhaften Sommers hier der Link zum Interview mit Gary Flanell über sein Buch "Angst vor blauem Himmel" auf der Seite des Periplaneta-Verlags.
Die zentrale Frage darin:
Wer darf in Gary Flanells Bart überwintern?
Foto: Gabriele Summen (www.gabriele-summen.de)
https://www.periplaneta.com/wer-darf-in-gary-flanells-bart-ueberwintern/#more-12483
Die zentrale Frage darin:
Wer darf in Gary Flanells Bart überwintern?
Foto: Gabriele Summen (www.gabriele-summen.de)
https://www.periplaneta.com/wer-darf-in-gary-flanells-bart-ueberwintern/#more-12483
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